Das Nachdenken über Sitten und Gebräuche hat immer zwei Seiten, eine theoretische, die danach fragt, woher dieser oder jener Brauch historisch und kulturell kommt, und eine praktische, auf der das Denken der Frage nachgeht, wie gut die Bräuche sind und wohin, wenn man sie ausübt oder nicht ausübt, unsere menschliche Entwicklung geht. Beinahe alle Fehlleistungen, die Kommentatoren bei der Beschäftigung mit sittlichen Fragen unterlaufen, rühren aus der ungleichen Verteilung des Denkens auf diese beiden Seiten. Die Frage nach der Welt, wie sie ist, und die Frage nach der Welt, wie sie sein soll, verhalten sich in aller Regel gegenläufig, und der gemeine Verstand liebt das Denken in Widersprüchen nicht. Er will es einfach und will es rein. Also entscheidet er auch bei der Beurteilung bestimmter Sitten nach seinen ohnehin vorhandenen Neigungen. Ein Brauch ist demnach entweder schlecht und somit durch keinerlei historische Betrachtung zu entschuldigen, oder aber historisch bedingt, und dann verbiete sich ein Werturteil von selbst. So sehr beide Zugriffe einander entgegenstehen, sie haben gemein, dass sie eine Erklärung immer gleich für eine Rechtfertigung halten. Continue reading »
Unlängst habe ich vermocht, mich … – doch ich stocke, indem ich das schreibe. Gestern nämlich kam mir ein Buch eines gewissen Wolf Schneider unter die Nase, Deutsch fürs Leben, das von sich behauptet, ein Lehrgang der höheren deutschen Sprache zu sein und worin sich folgende Regel findet: „Mit Wörtern geizen“. Schreiben Sie, steht da, „also nicht: zu diesem Zeitpunkt, sondern: jetzt“, nicht: „keine Seltenheit“, sondern: „häufig“, nicht: „ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig,“ sondern: „war ziemlich deutlich“ usw. Das Grundprinzip guter Sprache sei, niemals mehr zu schreiben als unbedingt notwendig. Man staunt dann im übrigen, was so alles nicht notwendig ist. Daß diese Regel fischig ist, vermag Continue reading »
Es begann eigentlich ganz harmlos. Am letzten Tag der Buchmesse brachte ich die Zeit, die mir bis zum Abend blieb, auf die Weise rum, daß ich mir das von Leipzig ansah, wofür allein es mit Recht berühmt ist: die Werke seiner bildenden Künstler.
Leipzig selbst, man kennt es, reizt kaum zum Verweilen. Selbst wenn man die merkwürdig zielgerichtete Tristesse des Stadtbilds und die puritanische Geschäftigkeit ihrer Bewohner ignoriert, bleibt noch immer präsent, daß diese Stadt der Schoß der deutschen Misere und Unvernunft ist. Ich habe Leipzig einmal die Hauptstadt der romantischen Bewegung genannt, worauf mir die Städtenamen Berlin, Jena und Heidelberg entgegenflogen. Ich leugne auch deren Eignung für diesen Titel nicht, konnte aber mit dem Verweis auf die Bananenrevolution von 1989 und das antibonapartistische Happening von 1813 meine Continue reading »
Die Maya sind ein merkwürdiges Völkchen. Sie wußten nichts von der Welt und kannten doch ihr Ende. Sie hatten einen merkwürdigen Kalender, der das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 vorsah. Leider ereignete sich das Ende dann ein paar hundert Jahre früher, und die wiederkehrenden Götter waren kaum größer als die Maya und sprachen Spanisch. Wie wir aber durch den Echtzeithelden und Träger des Agent-Mulder-Ordens II. Klasse, Erich von Däniken, belehrt sind, muß das Ende der Welt nicht notwendig am 21. Dezember 2012 eintreten. Die Umrechnung des Maya-Kalenders in den unseren könne schließlich auch falsch sein. Baut da schon jemand insgeheim vor für den Fall einer peinlich ausbleibenden Katastrophe am 21. Dezember 2012? Die Grundregel aller geschäftstüchtigen Propheten lautet: Sage nichts voraus, das noch zu deinen Lebzeiten eintreffen müßte. Und überhaupt, 21. Dezember! Hätte man nicht wenigstens bis Weihnachten warten können? Wie? Wer kurz vor dem Ende der Welt noch Weihnachten feiern wolle? Ich natürlich! Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt in tausend Stücke zerbräche, ich zöge noch heute los, einen Weihnachtsbaum zu fällen.
O doch, ich hab es gesehen, das neueste Bildwerk Roland Emmerichs, des amerikanischsten aller Nichtamerikaner. 2012 ist ein spektakulärer Film. Die Story ist genrebedingt gebaut, die Zweitklassigkeit der Darsteller (den stets erstklassigen John Cusack ausgenommen) ist statthaft, denn hier kommt alles auf die Bilder der großen Naturkatastrophe an. Technisch ist der Film vollkommen, die Effekte gekonnt, was nach Maßgabe der naturalistischen Gattung Film bereits hinreichend sein müßte. Bilder zu machen, das ist die eigentliche Tugend des Films. Aber diese eigentliche Tugend ist eben nur bedingt kunstfähig, will sagen: Auch die besten Bilder retten einen Film dort nicht, wo keine gute Handlung sie zusammenhält. Und wie sich an dem technisch gleichfalls Maßstäbe setzenden Avatar sehr gut nachvollziehen läßt, verdrießt selbst bildhafte Perfektion, wenn das Werk sich der läppischen Weltanschauung eines JJ Rousseau bedient und von einer dramatisch unergiebigen Handlung getragen werden muß.
Natürlich gab und gibt es Einwände gegen 2012. Continue reading »
In der Frage, was einen guten Dialog ausmache, steckt zugleich die Frage, woran ein schlechter Dialog kenntlich sei. Ein schlechter Dialog ist einer, dessen Inhalt auch in anderer Form, z.B. in linearer Rede oder in einem Traktat hätte ausgestellt werden können. Wenn, was in einem Dialog verhandelt wird, nicht notwendig in Dialogform verhandelt werden mußte, muß der Dialog als schlecht gelten, gleich wie unterhaltsam, kunstvoll, gedankentief oder originell er im übrigen ist.
Ein guter Dialog kann sich nur dort entwickeln, wo eine geeignete Ausgangslage vorliegt. Eine solche sehe ich allein gegeben, wenn die Positionen aller Teilnehmer, die in einem Dialog aufeinandertreffen, so beschaffen sind, daß erstens keine von ihnen selbst die höchstmögliche Erkenntnis bereits enthält, gedankliche Totalität herzustellen also durchaus erst Aufgabe des lebendigen Dialogverlaufs ist, und wenn sie zweitens einander auf eine solche Art begegnen, daß eine produktive Steigerung über die einzelnen Positionen der Teilnehmer hinaus möglich ist.
Die erste Bedingung ist wichtig, weil in dem Fall, in dem Continue reading »
Da hat doch Bundesdingens Horst Köhler zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in seiner Maison de plaisance Bellevue eine Veranstaltung für „Gegner des SED-Unrechts“ ausrichten lassen, auf der zwölf Bundesverdienstkreuze an zwölf Bürgerrechtler der DDR-Zeit verschenkt wurden. 12 Kreuze an 12 Bürgerrechtler – offenbar war beides im Dutzend billiger.
Für den Eklat des Abends sorgte Stephan Krawczyk, der – nachdem er zusammen mit Freya Klier seine drittklassige Schmierlyrik vorgetragen hatte – gebeten wurde, die Nationalhymne anzustimmen, und dies tat, indem er sogleich die seit der Nazizeit zu Recht gebannte erste Strophe der Hymne skandierte. Er soll verwundert in die Menge geblickt haben, als er die Tatsache gewahr wurde, daß die übrigen Anwesenden Deutschland nicht von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt sich erstrecken lassen wollten. Und Horst Köhler soll sich dann geräuspert und die Worte gesprochen haben: „Die dritte Strophe bitte.“ Continue reading »
Einen Berg zu besteigen ist wie Dichten. Da ist ein Gebirge. Da sind einige Berge. Jeder Berg ist Teil des Gebirges, aber er steht – gleich den poetischen Gattungen – immer auch für sich. Es gibt stets mehrere Wege nach oben. Es gibt aber an jedem Berg nur einen Weg bis ganz nach oben.
Die Bergsteiger nähern sich dem Berg gewöhnlich von verschiedenen Seiten, meist von derjenigen, auf der sie wohnen, und so nehmen sie also verschiedene Wege nach oben. Von denen, die auf den Wegen treten, die nicht bis ganz nach oben führen, schreiten einige in dem Wissen nach oben, daß sie die Spitze nie erreichen werden, andere hingegen leugnen das und erachten das Ziel ihres Weges für die eigentliche Spitze. Wieder andere leugnen, daß es überhaupt eine Spitze gibt und kraxeln munter um den Berg herum und probieren sich an all den Pfaden aus, die horizontal verlaufen. Und wieder andere bekommen es, sobald sie auf einen Weg treffen, der nach oben führt, mit der Angst zu tun, der Weg könne nicht bis ganz nach oben führen und meiden folglich den wie alle anderen, die nach oben führen.
Es muß jetzt aber noch erwähnt werden, daß jeder Weg auf dem Berg ausgeschildert ist. Schließlich wird der Berg in aller Regel seit Jahrtausenden schon bestiegen. Continue reading »
… und am siebten Tag sprach Gott der Herr zu Adam: Ich habe dich gemacht, und edel bist du, hilfreich und gut. Und tust nur, was dir richtig erscheint, und richtig erscheint dir, was du, ohne alle Rücksicht auf dich selbst, für richtig hälst. Und ich habe dir ein Weib gemacht, das genau ist wie du. Wahrlich, groß seid ihre beide und gleicht mir in vielem. Damit aber die Menschen dieses mein großartiges Werk in seiner ganzen Wahrheit und Größe erkennen mögen, werde ich hingehen und einen anderen Menschen machen, einen, der sich von dir und deinem Weib unterscheidet, einen, dem immer nur das richtig erscheint, was ihm selbst am liebsten ist, und der unfähig ist, etwas als wahr zu erkennen, das nicht dem entspricht, was ihm selbst frommt. Er soll aber auch unfähig sein, sein Eigenes als Eigenes zu erkennen. Er soll ganz abhängig sein von seinesgleichen und dem, was ihm Continue reading »
Zum 100. Geburtstag des Dramatikers Alfred Matusche1
Jubiläen haben keine innere Bedeutung. Ob einer vor 100 Jahren geboren wurde oder vor 99 Jahren und 366 Tagen, es macht in Hinblick auf die Sache keinen Unterschied. Doch gibt es Punkte, an denen wir Anlaß haben anzuhalten, uns umzuwenden und die Frage zu stellen, was in der abgelaufenen Zeit passiert ist und was wir für den, dessen Geburtstag gefeiert wird, getan haben. Wenn etwa ein Dichter, an dessen Bedeutung kein Zweifel bestehen kann, 100 Jahre nach seinem Geburtstag immer noch für tot gehalten wird, dann muß man sich fragen, ob man wirklich alles richtig gemacht hat. Alfred Matusche ist heute vor 100 Jahren geboren worden; er war ein bedeutender Dichter, und er wird heute weitgehend für tot gehalten. Ein Zustand, den zu ändern auch eine Frage der Selbstachtung ist. Continue reading »
- erschienen in: junge Welt v. 8. Oktober 2009. [↩]
Diese Sorte Artenschutz haben nicht nur DIE GRÜNEN im Programm. Mich läßt das kalt. Es gibt Tiere, die braucht kein Mensch: Mammuts z.B. oder Delphine. Und Wahlen, die braucht nun wirklich niemand; und diejenigen, die wählen gehen, die am allerwenigsten. (Falls Sie übrigens glauben, daß das, was einer braucht, und das, was einer denkt, daß er es braucht, ohne weiteres identisch ist, lesen Sie ruhig einmal das Polos-Gespräch in Platons Gorgias.)
Von meinem Recht, an den Wahlen dieses Landes nicht teilzunehmen, mache ich seit Perioden unerträglicher Regierungen Gebrauch, nicht erst seit der gegenwärtigen. Und ich lebe gut damit. Es lebt sich einmal besser, wenn man von dem Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch trinkt. Ich nenne es nicht nicht wählen, ich nenne es nichtwählen. Sie gehen morgen wählen? Gut, ich gehe nichtwählen. Continue reading »
In der jungen Welt von heute lese ich einen Satz, der die Achtundsechziger Bewegung beschreibt, ohne ihr die mindeste Karikatur anzutun, worin, will ich sagen, diese Bewegung und ihre politische Funktion vollständig aufgeht und doch in ihrem ganzen Elend und ihrer ganzen Läppischkeit festgehalten ist:
[Joseph] Fischer ist einer aus der Garde der Revolutionären Kämpfer in Frankfurt am Main von 1968 und seither politisch festgelegt. Wie die Mehrheit seiner Mitläufer war er für jede Kritik am Kapitalismus zu haben, wenn sie so dämlich war, daß der Kapitalismus im Vergleich zu ihr gut ausschaute.
Wenn Sie glauben, unser Wahlkampf sei eine Veranstaltung von Schmocks gegen Schmocks um die Gunst von Schmocks, haben Sie vermutlich recht, denn um wessen Gunst in Wahlkämpfen von jeher gefochten wird, das sind nicht die Stamm- oder die Nichtwähler, die ganz genau wissen, was sie wollen, wissen, welchen Idealen sie anhängen und welche politischen Kräfte für die Beförderung dieser ihrer Ideale stehen. Um wen in Wahlkämpfen gekämpft wird, das sind immer nur die sogenannten Wechselwähler, also der am wenigsten gescheite und am leichtesten beeinflußbare Teil der Bevölkerung. Es sind immer die Wechselwähler, die Continue reading »
Mohammed war ein Prophet,
Der vom Fußballspielen nichts versteht.
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.
Wie der Kundige umgehend an der dilettantischen Handhabung des Metrums, der hemdsärmeligen Gedankenführung und der ungechlachten Wortwahl erkannt haben dürfte, handelt es sich hierbei um eine Stelle aus der Vereinshymmne des Fußballclubs Schalke 04. Unkundigen sei erklärt, daß Schalke 04 so etwas wie den Bodensatz der deutschen Fußballkultur darstellt. Der durchschnittliche Schalkefan spricht kein Hochdeutsch, verfügt (sofern dies Verbum in diesem Zusammenhang anbebracht ist) über einen etwa kniehohen Bildungsstand und trägt jeden Samstag eine Aldi-Tüte (blau-weiß) voller Bierdosen in ein Ding, das er Schalke-Arena nennt, woselbst er Continue reading »
Ich halte wenig von jener Sorte Atheismus, die einfach ein anderes Wort für Geistlosigkeit ist. Die Erkenntnis, daß Gott nicht existiert, ist ganz billig zu haben, aber wie alle billigen Waren muß man auch diese zuvor von den Filzläusen befreien. Meine Erfahrung ist, daß Theologen in der Regel klüger sind als Atheisten, und meine Vermutung ist, daß das nicht darin liegt, daß es klüger ist, kein Atheist zu sein, sondern darin, daß es klug ist, den Atheismus allein keineswegs schon für eine Leistung zu halten. Erst wenn man in der Lage ist, den weltanschaulichen Gehalt, den die Religionen über die Jahrtausende angehäuft, transportiert und bewahrt haben, sich als Nicht-Gläubiger anzueignen, wenn man also zu einem Atheismus gefunden hat, der nicht bloß darin zufrieden ist, das Religiöse zu negieren, wird man die Religion Continue reading »
Vor genau 80 Jahren, am 30. Juli 1929, wurde Werner Tübke geboren. Er feiert heute folglich seinen 80. Geburtstag, und es ist traurig, daß wir ihn ohne ihn feiern müssen.
Andererseits: Der Tod von Klassikern ist ihre eigentliche Geburt, und daß Werner Tübke ein Klassiker ist, daran hat schon zu seinen Lebzeiten kaum einer gezweifelt. Ich zögere nicht, Tübke den größten Maler des 20. Jahrhunderts zu nennen. Es ist wohl weniger schwer, der größte Maler des 20. Jahrhunderts zu sein als z.B. des 16., aber immerhin hat das 20. auch ein Genie wie Dali hervorgebracht, der handwerklich vollkommen ist und an dem einzig ein gewisser Hang zur inneren Leere verdrießt. In Tübkes näherem Umfeld befanden sich Künstler, die nicht unbedingt zu den schlechtesten ihrer Zeit zählen, wie etwa Zander, Heisig und Mattheuer. Man mag sie derselben Schule zurechnen oder nicht, man mag einem jeden von ihnen seine eigene Unüberholbarkeit Continue reading »