Felix Bartels

Jan 162020
 

»1917«

Film ist ein Ding, das tut, als sei es Vorgang. Oneshot eine Szene, die tut, als sei sie Film. »1917« nun ein Film, der tut, als sei er Oneshot. Spielerei mit Weltkrieg also? Es fing ja früh an, mit Hitchcocks »Rope« (1948), wo die Bemühung einer kontinuierlichen Einstellung noch durch die Laufzeit der Filmrollen begrenzt war. Folglich musste er genau das machen, was Sam Mendes jetzt freiwillig tut – einen Film schneiden, der wie ein ungeschnittener aussieht. Genauso verhält es sich bei »Birdman« (2014) und dem zu Recht kaum beachteten »Bushwick« (2017). Tatsächlich ungeschnittene Filme wie »Russian Ark« (2002), »Victoria« (2015) oder »Utøya 22. Juli« (2018) verenden dagegen, weil die Produktionsnotiz zur Hauptnachricht wird. Was »One Cut of the Dead« (2017) wenigstens ins Witzige wendet, insofern dieser Film die eigene Entstehung miterzählt. Der tatsächliche Oneshot bleibt beschränkt; man kann nicht das beste Material wählen, muss auf die szenischen Möglichkeiten der Montage verzichten, zeitlich gebunden bleiben. Der scheinbare Oneshot ist die größere Herausforderung; seine Schnitte müssen elegant verborgen, alles im Takt und am Ort gehalten sein. Wen interessiert, was am Set passierte? Entscheidend ist auf der Leinwand. Continue reading »

Jan 092020
 

»Little Joe«

Es mag nicht klug sein, bereits in der ersten Januarwoche den klügsten Film des Jahres auszumachen, doch ich fürchte, es könnte dabei bleiben. Was Inszenierung und ideelle Struktur betrifft, kann Jessica Hausners »Little Joe« einer der großen Filme 2020 werden, dessen leichte Schwächen im Erzählerischen mit durchrutschen. Continue reading »

Jan 032020
 

»Jam«

Nun ist SABU gewiss oft mit Tarantino verglichen worden, und selten ergiebig. Doch »Jam« erinnert in Struktur und Erzählweise tatsächlich etwas an »Pulp Fiction« (1994). Wie dort werden hier drei Stories verknüpft, wie dort passiert das durch temporale Verschiebung, die einen Teil der dramatischen Spannung besorgt. Wie dort nehmen mitunter Elemente Raum, die nicht mehr leisten sollen als etwas Rätselhaftigkeit in das andernfalls banale Ganovenmilieu zu bringen. Allerdings geht es in »Jam« durchaus um was. Der Film erzählt vom Schicksal dreier Männer. Continue reading »

Dez 242019
 

»7500«

Künstler tun seltsame Dinge. Übers eigene Werk reden etwa. Wenn sie auch wissen, wie sie es, kaum je wissen sie, was sie da tun. Regisseur Patrick Vollrath z.B. nennt seinen Film »7500« ein »hyperrealistisches Thrillerdrama«, in dem es darum gehe, durch den engen Raum eines Flugzeugs die »globalisierte, multikulturelle Landschaft von Heute« mittels einer Handlung zu spiegeln, an deren Ende der »Teufelskreis« der Gewalt durchbrochen werde. Tatsächlich befördert »7500« weder einen gesellschaftlichen Realismus, noch wird hier ein Zyklus der Gewalt durchbrochen. Vorliegt vielmehr ein punktgenau inszeniertes, naturalistisches Charakterstück, das souverän die Einheit von Ort, Handlung und Zeit wahrt. Aristoteles gefällt das, doch es ist mehr intensiv als bedeutend, mit einem Blick, der nicht weit reicht, sondern nach innen geht. Zu echt, um wahr zu sein. Continue reading »

Dez 192019
 

»The Peanut Butter Falcon«

Zak (Zack Gottsagen) ist 22 Jahre alt. Abgeschoben von seiner Familie, die Liebe, Zeit oder Geldmittel auf ihn nicht verwenden will, wurde er in ein Altenheim sortiert. Es war die einzige Einrichtung, die in der strukturschwachen Region North Carolinas einen Platz für ihn hatte. Betreut werden muss er, denn er hat das Down-Syndrom. Je mehr man ihn im Lauf der Handlung kennenlernt – seine Träume, seinen Charme, seine Schlauheit –, versteht man, dass er in ein Heim, zumal für ausschließlich alte Leute, einfach nicht gehört. Er hätte das Recht auf ein assistiertes, gleichwohl selbständiges Leben. Continue reading »

Dez 122019
 

»Gundermann Revier«

Da die Formel gesamtdeutsch=westdeutsch gültig bleiben muss, wo eine Vereinigung nie stattgefunden, der unveränderte Staat vielmehr sich bloß nach Osten hin ausgedehnt hat, droht jeder Versuch, dem westdeutschen Publikum einen ostdeutschen Künstler bekannt zu machen, diese Asymmetrie zu reproduzieren. Die neuen Bürger hatten alles über die alten zu lernen, die alten nichts über die neuen. Dagegen anzuarbeiten ist Andreas Dresen mit »Gundermann« (2018) nicht gelungen, und vielleicht lässt sich zu seiner Verteidigung vermuten, dass er das nie vorhatte. Vielleicht wollte er genau jene Unterwerfung vor dem bornierten Selbstverständnis der Bundesrepublik, kenntlich an der Entscheidung, die marginale, für Gundermanns Biographie unwesentliche Episode um die MfS-Tätigkeit ins Zentrum zu rücken. Nur so erträgt man den Ossi – im Kampf mit den Ärgernissen des Sozialismus bzw. mit der Stasi-Vergangenheit hadernd. Dass Gundermann wie kein anderer Liedermacher die in der kapitalistischen Expansion vollzogene kulturelle, politische und ökonomische Planierung des Ostens reflektiert hat, konnte die selbstgefällige Rezeption bloß stören. Continue reading »

Dez 052019
 

»Alles was du willst«

Der Handlungsanriss packt nicht gerade. Alter Herr nimmt sich eines Jungen an. Nichts Neues so weit, doch Filme haben Bilder, Töne, Worte und Schauspiel. Der hier schafft auf allen Ebenen Bekanntes zum Aufleuchten zu bringen, stiftet Gefühl ohne Rührseligkeit, Komik ohne Spott, Weisheit ohne Schwärmerei. Continue reading »

Nov 222019
 

»Pferde stehlen«

Vermutlich ist Erwartungen zu erfüllen wichtiger für den Erfolg eines Künstlers als gekonnt Überraschungen zu setzen. Das frei genießende, von Fall zu Fall urteilende Publikum existiert nur in der Einbildung, die einer braucht, der sich freimachen möchte von jenen Erwartungen. Dankbar ist das Publikum ihm dafür selten, auch wenn es dann ja gleichfalls befreit wurde. Vielleicht passiert das gerade mit Hans Petter Moland, den man bislang vor allem für düsteren Humor schätzte. Noch sanft in »Ein Mann von Welt« (2010) trieb er das Prinzip in »Einer nach dem anderen« (2014) zum Höhepunkt. Diese kaltschnäuzige Groteske verdeckt mit Witz die Traurigkeit des Vorfalls. In »Pferde stehlen« nun bleibt nichts übrig als diese Traurigkeit. Hier gibt es weder Witz noch Komik, keinen Schwung. Die Figuren handeln nicht, sie erleiden. Continue reading »

Nov 152019
 

Das Übel um Sahra Wagenknecht begann lange vor ihrer neurotischen Jagd auf dusslige Wählerstimmen, die die Linke in einer Zeit, da rechterseits noch keine selbstbewusste Kraft etabliert war, ohnehin immer nur geborgt hatte. Es begann Ende der Neunziger Jahre, als Wagenknecht den Leninismus entsorgt und die kommunistische Opposition innerhalb der PDL zerschlagen hat. An deren Stelle trat zunächst ein diffuser Antiimperialismus und schließlich ein nach rechts offener Populismus. Immer stramm mit der Zeit, denn wo Schröder und Chirac 2003 den Antiamerikanismus nutzbar machten, durfte man den Anschluss genau so wenig verpasst haben wie 2015 beim Ruck nach rechts, der bis heute das Denken und die politischen Zuordnungen verwirrt.

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Nov 142019
 

»Booksmart«

Wenn zwei Hänger, die die gesamte Schulzeit mit Saufen, Drogen und Geschlechtsverkehr rumgebracht haben, aus Angst vor mangelhaften Noten beschlössen, in der Nacht vor der Abschlussprüfung sämtlichen Rückstand aufzuholen, wäre diese Idee von derselben Gediegenheit, wie alles, was sie davor im Sinn hatten. Nämliches gilt für zwei Streberinnen, die den Entschluss fassen, in der Nacht vor dem High-School-Abgang alles Vergnügen nachzuholen, das sie bis dahin des Lernens wegen vorbeiziehen ließen. Nur dass sich aus dem zweiten Einfall ein Film erzählen lässt, wenn auch kein sonderlich tiefer. Continue reading »

Nov 132019
 

Der Zusammenhang von Kinderdichtung, Poesie und Realismus

in der Epik eines Dramatikers

Der Dramatiker heißt Hacks, und er war einer. Alles darüber hinaus tat er bloß nebenbei. Er schrieb für die Aufführung und für Erwachsene; das Epische lag ihm so wenig[1] wie das Kindliche. Dass er dennoch nicht unterließ, Kinderliteratur (und vorrangig epische (und vorrangig erstklassige)) zu schreiben, hat Ordnung, aber eine hintergründige. Nichts widersetzt sich energischer der Ordnung als ein Kinderzimmer. Ich würde daher gern etwas aufräumen. Continue reading »

Nov 092019
 

Der Nation-Begriff der DDR war im Grunde der französische, in dem das Volk aus dem sittlichen Charakter des konstituierten Staats abgeleitet wird (anstatt seinerseits den Staat zu konstituieren). Noch je war der Nationalismus von oben, obgleich nie ganz vernünftig, der der Vernunft sich etwas weniger entgegensetzende. Und er gab – anders als der impulsive, im Widerstand gebildete, notwendig völkische Nationalismus von unten – den Menschen die Möglichkeit, zu ihrem Land aus sittlichen Gründen Ja zu sagen. Continue reading »

Nov 042019
 

»Invisible Sue«

Das ist einer der Filme, die man wirklich mögen möchte. Neben »Unheimlich perfekte Freunde« gehört »Invisible Sue« zu den deutschen Kinderfilmen des Jahres, die sich von Instantnahrung wie »TKKG«, »Die Drei !!!« oder »Ostwind – Aris Ankunft« schon dadurch abheben, dass sie mit einer selbständigen Idee auftreten. Leider zieht der Film vor, unter der selbst hochgelegten Latte hinweg zu tauchen. Continue reading »

Okt 182019
 

»Born in Evin«

Vorm Hintergrund erst des Wissens, wie entscheidend der frühkindliche Abschnitt für die Entwicklung jeder Persönlichkeit ist, erhält dieser Film seine Tragweite. Ungemein persönlich tritt er auf, gleichwohl exemplarisch. Maryam Zaree – Regisseurin, Autorin, Protagonistin – wurde als Kind inhaftierter Dissidenten 1983 im Evin-Gefängnis nahe Teheran geboren und verbrachte dort die ersten Jahre ihres Lebens. Heute arbeitet sie als Schauspielerin in der Bundesrepublik und findet, da kaum jemand mit ihr über diese Jahre reden will, für angezeigt, ein solches Reden zu erzwingen. Ich denke, so muss man diesen Film fassen. Als letztes Mittel eines Menschen, sein Recht auf Wissen durchzusetzen. Continue reading »