Felix Bartels

Nov 212017
 

 

Branagh bleibt, wie er ist

 

Wer sich vergleicht, wird verglichen. Lumets »Mord im Orient-Expreß« (1974) ist aus zwei Gründen schwer zu schlagen. Er hat ein unüberbietbares und nicht erst durch den Weihrauch des zeitlichen Abstands großes Ensemble, und er verändert die Anlage der Figur Poirot nicht, die durch ihre Autorin vorgegeben ist. Branaghs »Mord im Orient-Express« (2017) scheitert daran, dass er besser sein will als Agatha Christie. Continue reading »

Okt 232017
 

Franz Josef Wagner ist, man kann es nicht anders sagen, der Franz Josef Wagner der BILD-Zeitung. Seiner Maxime »1 Satz – 1 Ressentiment« ist er mit sehr wenigen Ausnahmen stets gerecht geworden. Natürlich hat auch er sich jetzt zu #metoo geäußert, jenem Hashtag, der so viel Projektion wie Abwehr erzeugt, dass ich mich bei den Reaktionen wieder an »real men don’t rape« erinnert fand. Continue reading »

Sep 242017
 

 

Über den langen Arm charismatischer Herrschaft

und ein paar Grundrechenarten

Turkmenbaschi schlägt sie alle. Den Putin mit seinem Körperkult, den weltbesten Golfer Kim Jong-il, den Erdogan, der selbst im Palast noch wie ein Staubsaugervertreter wirkt, sowieso. Er, der den April nach seiner Mutter benennen ließ, war der König der komischen Könige. Doch sein Los ist tragisch. In der Zeit noch des frühen Internets verstorben, blieb ihm eine Karriere als Star auf Imgur, Twitter & Facebook verwehrt. Continue reading »

Aug 072017
 

Erste Überlegungen zu Sorrentinos »The Young Pope«

Und plötzlich ist da dieser junge Papst, der als Waisenkind aufgewachsen ist, die Eltern aber nicht verloren hat, sondern von ihnen verstoßen wurde, der die Liebe folglich im Leeren sucht, während er zugleich Liebe zurückweist, der als Mensch mit steter Ironie und eher modern auftritt, in seiner Kirchenpolitik aber das genaue Gegenteil ist, der eine Fluppe nach der nächsten raucht, ganz so, als wolle er im aufsteigenden weißen Rauch immer wieder den siegreichen Moment des Konklaves festhalten. Warum ist das alles so gut, so gut gedreht, so gut erzählt, warum beschäftigt es einen so nachhaltig?

Der Teufel weiß es und kann es nicht begründen. Gott kann es begründen, weiß es aber nicht. Von den ganz weltlichen Dingen nämlich Continue reading »

Jun 242017
 

»Meta Morfoss« & das Motiv der Metamophose in den Überlieferungen[i]

 

Der Name

Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das die Fähigkeit besitzt, seine Gestalt zu wechseln, von den Schwierigkeiten, die die Gesellschaft damit hat, sowie darüber, auf welche Weise beide, das Mädchen und alle anderen, damit leben können. Der Name des Mädchens ist derselbe wie der des Märchens: Meta Morfoss.

Es bedarf keiner besonderen Ausbildung, ihn zu entschlüsseln. Ebenso wenig täte hier ein fundierter Zugriff auf Ovids »Metamorphosen« Not. Abgesehen vom Titel selbst enthält die Erzählung, soweit ich sehe, keine spezifischen Anspielungen auf diesen antiken Katalog, zumal die Differenzen zwischen Meta und den Gestalten Ovids recht groß sind. Mitgedacht werden als Hintergrund kann das Werk Continue reading »

Jun 112017
 

Ich begrüße es, dass mehr und mehr mutige Menschen hervortreten und über ihr Leid berichten. Es soll ja keiner auf die Idee kommen, dass in Deutschland nur der Kampf gegen den Antisemitismus bekämpft wird. Auch Öko-Kritiker wie Miersch sind ganz vorn bei den Opfern. Und man muss ihn für seinen Mut, sein Taktgefühl und seine Bescheidenheit bewundern, sich selbst in diesen Kontext zu bringen. Continue reading »

Mai 112017
 

Die Empörungskultur, ihr Pendant und ein Ausweg

[Vortrag, gehalten in Trier am 25. April 2017]

In einem Zeitalter, in dem die Produktionsverhältnisse bloß Krach machen, doch nicht mehr in Bewegung sind, worin kein Systemkampf die Welt umspannt, keine Umwälzung sich abzeichnet und die Krise tatsächlich bloß Anzeichen der immanenten Barbarei des Kapitals ist, scheint wie zur Kompensation dieser Unbeweglichkeit im Materiellen das gesellschaftliche Bewusstsein stärker in Bewegung als je. Das gesamte Bezugssystem gesellschaftlicher Bekenntnisse mit seinen ideologischen Zuordnungen ist auf dem Weg – und weiß nicht wohin. Was einmal zusammengehörte, trennt sich. Was getrennt war, verschmilzt. Das überbordende Gerede von Querfronten, teils zu Recht, teils nicht, drückt diesen Zustand aus. Die Empörungskultur ist ein Gewächs in diesem Biotop. Was macht sie aus? Was treibt sie an? Und warum geht bei ihr die Forderung nach äußerster Emotionalität mit der Überzeugung zusammen, dass man im Besitz der Wahrheit ist? Continue reading »

Mai 082017
 

Vor fünf Jahren starb der Zeichner und Kinderbuchautor Maurice Sendak

Künste können nicht miteinander. Wo zwei sich treffen, muss eine regieren. Was aber fängt jemand an, der beides ist, Maler und Poet? Biographisch bleibt bei Maurice Sendak kein Zweifel: Er hat manchmal gedichtet und immer gemalt. Die Poesie begleitet ihn eine Weile, dann nicht mehr. In den letzten 30 Jahren seines Lebens schreibt er zwei Bücher, eins davon selbst. Continue reading »

Apr 272017
 

Sigmar Gabriel, der in Israel auf genau die Weise gedemütigt worden ist, die er verdient und nebenbei gesagt auch provoziert hat, dieser Gabriel hat jetzt nachgelegt: »Sozialdemokraten waren wie Juden die ersten Opfer des Holocaustes«, lässt er sich in der Frankfurter Rundschau vernehmen. Es gibt Dinge, die bringt nur er fertig. Sich auf Reise in Israel mal eben als Mit-Opfer des Holocausts ins Gespräch bringen zum Beispiel, und mit Rücksicht auf die ihm (nicht nur in diesem Zusammenhang) eigene Chuzpe muss man fast dankbar sein, dass er nicht noch »wie übrigens auch die« geschrieben hat. Continue reading »

Apr 102017
 

Vor fünf Jahren erschien das Gedicht »Was gesagt werden muss«

Wer es vergessen will, sollte sich erinnern

Im Sommer 1995 wurde Günter Grass eines elend langen Verrisses teilhaftig. Tatort war Der Spiegel, Ziel der Roman »Ein weites Feld«. Neben Fragen literarischer Qualität und der Vermutung, dass amateurpolitische Ambitionen dem Dichten eher hinderlich seien, ging es auch um die Situation der Juden vor und nach der neudeutschen Reichseinheit. Die Polemik könnte als Zeugnis des üblichen Kampfes zwischen verschiedenen Formen des platten Unfugs ignoriert werden, hieße ihr Autor nicht Marcel Reich-Ranicki und wäre sie nicht das impulsivste Ereignis in der berühmten Streitgeschichte zwischen dem jüdischen Kritiker und dem deutschen Autor. Reich-Ranicki zeigt sich nicht zimperlich, und zwischen all seinen Fehlleistungen dort trifft das meiste, was er über Grass schreibt, empfindlich ins Zentrum dieses sensiblen Autors. Einen Titel hatte die Rezension übrigens auch: »… und es muß gesagt werden«.[1] Continue reading »

Apr 082017
 

Friedensbewegung & Bellizismus

 

Manche Witze klingen wie Witze, sind aber gar keine. Die Deutschen, schrieb ich letzten Sommer, sind ein Volk von 80 Millionen Bundestrainern, und die Antideutschen eines von 10.000 Geostrategen. Das größte Elend ist die Bescheidwisserei. Die ist keine exklusive Eigenschaft dieses Milieus, aber gerade diese Beziehung ist, wie ich meine, sehr erhellend. Continue reading »

Mrz 312017
 

Ich weiß nicht, wer den Begriff des Postfaktischen aufgebracht hat und was sein genauer Hintergrund ist. Es scheint irgendwie darum zu gehen, dass unser Zeitabschnitt an einer besonderen Immunisierung des Bewusstseins gegen nachweisbare Tatsachen kenntlich sei. Ich finde das so abwegig nicht, obwohl es eingestanden abwegig ist. Natürlich stimmt, dass solche Immunisierung schon immer ein mehr als bloß häufiges Verhalten unterm Menschlichen war. Leute haben einmal Neigungen, und was da stört, als Logik oder Evidenz, musste von jeher über die Klinge. Niemand mag die Wahrheit. Und viele geben dieser Aversion allzu gerne nach. Continue reading »

Feb 222017
 

 

Villeneuves »Arrival«

Wer breitbeinig flaniert, lädt dazu ein, dass man ihm in die Kniekehlen tritt. »Arrival«, dieser Film über die Sprache, das Universum und den ganzen Rest, scheint viel zu wollen. Daher darf man auch mehr von ihm wollen. Indessen ist, wer nicht vorhat, ihn wie einen gewöhnlichen Film zu behandeln, gezwungen anzugeben, wie er Filme gewöhnlich behandelt. Continue reading »

Feb 082017
 

Sieben Noten zur Antrittsrede von Donald Trump

Es fällt schwer, den Trump an Trump auszublenden. Den stets deplaciert wirkenden Hampelmann, narzisstischen Wichtigtuer mit Syntax und Wortschatz eines Viertklässlers, das Arschloch, das Behinderte nachäfft und Frauen wie Dreck behandelt, den hochmütigen Narren, der seine Unbildung für einen Vorzug hält. All das, und was dergleichen mehr ist, trübt den Blick auf die Politik, die sich in seiner Antrittsrede vorzeichnet. Man tue sie sich daher nicht als Aufzeichnung an, sondern lese sie. Das ermöglicht, Trump als politischen Akteur ernst zu nehmen, der etwas will und etwas verspricht. Continue reading »