Felix Bartels

Feb 152019
 

»Alita: Battle Angel«

Robert Rodriguez verwirklicht in »Alita: Battle Angel«, nach Kishiro Yukitos Manga-Serie »Ganmu«, ein altes Vorhaben James Camerons. Der, leider, zieht vor, drei weitere »Avatar«-Filme zu produzieren, hat aber wenigstens das Drehbuch geschrieben. Rodriguezʼ Absicht, keinen Rodriguez-, sondern einen Cameron-Film zu drehen, bringt Licht in ein hartnäckiges Dunkel. Nicht Mangel an Talent hat, wie wir lange dachten, Rodriguez zu jenem legendär schlechten Regisseur gemacht, sondern ein Mangel an Geschmack. Unterstellt er sein Handwerk, wie nun, dem Willen eines ästhetisch erprobten Verstands, vermag er durchaus Schönheit und Klasse in die Welt zu werfen.

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Feb 072019
 

»Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt«

Die unbestreitbare Schönheit dieses Films konzediert, scheint nicht verkehrt, anstelle einer Rezension die gesamte Reihe in Blick zu nehmen. Dean DeBlois selbst gibt an, dass er mit den drei Filmen eine übergreifende Story erzählen will. Gelungen ist ihm viel mehr als das. »Drachenzähmen« zeichnet, vielleicht unwillentlich, ein Sittenbild dieser Epoche. Im Kunstwerk decken sich Absicht und Ergebnis nie ganz. Erzähler packen die Welt oft intuitiv und könnten es nicht begrifflich machen. Zum anderen folgen sie der Logik des Erzählens, wodurch sie unvermeidlich Bedeutung herstellen. »In der Kunst«, schreibt Peter Hacks, »verändern Sachverhalte ihr Wesen; sie hören auf zu sein und fangen an zu bedeuten.« Wie Literatur übersetzt Film Strukturen der Wirklichkeit in Ideenstrukturen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie gut er das tut.

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Jan 312019
 

»Green Book«

Man könnte das Ganze für eine lustvoll verkehrte Adaption von »Miss Daisy und ihr Chauffeur« (1989) halten, wenn der Stoff nicht historisch wäre. Tatsächlich hatte der von Mahershala Ali verkörperte Pianist Don Shirley den von Viggo Mortensen nicht minder genial gespielten Arbeiter und Kleinganoven Tony Lip im Herbst 1962 für eine Tournee durch den Süden der USA als Fahrer engagiert. Und tatsächlich wurden beide dadurch und hernach Freunde fürs Leben. Aus diesem Setup entsteht mal Komik, mal Spannung, denn in den Zeiten der Rassentrennung war das Bild eines schwarzen Gentlemans, der sich von einem weißen Arbeiter chauffieren lässt, unvermeidlich irritierend. Noch gut, wenn der Südstaatler mit dem Anblick bloß überfordert war – dieser ruhige, witzige, gar nicht effekthaschende Film hat gleichwohl bedrohliche Szenen, die den Alltag schwarzer Bewohner in den Sundown Towns widerspiegeln.

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Jan 282019
 

»The Favourite – Intrigen und Irrsinn«

Wenn Yorgos Lanthimos bislang für ein Kino stand, in dem Stil vor Substanz kommt, scheint sich das in »The Favourite« umzukehren. Das soll nicht sagen, dass die künstlerischen Mittel hier weniger effektvoll wären als etwa in »The Lobster« (2015) oder »The Killing of a Sacred Deer« (2017). Die Musik schwankt zwischen Harmonie und schriller Beklemmtheit, die Kamera reproduziert diese Stimmung durch nicht vorhersehbare, impulsive Fahrten sowie einen häufigen Wechsel von Weitwinkel und Fisheye auch bei Innenszenen. Die Beleuchtung nutzt, inspiriert von Kubricks Arbeit an »Barry Lyndon« (1975), ausschließlich natürliche Lichtquellen, was der Orientierung im Raum oft nicht zuträglich ist.

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Jan 242019
 

Tschechow auf DVD: »The Seagull«

Den Spoiler gleich vorwegzunehmen: Auch dieser Adaption gelingt nicht, Tschechows ursprüngliche Intention umzusetzen. »Die Möwe« war gedacht als bittere Komödie über das sich an sich selbst langweilende Bürgertum. Doch Tschechows Absicht, seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben, hat es nie bis ins Stück geschafft. Die Charaktere mögen miese Typen sein, es sind doch Charaktere. Keine halbwegs redliche Inszenierung könnte das verdecken, und da es dem Stück andererseits an oberflächlichem Witz fehlt, fällt jede Auslegung, von Stanislawski bis in die Gegenwart, fast zwingend aufs Betrübliche zurück.

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Jan 192019
 

»Fahrenheit 11/9«

Im Juli 2016, als praktisch alle Umfragen eine Niederlage des Kandidaten Trump anzeigten, sagte Michael Moore dessen Sieg voraus. Rufer in der Wüste gibt es wie Sand daselbst. Doch hier war kein Kokettieren mit einer Außenseitermeinung im Spiel, kein Berauschen am Szenario eines Hampelmanns im Weißen Haus, der dem Kapitalismus endlich das passende Gesicht gebe, kein Clinton-ist-eigentlich-schlimmer-Unsinn, keine Verwechslung des übergreifenden Interesses am Weltfrieden mit der partikularen Position der imperialistischen Macht Russland gegen die imperialistische Hegemonialmacht USA. Moores Text nannte fünf substantielle Gründe. In »Fahrenheit 11/9« liegt jetzt der Versuch vor, diese Gründe retrospektiv auszubreiten. Aus »5 reasons why Trump will win« wurde »How the fuck did this happen?«

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Jan 112019
 

»Ben Is Back«

Sonderbar, dass Drogenfilme so wenig abhängig machen. Sie sind zumeist langweilig, und das auch noch aus Gründen, denn es gibt durchaus Spannenderes als Hängern dabei zuzusehen, wie sie in Löcher fallen. Ein Charakter, der bei Dingen scheitert, die andere einfach Alltag nennen, sonst aber wenig Bemerkenswertes an sich hat, bedarf entweder einer dynamischen Handlung, wie z.B. in »Trainspotting« (1996), die dann allerdings den gebotenen Ernst sabotiert. Oder einer Aufwertung durch herausragende Fähigkeiten, wie etwa bei Sherlock Holmes, dem Urbild des verrückten Genies – als der Form, worin der Common Sense das Außergewöhnliche noch eben erträgt. »Ben is Back« bezieht seine Kraft weder von der Handlung noch von seinem Titelhelden, sondern daraus, dass der Suchtfall als Anlass dient, die gesamte Familie einem Tox-Screen zu unterziehen.

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Dez 272018
 

»Shoplifters«

Dass in Cannes die Palme wackelt, sagt noch nichts über Goldregen in L.A. Dennoch dürfte ein Oscar für »Shoplifters«, trotz starker Konkurrenz bei den Einreichungen (»The Guilty«, »Roma«, »Burning«, »Dogman«, »Waldheims Walzer«), im nachhinein so selbstverständlich scheinen wie vor drei Jahren bei »Son of Saul«. Das hängt nicht zuletzt am sozialen Tonfall. Koreeda Hirokazu zeigt moralisch nicht eindeutige Menschen und macht keine Vorschrift, wie man sie zu finden hat. Gleichwohl sind die punktgenauen, lakonischen Sentenzen, die Sprache der Szene und das Schauspiel des gesamten Ensembles so manipulativ, dass ein Rückzug in bloß anschaulichen Naturalismus unterbunden wird.

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Dez 212018
 

»Die Schneiderin der Träume«

Da ihr Mann früh verstorben ist, war die noch junge Ratna gezwungen, in Mumbai eine Stelle als Dienstmädchen anzunehmen. Sie lebt dort im Haushalt des etwa gleichalten Ashwin, der gerade seine geplante Hochzeit platzen ließ. Während sie den Traum verfolgt, Schneiderin zu werden, muss Ashwin ein Lebensziel erst wieder finden. Er hat die Möglichkeiten, sie die Ambitionen. Dergestalt passend wie Schloss und Schlüssel lassen sie sich aufeinander ein. Was anderswo eine alltägliche Lovestory wäre, ist unterm Diktat traditioneller und ökonomischer Einflüsse eine viel größere Sache – vergleichbar vielleicht der Lage, die Schiller zum Ende des 18. Jahrhundert in »Kabale und Liebe« gespiegelt hat.

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Dez 142018
 

»Take the Ball, Pass the Ball«

Als John Cleese 2006 in »The Art of Football« durch das Alphabet des Sports führte, war neben dem inhaltlichen auch ein artistischer Höhepunkt erreicht. Wenn »Take the Ball, Pass the Ball« jetzt den Eindruck weckt, daran anzuschließen, so weniger durch einen Willen zur Form. Es fehlt hier durchaus die tragende Idee in der Gestaltung – das Ästhetische ruht im Gegenstand selbst. Schöner Fußball war oft, nie aber wurde er so gravitätisch wie bei Guardiolas Barca. Das liegt nicht allein an der Spielidee, über die sich ja streiten lässt, sondern darin, dass noch nie jemals – irgendwie irgendwo irgendwann – eine Spielidee so vollendet auf den Platz gebracht wurde. Doch der Reihe nach.

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Dez 132018
 

»Spider-Man: A New Universe«

Miles Morales, der Held der Geschichte, erlebt eines Tages nicht nur, wie es ist, Peter Parker beerben zu müssen – er trifft auf fünf weitere Spider-Männer, oder vielmehr Spider-Leute: Gwen Stacy als Spider-Gwen, den schwarz-weißen Noir-Spider-Man, die manga-artige Peni Parker, das schwer verkalauerte Cartoon-Schwein Peter Porker als Spider-Ham sowie einen verlotterten Peter Parker, der irgendwann im Leben alles falschgemacht hat. Sie stammen sämtlich aus verschiedenen Universen, wo sie von der jeweils ansässigen, nicht ganz so freundlichen Spinne aus dem Labor gebissen wurden. Die klassische Botschaft des Marvel-Verlags, dass – in Abgrenzung zu den superioren DC-Helden – jeder ein Superheld sein kann, bekommt in diesem Cross-over eine exponentielle Gestalt. Dabei greift der Film auf vorhandenes Material zurück, den »Ultimate Spider-Man« (2000) etwa oder »Spider-Gwen« (2015), die – typisch für den Comic-Betrieb – als alternative Erzählreihen die ursprüngliche Story variieren. Jenes ›Spider-Verse‹, das im Film verschränkt wird, existiert also längst.

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Dez 062018
 

»Under the Silver Lake«

Sam (Andrew Garfield) lebt in Los Angeles. Ohne Arbeit, ohne Geld für die nächste Miete, und man hat nicht den Eindruck, dass er daran viel ändern will. Den Tag verbringt er zwischen Comics und Videospielen, Bierdosen und Filmen, Geschlechtsverkehr und Spannerei, wobei er Sarah (Riley Keough) kennenlernt. Die lädt ihn ein, obwohl sie weiß, dass er sie mit dem Fernglas beobachtet hat. Als sie am nächsten Tag verschwunden ist, macht Sam sich auf eine lange Suche. – Was nach Odyssee klingt, und wohl auch so gemeint war, gerät zu einer fahrigen Tour in Hollywood mit seinen notorischen Orten, bizarren Ikonen und urbanen Mythen. Sam schlussfolgert sich durch die Stadt, indem er in den banalen Dingen der Pop- und Konsumkultur geheime Zeichen erkennt: Schatzkarten auf Cornflakesschachteln, Botschaften in rückwärts gespielten Platten, Numerologie, Buchstabenfolgen, bildliche Codes. Bald tritt die Suche nach Sarah in den Hintergrund, und das Suchen wird Selbstzweck.

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Nov 302018
 

Mit jeder neuen Ausgabe der Bahamas erklären die Gegner, zumeist an denselben Deformationen leidend und lediglich die Gewichte etwas anders setzend, dass die Zeitschrift nun endgültig gestorben sei. Sie irren damit, wie sie nur können, denn was tot ist, kann nicht sterben. Die Bahamas war von jeher eine unpolitische Veranstaltung, so dass man sie besser ästhetisch fasse. Continue reading »

Nov 282018
 

»Das krumme Haus«

Mitten hinein in die drohende Welle neuer Poirot-Filme von & mit Kenneth Branagh stößt, als kleiner Brecher, diese vorderhand bescheidene, tatsächlich exzellent temperierte Verfilmung eines bislang unberührten Christie-Stoffs: »Das krumme House« bzw. »Crooked House«, wie der Roman im Original mehrdeutig heißt. Mit dem Bruchteil des Budgets eines Branagh machen der Regisseur Gilles Paquet-Brenner und seine Autoren so gut wie alles richtig. Continue reading »

Nov 242018
 

»Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.«

Carsten Brückner, Vorsitzer von Haus & Grund Berlin

Es gibt übrigens auch kein Naturgesetz, das Carsten Brückner und der Truppe, deren Interesse er zu artikulieren hat, das Recht gibt, unausgesetzt die Mietpreise in die Höhe zu treiben. Es gibt ein beinahe natürliches Gesetz, demnach die Masse derer, die man unterdrückt, sich das nicht ewig gefallen lässt und das Verhältnis irgendwann umkehrt. Vielleicht erlebt Brückner dann selbst, wie sich eine erzwungene Umsiedlung anfühlt. In dem Fall mögen seine eigenen Worte ihm etwas Trost spenden. Ich werds nicht tun.