Felix Bartels

Apr 302013
 

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Das Trauerspiel

Der Gegenstand ist groß. Groß und weithin unbegriffen. Auch von denen, die er angeht. Was vorderhand wenig besagt, denn wann jemals hätte irgendein Volk auch nur irgendwas begriffen? Es geht um die Abschaffung der Sklaverei in Nordamerika, und um die Art, wie sie vonstatten ging. Die Vereinigten Staaten haben eine kurze und schwungvolle Geschichte, und man muß auf diese beiden Eigenschaften das gleiche Gewicht legen, auch weil heute von diesem Schwung nur noch wenig zu erkennen ist. Ich zögere, das Wort Konservatismus zu verwenden. Das ist es nicht ganz. Es ist eher eine generelle Zuneigung zum Tradierten, womit ich nicht die Todesstrafe meine, den 2. Verfassungszusatz, das Prostitutionsverbot, das Geschworenengericht oder andere in vielen oder den meisten Bundesstaaten wirksame Rudimente vor-ziviler Gesellschaft, hinter deren Bestand wenigstens noch so etwas wie ein politischer Gedanke steht, sondern das fast liebevolle Festhalten an Verfahren und Einrichtungen, die so harmlos wie beschwerlich sind, keinen Sinn haben und für die lediglich spricht, daß sie das Leben ein wenig aufregender machen: vom Filibuster bis zu Dixville Notch, von der Verfahrensweise des Electoral College bis zu den Skurrilitäten in der regionalen Gesetzgebung, von der Abneigung gegen die Maßeinheiten des SI-Systems bis zum teuflischsten von allen: der Begnadigung von Truthähnen durch den Präsidenten. Hinter diesem Geklingel der Absonderlichkeiten steckt ein mehr kitschig als bedrohlich zu nennender Biedermeier-Patriotismus, der Menschen dazu bringt, in ihren Vorgärten die Nationalflagge zu hissen, selbst bei inländischen Sportveranstaltungen den Namen ihres Landes zu skandieren oder in den Public Scools morgendlich mit Beginn des Unterrichts einen Fahneneid abzulegen, gegen den das lustlos genuschelte »Immer bereit« der Jungpioniere nachgerade unaufdringlich wirkt. Das Biedermeiern ist leicht zu erklären. Man klebt am Alten, weil die Nationalgeschichte so jung ist. Die zählebigste Tradition ist die invented tradition. Ich wohne in Japan; ich weiß also, wovon ich rede.

Ohne Stillstand, das vergißt man leicht, kein Schwung; so wie erst die anschließende Stille möglich macht, von einem Knall zu reden. Der Schwung macht die Kürze, aber die Kürze macht auch den Schwung. Dieselben gesellschaftlichen Prozesse, die sich in Europa zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert vollzogen, konnte in Nordamerika ohne den Widerstand überkommener juristischer, politischer und sozialer Formen vonstatten gehen. Das hatte Vor- und Nachteile. Man mag Heinreich Albert Oppermann vielleicht nicht uneingeschränkt zustimmen, wenn er 1870 am Ende seiner »Hundert Jahre« den Auswanderer Hellung ins Briefpapier schreiben läßt: »Wir sind glücklicher daran als alle Europäer und Asiaten, welche mit den Ruinen und dem Schutt der Vergangenheit zum Erdrücken beladen sind, welche mit schlechten Gebräuchen, Sitten, Vorurtheilen, mit überlebten Einrichtungen zweier Jahrtausende zu kämpfen haben; wir haben einen jungfräulichen Boden frisch anzubauen.«

Wahr ist doch einmal, daß Befreitheit von Schutt nicht gleich bedeutet, ohne Last zu sein. Es ist nie bloß die Vergangenheit, die drückt. Daß die ursprüngliche Akkumulation in Nordamerika nicht gegen den Widerstand eines etablierten Feudalsystems vonstatten gehen mußte, macht sie ja kein bißchen erfreulicher. Freilich auch kein bißchen weniger erfreulich. Manches unterdes, das man in der alten Welt gelassen zu haben wähnte, war gleichwohl im Bauch der Segelschiffe mit herübergekommen. Bevor Amerika sich von Europa emanzipieren konnte, mußte es ihm erst einmal gleich werden. Geschichtliche Prozesse sind nie friedlich, und je schneller sie vorangehen, desto rücksichtsloser drücken sie auf die Beteiligten. Sie sind dann aber auch schneller rum. Die Leibeigenschaft in Europa war im 9. Jahrhundert entstanden, im Hochmittelalter zur dominierenden Produktionsweise geworden und dauerte, je nach Nationalstaat, zwischen 700 und 900 Jahre. Die Sklaverei in den nordamerikanischen Kolonien entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts und dauerte ziemlich genau 200 Jahre.

Der Sezessionskrieg war der Akt, der dieses Ende ermöglichte. Ihn für eine Tragödie halten heißt das Ende der Sklaverei für eine Tragödie halten. Das Mißbegreifen, von dem ich eingangs schrieb, liegt genau hierin. Dieser Bürgerkrieg zwischen Union und Abtrünnigen war genauso wenig ein Bruderkrieg wie die Verteidigung der Sowjetunion gegen die faschistische Wehrmacht ein Großer Vaterländischer Krieg war. Der eigentliche Charakter dieser Kriege liegt in dem gesellschaftlichen Fortschritt, den sie beförderten: Da stand eine Continue reading »

Feb 102013
 

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Es ist ganz leicht, jetzt skeptisch zu sein. Viele sind das, weils einfach zu großartig ist: Ein schwerreicher Verein engagiert den besten Trainer der Welt – das kann nur schiefgehen. Journalisten funktionieren genau so wie auch all die anderen Herdentiere, die auf Gottes weiter Scheibe ihre Kreise ziehen. Es geht im Grunde nie um etwas anderes als darum, sich vom Rest der Herde zu unterscheiden. Am besten tut man das mit einer Meinung, denn anders als begründete Gedanken oder ein guter Schreibstil kosten Meinungen nichts. Da aber alle ausscheren wollen, kommt es vor, daß bei einem heißen Thema doch wieder alle im selben Strom schwimmen. Ich spreche übrigens, sollten wem jetzt die Verteidiger des Jakob Augstein eingefallen sein, immer noch vom neuen Trainer der Bayern und davon, daß die meisten Kommentatoren ihren Jubel mit einem Wenn-das-mal-gutgeht abgemildert haben. Skepsis ist was für Sissis. Ich sage: Fickt euch, Guardiola wird siegen werden. Weil er Fußball kann.

Klar, mit dem MSV Duisburg könnte er es nicht. Trainer bleiben, wie sie sind. Ottmar Hitzfeld ließ bei Bayern seinen immergleichen Verwaltungsfußball spielen, und der blieb genauso häßlich und anspruchslos, als eines Tages ein Franck Ribery seine singuläre Klasse in den Kader einbrachte. Felix Magath hat seinen Blut-und-Schweiß-Fußball zu der Zeit, da er noch als Feuerwehrmann für kleinere Vereine galt, stets mit dem vorhandenen Spielermaterial begründet. Während er dann bei Bayern tätig war, machte er jedoch nichts anders. Als Louis van Gaal bei den Bayern 4-4-2, mit Ribery als Zehner, spielen sollte, ging das genau drei Wochen gut. Vielmehr gar nicht gut. Dann rückte er Ribery auf die Außenposition und holte Robben, um endlich über die Flügel kommen zu können. Trainer können immer nur eine Art des Spiels, ihre Art. Auch Wenger, auch Mourinho, auch Guardiola. Ein guter Trainer ist nicht einer, der viele Systeme kann, sondern einer, der sein System so gut beherrscht, daß es in Erfolg umschlägt. Guardiola kann das System Barca, und Bayern ist nicht Barca.

Aber Bayern ist auch nicht Duisburg. Der Kader hat seine Stärken und durchaus ein Potential zum Spielerischen. Nur wirkt das im Vergleich zu Barca alles immer irgendwie halbiert. Ich rede jetzt gewiß nicht von Spielern wie Continue reading »

Jan 202013
 

»Die zurückliegenden Wochen haben bewiesen: Jakob Augstein führt ganz Deutschland am Gängelband und gefährdet den ohnehin brüchigen Landesfrieden. Wenn er anruft, beugt das Feuilleton seinen Willen. Die Angriffe durch Broder, konkret, die Titanic und das Simon-Wiesenthal-Centre sind wahrscheinlich von Augstein selbst inszeniert worden, denn er hat ganz offenkundig den größten Nutzen von dieser Kampagne. Und was man mit dem Geld, das Augstein als Verleger zusammenrafft, so alles machen könnte. Zum Beispiel die Arbeitsplätze der Schlecker-Frauen erhalten.«

Lothar Matthäus (Nahost-Experte)1

Diese Sätze haben einen Aufschrei ausgelöst. Weil sie wahr sind. Und weil ein Deutscher sie sagt, ein Fußballspieler, ein Weltmeister, weil Lothar Matthäus sie sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muß man Matthäus danken. Er hat es auf sich genommen, diese Sätze für uns alle auszusprechen.

Leider nur darf man Jakob Augstein hierzulande nicht kritisieren, ohne gleich als Palästinenserhasser verunglimpft zu werden. Dabei ist Augstein-Kritik nicht antipalästinensisch, sondern kritischer Journalismus. Immer und unter allen Umständen. Und wer das nicht begreift, kommt ins Lager. Pardon: nach Gaza. (Man wird sich doch nochmal verschreiben dürfen …)

  1. Hinweis d. Red.: Aussagen von Lothar Matthäus, die auf dem Parnassos zitiert werden, stammen grundsätzlich nicht von Lothar Matthäus; vgl. Regula Josephi Joffi, TITANIC []
Jan 112013
 

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Zur Struktur des Ideal-Begriffs von Peter Hacks1

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Ich bin die Saat im Winter, die im Dunkel wohnet.
Ihr kommt wohl noch dahinter, daß Erwartung lohnet.
Und lieg ich tief verborgen, bleib ich nicht verschwunden.
Der hoffen kann auf morgen, hat mich schon gefunden.

aus »Numa«

 

Mein Vortrag heißt »Die Landkarte und die Landschaft«. Ich hätte ihn aber auch gut »Wenn der Herrgott net will, nutzt es goar nix« oder »Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk« nennen können. Es liefe aufs gleiche hinaus: auf das Verhältnis, das das menschliche Wollen zu den Bedingungen, unter denen es umgesetzt werden muß, besitzt, auf den alten Kampf zwischen Ideal und Wirklichkeit. Es gibt zu diesem Kampf seit je drei Meinungen: das Ideal habe recht, die Wirklichkeit habe recht, beide haben unrecht. Die letzte ist die, auf die es ankommt. So zumindest stehts im »Tassow«:

Die Welt, das sind Gebirge, Flüsse, Wolken.
Die Welt ist viele Leute und mehr Läuse.
Ich will sie lenken, also gibt sie mir
Die Richtung an. Ich will, was menschlich ist.
Das ist der Anfang meines Wollens und
Zugleich sein Ende. Von dem Punkt an wechselt
Wollen den alten Namen und heißt Müssen,
Und aufgehoben nur in diesem Müssen,
Versteckt, doch, hoff ich, nie vermindert, lebt
Es fort, dies freie, menschliche: ich will.

(HW III, 90)

Wenn die Idee durch die Fugen der Zeit läuft, passiert etwas mit ihr. Sie ändert sich. Das ist unvermeidlich, und da die besten Hacks-Gedichte immer noch von Brecht kommen, möchte ich zum Ende meines Anfangs die Schlußverse eines Continue reading »

  1. Vortrag, gehalten am 3. November 2012 im Berliner Magnus-Haus; abgedruckt in: Gute Leute sind überall gut. Fünfte wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, hrsg. v. Kai Köhler, Berlin 2013. []
Nov 292012
 

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Bekenntnisse nerven. Immer und überall. Sie kosten, anders als Begründungen, nichts und verursachen einen Dreck, wie er bestenfalls einem alternden Rockstar auf Tournee durch Europas Hotelsuiten zustünde. Kriegzeit im Nahen Osten ist Zeit für Gefühle und Bekenntnisse. In Europa fast noch mehr als daselbst. Die Hotels sind ausgebucht, die Zimmermädchen haben sich abgewöhnt, zwischen Check-in und Check-out überhaupt noch zu putzen. Wofern nicht schon die manische Beschäftigung mit diesem Konflikt Hinweis auf Morbides ist – denn seine tatsächliche Bedeutung liegt weit unter dem, was in Europa aus ihm gemacht wird: ein Gradmesser des Weltfriedens nämlich –, so wird vielleicht wenigstens die Zwanghaftigkeit, mit der die Bekenntnisse vorgebracht werden, verdächtig erscheinen dürfen. Es ist, zugegeben, einigermaßen schwierig, zwischen dem IDF-Kitsch und der Palästina-Folklore etwas Haltung zu bewahren. Das Ausstellen von Wimpeln und Symbolen ist – wie das Herumziehen in Gruppen – ein sicheres Zeichen von Schwachsinn, doch lassen sich auch Brüder von der ausgeschlafenen Fraktion gelegentlich dazu hinreißen, eine Fahne zu schwenken, und sei es nur – wie sie sich selbst versichernd einreden – zur Provokation. Die Ausgeschlafenen freilich sind ungleich verteilt. In der Israel-Fraktion sind sie in der Minderheit, bei den Palästina-Freunden praktisch nicht vorhanden.

Diese Verteilung ist nicht zufällig. Denn natürlich läßt sich jeder weltanschauliche Standort auch auf unvernünftige Weise vertreten, und natürlich sind unter den Weltauffassungen nicht wenige, die schlechtweg unvernünftig, also ausschließlich auf irrationale Weise zu betreiben sind. Es ist eine Sache, die Rechtsgleichheit der jüdischen und der arabischen Seite anzuerkennen. Denn beide Gruppen erheben teils aus Gründen der Religion, teils aus Gründen der Gewohnheit Anspruch auf ein Stück Erde, und man muß deswegen von tragischer Verschränkung dieser Ansprüche reden, weil Israelis und Palästinenser, wenn sie jeweils von ihrem Land sprechen, ziemlich dasselbe meinen. In diesem Konflikt ein Vorrecht anzuerkennen hieße die eine Religion vor die andere, die eine Gewohnheit vor die andere setzen, was im Rahmen der Vernunft nicht möglich ist. Man muß entweder ganz subjektiv den Wert der einen Seite höher oder tiefer ansetzen, oder sich völkischer Begriffe bedienen, indem man dem synthetischen Charakter der einen Kultur den organischen Continue reading »

Aug 262012
 

Es gibt gute Gründe, vor allem Schalke 04 den Abstieg zu wünschen. Die wenigsten davon haben mit Fußball zu tun. Schlechtes Ballspiel pflegen andere Vereine auch. Worin Schalke führt, das ist jene Pest, die man Fankultur nennt. Heute weiß man doch, wie Fußball allein genießbar ist: mit ausgesuchten Teilnehmern vor einem Großbildschirm bei teurem Rotwein und Vivaldi. Wenn das Geld für den Rotwein nicht reicht, tut es auch eine VIP-Loge im Stadion. Es sind die Stehplätze, die den Fußball zerstören, und ganz Schalke ist nichts als ein riesenhaft ausgewachsener Stehplatz. Die Seelenlage des Schalkers ist mit schlicht noch zu kompliziert umschrieben. Aber es ist nicht einmal dieser unüberbietbare Grad an Volkstümlichkeit, der Schalke unverwechselbar macht. Es ist der Hochmut im Niederen; jener Glaube, besser zu sein, weil man schlechter ist. Nur wer seine Mängel für Tugenden hält, hängt sich selbst den Titel »Meister der Herzen« um, wenn es einmal mehr zur wirklichen Meisterschaft nicht gereicht hat. Nur der billigt mithin eine hasadierende Geschäftspolitik, die nur Dank schmieriger Lokalpolitiker und zwielichtiger Investoren, die immer wieder die Lücken gestopft haben, bis heute nicht bestraft worden ist. Man kann das Elend auf die Formel bringen: Schalke, das ist Meppen plus Größenwahn.

Ein solcher Verein wird folglich auf andere Weise bestraft: durch Anhänger wie Johannes Paul, Manni Breuckmann und Stefan Engel, durch einen Präsidenten, der Schuldenberg (oder so ähnlich) heißt, und last and least einen Aufsicht führenden Fleischverkäufer, dessen einzige kulturelle Leistung darin besteht, gemeinsam mit Lothar Matthäus, Theodor Guttenberg und der Redaktion der BILD-Zeitung das Aussterben der zurückgelegten Hartschleimfrisur verhindert zu haben.

Auf Schalke trifft sich armer Pöbel mit reichem Pöbel; ein bißchen Wayne, ein bißchen Cristiano, Gosse und Glamour reichen sich die Hand, und ich finde: Es reicht jetzt.

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abgedruckt in: Jungle World 34/2012.

Aug 222012
 

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Wenn Familien Kaffee kochen: Vernichtendes zur Partei Die Linke

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Über die PDS hat schon Steve McQueen in den »Glorreichen Sieben« das Nötige mitgeteilt: Es habe da einen Mann gegeben, der durch die Wüste ritt und sich plötzlich nackt auszog, um auf einen Kaktus zu springen. Befragt, warum er das getan habe, antwortete er, er habe das damals für eine prima Idee gehalten. Vermutlich hat Gregor Gysi es tatsächlich für eine gute Idee gehalten, seinen Verein mit der WASG fusionieren zu lassen. Im Westen würde man, das war abzusehen, kurz- bis mittelfristig nicht Fuß fassen können. Den Status einer Regionalpartei galt es zu brechen, und das schien mit den vom Westen kommenden Fragmenten der Sozialbewegung möglich. Also vollzog man 17 Jahre nach der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD denselben Vorgang noch einmal im kleinen. Heute sieht die PDS, aufgegangen in der Partei DIE LINKE (PDL) und darin von schwächeren, aber durch Anzahl überlegenen Westverbänden unterworfen, in ein schwarzes Loch, das sie ihre Zukunft nennt. Die Umfragen im Westen sind auf den alten Stand zurückgegangen, doch dafür hat man nun die Pest an Bord: friedensbewegte Altlinke, Gewerkschaftler und Trotzkisten. Der Parteitag von Göttingen1 wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich zu trennen. Allein, wozu?

Die PDS erleidet heute das Schicksal, das sie sich redlich verdient hat, denn wer nach der Sozialdemokratie greift, wird durch die Sozialdemokratie umkommen. Es hat immer was Komisches, wenn die Cholera sich über die Pest beklagt. Doch auch von den Krankheiten gilt, daß Gleiches sich nicht notwendig lieben muß. Es gibt Kämpfe, die aus unterschiedlichen Zielen entstehen, und solche, die hervorgerufen werden, weil der eine einfach dort siegen will, wo der andere zu siegen sich anschickt.

Bemerkenswert ist, daß das keinem auffällt. Ausnahmslos alle – Zeitungen, TV-Magazine, andere Parteien des Bundestags und selbst sämtliche Strömungen innerhalb der PDL – folgen dieser einen Deutung: Der Kampf zwischen den Lagern sei eine Auseinandersetzung zwischen Dogmatikern und Opportunisten, Linksradikalen und Reformern oder, um es in das unsägliche Politvokabular der Neuen Linken zu übersetzen: Fundis und Realos. Der unerzogene Geist liebt Analogien. Die ersparen ihm, über neue Erscheinungen nachzudenken. Die Lust, das Altbekannte am Unbekannten wiederzuentdecken, kommt aber nicht allein aus geistiger Trägheit. Die Sprachregelung existiert, weil alle Seiten etwas von ihr haben: Die verfeindeten Strömungen Continue reading »

  1. Einen famosen Crashkurs zur Einführung in dieses wenigstens unterhaltsame Ereignis vermittelt Gysis Hauptreferat, das – schön für alle Zoobesucher – in dankenswerter Offenheit (wenn schon nicht Klarheit) die inneren Konflikte der Partei zur Sprache brachte. []
Aug 062012
 

Stellen Sie sich folgenden Irrsinn vor: Auf dem Weg zur Arbeit bemerken Sie an immer mehr Plätzen und Straßenecken große Bildschirme, die das TV-Programm des Senders RTL in die Öffentlichkeit übertragen. Die Bildschirme breiten sich aus und decken bald alle Straßen Ihrer Stadt ab, so daß Sie kaum noch eine Straße benutzen können, die Sie nicht zum RTL-Gucker macht. Irgendwann legt der Senat der Stadt fest, daß Sie als Bürger und unvermeidlicher Nutzer ihrer Straßen eine Gebühr an RTL zu entrichten haben, da Sie erweislich zum Publikum von RTL gehören.

100 wirkliche Taler, versichert Kant, sind um nichts mehr als 100 gedachte; ob sie existieren oder nicht, setzt ihrem Inhalt nichts hinzu. Ungern will ich den Professor gegen mich haben, aber mir scheint nicht unwesentlich, ob ein Irrsinn nur gedacht oder doch schon real ist, und es ist dieses eine Mal nicht das private Fernsehen, das für die Realisierung des Irrsinns verantwortlich zeichnet, sondern das staatliche. Die bisherige Regelung sah vor, daß jeder Besitzer eines TV-Geräts eine Gebühr für das staatliche Fernsehen zu entrichten hatte. Das war nervend, aber logisch und fair. Man konnte schließlich, wollte man dem Unsinn entgehen, sein Gerät aus dem Fenster werfen und lebte fortan in jeder Hinsicht besser. Ab 2013 wird indes auch jeder Nichtbesitzer eines TV-Geräts dieselbe Gebühr bezahlen müssen. Wir alle werden so zu kleinen Mäzenen des staatlichen Fernsehens. Nur: Ein Mäzen ist einer, der Millionen springen läßt, um eine Institution zu unterstützen. In unserem Fall läßt die Institution Millionen springen – 40 Millionen Mäzene nämlich, denn so viele Haushalte gibt es in diesem Land, die man nun kollektiv und Continue reading »

Jul 162012
 

Ich kann keine zehn Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinem Vater bei einer sommerlichen Radtour durch den wunderschönen Ort Poritz fuhr. Von einer erhöhten Stelle aus machte die langgezogene Ortsstraße ihrem Namen auch bildhaft alle Ehre. Über sowas konnten wir damals lange lachen. Vorletzten Sommer fuhr ich durch Südfrankreich und näherte mich, wieder von einem erhöhten Standpunkt, dem Ort Gap. Auch der machte seinem Namen alle Ehre. So sann ich jäh, ob da nicht eine Möglichkeit war, das Gap von Gap elegant zu bridgen. Gab es aber nicht; ich mußte hindurch. Und das Lachen war mir auch vergangen.

Mit Löchern im Sommer kann ich nicht umgehen. Wenn es heiß wird, scheint jeder zu schlafen: Keine Veranstaltungen, keine Aufträge, kein Geld. – Keine Themen. Es ist, als hätte die Menschheit sich vorgenommen, zwischen Juni und September nicht auf der Welt zu sein. Man muß nicht in jedes Loch springen, das sich vor einem auftut. Aber in das Sommerloch springen wir jedes Jahr aufs neue. Nur das Sommerloch bleibt an seinem eigenen Rand stehen, weil es weiß, was passierte, wenn es von sich selbst verschluckt würde.

Überhaupt kann ich mit dem Sommer nicht umgehen. Der Mensch im allgemeinen und ich im besonderen, wir sind nicht für diese Jahreszeit gemacht. Dazu ist sie entschieden zu heiß, und große Hitze hindert mich am einzigen, das ich irgendwie doch ein bißchen kann: Denken. Entweder denke ich Unsinn, oder ich denke gar nichts. Und im schlimmsten Fall Continue reading »

Jun 152012
 

Dulden muß der Mensch, sagt Shakespeare, aber er hätte ruhig hinzufügen können, daß für gewöhnlich gerade diejenigen, die am meisten der Duldung bedürfen, selbst am wenigsten duldsam sind. Gelassenheit ermöglicht sich leichter von oben, und ganz folgerichtig existiert zwar das Wort Giftzwerg, nicht aber das Wort Giftriese. Der Feuilletonist & Discjockey Reinhard Jellen z.B. ist auch so einer, um dessentwillen die moderne Logik nicht hätte erfunden werden müssen, da bei ihm der Existenzquantor und das Prädikat Giften schlechthin in eins fallen. Nur, wenn er giftet, lebt er, und solange er lebt, wird er giften. Das Resultat fühlt sich denn auch danach an. Die eitle Esoterik, mit der Jellen als Rezensent bzw. Verfasser seiner Wochenendkolumne in der jungen Welt auftritt, seine penetrant belehrende Unduldsamkeit gegen alles, was er nicht gleich versteht, sein intellektualistisches Gegockel, das den unsystematischen Autodidakten verrät, all das ist nicht eben dazu gemacht, Gleichmut zu stiften – doch bleibt in derlei verwickelt zu werden immer etwas peinlich, und man entzieht sich dem lieber, denn anders, als man in Zwergenkreisen glaubt, gilt Zwergenwerfen unter Riesen als äußerst unschicklich.

Anderseits: Wer sagt denn, daß Riesen stets Schickliches tun?

Vorgestern ist mir ein anonymer Text über den Weg gelaufen, eine Rezension des eben erschienenen Briefwechsels zwischen André Thiele und Peter Hacks, von der es hieß, daß sie in der Wochenendausgabe der jungen Welt erscheinen soll. Jetzt aber, nachdem André Thiele witzig genug war, die Rezension vor ihrer Veröffentlichung zu veröffentlichen – und ihr damit die einzige Eigenschaft nahm, die für sie sprach: ein Paukenschlag zu sein nämlich – jetzt also wird der Text, wie inzwischen zu erfahren war, nicht erscheinen. Der Urheber des Textes darf uns aber noch ein wenig beschäftigen; es handelt sich erkennbar um den erwähnten Reinhard Jellen, und in dem kleinen Machwerk kommt zusammen, was den Kritiker Jellen ausmacht. Die Rezension ist unzweifelhaft die Krönung seiner bisherigen Laufbahn. Er sollte jetzt aufhören zu schreiben – besser wird er nicht mehr werden. Tatsächlich findet sich darin nicht ein Gedanke, was vermutlich beabsichtigt ist und bezeugen soll, daß auch in dem rezensierten Briefwechsel kein Gedanke enthalten sei. Ich finde den Schluß nicht sehr schlüssig, aber doch originell genug, um ihn als die Boshaftigkeit, die er ist, würdigen zu können.

Woher ich denn weiß, daß der Text von Jellen ist? Nun, das Profiling kommt hier ganz ohne weiträumige Rasterfahndung aus. Wir haben eine kräftige Portion bis heute unverarbeiteten Thiele-Hasses, die Neigung, Rezensionen ohne Inhalt zu veröffentlichen, die Wochenendausgabe der jungen Welt als bevorzugten Ort der Publikation und einen wiederkennbar schlechten Schreibstil, dessen penetrantestes Merkmal die kontinuierliche Verwendung des pluralis majestatis ist, den der Autor offenbar für eine Art pluralis modestiae hält, nicht wissend, daß diese Form nur als Gemeinsamkeit stiftender Ausdruck zwischen Autor und Leser und nicht bei persönlichen Berichten verwendet werden kann. Wie Lothar Matthäus Continue reading »

Apr 192012
 

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 Was Grass und seine Grassenheimer umtreibt

 

Wovon man nicht schweigen kann, darüber muß man sprechen.

Grass (Wittgenstein-Kritiker)

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal: Fresse halten.

Wittgenstein (Grass-Kritiker)

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Warum schweige ich?, fragt, heterologisch um Aufmerksamkeit heischend, der nie stille Schnauzbart des Literaten Grass. Man blickt die Zeitungsseite hinunter auf die folgenden 68 Zeilen und fragt sich unweigerlich: Ja, warum bloß schweigt er nicht? Aber so ist er, der Günter, der Grass; es reicht ihm nicht, die Menschheit seinen Absonderungen auszusetzen, er muß sie auch noch mit der Frage belästigen, warum er tut, was er offenkundig nicht tut. Andererseits scheinen viele ihren Geschmack daran zu finden. Die Pose des Tabubrechers, des einsamen Mahners, der gegen einen mächtigen Konsens ficht, macht Eindruck bei denen, die gute Gründe stets nur als Einschränkung ihres freien Willens erleben. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Tabu, gegen das man anzurennen vorgibt, tatsächlich existiert. Wahn braucht Anlässe, keine Gründe. Und so konnte man seit Ausbruch des absonderlichen Gebildes »Was gesagt werden muß«1 das seltsame Phänomen erleben, daß Günter Grass nunmehr endgültig und vollends zu dem herabgesunken ist, was Hegel einen »Heerführer der Seichtigkeit« genannt hat, und daß eine Heerschar der Seichten ihm beisprang in einer nicht enden wollenden Flut von Kommentaren, Ein- und Beiträgen auf den Plattformen des Web 2.0: jenen zahllosen Blogs, Foren, sozialen Netzwerken sowie den Kommentarspalten von Onlineportalen und Video-Plattformen. An all diesen Orten war und ist diese Heerschar bei weitem in der Mehrheit2 und richtet sich zornig gegen jeden grasskritischen Kommentar, dabei einerseits ihre Kritik gegen Israel ausbreitend und andererseits die Behauptung aufstellend, Kritik gegen Israel zu üben sei hierzulande nicht möglich. Heterologen bis zum Horizont, und ich frage mich, was das wohl für ein Gefühl ist, nicht zu leiden unter dem, woran man leidet.

Die Angelegenheit hat diese zwei Seiten: den individuellen und den kollektiven Wahnsinn, den Helden also und sein Gefolge. Der Held ist hierbei der weniger interessante Teil. Für mich ohnehin nicht, da ich erst vor ein paar Monaten Abschließendes zu Grass gesagt habe3, und ich finde, daß sich vorliegender Fall auf schönste in mein zeitiges Urteil eingliedert.4 In den seelischen Untiefen des Literaten herumzustochern ist immerhin Frank Schirrmacher gelungen, der Grassens Elaborat, als handle es sich um Humpty Dumpty, erst zerlegt und, des Grauens ansichtig, findet, daß es keinen Grund gibt, es wieder zusammenzusetzen. Continue reading »

  1. veröffentlicht im Zentralorgan der antiisraelischen Fraktion der deutschen Bourgeoisie, gemeinhin bekannt unter dem Namen: Süddeutsche Zeitung v. 4. April 2012 – Was es ästhetisch zu dem Gedicht zu sagen gibt, hat Marcel Reich-Ranicki getan: nämlich, daß es keins ist. Wo ein Reim fehlt, sollte zumindest ein Metrum wirksam werden, und wo kein Metrum ist, sollte wenigstens die Wortwahl poetisch sein. Peter Hacks schrieb bereits vor 40 Jahren, Grassens Vers habe so viel Poesie an sich wie das Godesberger Programm, und das einzige, was mich wirklich wundert, ist, warum in Grassens ge- und erbrochenen Zeilen nicht auch noch das Wort »Atomwaffensperrvertrag« vorkommt. []
  2. Die Financial Times Deutschland führt in einer Umfrage 57% Zustimmung für Grass, und 28% halten seine Aussagen immerhin für diskutabel (gesichtet am 19. April 2012). Das deckt sich mit den Umfrageergebnissen der jüngsten Studie zum Antisemitismus in Deutschland, nach der sich eine Mehrheit der Deutschen von der Geschichte ihres Landes belästigt fühlt sowie urteilt, daß Israel einen Vernichtungskrieg gegen die arabischen Bewohner Palästinas führe und die größte Bedrohung für den Weltfrieden sei – Auffassungen, die man sämtlich in Grassens Gedicht wiederfindet. Nach meinem persönlichen Eindruck liegt das Verhältnis von Zustimmung und Kritik an Grass im Web 2.0 bei 3 oder 4 zu 1. []
  3. in: Mittelmaß mit Folgen. Reicher an Material als meine untersuchende Erledigung ist Klaus Bittermanns erledigende Untersuchung: Beim Lutschen des Brühwürfels, in: Jungle World 37/2007. []
  4. Über den aktuellen Fall ist in den letzten Tagen viel Zutreffendes geschrieben worden, freilich auch viel Unsinn. In Inhalt und Haltung herausragend scheinen mir die Stellungnahmen von Tom Segev; vgl. die Interviews im Deutschlandradio am 4. April 2012, bei 3sat (Kulturzeit) am 5. April 2012 und bei Spiegel Online am 8. April 2012. – Nachtrag vom 2. Mai 2012: Gleiches gilt von Kai Köhler: Die Moral, das Ich, die Politik und das Geistlose, in: literaturkritik.de 5/2012. []
Feb 232012
 

Mir fällt zu Gauck nichts ein. Dafür fällt mir was auf. Seit ein paar Tagen freiheitelt es wieder gewaltig. Das hat seinen Grund in dem, daß der Teapartyman und Pastor Joachim Gauck demnächst zum König gekrönt werden soll. Ich muß ihn nicht vorstellen. Sein Leben ist bekannt. Geboren 1940 in Rostock, zu einem Studium an einer staatlichen Universität reichte es nicht, folglich studierte er Theologie. Zum Theologen langte es ebenfalls nicht, folgte also die Arbeit als Pastor und IM »Larve«.1 Nach 1990 dann Chefverfolger seiner ehemaligen Kollegen. Der einzig nennenswerte Erfolg der nach ihm benannten Behörde bestand darin, dem Ampelmännchen nachgewiesen zu haben, daß es nicht nur grün, sondern auch rot war. Seit 2000 Privatier und, glaubt man Gerüchten, auf der Suche nach der zweiten Karriere in Hollywood, in der es aber lediglich zu einer Hauptrolle in einem B-Movie gereicht haben soll.

Zurückgekehrt nach Deutschland versuchte er sich als Fernsehmoderator und Buchautor. Das Ergebnis: desaströs. 2010 verlor er die Wahl um das Amt des Bundespräsidenten gegen einen Konkurrenten, gegen den zu verlieren vorher als unmöglich galt. Joachim Gauck – das Leben eines Verlierers. 2011 erschien der Sammelband »Crazy Joachim – Petzer und Hetzer« bei Edition Hayeck in Berlin, der als bislang umfassendste Würdigung seines Schaffens gilt.

Verstehen Sie nun, warum mir nichts einfällt? Gaucks Wahl ist der worst case. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Die Atomphysiker haben einen Fachausdruck für solche Fälle: Supergauck.

Gauck, wie man weiß, hat auf alles eine Antwort, und wenn ich eine Antwort sage, dann meine ich eine. Sarrazins Rassismus? Freiheit! Sozialabbau? Freiheit! Kein Sex mit Nazis? Freiheit! – Sein Irrtum liegt in der Annahme, daß die Freiheit die Antwort auf die gesellschaftliche Frage ist. Die Freiheit aber ist nicht die Antwort, sondern die Frage. Wo sie als Begriff fällt, geht die Überlegung überhaupt erst los.

Wie man ebenfalls weiß, gehört Joachim Gauck zur extremen Rechten der Bundesrepublik, genauer zu jener Fraktion, die ich nicht-völkische Rechte genannt habe, da ihr Alleinstellungsmerkmal in der Fähigkeit liegt, Misanthropie auch ganz ohne Rassismus zu artikulieren: als Bewußtsein einer herrschenden Klasse, die sich nicht gegen Ethnien, religiöse Minderheiten und drgl. richtet, sondern ganz einfach gegen die Unterschicht insgesamt. Hegel war weniger umständlich und sprach einfach von reichem Pöbel. Für dieses Continue reading »

  1. Rayk Wieland: Die Larve, in: konkret 8/1997 []
Okt 222011
 

Unfähigkeit ist ein furchtbarer Antrieb
Peter Hacks

Theorien, die von Stalin in die Welt gesetzt wurden, tragen am Schicksal, schon deswegen als falsch zu gelten, weil es Stalin war, der sie in die Welt gesetzt hat. So wenig fair es ist, eine Theorie für ihren Urheber büßen zu lassen, doch die These vom Sozialfaschismus ereilte ein noch tragischeres Los: Vom Rest der Welt wird sie abgelehnt, da sie von Stalin stammt; von den Stalinisten wird sie abgelehnt, weil Stalin ab 1935 den braven Dimitroff die theoretisch unsinnige, aber politisch opportune Einheitsfrontthese an die Stelle der alten Theorie setzen ließ. Obgleich aber die Sozialfaschismusthese nicht abgelehnt wird, weil sie falsch ist, ist sie falsch. Sie reicht nicht hin, den Faschismus theoretisch zu erfassen. Nicht nur, weil sie mit einem unvollständigen Begriff arbeitet, sie behauptet auch hinter dem Treiben der Weimarer Republik ein konzertiertes Vorgehen, das offenkundig nie vorlag.

Was als Doppelstrategie des Imperialismus, als ein bewußtes Angebot einer weichen und einer harten Variante der Politik, erscheint, ist in Wahrheit einfach das, was herauskommt, wenn die zahllosen Idioten, deren Gesamtmenge man Volk nennt, ihre verschiedenartigen Neigungen ausleben. Aus der Perspektive der KPD mochte es wie ein doppeltes Spiel aussehen, bei dem die Kommunisten die Wahl hatten, sich entweder von den Nazis erschlagen oder von der SPD bündnisfähig machen zu lassen, welche Wahl also zwischen zwei verschiedenen Arten der politischen Niederlage bestand. Doch dieses Spiel als geplant zu interpretieren hieße, sowohl die Sozialdemokratie als auch den Faschismus, die beide auf eine an klugen Strategen und herausragenden Theoretikern nicht eben reiche Geschichte zurückblicken können, überschätzen. Man sagt – sagt man das? Wenn nicht, sage ich es jetzt –, man sagt also, für die Praxis spiele es keine Rolle, ob ein Spiel gemacht oder geworden ist, solange es nur funktioniert. Doch für die Theorie spielt es durchaus eine Rolle, und damit natürlich auch wiederum für die Praxis. Ich leugne nicht, daß Verschwörungen vorkommen, aber wer Verschwörungen zum Leitmotiv seiner politischen Theorie Continue reading »

Okt 062011
 

Weiß der Teufel, warum wir über Witze lachen. Sie spiegeln bloß den Irrsinn wieder, der, als Schwachsinn getarnt, unter den Menschen geistert. Wir lachen am Witz über das, was uns unzählige male im Leben begegnet ist. Begegnen wir ihm im Leben, lachen wir nicht. Wir ärgern uns oder – häufiger – finden überhaupt nichts merkwürdig dabei. Etwa: Kommt eine Jude in eine Fleischerei und sagt: »Ich hätte gern 500g von dem Fisch dort.« – »Aber das ist doch Schweinefleisch.« – »Ich habe dich nicht gefragt, wie der Fisch heißt. Ich hätte gern 500g von dem Fisch.«

Worüber lachen wir? So sind sie doch, die Menschen. Sie alle wollen immer irgendwas, und wenn das, was sie wollen, anrüchig ist, nennen sie es einfach um; als ob es um die Phonetik und nicht um Inhalte geht. Wollen ist eine teuflische Sache. Selbst der unbegabteste Verführer hat einen Gegenstand, an dem er nicht scheitert: sich selbst. »Objektivität«, lese ich bei Dietmar Dath, »ist nichts anderes als ein neutraleres Wort für Gerechtigkeit.« Gerechtigkeit, las ich bei Dath leider noch nicht, ist nur dort möglich, wo der Mensch sich von dem, was er will, emanzipiert. Es geht nicht darum, nichts zu wollen. Es geht darum, sich von dem, was man will, nicht tyrannisieren zu lassen. In jedem Wollen steckt das Subjektive und also Continue reading »