Felix Bartels

Juli 112013
 

»Der Stern ging vor einiger Zeit der Frage nach, wie viel Schriftsteller denn nun verdienen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Durchschnittlich waren es 955 Euro brutto monatlich. Das Einkommen eines Buchhändlers wurde dagegen mit immerhin 1700 Euro brutto angegeben.« (Tanja Dückers: Autoren am Rande des Existenzminimums)

Nun, es gibt ja auch nicht annähernd so viele Buchhändler wie Schriftsteller. Und vor allem nicht so viele schlechte. Natürlich besteht ein Zusammenhang zwischen dem niedrigen Durchschnittsverdienst der Autoren und dem Umstand, daß es heute so viele Autoren gibt.

Aber was wäre denn die Alternative? Den Zugang zum Markt einschränken könnte allein eine Behörde, und Behörden sind kaum weniger dumm als der Zufall oder der blind wirkende Medienbetrieb. Continue reading »

Juli 042013
 

Die Romantik, jenes wildwuchernde Gewächs, das das Denken befällt und einen Zustand scheinbarer Aktivität bewirkt, der zu nichts führt und dennoch schrecklich anstrengend ist – nicht fruchtbar, aber furchtbar –, diese Romantik hat viele Gesichter. Sie gehört nicht einer politischen Richtung allein, sie hat an allen teil. (An manchen ist sie die Hauptsache, bei anderen unvermeidliche Begleiterscheinung.) Es gibt nie nur eine romantische Antwort auf die Weltlage.

Der Romantiker liebt es, sich vorzustellen, er sei der Gute, und da er – wie auch sonst keiner auf der Welt – nicht durchweg gut sein kann, braucht er konsensfähige Negativobjekte, gegen die er sich erhaben machen kann. Wer immer es sei: Banker, Sozialschmarotzer, Umweltschützer, Israel, USA, China, die GEMA, das staatliche TV, Dieter Graumann, Margot Käßmann, kriminelle Jugendliche, Natascha Kampusch oder oder oder.

Die NSA ist eine Organisation, an der nichts auszusetzen ist. Sie macht einen ordentlichen Job. Ich billige Continue reading »

Juli 032013
 

Γνῶθι σαυτόν

Die … ja doch, man darf wohl sagen: Causa Franziska Augstein[1] verdient eine generelle Betrachtung. Natürlich hat F. Augstein ebenso wie J. Augstein den Vorwurf, sie sei, was sie ist, von sich gewiesen. Sie teilt die Auffassung ihres Bruders, dass der wahre Antisemitismus der bekennende ist und Verdächtigungen gegen ehrbare Personen wie sie bloß vom Kampf gegen diesen eigentlichen Antisemitismus ablenken. Das klingt so nass wie forsch, nur: Man trifft ihn nie, den wahren Antisemitismus. Denn abgesehen von Hotte Mahler, Pierre Vogel und einer Handvoll Ufologen gibt es kaum noch bekennende Antisemiten in Deutschland. Wir leben in einem Land, in dem die Angst vor dem inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs größer ist als die Angst vor dem Antisemitismus, und diese Haltung ist eigentlich nur dort möglich, wo man annimmt, dass der Antisemitismus genau wie die Pocken und der Haarnasenwombat praktisch ausgestorben ist. Continue reading »

Juni 182013
 

Sie ist die Sahra Wagenknecht der Springerjugend. Eine als Stil-Ikone gehandelte Durchschnittspropagandistin, die den Jargon der ihr übergeordneten Bewegung flüssig genug beherrscht, um deren Wortführerin zu sein. Doch weil sie einmal so fleißig war, eine geistig verwirrte Frau zu stalken, deren Auskommen auf der Lebenslüge beruht, sie sei Lyrikerin, darf sie jetzt regelmäßig auf Broders Toilette publizieren.

Man lese ruhig einmal ihre Texte. So klingt es, wenn Ambitioniertheit auf Unfähigkeit trifft. Das sprachliche Unvermögen (»meine Irritation wurzelt eine Ebene tiefer« usw.) sei geschenkt, da nun wirklich niemand in dieser Hinsicht etwas von ihr erwartet. Erklärlich immerhin auch die Abwesenheit von wenigstens etwas Continue reading »

Mai 242013
 

In jeder Familie gibt es eine Tante, die die Feiern mit sich und ihrem hysterischen Narzißmus vollmacht. Sie verteilt staubige Kekse und dünkt sich darob als Wohltäterin, obwohl keiner die essen will und Zuneigung als Gegengabe verlangt ist. Sie hält sich, gleichsam emotionaler Scheitelpunkt und moralischer Taktgeber, für das Herzstück der Sippe und will unablässig alle in bierzeltselige Eintracht miteinander bringen, ohne zu bemerken, daß sie selbst die triftigste Ursache für den sich fortsetzenden Unfrieden ist. Wir alle haben so eine Tante; sie heißt Martha, Gertrud oder Günter. Wir alle Continue reading »

Mai 212013
 

Ich schätze Ockham sehr, aber sein Rasiermesser ist nichts anderes als die Einführung von Bauernregeln in die Erkenntnistheorie. Es gibt tatsächlich keinen logisch zwingenden Grund, aus dem die Einfachheit der Kompliziertheit vorzuziehen sei. In der Epistemologie interessiert nicht, auf wie umständliche Weise eine Erkenntnis erlangt wird, solange sie nur erlangt wird. Das Rasiermesser spielt mit dem gemeinen Menschenverstand und dessen Ressentiment gegen das Komplexe. Da ist immer dieser Glaube, daß jede Wahrheit ganz einfach ausgedrückt werden kann, und das ist nichts anderes, als daß der Maßstab für das, was wahr ist, vom Objekt in das Subjekt verschoben wird.

Zugleich – auch wahr nämlich, aber dem ersten Argument ganz entgegengesetzt – muß man berücksichtigen, daß in der Philosophie wie in jeder anderen geistigen Disziplin die Erkenntnis wesentlich an die Form gebunden ist. Und wenn zwei Philosophen dasselbe mit unterschiedlichen Formen sagen, ist es schon nicht mehr dasselbe. Die Form hat selbst eine Bedeutung, ein Vermögen, weitere Erkenntnisse nach Continue reading »

Apr. 302013
 

 

Das Trauerspiel

Der Gegenstand ist groß. Groß und weithin unbegriffen. Auch von denen, die er angeht. Was vorderhand wenig besagt, denn wann jemals hätte irgendein Volk auch nur irgendwas begriffen? Es geht um die Abschaffung der Sklaverei in Nordamerika, und um die Art, wie sie vonstatten ging. Die Vereinigten Staaten haben eine kurze und schwungvolle Geschichte, und man muß auf diese beiden Eigenschaften das gleiche Gewicht legen, auch weil heute von diesem Schwung nur noch wenig zu erkennen ist. Ich zögere, das Wort Konservatismus zu verwenden. Das ist es nicht ganz. Es ist eher eine Continue reading »

Apr. 102013
 

Indeed, Alan Posener, she was a great revolutionary. A great counter revolutionary.

Dumm an Facebook ist, daß man immer viel mehr mitbekommt, als man mitbekommen will. Es war zu erwarten, daß die Fellows der neokonservativ-neoliberal-neorechten Neoneoneo-Bewegung im Fall Thatcher ganz besonders ihre Chance wittern, das zu tun, was sie immer tun wollen: sich mutig gegen den (wenigstens in ihren Köpfen bestehenden) mächtigen Konsens der Unmächtigen stellen, im Gewand der Rebellen das sagen, was ohnehin dauernd gesagt wird, ohne daß es den geringsten Mut erfordert, da es die etablierten Verhältnisse nicht angreift, sondern stützt, und niemand befürchten muß aus derartigen Rebellionshandlungen in irgendwelche Nachteile zu geraten. Es war also zu erwarten, daß sie sich tief vor Maggies Lebensleistung verbeugen und sich, Wutbürger von oben, die sie einmal sind, entrüstet über jeden Witz zeigen werden, der über den Tod dieser bösartigen alten Frau gemacht wird, die ganz unabhängig von dem, was der Kapitalismus ohnehin schon anrichtet, verantwortlich ist für einen beispiellosen Prozeß der Verarmung, Isolierung und Dämonisierung nicht unbeträchtlicher Teile der britischen Gesellschaft.

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Feb. 102013
 

Es ist ganz leicht, jetzt skeptisch zu sein. Viele sind das, weils einfach zu großartig ist: Ein schwerreicher Verein engagiert den besten Trainer der Welt – das kann nur schiefgehen. Journalisten funktionieren genau so wie auch all die anderen Herdentiere, die auf Gottes weiter Scheibe ihre Kreise ziehen. Es geht im Grunde nie um etwas anderes als darum, sich vom Rest der Herde zu unterscheiden. Am besten tut man das mit einer Meinung, denn anders als begründete Gedanken oder ein guter Schreibstil kosten Meinungen nichts. Da aber alle ausscheren wollen, kommt es vor, daß bei einem heißen Thema doch wieder alle im selben Strom schwimmen. Ich spreche übrigens, sollten wem jetzt die Verteidiger Continue reading »

Jan. 202013
 

»Die zurückliegenden Wochen haben bewiesen: Jakob Augstein führt ganz Deutschland am Gängelband und gefährdet den ohnehin brüchigen Landesfrieden. Wenn er anruft, beugt das Feuilleton seinen Willen. Die Angriffe durch Broder (Welt)Trampert (konkret)Gärtner (Titanic) und das Simon-Wiesenthal-Centre sind wahrscheinlich von Augstein selbst inszeniert worden, denn er hat ganz offenkundig den größten Nutzen von dieser Kampagne. Und was man mit dem Geld, das Augstein als Verleger zusammenrafft, so alles Continue reading »

Jan. 112013
 

 

Zur Struktur des Ideal-Begriffs von Peter Hacks1

 

Ich bin die Saat im Winter, die im Dunkel wohnet.
Ihr kommt wohl noch dahinter, daß Erwartung lohnet.
Und lieg ich tief verborgen, bleib ich nicht verschwunden.
Der hoffen kann auf morgen, hat mich schon gefunden.

aus »Numa«

 

Mein Vortrag heißt »Die Landkarte und die Landschaft«. Ich hätte ihn aber auch gut »Wenn der Herrgott net will, nutzt es goar nix« oder »Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk« nennen können. Es liefe aufs gleiche hinaus: auf das Verhältnis, das das menschliche Wollen zu den Bedingungen, unter denen es umgesetzt werden muß, besitzt, auf den alten Kampf zwischen Ideal und Wirklichkeit. Es gibt zu diesem Kampf seit je drei Meinungen: das Ideal habe recht, die Wirklichkeit habe recht, beide haben unrecht. Die letzte ist die, auf die es ankommt. So zumindest Continue reading »

  1. Vortrag, gehalten am 3. November 2012 im Berliner Magnus-Haus; abgedruckt in: Gute Leute sind überall gut. Fünfte wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, hrsg. v. Kai Köhler, Berlin 2013. []
Dez. 012012
 

Ich sage ja nicht, daß es unmöglich ist, daß einer ein Dissident und dennoch ein guter Poet sei. Es ist nur nicht wahrscheinlich. Dem Dissidenten wird internationales Wohlwollen zuteil, den Erfolg erlangt er, weil er für etwas steht. Diese Abkürzung zum Ruhm ist zu verlockend, doch von der Poesie gilt wie von allen anderen Fächern, daß wirklich gut nur ist, wer die Umwege geht. Das gilt natürlich auch für den Staatsdichter, dem der Erfolg national zugesprochen wird wie dem Dissidenten international. Um aber einen Nobelpreis zu erhalten, muß der Staatsdichter schon ein herausragender Dichter sein.

Es passiert folglich selten, daß der Nobelpreis für Literatur aus ästhetischen Gründen vergeben wird. Und noch das zu oft, findet Herta Müller, deren Erfolg ganz offensichtlich nicht durch die Qualität ihres Werks erklärt werden kann. Mo Yan wirkt unter der Schar konformistischer Dissidenten wie ein Rebell, beschämt also Müller, die ihrerseits Liao Yiwu nach seiner Blut-und-Boden-Rede in der Paulskirche umarmt hat, nicht nur durch sein Können, sondern auch durch seine Coolness. Dietmar Dath hat den Fall bearbeitet: Continue reading »

Nov. 292012
 

Kriegszeit im Nahen Osten ist Zeit für Gefühle. Hier fast noch mehr als daselbst. Europa ist ein Irrenhaus, worin man den Nahostkonflikt nicht einfach behandelt, sondern an ihm nachweist, wer man ist. Worin man sich nicht einfach den Kopf über seine Lösung zerbricht, sondern ihn darin als Gradmesser des Weltfriedens gleichsam neu erfindet. Das ist so krank, wie es sich anhört. Wofern nicht bereits das übermäßige Interesse an diesem Komplex verdächtig sein sollte, mag doch wenigstens die Zwanghaftigkeit, mit der die Bekenntnisse vorgebracht werden, nachdenklich machen. Bekenntnisse kosten, anders als Argumente, gar nichts. Was keinen Preis hat, hat vermutlich auch keinen Wert. Die populärste Form, Israel und seine Lage zu kommentieren, ist das Bekenntnis. Es fällt, zugegeben, einigermaßen schwer, zwischen IDF-Kitsch und Palästina-Folklore etwas Haltung zu bewahren. Das Ausstellen von Wimpeln und Symbolen ist – wie das Herumziehen in Gruppen – ein Zeichen intellektueller Unsicherheit, obgleich sich auch Brüder von der ausgeschlafenen Fraktion gelegentlich dazu hinreißen lassen, eine Fahne zu schwenken, und sei es nur – wie sie sich selbst versichernd einreden – zur Provokation. But stupid is as stupid does. Continue reading »

Aug. 262012
 

Es gibt gute Gründe, vor allem Schalke 04 den Abstieg zu wünschen. Die wenigsten davon haben mit Fußball zu tun. Schlechtes Ballspiel pflegen andere Vereine auch. Worin Schalke führt, das ist jene Pest, die man Fankultur nennt. Heute weiß man doch, wie Fußball allein genießbar ist: mit ausgesuchten Teilnehmern vor einem Großbildschirm bei teurem Rotwein und Vivaldi. Wenn das Geld für den Rotwein nicht reicht, tut es auch eine VIP-Loge im Stadion. Es sind die Stehplätze, die den Fußball zerstören, und ganz Schalke ist nichts als ein riesenhaft ausgewachsener Stehplatz. Die Seelenlage des Schalkers ist mit schlicht noch zu kompliziert umschrieben. Aber es ist nicht einmal Continue reading »

Aug. 062012
 

Stellen Sie sich folgenden Irrsinn vor: Auf dem Weg zur Arbeit bemerken Sie an immer mehr Plätzen und Straßenecken große Bildschirme, die das TV-Programm des Senders RTL in die Öffentlichkeit übertragen. Die Bildschirme breiten sich aus und decken bald alle Straßen Ihrer Stadt ab, so daß Sie kaum noch eine Straße benutzen können, die Sie nicht zum RTL-Gucker macht. Irgendwann legt der Senat der Stadt fest, daß Sie als Bürger und unvermeidlicher Nutzer ihrer Straßen eine Gebühr an RTL zu entrichten haben, da Sie erweislich zum Publikum von RTL gehören.

100 wirkliche Taler, versichert Kant, sind um nichts mehr als 100 gedachte; ob sie existieren oder nicht, setzt ihrem Inhalt nichts hinzu. Ungern will ich Continue reading »