Jul 302014
 

Niemand ist friedlich. Man kann im Sittlichen nichts tun, erwägen oder unterlassen, das nicht ihm, ihm oder dem da auf die Nerven fallen wird. Schon dadurch, daß wir sind, beleidigen wir, weil jede Haltung, die man irgend einnehmen kann, ihr Gegenteil und damit ihre unversöhnlichen Feinde hat. Den wahrhaft Durchgeknallten erkennt man daran, daß er im besten Glauben betont, wie friedlich er ist. Er tut das unablässig und besonders gern vor dem je nächsten Wutausbruch. Das zwanghafte Versichern, daß man bei all dem Gekeile dennoch den Frieden im Herzen trage, hat etwas von prospektiver Selbstentlastung. Man betont, wie man wäre, wenn nichts wäre. Man ist der friedlichste Mensch der Welt, solange man außer der Welt ist.

Des Antisemiten Leidenschaft ist, darüber zu reden, wie schön die Welt wäre, wenn die Juden außer ihr wären. Das ist seine ganz besondere Art, außer der Welt zu sein, denn er weiß, daß er schwerlich selbst außer der Welt sein kann, also denkt er sie sich ohne das, was seine Wut erregt. Der Antisemit ist ein Utopist ohne Utopie, einer, der die Welt verbessern zu wollen glaubt, dem dazu aber nichts anderes einfällt als sie zu reinigen. Der Herr Zeisig, heißt es in den »Flüchtlingsgesprächen«, räumte jeden Morgen den Schreibtisch des Physikers Ziffel auf, indem er alle herumliegenden Notizzettel in den Mülleimer warf. Als die Nazis an die Macht kamen, trat er bei. Brecht war ein großer Realist. Alle Antisemiten können sich unter Ordnungschaffen nichts anderes vorstellen als den Staubsauger anzuwerfen. Sie wissen nicht, wie sie die Teile anordnen sollen, also ins Nichts mit ihnen. Nur das Ganze ist das Wahre, und daher neigt derjenige, der im Theoretischen das Ganze nicht zu fassen bekommt, am ehesten dazu, im Praktischen nach der ganzen Lösung zu rufen.

Wie überall jedoch gibt es auch in der Unduldsamkeit Grade und Übergänge. Manch einer, der auf der Stiege bloß ein paar Stufen tiefer steht, glaubt von sich, nicht auf demselben Holzweg zu sein. Den jüngsten Fall solcher Selbstaufwertung an der bloß graduellen Differenz macht die neue Einheitsfront gegen die ruchbar gewordenen Exzesse vorzüglich muslimisch sozialisierter Teilnehmer am Rande der gerade laufenden Gaza-Solidaritäts-Demonstrationen. Dort kann man Sinnsprüche wie »Jude, Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!«, das unvermeidliche »Kindermörder Israel!« oder ganz simpel: »Adolf Hitler! Adolf Hitler!« ebenso hören wie der unbehinderten Jagd auf des Judentums verdächtige Passanten beiwohnen. In Hagen lieh die Polizei den Demonstranten endlich gar ihr Dienstmegaphon – was man eben so tut, um zu deeskalieren. Irgendwo aber hört der Spaß selbst für die bürgerliche Mitte auf. Die BILD-Zeitung trommelte daher am 25. Juli unter dem Titel »Stimme erheben: Nie wieder Judenhaß!« ein gesamtdeutsches Gefolge aus Konzernlenkern, Fußballprominenz, Talkmastern, Politikern, Schauspielern, Journalisten und anderen Tuis zusammen, unter denen auch der Pastor Gauck nicht fehlen durfte. Und der hatte schon zwei Tage zuvor Bahnbrechendes für die Antisemitismusbeforschung geleistet – zwei Sätze, die mir jetzt Anlaß sein sollen, ein Phänomen auszuleuchten, das beinahe durchgängig zu kurz kommt: den Antisemitismus der bürgerlichen Mitte.

Mein Koordinatensystem wär nämlich arg demoliert gewesen, hätte Joachim Gauck das eine Mal, das er dann doch auf der richtigen Seite stand, die Sache nicht gleich wieder vor die Wand gefahren. Natürlich kann einer, bei dem überhaupt schwer zu erkennen ist, ob sekundärer Antisemitismus[1] aus Antikommunismus folgt oder umgekehrt, nichts Wesentliches beitragen, wenn es darum geht, einen antisemitischen Mob auf den Begriff zu bringen. Er wird, soll das heißen, selbst diese Gelegenheit nutzen, seine Prioritäten durchzudrücken. Wer keinen Gedanken gegen den Nationalsozialismus verwenden kann, ohne immer auch gleich auf den Sozialismus zu kommen, dessen Prioritäten sind kenntlich. In seinen trübsten Stunden setzt Gauck DDR und Nazireich einfach in eins, während seiner nüchternen Phasen ist er versierter und setzt beides bloß permanent in Beziehung, wodurch eine Art Gleichsetzung der Gewohnheit entsteht, von der der Begriff selbst lieber nicht allzu Genaues wissen will, auf deren Wirkung man sich aber beruhigt verlassen kann. Es ist wie bei den leichten Mädchen am Hafen. Man muß ihnen nicht nachweisen, daß sie selbst stehlen, saufen und die Zeche prellen, es reicht, wenn man erwähnt, daß sie dauernd in Gesellschaft von Schurken anzutreffen sind, die ebendas tun.

Die Vergemeinschaftung von Sozialismus und Nationalsozialismus hat für einen, der von Gauckens Standort her denkt, zwei ungemeine Vorteile: Einesteils wird der Nationalsozialismus auf die Art verharmlost und die Entschuldung der deutschen Volksseele vermittels Relativierung der Naziherrschaft vorangetrieben. Zumal in der rhetorischen Figur von den zwei deutschen Diktaturen ein gleitender Übergang zur Jetztzeit geschaffen ist, in dessen Ablauf wenigstens die Befreiung von der zweiten Diktatur dem Deutschen Volke ganz allein gelungen ist. Andernteils wird die eigene Biographie aufgewertet, weil man sich als Gegner eines Quasi-Faschismus inszenieren kann. Der ostdeutsche Dissident a.D. sehnt sich danach, auch ein wenig Weiße Rose gewesen sein. Letzteres ist, als Mechanismus, auch bezogen auf unsere Gegenwart durchaus nicht unverbreitet; ein bemerklicher Anteil aller politischen Lager läßt sich immer wieder dazu hinreißen, die erkorenen Feindbilder (Israel, USA, Venezuela, Syrien, Rußland usw.) zu neofaschistischen Gebilden hochzugaukeln, wodurch gleichsam als behaglicher Kollateralschaden die eigene Bedeutung im Widerstande wächst.

Wo Gauck nun einmal gezwungen ist, ganz in der Gegenwart zu bleiben, muß folglich ein Ersatzmuster her, das die erwähnten zwei Funktionen – Reinigung und Sublimierung – bedient, und ich zitiere jetzt endlich seine zwei Sätze:

»Antisemitismus, auch wenn er neu ist, wenn er aus ausländischen Gesellschaften importiert wird, der wird genauso wenig geduldet wie ein alter, autochthoner Antisemitismus, den es in einigen rechtsradikalen oder linksradikalen Milieus gibt. Wir nehmen alles ernst.«[2]

Der zweite Satz ist zugleich sehr ehrlich und sehr gelogen. Interessant ist, welchen sozialen Ort der Rhetor hier unerwähnt läßt, seinen eigenen nämlich. Es gibt demnach einen muslimischen Antisemitismus, einen linken und dann noch einen rechten. Gauck Ende!

Zunächst also hätten wir hier die Unterscheidung eines importierten von einem autochthonen Antisemitismus, was historisch zwar auseinandergehalten werden muß, bei Gauck aber bereits der Aufwertung des eigenen Standorts dient. Der deutsche Antisemitismus, soll damit angedeutet werden, hetzt lediglich in den Kommentarspalten von Onlinejournalen, der aus dem Orient hergebrachte auch über die Straßen. Nur aber ist der keineswegs stärker verbreitet als der eingeborene der Deutschen, weder insgesamt noch anteilsmäßig in den betreffenden Schichten. Er ist nur primitiver in der Wortwahl und insgesamt rabiater. Er kommt aus Köpfen, die nach ganz einfachen Strickmustern arbeiten, die irgendwo zwischen dem 7. Jahrhundert bei Mekka und dem 16. vor Wien hängengeblieben sind, die die geistige und technische Verfeinerung der Moderne wie die moralische Erschütterung des Holocausts nicht durchlaufen haben, denen also vernichtungsblinde Parolen in Verbindung mit dem Ausdruck »Jude« ungehemmt von den Lippen gehen, denen es leichtfällt, den Holocaust für eine Lüge und die Juden für geheime Weltregenten zu halten, denen Rassismus als Herleitung des eigenen Herrschaftsanspruchs – gestaltet in den komplementären Mythen von der eigenen Grandiosität und vom Minderwert der Juden – ein unverdächtiges Mittel ist, die Darwin für einen Scharlatan und Homosexualität für eine Sünde halten, die im vollen Ernst – und gleichermaßen bestärkt vom TV-Sender aus der Heimat wie vom Imam um die Ecke – die alten Legenden über Brunnenvergiftung, Ritualmorde etc. glauben und im Ablauf eines Tages vermutlich häufiger »Allahu akbar« sagen als unsereins das Wörtchen »so«.

Diese primitiven Atavismen in einer Zeit der Aufklärung, Komplexität und Beweglichkeit sind verstörend, aber sich darauf zu kaprizieren hieße den Antisemitismus verkennen, der sich mühelos in jeden sozialen und kulturellen Kontext übertragen kann und in das Zeichensystem eines jeden Zeitzusammenhangs so integriert, daß er als genuines Element einer jeden Gegenwart erscheint. In dieser Eigenschaft, sich anpassen zu können und gerade in dieser Anpassung sein Wesen zu bewahren, bleibt er sich ebenso treu wie in seiner nie verrückbaren Zielsetzung. Was sich ändert, sind die Ausdrucksformen, die Sprache, die Herleitungen und die Beispiele, die herangezogen werden. Was sich nicht ändert, ist das zugrundeliegende Unbehagen, das seine Lösung nur in der Eliminierung eines ausgesuchten Elements – dem Juden, der ADL, dem israelischen Staat – finden kann.

Gauck selbst ist dem, was er sich kritisch vornimmt, näher, als ihm klar oder lieb sein kann, was mit der Scheidung des autochthonen Antisemitismus in einen rechten und einen linken noch deutlicher wird. Er reproduziert einfach seine zwei deutschen Diktaturen, die er ja allzeit in der Westentasche bei sich führt, im politischen Spektrum der Gegenwart, und ein Antisemitismus der bürgerlichen Mitte ist damit nicht vorgesehen. Gauck hätte die Zeit gehabt, ihn zu erwähnen; er hat es nicht getan. Daß er rechts und links miteinander vergemeinschaftet, ist seine Gewohnheit, aber auch Gewohnheiten ja werden einem Menschen nicht zugeteilt, er nimmt sie aus seinem Handeln heraus mit der Zeit an, und sie bedeuten was.

Die bürgerliche Mitte ist die comfort zone der Bourgeoisie, der Ort, an dem das Bürgertum gern bei sich ist und ungern Abweichung duldet. Es sieht sich als gemäßigt zwischen den Rändern, ohne zu begreifen, daß diese Ränder bereits Teil von ihm selbst sind; es sieht sich als Weg der Vernunft, obgleich das, was es für die Vernunft der goldenen Mitte hält, nichts anderes ist als das Graubild eines Mangels an Phantasie. Der Judenhaß kommt in der Vorstellung dieses Milieus nicht aus der Gesellschaft selbst, nicht aus ihren Strukturen oder ihrer Normalität, sondern findet nur dort statt, wo man mit ihr aus diesen oder jenen Gründen unzufrieden ist und seine Unzufriedenheit nicht hat bewältigen können. Es ist allerdings seit etwa einem Jahrzehnt fast ein Gemeinplatz geworden, daß Antisemitismus an allen Orten der Gesellschaft zu finden ist. Die Konservativen, die Liberalen, die Grünen, die Sozialdemokraten, die Linken, die Kommunisten – sie alle, ausgenommen die völkische Rechte, zerfallen in einen antisemitischen Teil und einen, der es eher nicht ist. Das juste milieu, das sich nicht selbst in Frage stellen darf, behandelt diese Evidenz daher wie eine unerfreuliche Abweichung. Das nicht zu leugnende Vorkommen des Antisemitismus der Mitte erscheint als eine Ansammlung bedauerlicher Einzelfälle. Man separiert – ganz so, wie man es aktuell auch mit dem Maidan und seinem Rechten Sektor tut – eine wahre bürgerliche Mitte von der realen, und alles, was an suspekten Leuten und Denkweisen in der realen Mitte wahrgenommen werden kann, gilt als der wahren Mitte nicht zugehörig, als bloß hineingestoßen.

Diese Ahnungslosigkeit ist organisiert und schließt die Ignoranz des Umstands ein, daß, während es keinen völkischen Rechten gibt, der nicht auch Antisemit wäre, die Linke, selbst die radikale, schon lange eine starke und stärker werdende Bewegung gegen ihren »Sozialismus der dummen Kerls« hervorbringt, die mehr zur begrifflichen Erschießung des Phänomens geleistet hat als jedes andere politische Lager. Wenn es hingegen ein Milieu gibt, in dem der Antisemitismus zugleich mehrheitlich, unbegriffen und verleugnet geblieben ist, dann ist das in der Tat das juste milieu, an dem Sozialdemokraten, Grüne, Liberale und Konservative, also jenes ekelhafte Konsensdeutschentum, das sich auf einen Präsidenten Gauck zu einigen imstande war, gleichen Anteil hat.

Daß es sich nicht um ein bloßes Denkproblem handelt, sieht man daran, daß auch befugte Köpfe dieses Milieus davon affiziert sind, will sagen: daß auch solche, die die Mechanismen des Antisemitismus gut kennen, den Ort der bürgerlichen Mitte, dem sie selbst angehören, vor dem hartem Urteil bewahrt sehen wollen. Es war fast rührend zu lesen, wie etwa Monika Schwarz-Friesel im Zusammenhang der Bewerbung ihrer exzellenten Studie über die Sprache der Judenfeindschaft nicht müde wurde, sich darüber zu wundern, daß die ruchbaren Stereotype und Denkmuster ausgerechnet von Vertretern gesitteter Kreise (Akademikern, Lehrern usw.) mit besonderem Eifer gepflogen werden. Mag sein, daß diese Verwunderung taktische Motive hat, dann wäre die Taktik falsch, denn sie bestärkt das Milieu in seinem ungebrochenen Verhältnis zu sich selbst. Wo die bürgerliche Mitte als Gestalt des gesellschaftlichen Verkehrs grundsätzlich affektiv besetzt ist, muß es in der Tat ganz sonderbar scheinen, daß der Antisemitismus auch aus dieser Mitte kommen kann. Tatsächlich aber hat er gerade in ihr seine eigentliche Heimat.

Retrospektiv erscheint der Antisemitismus dem oberflächlichen Verstande als untrennbar verbunden mit der Praxis des Völkermords und damit als Grenzfall, der von der Normalität (dem Kernstück im Selbstverständnis der bürgerlichen Mitte) zu trennen sei. Der Holocaust ist jedoch das Ende eines langen Prozesses, und zwar, obgleich von allen das furchtbarste, eines unter mehreren. Der Vorwurf des Antisemitismus bedeutet ja zunächst durchaus nichts anderes, als das Vorhandensein einer bestimmten Denkart, einer bestimmten Abneigung zu konstatieren. Ironischerweise macht sich das lebendige Ressentiment die geschichtliche Verbundenheit der antisemitischen Haltung mit dem Holocaust zunutze, indem es sich mit dem Verweis auf den nicht zu leugnenden Unterschied zwischen der eignen Manier und der Bestialität der Nazis einen Ablaß verschafft. Diether Dehms berüchtigtes: »Antisemitismus ist Massenmord und muß dem Massenmord vorbehalten bleiben!«[3] hat hierin seinen Hintergrund, aber man darf auch an Jakob Augsteins weniger plumpe Verteidigung gegen das SWC denken, in der er feststellte, daß Vorwürfe gegen seinen »kritischen Journalismus« den Kampf gegen den wahren Antisemitismus schwächen. Zwischen diesen beiden Varianten ungefähr bewegt sich das abwehrende Denken der bürgerlichen Mitte. Die tausendfach zu Tode gerittene Standardphrase »Kritik an Israel ist nicht antisemitisch« und ihre zahllosen Schwestern wären nicht möglich ohne diesen Grundgedanken. Der Völkermord wird zum Schutzschild des gemäßigten Antisemitismus, wir sehen das lebendige Ressentiment in seiner zweckmäßigen Aneignung der Singularitätsthese.

Das umstandslose Identifizieren des Antisemitismus mit dem Holocaust hat aber einen weiteren Vorteil. Zum einen, wie eben angerissen, nutzt der moderne Antisemit diese Gleichsetzung, um sich selbst unverdächtig zu machen. Da ihm niemand im Ernst vorwerfen kann, er betreibe oder plane gerade einen Völkermord, sieht er sich aus dem Schneider und kann alle konkrete Kritik seiner Äußerungen als gegenstandslos vom Tisch fegen, ohne sich ihr selbst stellen zu müssen. Der andere Vorteil liegt nun darin, daß man durch die Bindung des allgemeinen Ressentiments an die besondere Erscheinung des Nazistaats das Volk, also jenen Organismus, dessen Teil man ist und in dem man sich eigentlich recht wohl fühlt, nachträglich und vor allem auf die Gegenwart hin entschulden kann. So erscheint das Volk als bestenfalls anfällig für Verführung und allemal als Opfer einer staatlich organisierten Umschulung. Der Holocaust wird rationalisiert, als blankes Wirtschaftsunternehmen verstanden oder als Maschinerie mit einer unheimlichen Dynamik, die die Beteiligten mit hinfortgerissen habe.

Diese Verschiebungsarbeit vom Menschen auf den Staat wird in einer weiteren, kaum minder populären Lesart aufbewahrt, die den Antisemitismus als eine Version des Etatismus deutet. Zwar geht dieser Ansatz an die Graswurzeln zurück, aber er mittelt die Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft und, im Gefolge Sartres, die Angst vor der Freiheit als die eigentlichen Quellen des Antisemitismus aus und setzt sodann diese Stimmungen dem Etatismus gleich, was keiner der beiden Seiten wirklich gerecht wird, denn natürlich hat es immer auch reflektierten und nicht einfach bloß angstbesetzten Etatismus gegeben, und – wichtiger – der Antisemitismus als Haltung geht im autoritären Charakter keineswegs vollständig auf. Die Vorstellung des Etatismus als Dehnstufe des Antisemitismus oder des Antisemitismus als Schwundstufe des Etatismus geschieht ungeachtet der historischen Wege des Judenhasses, ungeachtet auch des besonderen Charakters des NS-Staats, den Franz Neumann sehr treffend als Behemoth beschrieben hat, als un-staatlichen, partikularen, dauerhaft terroristischen Staat, der das Ständische auf der Ebene des Staatlichen reproduziert und damit die Staatlichkeit im Staate austilgt.

Historiographisch muß die anti-etatistische Lesart einen nicht geringen Teil der vitalen Quellen des Judenhasses ausblenden, und hier wäre nicht erst die Tradition der Judenfeindschaft im nationalen Liberalismus zu erinnern (Freytag, Raabe, Beuth, List, Treitschke usw.). Bereits das Trachten von Ernst Moritz Arndt, Jakob Friedrich Fries & Hartwig von Hundt-Radowsky kann ebenso wenig für etatistisch gelten wie das heutige Gezeter unserer Grasse & Augsteine, während zum anderen das sich emanzipierende Judentum im deutschen Bonapartismus (Hardenberg, Dahlberg, Montgelas) seine mächtigste Schutzmacht hatte. All das seien nur Streifzüge; sie sollen nicht das Ressentiment einer bestimmten politischen Strömung zuordnen, sondern im Gegenteil zeigen, daß es sich einer allein nicht zuordnen läßt. Man muß es, ich wiederhole mich, weniger im Inhalt als vielmehr in der Haltung suchen. Auf die Spur seiner Kontinuität nämlich gelangt man dem Antisemitismus viel eher, wenn man den Gedanken der ständischen Freiheitlichkeit verfolgt. Also jene Freiheit im Sinne des Rottengeists, der sich selbst befreienden Brothers in Crime, der ständischen Subjektivität, die ihre Privilegien verteidigt oder neidvoll ihre wirtschaftlichen und politischen Niederlagen verarbeitet. In diesem nicht so sehr liberalen, sondern dezidiert freiheitlichen Bewußtsein sieht man im Juden ebenso sehr einen privatwirtschaftlichen Konkurrenten, wie man an ihm die Idee der Staatlichkeit haßt.

Dieser Zusammenhang wird zunehmend verdeckt, weil der Forschungs- und Schriftbetrieb unserer Tage von neoliberalen und neokonservativen Denkern sowie vom ex-linken Flügel der Ideologiekritik stark beeinflußt ist; worin ein lebhaftes Interesse herrscht, das verabscheute Modell des Sozialstaats zu diskreditieren – ein Phänomen, über das gesondert zu handeln wäre. Aus dieser Deutung jedenfalls folgt, und sogar stringent, daß die eigentliche Heimat des Judenhasses bei den Rändern der Gesellschaft zu suchen sei. Die Juden aber stehen in der Tradition des Antisemitismus nicht nur für das Geld (also den freien Markt), sondern wurden seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert (den Emanzipationsedikten, der bonapartistischen Befreiung usw.) insbesondere auch als Nutznießer und Gehilfen, schließlich gar als geheime Lenker des modernen Staats genommen. Die Romantik hat dem modernen Beamtenstaat ihre Idee des Ständischen entgegengesetzt – verkörpert ebenso in den völkischen Entwürfen Arndts und Jahns wie in der unverblümten Verehrung des Mittelalters durch Novalis u.a. Der Rottengeist der Stände focht gegen den Code civil, gegen eine die Gleichheit aller Bürger bestimmende Verfassung. Die Juden wurden in diesem Kampf zum Schibboleth dieser Entwicklung. Diese Zuschreibung blieb dynamisch; sie setzt sich fort, nicht bloß zu den Nazis, sondern bis hin zu Teilen der heutigen Israelkritik. In der antisemitischen Haltung fallen Angst vor der Freiheit (ungeregelte Konkurrenz des Marktes) und Angst vor der Unfreiheit (Staatlichkeit) zusammen.

Daß sein Judenbild disparat ist, darf ausgerechnet beim Antisemitismus nicht wundern. Geschichtliche Dialektik erscheint im schlichten Bewußtsein immer als Irrationalität, aus Widerspruch wird Widersinn, wodurch dieses Bewußtsein sich dann stets zu abwegigen Deutungen provoziert sieht. Der zur wirtschaftlichen Stärke hinzutretende politische Aufstieg der Juden wird in den geläufigen ideologischen Verarbeitungen dieser geschichtlichen Prozesse nicht begriffen, aber gespiegelt. Joseph Süß Oppenheimer ist nicht bloß reich, sondern zugleich Berater des Fürsten, und dem Staate Israel wird noch heute, bald siebzig Jahre nach der Gründung, sein künstlicher Charakter vorgeworfen, dem der naturale, organische Charakter der arabischen, vorgeblich »autochthonen« Bevölkerung entgegengesetzt wird. In den »Protokollen der Weisen von Zion« wird den Juden das Gedankengut Machiavellis (Version Joly) untergeschoben, also eine extrem etatistische Position.

Auf eine Weise ist in dieser Paradoxie des Juden die Paradoxie des Staates selbst ausgedrückt, die das Bürgertum stets fühlt. Der Staat erscheint als machtvoll, damit garantiert er einerseits die ruhige Entfaltung von Handel und Wandel, schränkt aber andererseits die Freiheit ein. Das erfolgreiche Bürgertum will Recht & Ordnung, aber keine Zölle & Steuern. Das nichterfolgreiche Bürgertum will eine gewisse Absicherung vor der Armut, Rache sicher auch an den Emporkömmlingen, aber keine staatliche Willkür. Im Staatsbild konvergieren die Ängste der Gewinner und Verlierer der bürgerlichen Gesellschaft. Im Antisemitismus, wie gesehen, tun sie das auch. Sein personeller Bestand reicht von Verlierern wie Hundt-Radowsky bis zu Gewinnern wie Henry Ford. So erscheint der Staat als von Juden unterwandert oder diese zumindest begünstigend, und natürlich liegt schon in der Unterscheidung von künstlichen und natürlichen Staaten die Auflösung des Staatsbegriffs, weil alle Staaten künstlich gebildet sind und in der vom Nationalsozialismus ebenso wie von Teilen heutiger Israelkritikern gepflogenen Vorstellung eines Naturstaats jene ständische Hoffnung auf Freiheit im Tun und Sicherheit im Erleiden Ausdruck erhält. Der Naturstaat ist die mit letzter Konsequenz ins Praktische gewendete Vorstellung jenes paradoxen Verhältnisses des Bürgertums zu seiner eigenen Umgebung, zu Gesellschaft und Staat, der zwanghafte Versuch, beides zu verschmelzen, was nichts anderes als die Rücknahme des Staates in die Gesellschaft bedeutet. Die vitale Vereinigung dessen, was sich nicht vereinen läßt und folglich, in der Praxis, einen Zustand des anhaltenden Terrors hervorbringen muß.

Von diesem Terror will die Ideologie des Naturstaats natürlich nichts wissen. Solange sie ganz bei sich, also, wie oben gesagt, außer der Welt ist, dünkt sie sich friedvoll. Sie nimmt das Konstrukt der Volksgemeinschaft her und nutzt diese Vorstellung eines vermeintlich gewachsenen und natürlichen Gebildes als Grundlage und insbesondere als Kitt, besagte Paradoxie in seinem Staats- und Gesellschaftsbild zu stopfen. Und das funktioniert, wie oben angedeutet, der Gestalt nach ebenso gut ein paar Stiegen tiefer, also dort, wo nicht unbedingt biologische Begründungen herbeigeholt werden müssen, um der Gemeinschaft ihre Einheit zu verschaffen. Auch die moderne Volksgemeinschaft braucht den Ausschluß des inneren Feindes ebenso braucht wie den des äußeren. Sie braucht ein gereinigtes Wir.

Ich komme jetzt auf Gaucks »Wir nehmen alles ernst« zurück. Es ist ja ein ausschließendes, ein gereinigtes Wir, das im Resultat nicht nur die feindlichen Elemente ausgestoßen, sondern sich selbst damit als makellos hergestellt hat. Die schmutzige Realität wird zugunsten der reinen Idee abgestoßen. Der bloß ideale Zugriff auf Verhältnisse, die eigentlich begriffen sein wollen, ist offensichtlich, die Identifikation damit auch. Es ist zwar nie ganz sicher, ob Gauck, wenn er »Wir« sagt, nicht eigentlich doch wieder bloß »Ich« meint, doch in jedem Fall muß der immanente Widerspruch des eigenen Geflechts ausgelagert werden, damit die Gesellschaft, in der Gauck sich gleichsam selbst erkennt, weiterhin dem ähnelt, was Gauck für ebenso gaucksch wie anbetungswürdig hält. Der Rechtsstaat also soll reingehalten werden, indem seine unreinen Elemente auf negative Objekte übertragen werden, die diese dann als Vergegenständlichung des Unreinen auf sich nehmen. Und das ist haargenau der Mechanismus, in dem Antisemitismus von jeher funktioniert hat, weshalb auch nicht verwunderlich ist, daß die Gedankenbahnen des juste milieu, das ja bloß dem Namen nach das gerechte und tatsächlich das selbstgerechte ist, besonders geeignet scheinen, in veritablen Antisemitismus umzuschlagen. Ich sage das nicht, um den subjektiv sicher ehrlich gemeinten Kampf gegen bestimmte Formen des Antisemitismus zu diskreditieren. Ich sage es, um zu zeigen, daß Gauck und sein Milieu selbst in der Kritik des Antisemitismus noch dessen grundlegende Muster reproduzieren.

Natürlich ist die bürgerliche Mitte voll von allem Möglichen. Je nach Kriterium neigen zwischen 40 und 60 von 100 mehr oder minder zum Antisemitismus.[4] Man trifft hier glühende Antizionisten ebenso wie erklärte Freunde des israelischen Staates. Und dazwischen brechen sich die Schattierungen des guten Bewußtseins, das schon mal solidarische Kritik mit Israel übt, den jüdischen Gemeinden in Europa zurät und sich sorgenvoll fragt, wohin das freche Treiben Israels und seiner Lobby uns dereinst noch bringen wird. Oder, von der anderen Seite, jene Gestalten, die ihre Solidarität mit dem Judenstaat nicht ohne rassistische Ausfälle gegen die arabische Seite durchhalten zu können scheinen und in dieser Solidarität zugleich ein affirmatives Deutschlandbild zu retten versuchen, was heute weniger grobschlächtig funktioniert, doch schlechterdings mit der BILD-Zeitung seinen Anfang nahm, die im Juni 1967 Moshe Dajan als den »Rommel Israels« bezeichnete und damit noch im Beistande Israels den positiven Bezug auf den Nationalsozialismus wieder herstellte.

Immer geht es in diesem Milieu um Positionszwang. Was die Überlegung nicht leisten kann, soll die Standfestigkeit kompensieren. Regelrecht besessen kreist man um die Frage, bis wohin Solidarität mit der einen oder der anderen Seite gehen darf und kann. Einige setzen die Grenze beim Existenzrecht, andere beim Umschlag ziviler Formen des Widerstands in Terror. Und jeder, aber auch wirklich jeder hat einen Friedensplan in der Tasche und weiß ganz genau, was passieren muß, damit endlich Harmonie waltet. Man kann dieses gesamte Milieu, wie es trinkt und haßt, an eine Fensterscheibe halten und mit dem Bleistift zu einem Weichbild abpausen. Was wir erhalten, ist eine Typologie, also ein Portrait ohne Namen und Adresse, aber mit einer gewissen Aufenthaltswahrscheinlichkeit, deren Unschärfe sich daraus ergibt, daß wir seinen Impuls präzis bestimmt haben. Also das Bildnis des AdbM, des Antisemiten der bürgerlichen Mitte, dessen charakteristischer Spleen, wie eingangs behauptet, unbegriffen und verleugnet ist.

Derart bestimmt kann man das Abstraktum ins Konkrete zurückholen. Denken Sie an die Berichterstattung der großen Zeitungen von FAZ bis taz, von SZ bis ZEIT, von Frankfurter Rundschau bis NZZ. Dazu die Fernsehsender, die privaten und die staatlichen. Denken Sie an die manipulativen Headlines von Spiegel Online oder des Focus (»Israel droht mit Selbstverteidigung«, »Weiter Raketen auf Israel, aber Waffenruhe hält vorerst an«, »Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza« usw.). Dann denken Sie sich die grobe Masse derer, die diese Organe konsumieren. Denken sie Produzenten und Konsumenten dieses Betriebs zusammen, als ein Milieu, und Sie haben einen plastischen Eindruck von der bürgerlichen Mitte. Wir reden von Leuten also, die Bonuspunkte sammeln, informierte Verbraucher sind, wählen gehen, ZDF schauen und sich freuen, wenn unsere Jungs ins Finale der WM kommen. Die finden, daß Angela Merkel »unser« Land »toll« repräsentiert, und Joachim Gauck für einen Intellektuellen halten. Die glauben, daß die Menschen in der Ukraine ihre Freiheit bekommen, wenn ein und dieselben Oligarchen ihre Geschäfte mit der EU statt mit Rußland machen. Die einen Beitrag leisten wollen, sich gründlich informieren und auch mal den Mut haben, Amerika zu kritisieren. Die in die Spiegel-Sachbuch-Rankings gucken, wenn sie wissen wollen, was sie zum Geburtstag verschenken sollen. Man sieht: Der wahre Rand liegt in der Mitte, und er führt in den Abgrund.

Es geht im juste milieu selten um erklärten Antizionismus. Der AdbM gesteht Israel in aller Regel generös ein Existenzrecht zu – das nämlich, denkt er, sei es: ein Recht und kein Erfordernis –, und nur in Ausbrüchen, in der Bedrängnis der Diskussion, wenn er in Rage ist oder einfach zur fortgeschrittenen Stunde am Stammtisch, entfleuchen ihm Gedanken, wie etwa, daß »die«, wenn sie sich weiter so verhalten, allmählich ihr Recht – ja, wieder: ihr Recht – verspielen, selbstbestimmt und souverän im eigenen Staat zu leben. Und dieses »die« bleibt so vage, daß nie ganz klar ist, wer eigentlich damit gemeint ist: die Juden, die zionistische Lobby oder doch bloß Israel. Wie der Herr Puntila wird der AdbM desto menschlicher, je mehr er getrunken hat. Er liebt Grundsatzdebatten, aber keine komplizierten Erläuterungen. Nicht nur seine Steuererklärung, auch sein Nahost-Schema muß auf einen Bierdeckel passen. Das ideologische Gerümpel des Antiimperialismus langweilt ihn ebenso wie Darlegungen zur jüdischen Finanzherrschaft. Es geht ihm um Israel, das er so gern lieben würde. Er pflegt, kann man sagen, einen Antisemitismus jenseits von Jud und Börse.

Was aber motiviert ihn? Natürlich finden sich beim AdbM einige klassische Elemente, die man auch von anderen Ausprägungen kennt und die ich zum größeren Teil an anderen Stellen schon behandelt habe: die Romantik des Weltfriedens, der Opferneid, die Schuldumkehr, die Parteinahme für den Schwächeren, das Appeasement gegenüber dem Terror. Spezifisch am AdbM scheint mir indes eine Quelle vor allen anderen zu sein, die als einzige auch erklären kann, warum der latente Haß der bürgerlichen Mitte in- und extensiv im Verlauf des zurückliegenden Dezenniums zugenommen hat. Die Formel lautet: In der Parteinahme gegen Israel beruhigt der AdbM sein sozial bedingt schlechtes Gewissen.

Dieses schlechte Gewissen erhält seine Impulse demnach nicht aus der internationalen Sphäre, sondern aus der Involviertheit in die sozialen Prozesse des eigenen Landes; und es hat nichts mit der deutschen Vergangenheit zu tun, sondern mit der europäischen Gegenwart. Als 2003 unter der Schirmherrschaft der Herren Schröder und Chirac eine europäische Fronde gegen die amerikanische Hegemonie gebildet wurde, fanden die Linke und die Mitte in einem gemeinsamen Anliegen zusammen. Daß man mit guten Gründen gegen den Irakkrieg sein konnte, entschuldigt die deutsch-französische Volksfront, die aus schlechten Gründen gegen ihn war, kein bißchen. Sie war eine Koalition der Unwilligen – unwillig, eine Lage zu durchdenken, unwillig, akzeptieren zu können, daß die USA nach wie vor an der Stelle stehen, an die ein von Deutschland und Frankreich geführtes Europa sich selbst wünscht. Die Linke und die Mitte verwuchsen in diesen Tagen zu einer aktiven und zunehmend auch gedanklichen Einheit. Bei den linken Teilnehmern der Fronde scheint das Hauptmotiv in dem Bedürfnis zu liegen, endlich anzukommen in der Gesellschaft, nicht länger marginalisiert, isoliert zu sein und nicht länger den Spott über angebliche Weltfremdheit ertragen zu müssen. Jeder Linke wußte, wer Schröder war und was er wollte, und dennoch feierte man ihn als Helden. Das Bedürfnis, nicht mehr am Rande zu stehen, ist eine der mächtigsten Wurzeln des Opportunismus.

Die Vertreter der bürgerlichen Mitte hatten die gegenteilige Strebung; sie sind auf der Suche nach dem Anstrich des Gesellschaftskritischen. Nine-Eleven, Afghanistan, Irak waren bloß äußerliche Vorgänge für die Europäer, und 2003 zugleich das Jahr der Agenda 2010, worin jeder spürte, daß der von jeher bloß fragmentarisch vorhandene Sozialstaat aufgelöst werden würde. Dennoch blieben die meisten derer, die oberhalb der Armutsgrenze leben, letztlich untätig, weil Unbetroffenheit in aller Regel auch Gleichgültigkeit bedeutet. Man versteht das Bewußtsein der bürgerlichen Mitte nicht, wenn man es nicht als das gute Bewußtsein erfaßt, das Bewußtsein, das auf gute Weise gebildet ist, das Bewußtsein vom Guten, das Bewußtsein der Guten. Jeder will gut sein, zu den Guten gehören. Bewegt er sich am Rand der Gesellschaft, leistet die Vorstellung, gegen die herrschenden Mißstände zu sein, Abhilfe. In der Mitte hilft gar nichts. Man sieht die Armut, sieht die Marginalisierung der armen Schichten und hat selbst ganz andere Sorgen. Einige schieben es ganz weg, andere reden beim Tee über die schreckliche soziale Kälte, wieder andere tun was für die Umwelt oder wählen gleich SPD. Man wählt zwischen Verdrängung und Ersatzhandlung.

Der AdbM sinnt nach einer Möglichkeit, gut zu sein, ohne als Guter leben zu müssen. Er weiß im Grunde, daß er sich selbst am nächsten ist, daß er von der Armut anderer profitiert, daß er wegsieht, wenn Unrecht geschieht. Er braucht mit anderen Worten einen Gegenstand, an dem er kritisch tätig werden kann, ohne daß es Konsequenzen hat. Er braucht Israel, an dem er seine zwar toten, aber nie begrabenen Ideale wieder aufleben lassen kann. An dem er zu den Schwachen halten kann, ohne die eigenen Privilegien aufgeben zu müssen. So sieht er sich als Taube unter Falken und ist doch nur Wicht unter Wichteln.

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[1] Weiteres hierzu von Deniz Yücel: »Gauck und der Holocaust«, in der taz v. 22. Februar 2012.

[2] So geäußert am 23. Juli 2014 im Schloß Bellevue.

[3] 2009 auf dem Ostermarsch in Kassel.

[4] vgl. Antisemitismus in Deutschland. Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze, hrsg. v. Bundesministerium des Innern, Berlin 2011 (August), S. 55.

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