Mit letzter Lippe schnell
noch ein Versprechen. Denn
die flinke Tinte ist ihm ausgegangen.
Unsere Freude aber ist Continue reading »
Mit letzter Lippe schnell
noch ein Versprechen. Denn
die flinke Tinte ist ihm ausgegangen.
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Der Unterschied zwischen Neid und Gier scheint bloß äußerlich. Der Gierige ist ein Neidischer, ohne es sein zu müssen. Er will mehr, als er braucht, und begehrt, was ein anderer hat. Der Neidische begehrt ebenfalls, was ein anderer hat, und will ebenfalls mehr, als er braucht. Das bloße Bedürfnis schafft weder Neid noch Gier, von denen sich erst sprechen läßt, wenn das Wollen über den individuellen Grund hinausgeht. Continue reading »
Das Begreifen von Theorien, die man nicht selbst ersonnen hat, läßt sich dem Betreten eines unbekannten Raums vergleichen. Räume haben es an sich, daß sie sich von innen besser beurteilen lassen als von außen. Von außen her mag man ihren Standort, vielleicht auch ihre Ausdehnung besser einschätzen können, doch was und zu welchem Zweck sie sind, auch, wie gut sie diesen Zweck erfüllen, erkennt man an dem, was in ihnen enthalten ist, und das wieder läßt sich nur sehen, wenn man sie betreten hat.
Zum Betreten eines Raumes bedarf es einer Tür, und da die meisten Türen Schlösser haben, wird man auch einen Schlüssel brauchen. In aller Regel befindet sich dieser Schlüssel aber in dem Raum, den er öffnen soll, so daß die Erstbegehung in aller Regel als Einbruch vonstatten gehen muß, und man kann von Glück sagen, wenn man bloß die Tür und nicht gleich eine Wand aufbrechen muß. Continue reading »
Ich mag den Humor, die Beteiligten und die Wahl ihrer Hauptfeinde. Ich folge Stefan Gärtner dennoch in einem Punkt nicht. Der gute Witz ist in erster Linie eine Frage der Technik und nicht des Inhalts. Ein Witz muß keine Wahrheit (auch keine höhere) enthalten, um zu funktionieren. Er muß wahr sein in dem Sinne, daß die Klischees, die er bedient, oder der vorgeführte Widerspruch zwischen Absicht und Handlung (stete Voraussetzung für komische Handlungen), eine gewisse Übereinstimmung mit der Wirklichkeit besitzen sollten, damit wir sie wiedererkennen. Aber die Übereinstimmung muß nicht groß ein; es reicht, wenn die Klischees bzw. die Widersprüche geglaubt werden oder auch nur als solche bekannt sind. Continue reading »
Kain war Ackermann, Abel Viehzüchter. Der älteste Klassenkampf der Welt, den die Bibel da so lakonisch am Anfang ihrer Menschheitsgeschichte darstellt. Und Kain, der Ackermann, gewinnt. Der Seßhafte besiegt den Nomaden, wie es geschichtlich ja tatsächlich passiert ist. Zugleich tritt mit dem verfeindeten Brüderpaar die Menschheit von der Familie zur Gesellschaft über. Wo die Liebe nicht mehr den unmittelbaren Zusammenhalt ausmacht, sondern der Einzelne dem Einzelnen als Fremder gegenübertritt und notwendig Feindschaft entsteht. Bereits die Kinder der Liebe zwischen Adam und Eva, die beiden Brüder, die ausziehen und eigene Familien gründen müssen, sind einander feind. Und Kain, der feindselige, der neidische, ist der, der siegt. Er, nicht Abel, zeugt die Nachkommen. Wir sind Kains Kinder, nicht Abels. Das ist grausam, archaisch und nur eine Handbreite über der Hoffnungslosigkeit. Gefrorene Geschichte. Realismus eben. Continue reading »
Ich habe nichts gegen die Linke. Ich habe vielleicht was gegen die Linken. So genau weiß ich das nicht. Ich bin ja selbst einer, aber ein genervter. Die Linken, finde ich, dürften ruhig etwas linker sein. Ihr eigentümlicher Mangel – die Unfähigkeit, mit dem Bestehenden zurechtzukommen – hat sich in ein penetrantes Arrangement mit den plattesten Umständen der Gegenwart gewandelt, doch sie wären keine Linken, wenn nicht selbst dieser bedingungslose Pragmatismus noch auf ganz dogmatische Weise vollzögen würde. Continue reading »
Juli Zeh, das Ich & die Wiederkehr des deutschen Imperialismus
»Wieso scheint das kaum einen zu interessieren?«, fragt anlässlich des NSA-Skandals die Frankfurter Rundschau eine Schriftstellerin namens Juli Zeh.[i]
Es ist doch gut, dass es Zeitungen gibt, die solche Fragen stellen, denn wahrscheinlich ist die NSA das am wenigsten behandelte Thema dieses Jahres – gleich nach dem Nahostkonflikt und der Bundestagswahl. Und es ist gut, dass es Menschen gibt, die sich der Beantwortung solcher Fragen stellen. Rauskriegen, was der Grund für einen vorliegenden Zustand ist, kann jeder Idiot. Die hohe Schule ist, nach den Gründen für Zustände zu fragen, die nicht vorliegen. Und was nun, Frau Zeh, ist der Grund, aus dem der NSA-Skandal keine Sau aufregt? Continue reading »
MRRs Abgang muß nicht betrauert werden, wenn gilt, was ich kürzlich geschrieben habe: »Am Ende eines langen Lebens voller Großtaten abzutreten ist kein Unglück.« Bei dieser Gelegenheit fielen, exemplarisch, die Namen Goethe, de Gaulle und Loriot. In diese Gesellschaft gehört MRR. Vielleicht.
Es ist nicht einfach. MRRs Lebenswerk besteht darin, einen Beruf, der Genie eigentlich ausschließt, als Genie ausgeübt zu haben. Er war ein besserer Schriftsteller und klügerer Kopf als die meisten derer, über die er als Kritiker schrieb. Das ist rar und läßt sich vielleicht überhaupt nur so erklären, daß dieses Genie MRR ein ganz und gar unpoetisches Genie war, eines, dessen Qualität im Aufspüren und Bewerten von Gedanken und ästhetischen Wirkungen liegt, nicht jedoch darin, solche selbst hervorzubringen. Ein Genie des Sekundären. Gibt es das? Ich sagte ja, es ist nicht einfach. Continue reading »
Und Hege wer? Wenn ich was schönes lesen will, lese ich Gerhard Henschel, der das Machwerk dieser sprachlich und gedanklich überforderten Betriebsnudel in Titanic 03/2010 auf trefflichste verrissen hat. Alles im Universum hat einen höheren Zweck. Henschel zu einem schönen Text veranlaßt zu haben ist der eine Punkt im Leben der Helene Hegemann, der diese traurige Existenz dann vielleicht doch nicht so ausschließlich überflüssig macht.
Überhaupt, wer will so ungenügsam sein und sagen, Erledigungen solle man von Karl Kraus besorgen lassen oder gar nicht? Wenn Kraus nicht zur Hand ist, tut es auch Lessing, der 1751 Klopstocks »Ode an Gott« lakonisch-trocken verrissen hat (»… und anstatt, daß ein anderer Dichter, welcher in ähnlichen Umständen war, seine poetische Klage mit einem ›Soll ich meine Doris missen? etc.‹ anfing, so erschüttert ihn [Klopstock] ein stiller Schauer der Allgegenwart Gottes …«). Oder Wiglaf Droste, der Continue reading »
Thieles gestriger FAZ-Artikel, in dem er mich und andere über-, unter- oder beiordnet, hat mich von der Arbeit abgehalten. Ich denke, da stimmt was nicht. Er teilt, es zusammenzufassen, die Zeitgenossen, die sich positiv auf Hacks beziehen, in drei Gruppen ein: Imitatoren, Dogmatiker und Denkende. Imitatoren, die einen bloß intuitiven Zugang zu Hacks haben und allein an der poetischen oder weltlichen Haltung des Dichters interessiert sind; Dogmatiker, die den reinen, den wahren Hacks gleich einer Säule in die Landschaft stellen und ihn gegen jegliche Anwürfe von außen verteidigen; und Denkende, die die affirmative Aneignung des Dichters durchlaufen haben, doch über ihn hinausgegangen sind. Modelle müssen ja gar nicht bis ins letzte stimmen, aber sie sollten arbeitsfähig sein. Thieles Einteilung ist in sich stimmig, büßt aber bei der Reichweite. Continue reading »
Anmerkungen zur TSG Hoffenheim
Reflexionen sind ja nie nur angenehm. Ständig diese quälende Frage, ob man tun darf, was viel zu viel Spaß macht, um ganz frei von Regression sein zu können, und bangen Blicks also schreitet er, der denkende Fußballfan, aus der Kurve ins Leben zurück und stellt sich zeigefingergeplagt dem großen Problem: Darf man die TSG Hoffenheim hassen? Darf man diesen anmaßenden, seelenlosen und überflüssigen Verein abgrundtief scheiße finden? Darf man ihm die Zwangsversetzung in die Oberliga Baden-Württemberg wünschen? Darf man dürfen? Continue reading »
für Johannes Zuber,
dessen letzten Rat ich hiermit
befolge
Das Leben hat nur eine Richtung, die auf sein Ende. Der Tod folglich bestimmt das ganze Leben und muß doch, damit er das kann, außer dem Leben sein. Es stirbt der Mensch, solang er lebt. Und nur solange er stirbt, lebt er.
Der Tod wird gedacht als Verlust. Mord zum Beispiel ist, wenn einer einem die verbleibende Zeit stiehlt. Wer einem anderen Zeit stiehlt, folglich, mordet in Raten. Wer mir Zeit stiehlt, ist mein Feind.
Aber dagegen spricht: Das Leben wird mit Leben bezahlt, die Währung sind Lebensjahre. Wo ein Leben endet, wurde eine Rechnung beglichen. Am Ende des Lebens steht auf der Habenseite 1 Leben und auf der Sollseite 1 Lebenszeit. Der Tod ist Continue reading »
Georg Diez begründet eine gute Entscheidung mit einem weniger guten Text. Ich hatte Mühe, wach zu bleiben; zudem ist seine Prämisse erkennbar falsch:
»Denn was sollen Wahlen in einem System, das nur noch als Schrumpfform der Demokratie zu erkennen ist?«
Jede Wahl, jede Form demokratischen Betriebs ist in sich paradox und läuft zwingend auf die eigene Auflösung hinzu. Und das nicht nur dort, wo es an hervorragenden Politikern fehlt, sondern gerade auch in den scheinbaren Sternstunden der Demokratie. Man liest Thukydides und sieht, daß Perikles der erste Bonapartist der Weltgeschichte gewesen ist. Und genau, weil er das war, lief der Laden. Die Demokratie muß sich Continue reading »
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts lebt die Poesie im Zeitalter des Materials. Dichter aller Gattungen verwenden einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Tätigkeit darauf, Elemente ihrer Vorläufer – seien es Poeten, Philosophen oder sonstwie befugte Wortproduzenten – als Bruchstücke in ihre Werke einzuweben. Es ist – um gleich den passend aufs Zeitalter geschriebenen Ausdruck Gerard Genettes zu verwenden – der vollständige Sieg der Transtextualität.
Der Dokumentarismus (Weiss, Runge, Kipphardt usw.) ist nur die äußerste und zugleich natürlich ärmste Ausprägung dieses Verfahrens, das allgemein geworden ist. Man imitiert, parodiert, zitiert, spielt an oder stielt. Nicht nebenbei, nicht bei passender Gelegenheit, sondern in der Hauptsache, um der Sache selbst willen. Es gilt geradezu als unfein, hemdsärmlig, es nicht zu tun. Dahinter steckt nur zum Teil Snobismus (der ja ein edles Motiv wäre); es ist maßgeblich die Angst vor der Struktur, vor dem großen Gedanken, dem großen Continue reading »
Von allen Denkern, auf die es ankommt, ist Leibniz uns heute am fremdesten. Kein Denker folglich, der Beihilfe zur Transformation nötiger hätte als eben Leibniz. Was zwischen Leibniz und der Gegenwart liegt, ist mehr als nur die theologische Form, mit der sein Denken stark verbunden ist. Mehr mithin als jene unglaubliche Fülle an zeitlicher Denk- und Entwicklungsleistung – von der Mathematik bis zur Linguistik, Jurisprudenz bis Historiographie, Kameralistik bis Ingenieurwissenschaft –, die das Kerngeschäft dieses Philosophen zu verdecken droht, wie es ein barockes Gewand mit dem Körper der Venus von Milo täte. Der nackte Leibniz gleicht aber Continue reading »