Felix Bartels

Feb 222017
 

 

Villeneuves »Arrival«

Wer breitbeinig flaniert, lädt dazu ein, dass man ihm in die Kniekehlen tritt. »Arrival«, dieser Film über die Sprache, das Universum und den ganzen Rest, scheint viel zu wollen. Daher darf man auch mehr von ihm wollen. Indessen ist, wer nicht vorhat, ihn wie einen gewöhnlichen Film zu behandeln, gezwungen anzugeben, wie er Filme gewöhnlich behandelt. Continue reading »

Feb 082017
 

Sieben Noten zur Antrittsrede von Donald Trump

Es fällt schwer, den Trump an Trump auszublenden. Den stets deplaciert wirkenden Hampelmann, narzisstischen Wichtigtuer mit Syntax und Wortschatz eines Viertklässlers, das Arschloch, das Behinderte nachäfft und Frauen wie Dreck behandelt, den hochmütigen Narren, der seine Unbildung für einen Vorzug hält. All das, und was dergleichen mehr ist, trübt den Blick auf die Politik, die sich in seiner Antrittsrede vorzeichnet. Man tue sie sich daher nicht als Aufzeichnung an, sondern lese sie. Das ermöglicht, Trump als politischen Akteur ernst zu nehmen, der etwas will und etwas verspricht. Continue reading »

Jan 302017
 

Die Revolution und die Nachgeborenen

Eine Revolution ist ein Anfang, ein Revolutionär ein Anfänger. Anfänge stinken, und das liegt nicht bloß an den Anfängern. Man begreift die Revolution besser, wenn man die Revolutionäre vor der Tür lässt. Das Ende des Anfängers Fidel Castro kann ein Anlass sein, genau das zu tun. Revolutionen passieren, und jeder weiß, warum sie passieren. Irgendwas müssen sie an sich haben, das die Nachgeborenen immer wieder zu jenen seltsam unzureichenden Urteilen veranlasst. Continue reading »

Jan 102017
 

Vor 90 Jahren hatte Fritz Langs »Metropolis« Premiere.

Wer den Film gesehen hat, ist selbst schuld

 

Der Stummfilm ist eine Laune der Natur. Ein unvollständig zur Welt gekommenes Genre, das nach kurzer Blüte vom Tonfilm verdrängt wurde. Möglich, dass auch das an Langs »Metropolis« verdrießt, der ungeheuer aufgepumpt noch einmal alles herausholte, was an Tugenden und Macken in der untergehenden Kunstform steckte. Ein wenig Unsicherheit mag hier bleiben, da der Film nicht vollständig erhalten ist und die hinzugeführten Elemente der spät restaurierten Fassung von 2010 stark gelitten haben. Obgleich statt der Lang-Fassung also bloß eine Langfassung greifbar ist, scheint heute ein wenigstens ungefährer Eindruck dessen möglich, was am 10. Januar 1927 bei der Premiere über die Leinwände ging. Continue reading »

Jan 052017
 

Dass wir sowas wie einen Agrarminister haben, merkt man immer erst dann, wenn mal wieder einer einen Bock geschossen hat. Unvergessen an dieser Front bleibt Karl-Heinz Funkes spanischer Trochäus: »Oldenburger Butter / Hilft dem Vater auf die Mutter«, bei dem verkorkste Metrik und bierseliger Sexismus eine formidable Einheit machen. Nun hat einer namens Christian Schmidt (nicht zu verwechseln mit dem bekannten Autor Christian Y. Schmidt) die Welt von seiner Existenz in Kenntnis gesetzt, indem er ankündigte, im Fall veganer Wurstprodukte gegen die Bezeichnung ›Wurst‹ vorgehen zu wollen, denn die sei … ja was? Irreführend. Ich finde zwar, auch nicht mehr als die Bezeichnung ›Minister‹, aber was weiß ich schon. Continue reading »

Dez 222016
 

Opportunismus und Reife

Wahrscheinlich ist es ein Fehler, beim Opportunismus immer gleich an Diederich Heßling zu denken. Er ist zwar stumpfsinnig und eine Petze, doch der eigentliche Opportunist ist Napoleon Fischer, der schlaue, der witzige, der durchaus nicht servile. Opportunismus ist Verrat, Opportunismus ist Fall. Es kann nur Opportunist sein, wer einmal Idealist gewesen ist. Erst dort, wo eine politische Idee verwirklicht werden soll, wo einer was will, das über das Bestehende hinausweist, geht von Opportunismus zu sprechen. Keine Destruktion ohne Konstruktion. Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen, sagt Helmut Schmidt und trifft damit auf verdrehte Weise. Wer Visionen hat, hat immerhin noch einen Grund, den Arzt aufzusuchen; wer keine Visionen hat, braucht nicht deswegen nicht zum Arzte zu gehen, weil er etwa gesünder wäre, sondern er kann sich den Besuch schenken, weil er schon lange tot ist, ehe er stirbt. Continue reading »

Dez 182016
 

Ein Klassiker mittlerweile ist auch die Klage darüber, wie sehr die Titanic sich doch verändert habe. Mitunter wird dieser Stoßseufzer der beengten Seele begleitet von der etwas scheinheiligen Frage, ob Satire vielleicht doch nicht alles dürfe, oder von derselben Intention, nur noch verdruckster, nämlich der Aussage, dass Satire ganz gewiss alles dürfe, sich jedoch disqualifiziere, wo sie gewisse Geschmacksgrenzen sprengt oder dumm ist oder ungerecht oder einfach zufällig irgendwas lächerlich macht, was der vorgeblich kategorische Kritiker persönlich gern hat.  Continue reading »

Dez 072016
 

Der linke Flügel des rechten Rands der nicht-linken Liberalen in Deutschland hat jetzt ein Autorenblog ins Leben gerufen, das uns als »Salonkolumnisten« fortan sicher noch ganz mächtig beschäftigen wird. Der Kalauer im Titel ist so schlecht, dass er von mir sein könnte. Immerhin. Ihr Manifest scheint dagegen ernstgemeint zu sein. Ist aber genau so lustig. Continue reading »

Nov 072016
 

Zur Deutung der Digression des »Theaitet« (172c–177c)[1]

Einleitung

Haben wir denn nicht Zeit, fragt Theodoros den Zeitvertreiber Sokrates, als befänden sie sich gleichsam auf dem Zauberberg, wo alles stillsteht und folglich die großen Fragen verhandelt werden können. Es scheint so, entgegnet ihm der andere, und man sollte nicht übersehen, daß, während das gesprochen wird, der junge Theaitetos anwesend ist und dem Disput der beiden Älteren lauscht wie Hans Castorp dem Streit zwischen Settembrini und Naphta. Wie interessant kann eine Erörterung sein, die man vor allem deswegen führt, weil man die Zeit dazu hat? Wir werden sehen, daß Sokrates, und mit ihm Platon, meint, daß gerade diese Art Gespräche die interessantesten sind. Wo nichts anderes zwingt, muß es die Sache selbst sein, die zur Abhandlung drängt. Wo etwas anderes zwingt, bleibt für die Sache kein Platz. Über sechs Stephanusseiten erstreckt sich jene Abschweifung in Platons »Theaitet«[2], die unter der Bezeichnung Digression[3] bekannt geworden ist und die da nicht stünde, hätten die Teilnehmer des Gesprächs nicht befunden, daß sie die Zeit besitzen, diesem Exkurs nachzugehen. Inmitten der streng auf die Frage, wie Wissen definiert werden könne, gerichteten Gesprächsführung setzen Sokrates und Theodoros die Erörterung dieses erkenntnistheoretischen Problems aus und beschäftigen sich mit einer Betrachtung, die eher dem Bereich der praktischen Philosophie zuzuordnen wäre: der Gegenüberstellung zweier Lebensweisen, der theoretisch-philosophischen und der praktisch-politischen. Dem nichtigen Treiben der Polis wird das erhabene Geschäft der Philosophie entgegengehalten; allein die Philosophie besitze einen wahren Begriff von Gerechtigkeit und ermögliche auf die Art das gute Leben. Was Wissen ist, erfahren wir in der Digression nicht. Continue reading »

Okt 262016
 

Über den eisernen Satz einer hölzernen Lady.

Das innerste Bekenntnis des Thatcherimus

 

Margaret Thatcher dürfte gewusst haben, was folgt, als sie am 23. September 1987 jenen Satz sprach, der eine Woche später im »Woman’s Own« publiziert wurde.[1] Derart wider das Offensichtliche redet man nicht, außer um der Wirkung willen. Es steht damit nicht anders als mit dem Gebrabbel des greisen Grass oder den aparten Thesen Sarrazins. Gerade Unzureichendes taugt zum innersten Bekenntnis. Der wahre Held fühlt seinen Mut erst dann, wenn er es nicht bloß mit dem Gegner, sondern auch mit der ganzen Wirklichkeit aufnimmt. Continue reading »

Okt 012016
 

Über den Nichtwähler und die intime Wut, die er auslöst

Kampf ist nicht gleich Krieg, Gewinnen nicht gleich Vernichten, das Durchsetzen einer Idee nicht der Versuch, sie sämtlichen Köpfen einzutrimmen. Eingestanden stellen politische Ideen Entwürfe menschlichen Zusammenlebens vor, die für alle gelten sollen. Jedes Urteil, sobald gedacht, jede Handlung, sobald begonnen, ist autoritären Charakters. Selbst das Nicht-Autoritäre muss autoritär werden, sobald es agiert. Politik wird von einigen betrieben, hat Folgen aber für alle. Meine Regierung ist nicht meine; ich habe sie nicht gewählt, dennoch regiert sie mich, und ich habe nur die Wahl, etwas dagegen zu tun oder mich gelangweilt abzuwenden. In jedem Fall spüre ich die Ideen anderer am eigenen Leib. Ich muss leben, wie eine ermittelte Mehrheit des Landes will. Menschen, die ich nicht ernstnehmen kann, entscheiden über mich. Heimatkunde, Lektion 1. Continue reading »

Sep 302016
 

Ich habe überhaupt nichts gegen Adaptionen. Jedenfalls nie, solange ich sie noch nicht gesehen habe. Bei »Ben Hur« z.B. ist schwer vorstellbar, dass die Vorlage (ich rede von Wylers Monster) überhaupt untertroffen werden kann. Dieser Film mit seinen 11 Oscaren nimmt sich mit verstörender Offenheit das Recht heraus, sein Publikum zu langweilen, und wär doch ein Meisterwerk, wenn man die meterschindenden Passagen, die Overtüren, Zwischenspiele, das sinnlose Herumstehen oder -laufen der Figuren aus ihm entfernte. Wenn man den wuchtigen jüdischen Racheplot nicht mit der christlichen Ödnis von Vergeben und Erdulden verpanscht hätte. 222 Minuten ließen sich problemlos auf 120 zusammenkürzen, und herauskäme ein Film, den man sich mehr als einmal ansehen kann. Auch das Remake, das jetzt ansteht, wird jene Macken nicht ganz loswerden können (sie liegen ja schon im Stoff selbst, Ben Hur ohne Jesus wäre nicht Ben Hur), aber es ist schwer vorstellbar, dass es ähnlich sadistisch gegen sein Publikum sein könnte. Continue reading »

Sep 232016
 

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Gewiss, dieser Schnappschuss, der zur Zeit die Runde macht, als handle es sich um den sterbenden Soldaten von Guernica, ist ungerecht. Er sagt eigentlich gar nichts, außer man möchte, dass er was sagt. Wir sehen, dass zwei politische Gegner, zwei Konkurrenten, am Rande einer Talkshow sitzen und lachen. Wir wissen nicht, was sie davor taten, und nicht, was danach. Dieses Bild zweier Rechtspopulistinnen herumzureichen ist selbst populistisch. Denn ebenso wie gilt, dass Bilder mehr Macht und Wirkung als Worte haben, ebenso ist wahr, dass im Kampf um Wahrheit und Wirklichkeit immer die Worte über die Bilder siegen. Wenn man sie denn lässt. Wer Bilder anstelle von Worten bemüht, setzt sich dem Verdacht aus, seinen Gedanken und seiner Sprache nicht hinreichend zu vertrauen. Das Bild schlägt sich im Zweifel immer auf die falsche Seite, weil es, anders als die Sprache, nie nicht-einseitig sein kann und an allem scheitert, was komplexer, vermittelter und widersprüchlicher ist als eine noch so exemplarische Aufnahme eines Moments, in dem – sonst wäre es keiner – die Zeit stillestehen muss. Nur was – was nur fehlt hier beim Gipfeltreffen dieser beiden Politikerinnen?, die wie kaum jemand anders zur Zeit die Wut der Straßen und Kneipen artikulieren und mehr (Wagenknecht) oder weniger (Petry) begabt und mit mehr (Petry) oder weniger (Wagenknecht) Authentizität dem einfachen Pinsel vom Gehsteig das Wort aus dem Mund nehmen, das er selbst nie darin hatte. Was fehlt? – die Worte natürlich:

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Sep 182016
 

Utopie und schweigende Mehrheit

Ein PS

Konstantin Bethscheider, mit dem mich etwas verbindet, das man vielleicht konzessive Freundschaft nennen kann, hat einen Home Run geschlagen. Nein, diese Metapher taugt nicht. Dass der Ball im Baseball gelegentlich aus dem Spielfeld befördert wird, ist regulärer Teil dieses Spiels. Kein Aus, sondern ein Punkt. Was hier gelang, gleicht eher einem großen Sprung von der kleinen Schanze. Wie immer das auch gehen soll. »Ein Wort für die schweigende Mehrheit«, dieser Essay, überschreitet sich selbst, indem er den vorgesehen Rahmen sprengt. Er handelt von einer sehr gegenwärtigen Stimmung, die das Spezifische unserer Zeit ausmacht – ästhetisch zunächst in noch genießbarer Form, politisch dann ganz entblößt in voller Hässlichkeit: der Geist der Marvel-Comics als Vorschein heutiger Zeloten von rechts. Also jener neueren Rechten, die von Donald Trump über die Orbáns/Petrys/Hofers bis hin zu Wladimir Putin gemeinsam einen Teppich stumpfsinniger Volksfürsorge übers Abendland legen. Continue reading »