Wer die Bezeichnung »Tag der Arbeit« verwendet, sollte wissen, was er da tut. Der 1. Mai wurde Ende des 19. Jahrhunderts, ausgehend von Generalstreiks in den USA, als »Kampftag der Arbeiterklasse« begründet. Damit war gesagt, dass es nicht um den abstrakten Begriff der Arbeit geht, dem ja schon Marx immerhin den historisch-konkreten Begriff der Produktion entgegengesetzt hat, sondern um die Menschen, die dahinter stehen. Um deren Bedürfnisse und Rechte. Etwa das auf Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf 8 Stunden und angemessene Bezahlung. Nicht um die Arbeit also, sondern um den Schutz des Menschen vor der Arbeit. Continue reading »
Die Bundesregierung vermutet, daß die Unruhen in der Ostukraine von Moskau aus gesteuert werden. Umstandslos hat sie damit den Übergang von der ersten Trauerphase in die zweite geschafft. Wenn erst einmal klar ist, daß der Verlust nicht rückgängig zu machen ist (und der Verlust der Krim ist für das Deutsche Reich sicher der schmerzlichste seit 1945), beginnt die Suche nach dem Schuldigen, und der Vorzug einer solchen Suche ist, daß der Suchende darin so frei von Schuld wird wie der Gesuchte mit Schuld beladen. Die Unruhen in Kiew erscheinen dann nachgerade wie ein naturläufiger Vorgang, mit dem die deutsche Regierung weder konspirativ noch diplomatisch irgend etwas zu tun hatte. Die Unruhen in der Ostukraine hingegen konnten natürlich nur deswegen ins Reich der Tatsachen treten, weil sie von Moskau initiiert wurden.
Ich schließe in der Tat nicht aus, daß Regierung und große Teile des politisch-militärischen Establishments der Bundesrepublik ernsthaft an dieser Verdrängungsleistung laborieren und sie nicht bloß – was ja zumindest in technischer Hinsicht noch eine Art Anlaß für Respekt darböte – als Propaganda inszenieren. Das Bedürfnis, jeden Continue reading »
Ich mag den Begriff der Kulturindustrie nicht sonderlich, weil er Mißgönnen und Vergnügungsfeindlichkeit hervorruft und wohl auch meint. Er attackiert die Postmoderne, und zwar gerade an dem Punkt, den ich für ihren besten halte: an der Reinstallierung des Publikums als befugte Menge. Ich mag die Aufwertung der U-Kunst und den Versuch, die Maßgaben der Kunst auch in den neuen, elektronischen Medien wiederzuentdecken. Was U- und E-Kunst unterscheidet, ist nicht ihr ästhetischer Wert, sondern ihr weltanschaulicher Zugriff.
Die U-Kunst will nichts als wirken, und sie erreicht infolge dessen eine intensive Wirkung. Die Wirkung der E-Kunst ist weniger intensiv, weil sie Raum für Gehalt läßt, die ästhetischen Mittel folglich sparsamer benutzt und eine Art noble Langeweile erzeugt. Sie versucht nicht aktuell zu sein, weswegen Continue reading »
Ich hatte eine Weile lang den Ehrgeiz, ein Buch zu schreiben über klassische Fehler oder eristische Kniffe in Diskussionen. Material sollten öffentliche Streits im Web 2.0 sein, vornehmlich über politische Themen. Ich bin von dem Vorhaben abgekommen, weil das Material endlos ist und ich zu anderen Dingen mehr Lust hatte. Hinzu kommt, daß die wirklich bemerkenswerten Klassiker fehlerhafter bzw. eristischer Figuren – etwa die petitio principii, die self-fulfilling prophecy, das hysteron proteron oder die conversio simplex – längst im Bewußtsein der Allgemeinheit angelangt sind. Diese Fehler werden tatsächlich nur von Dummköpfen begangen und von jedem halbwegs Befugten sogleich erkannt.
Einer jener Klassiker aber scheint mir bislang nicht hinreichend bewußt und nicht selten auch von klugen Köpfen in Gebrauch genommen zu sein. Ich meine die Verwechslung von Name und Begriff. Die ist nach meiner Beobachtung eine der häufigsten Fehlerquellen für gescheiterte Diskussionen insgesamt. Ich bin vor einiger Zeit bei William von Ockham auf eine Continue reading »
Das Genie ist immer kreativ. Was es auch in die Finger bekommt, es macht etwas daraus. Es macht aus wenig viel; es kann gar nicht anders. Deswegen wirkt es immer viel gebildeter, als es eigentlich ist, und kann dabei nie so gebildet sein, wie es gerne wäre.
Die Fähigkeit, die das Genie zum Genie macht, nennt sich Sagazität. Das ist das Vermögen, in eine fremde Materie einzutauchen und ziemlich schnell die Hauptpunkte an der erkennen zu können. Bildung und Erkenntnis sind nach meiner Erfahrung gegenläufig. Bildung ist Aufnehmen von Material. Erkenntnis ist Verarbeiten von Material. Wer aus wenig Material viel machen kann, den schläfert das Aufnehmen schnell ein. Der kann keine Stunden und Aberstunden jeden Tag philosophische Werke konspektieren und lesen bis zum Einschlafen. Der ist nach einer Seite schon so voller Gedanken, daß er schreiben muß, schreiben und schreiben. Das Hirn will unablässig Theorie hervorbringen, das hindert ihn daran, welche aufzunehmen. Continue reading »
In der Ästhetik von Peter Hacks, also jenem System, das sich aus seinen poetologischen Aussagen destillieren läßt, ist nach meinem Urteil eine Fehlerstelle, die unnötig ist. Fehlerstellen, das zur Einschränkung, können natürlich notwendig sein, indem sie sich z.B. aus bestimmten Prämissen ergeben, deren Verwendung aus wiederum bestimmten Gründen unvermeidlich ist. Die Fehlerstelle, von der ich spreche, ist insofern unnötig, als Hacks die größte Menge seiner besonderen ästhetischen Urteile, die ja in aller Regel aus seinen ästhetischen Prinzipien gewonnen sind, auch hätte erlangen können, wenn diese Fehlerstelle nicht vorhanden gewesen wäre. Ein Fehler, der zu guten Ergebnissen führt, ist eine Laune der Logik. Ein Fehler, ohne den man ebenso gut auf Belangvolles hätte gekommen sein können, ist bloß überflüssig. Ich spreche von Hacksens Behauptung, daß Gattungsfrage und Realismusfrage zusammenfallen (aufgestellt im Vorwort seiner »Bestimmungen«). Hätte Hacks diese Verknüpfung nicht vollzogen, hätte sich am restlichen Gefüge seiner ästhetischen Aussagen kaum etwas geändert. Freilich: So manche Herleitung und Begründung wäre etwas verwickelter ausgefallen. Continue reading »
Das klassische Streben nach einer Gattungsordnung und ihre rational begründete Dekonstruktion
Peter Hacks und Gérard Genette1
Vor drei Jahren habe ich den Versuch unternommen, das zu umreißen, was den Begriff der Klassik bei Peter Hacks ausmacht, und dabei die unbewiesene Behauptung aufgestellt, daß Hacksens Beschäftigung mit der Gattungstheorie weniger im Zusammenhang mit der Installation seines klassischen Credos zu sehen ist als vielmehr mit dessen Verteidigung gegen einen als bedrohlich wahrgenommenen Zeitgeist, der von Hacks in dem Codewort Romantik zusammengefaßt wurde.2 Ich will diese These auch heute nicht beweisen, denn sie ist nicht beweisbar, aber ich will sie ein wenig mit Material unterfüttern und damit vielleicht ermöglichen, daß sie von einer anderen Seite her beleuchtet werden kann. So soll sich die Reichweite der Hacksschen Gattungstheorie zeigen, und das erledigt, möchte ich – denn jedes Licht wirft Schatten – einen Blick hinüber werfen zu Gérard Genette und dessen Wiederbelebung der aristotelischen Kategorien. – Durchaus nicht, weil das Zusammenbringen Continue reading »
- Vortrag, gehalten am 2. November 2013 im Berliner Magnus-Haus; abgedruckt in: Die Götter arbeitslos gemacht. Peter Hacks und die Klassik. Sechste wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, hrsg. v. Kai Köhler, Berlin 2014, S. 26–46. [↩]
- Selbst auf den Schultern der Gegner. Der Klassik-Begriff von Peter Hacks im Umriß, in: Topos 34 (2010), S. 33–51, hier: S. 44f. [↩]
Die ständische Subjektivität des Steuerzahlers
»Ich bin aber kein Sozialschmarotzer, ich habe fünf Millionen an soziale Einrichtungen gegeben, 50 Millionen Steuern gezahlt. Ich will damit nicht angeben, ich will nur reinen Tisch machen.«
Manche wollen so manches nicht und tun es dann doch. Ich zum Beispiel will über Uli Hoeneß nicht breit werden, und das wäre auch nicht nötig, ginge es nur um diesen Gerichtsprozess. Der ist durch, mit einem gerechten Urteil, gegen das es, da die Gesetzlage eindeutig ist, nichts vorzubringen gibt. Zudem darf man beruhigt sein, denn der Ausnahmezustand ist vorerst abgewendet. Continue reading »
In den Wochendbeilagen der jungen Welt führt Reinhard Jellen eines seiner rübensirupzähen Standgerichte in mehreren Teilen durch. Das Opfer diesmal, sehr löblich, Markus Gabriel. Allerdings schafft Jellen es, noch hinter den zurückzufallen. Die sicher dringende Dekonstruktion jener merkwürdigen Ansichten Gabriels, die von Presse und Eigenwerbung in kraftmeierischer Anmaßung als neu und revolutionär bezeichnet wurden, sollte auf einem Niveau vonstatten gehen, das dem Gegenstand zumindest ebenbürtig ist. Jellen, man kennt ihn, tut genau das, was er Gabriel vorwirft, nämlich »aus sämtlichen Positionen, die ihm nicht passen, einen Popanz« zu zimmern. Mehrfach wiederholt er den ziemlich ausgebrannten Witz vom Idealisten, der sich im Alltag, z.B. beim Überqueren der Autobahn, sehr wohl wie ein Materialist verhalte. Da paßt es auch ins Bild, daß Jellen ernstlich glaubt, mit der Bibel des gemeinen Menschenverstands, Lenins »Materialismus und Empiriokritizismus«, gegen Gabriels Ansatz etwas ausrichten zu können. Dieses Buch, gewiß nicht Continue reading »
Da nun zu allem Überfluß auch noch das nächste Sarrazin-Buch dräut, in dem sich der Autor dem linken Meinungskartell widmet und in einer breit beworbenen und mit Sicherheit medienpräsenten Erstauflage von 100.000 Exemplaren darüber ausläßt, daß man in Deutschland seine Meinung nicht sagen darf, ist die Gelegenheit für eine kleine Analogie schon aus Gründen der Selbstverteidigung ergreifenswert. Selbstverteidigung gegen einen Politclown, der sich als »Querdenker« anpreisen läßt, »der sich nicht scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen«, und Sätze schreibt wie: »Wer bestimmt, was gesagt werden darf – und worüber geschwiegen werden muss?«
Der notorische Provokateur, der zum Medienbetrieb gehört wie der verhaltensgestörte Kristalltrinker zur Neuköllner Eckkneipe, ist für gewöhnlich bauernschlau. Er ahnt, was er tut, könnte es aber nicht auf den Begriff bringen. Er ist kein Meisterdenker, besitzt dafür jedoch instinktsicher eine Art Erfahrungswissen. Daß er selbst Continue reading »
Homophobie und Naturrecht
Matthias Matussek hat öffentlich eingestanden, dass er krank ist.[1] Seine Diagnose: Homophobie. Behandeln lassen will er sich einstweilen nicht und erweckt vielmehr den Anschein, als hielte er sein Geständnis für einen Akt der Zivilcourage. Wie alle, deren Treiben um der Pose willen ist, verrät er dabei mehr, als er verraten will. Sein Text ist zunächst ein klares Bekenntnis, hernach gezielte Provokation des Betriebs, zugleich begrifflicher Wirrwarr und schließlich unkontrollierte Entladung von Abscheu und Vorurteilen. Es ist ekelhaft, aber kaum überraschend. Was will man auch erwarten von einem erwachsenen, nahezu alten Menschen, der von jener Weltgestalt, die Bur Malottke immerhin noch »dieses höhere Wesen, das wir verehren« genannt hat, stets als dem »lieben Gott« spricht, ganz so, als komme er eben mit frisch hochgezogenen Kniekehlenwischern aus der Sakristei, den tief befriedigten Blick des Vikars im Nacken. Continue reading »
Die Behauptung, daß jedes Kunstwerk einen Inhalt habe, ist so wahr wie banal. Viel interessanter ist die Frage, was denn genau diesen Inhalt ausmache. Abgesehen davon, daß sich der Inhalt in der Kunst nie als solcher zeigt, sondern notwendig in einer Form, und daß die Form, das Wie der Mitteilung, selbst zur Mitteilung wird, läßt sich, sofern man Inhalt als Begriff in der Abstraktion festhalten will, Weltanschauung und Haltung voneinander unterscheiden. Das darstellende Kunstwerk (Epos, Roman, Film, Theaterstück, Musical, Oper usf.) macht einerseits durch Diktion Aussagen, vermittelt also ausdrücklich Ideen, andererseits aber teilt es durch die Handlungsstruktur selbst gleichfalls etwas mit. Man kann lange und ergiebig darüber streiten, welche der beiden Mitteilungen die wichtigere ist: die durch Rede vermittelte Weltanschauung oder die durch Handlung vermittelten Haltungen. Continue reading »
Klassik, durchaus ein historisches Phänomen, ist zugleich eine Art, die Welt zu begreifen, und daher über ihr Vorhandensein hinaus maßgeblich. Es bedarf nicht notwendig einer klassischen Lage oder der Herstellung klassischer Kunstwerke, um die Idee der Klassik, in Gestalt des klassischen Denkens nämlich, zu erhalten. Klassik zeugt sich fort im Urteil, was ja auch eine Art des Betreibens ist.
Die Elemente der Klassik sind bekannt: Affirmation, Aufhebung der Tradition, Idealismus und Vermittlung. Das klassische Denken ist affirmativ in dem Sinne, daß es nicht bei der Verneinung des Üblen stehenbleibt, sondern Negationen als bestimmte setzt, und nur in der konkreten Entgegensetzung Zufriedenheit erhält. Es bricht daher auf eine Weise mit der Tradition, die zugleich eine Art Fortsetzung derselben ist. Sein Zugriff auf die Welt ist spekulativ, und es glaubt an die Möglichkeit, mittels Continue reading »
Die Debatte um Markus Lanz, die mich schon (hier & hier) beschäftigt hat, ist ziemlich schnell zur Übersprungshandlung geraten. Es gab eine Chance, an ihr Bedeutendes abzuhandeln. Man hätte reden können über den vom Moderator zur Schau gestellten aggressiven Konformismus, der – wie weiland, als man die vaterländische Frage noch offen stellte – Sahra Wagenknecht ein Bekenntnis zu Europa abverlangte. Eine Auskunft ungefähr so sinnvoll wie: Ich bekenne mich zum Winter; und ganz offenkundig getragen von einer edel-simplen Auffassung des abendländischen Kulturerbes, das doch in Wahrheit Continue reading »
Man weiß, daß die Talsohle einer Debatte erreicht ist, wenn Josef Joffe sich an ihr beteiligt. Dieser arme, alte und dennoch stets ambitionierte Mann, dessen Texten anzumerken ist, daß er mit jeder Formulierung gekämpft hat, liegt immer falsch, selbst dann, wenn er, wie weiland in der Angelegenheit um Grass, versehentlich auf der richtigen Seite steht. Aber meist steht er auf der falschen Seite, weil er ein Drei-Groschen-Junge des bundesdeutschen Spätkapitalismus ist, der die Drei-Groschen-Märchen dieser Gesellschaft tatsächlich glaubt. Die dadurch entstehende Kluft zwischen ihm (Joffe) und den Tatsachen muß logischerweise überbrückt werden, und da Josef Joffe nie was einfällt, fallen ihm meistens doch die Nazis ein. Continue reading »