Felix Bartels

Nov 222019
 

»Pferde stehlen«

Vermutlich ist Erwartungen zu erfüllen wichtiger für den Erfolg eines Künstlers als gekonnt Überraschungen zu setzen. Das frei genießende, von Fall zu Fall urteilende Publikum existiert nur in der Einbildung, die einer braucht, der sich freimachen möchte von jenen Erwartungen. Dankbar ist das Publikum ihm dafür selten, auch wenn es dann ja gleichfalls befreit wurde. Vielleicht passiert das gerade mit Hans Petter Moland, den man bislang vor allem für düsteren Humor schätzte. Noch sanft in »Ein Mann von Welt« (2010) trieb er das Prinzip in »Einer nach dem anderen« (2014) zum Höhepunkt. Diese kaltschnäuzige Groteske verdeckt mit Witz die Traurigkeit des Vorfalls. In »Pferde stehlen« nun bleibt nichts übrig als diese Traurigkeit. Hier gibt es weder Witz noch Komik, keinen Schwung. Die Figuren handeln nicht, sie erleiden. Continue reading »

Nov 152019
 

Das Übel um Sahra Wagenknecht begann lange vor ihrer neurotischen Jagd auf dusslige Wählerstimmen, die die Linke in einer Zeit, da rechterseits noch keine selbstbewusste Kraft etabliert war, ohnehin immer nur geborgt hatte. Es begann Ende der Neunziger Jahre, als Wagenknecht den Leninismus entsorgt und die kommunistische Opposition innerhalb der PDL zerschlagen hat. An deren Stelle trat zunächst ein diffuser Antiimperialismus und schließlich ein nach rechts offener Populismus. Immer stramm mit der Zeit, denn wo Schröder und Chirac 2003 den Antiamerikanismus nutzbar machten, durfte man den Anschluss genau so wenig verpasst haben wie 2015 beim Ruck nach rechts, der bis heute das Denken und die politischen Zuordnungen verwirrt.

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Nov 142019
 

»Booksmart«

Wenn zwei Hänger, die die gesamte Schulzeit mit Saufen, Drogen und Geschlechtsverkehr rumgebracht haben, aus Angst vor mangelhaften Noten beschlössen, in der Nacht vor der Abschlussprüfung sämtlichen Rückstand aufzuholen, wäre diese Idee von derselben Gediegenheit, wie alles, was sie davor im Sinn hatten. Nämliches gilt für zwei Streberinnen, die den Entschluss fassen, in der Nacht vor dem High-School-Abgang alles Vergnügen nachzuholen, das sie bis dahin des Lernens wegen vorbeiziehen ließen. Nur dass sich aus dem zweiten Einfall ein Film erzählen lässt, wenn auch kein sonderlich tiefer. Continue reading »

Nov 132019
 

Der Zusammenhang von Kinderdichtung, Poesie und Realismus

in der Epik eines Dramatikers

Der Dramatiker heißt Hacks, und er war einer. Alles darüber hinaus tat er bloß nebenbei. Er schrieb für die Aufführung und für Erwachsene; das Epische lag ihm so wenig[1] wie das Kindliche. Dass er dennoch nicht unterließ, Kinderliteratur (und vorrangig epische (und vorrangig erstklassige)) zu schreiben, hat Ordnung, aber eine hintergründige. Nichts widersetzt sich energischer der Ordnung als ein Kinderzimmer. Ich würde daher gern etwas aufräumen. Continue reading »

Nov 092019
 

Der Nation-Begriff der DDR war im Grunde der französische, in dem das Volk aus dem sittlichen Charakter des konstituierten Staats abgeleitet wird (anstatt seinerseits den Staat zu konstituieren). Noch je war der Nationalismus von oben, obgleich nie ganz vernünftig, der der Vernunft sich etwas weniger entgegensetzende. Und er gab – anders als der impulsive, im Widerstand gebildete, notwendig völkische Nationalismus von unten – den Menschen die Möglichkeit, zu ihrem Land aus sittlichen Gründen Ja zu sagen. Continue reading »

Nov 042019
 

»Invisible Sue«

Das ist einer der Filme, die man wirklich mögen möchte. Neben »Unheimlich perfekte Freunde« gehört »Invisible Sue« zu den deutschen Kinderfilmen des Jahres, die sich von Instantnahrung wie »TKKG«, »Die Drei !!!« oder »Ostwind – Aris Ankunft« schon dadurch abheben, dass sie mit einer selbständigen Idee auftreten. Leider zieht der Film vor, unter der selbst hochgelegten Latte hinweg zu tauchen. Continue reading »

Okt 182019
 

»Born in Evin«

Vorm Hintergrund erst des Wissens, wie entscheidend der frühkindliche Abschnitt für die Entwicklung jeder Persönlichkeit ist, erhält dieser Film seine Tragweite. Ungemein persönlich tritt er auf, gleichwohl exemplarisch. Maryam Zaree – Regisseurin, Autorin, Protagonistin – wurde als Kind inhaftierter Dissidenten 1983 im Evin-Gefängnis nahe Teheran geboren und verbrachte dort die ersten Jahre ihres Lebens. Heute arbeitet sie als Schauspielerin in der Bundesrepublik und findet, da kaum jemand mit ihr über diese Jahre reden will, für angezeigt, ein solches Reden zu erzwingen. Ich denke, so muss man diesen Film fassen. Als letztes Mittel eines Menschen, sein Recht auf Wissen durchzusetzen. Continue reading »

Okt 162019
 

»Mit Dolchen sprechen – Der literarische Hass-Effekt«

In Rostands »Cyrano« kann der leicht kränkbare, von Gefühlen der Minderwertigkeit getriebene Titelheld beim Duell das Reden nicht lassen. Ein Satz begleitet den Kampf, zugleich die Arbeit des Degens spiegelnd und deren Abschluss ankündigend: »Denn beim letzten Verse stech ich«. Karl Heinz Bohrer behandelt Rostands Schauspiel in seinem Buch »Mit Dolchen sprechen« nicht, doch der Titel erinnert stark an das szenische Motiv und will auf dieselbe Dialektik von Handlung und Sprache hinaus. Hier liegt eine Untersuchung über den »Hass-Effekt« vor, indessen nicht über Hass als solchen, nicht über Folgen und Gründe der Niedertracht. Die Studie taxiert die Hass-Rede als Element poetischer Literatur. Continue reading »

Okt 152019
 

Man kommt recht bald dahinter, dass Utopien tatsächlich nicht realisierbar sind, sie aber als Kompass benötigt werden, wenn man mehr als bloß verwalten will. Auch die Magnetnadel zeigt auf einen Punkt hinterm Horizont, der nicht erreichbar ist, doch besser, man folgt ihr als gar keiner Richtung im wahllosen Herumzukreuzen. Continue reading »

Okt 102019
 

Zur Spaltung der real existierenden Ideologiekritik[1]

Ich kann keine Karikaturen malen. Das mag daran liegen, dass ich überhaupt nicht malen kann. Könnte ichs, brächte ich folgendes aufs Papier: Ein Mann hält vom Podium einer Pressekonferenz eine Phantomzeichnung in die Luft. Die Zeichnung zeigt ein Gesicht, das dem des Mannes aufs Haar gleicht. Darunter in Anführungszeichen: »Wir fahnden nach diesem Mann.« Die Karikatur könnte den Titel »Ideologiekritik« tragen, würde aber auch so, denke ich, nicht verstanden werden. Die Sache allerdings hätte einen Vorteil. Ich könnte jetzt aufhören. Continue reading »

Okt 052019
 

»Skin«

Es scheint retrospektiv fast zwingend, dass Regisseur Guy Nattiv den Stoff um den Neonazi Bryon Widner von der Erzählung weg auf die Bildsprache hin gestaltet hat. Denn nicht der Inhalt, nicht die Erzählung – das titelgebende Motiv der bemalten Haut macht die Besonderheit dieser Biographie. Widner musste seinen Ausstieg aus der Szene ebenso auf der Haut vollziehen wie darunter. Insgesamt 612 Sitzungen waren nötig, die zahllosen Tattoos verschwinden zu lassen, die seinen Körper bis ins Gesicht bedeckten. Dass das Entfernen so schmerzhaft wie das Tätowieren war, kann als lex talionis verstanden werden: die Strafe spiegelt das Vergehen. Continue reading »

Sep 262019
 

»Gelobt sei Gott«

Wie die Genrebezeichnung lässt sich auch das Thema eines Kunstwerks als Vertrag mit dem Publikum verstehen. Gewiss kann man Verträge brechen, und mitunter liegt genau dort der Reiz. Nur gibt es Zusammenhänge, da gehört sich das einfach nicht. Wo ein Film als Film für die Opfer antritt – wo es also nicht ums Investigative und nicht um den modus operandi des Täters geht –, dort sollte er dann auch wirklich von den Opfern handeln. Das große Drama »Spotlight« (2015) war, bei aller Sensibilität, eine Missbrauchs-Exploitation, um seinem eigentlichen Thema, dem investigativen Journalismus Huld zu tun. »Utøya 22. Juli« (2018) blieb dagegen strikt in der Perspektive der Opfer, geriet aber zum Festspiel der Eitelkeit, das den gesetzten Zweck sabotiert. »Gelobt sei Gott« nun ist nichts weniger als ein Lehrbeispiel. Eines Films nämlich, der sich durch seinen guten Zweck nicht zu falschen Mitteln verführen lässt. Continue reading »

Sep 232019
 

»Ad Astra«

Dieser Film wird enttäuschen, ohne tatsächlich enttäuschend zu sein. Wer hier ins Kino findet, rechnet gewiss nicht mit Historien wie »Apollo 13« (1995), »Die Zeit der Ersten« (2017) oder »First Man« (2018), deren Handlung naturgemäß physisch ausgelegt ist. Auch nicht mit ganz entrückten Szenarien wie »Forbidden Planet« (1956) und »Journey to the Far Side of the Sun« (1969). Aber wohl doch mit etwas wie »Gravity« (2013) oder »The Martian« (2015), worin eine stark dosierte Nah-Utopie gerade so viel Raum schafft, dass ein physischer Plot sich entfalten kann. Sicher werden einige die Tiefe oder Breite von »2001: A Space Odyssey« (1968), »Silent Running« (1972), »Solaris« (1972), »Interstellar« (2014) erwarten. In der Tat ist »Ad Astra« nichts von all dem, auch nichts dazwischen. Der Film gerät zu tief, um breit, nicht breit genug aber, um wirklich tief sein zu können, und so physisch, dass er symbolisch genommen werden muss. Das klingt paradox, was daran liegt, dass es das ist. Continue reading »

Sep 202019
 

Der Irrsinn dieser Tage lässt sich in einen Satz fassen: Die Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot-Fraktion und die Das-Boot-ist-voll-Fraktion werfen sich gegenseitig ihre Dummheiten an den Kopf und begründen in der gemeinsamen Annahme, dass ein Drittes nicht gegeben sei, ihre furchtbare Doppelherrschaft über alles andere. Continue reading »