Felix Bartels

Mai 282019
 

Zur politischen Intention des Märchens »Liebkind im Vogelnest«[i]

Der junge Mann heißt Leberecht, das Mädchen Liebkind, der Hund heißt Kasper. Wir haben, wie so oft bei Hacks, eine Dreiteilung. Und wie ebenfalls üblich bedeutet diese hier wieder was Eigenes. Selten hat Hacks dieselbe ideelle Konstruktion zweimal verwendet, so dass man seine Werke nicht nach stets demselben Schema deuten kann. Auch »Liebkind« lockt den routinierten Hacks-Leser ein wenig auf die falsche Spur. Einiges erkennt man sogleich, doch dann schaut man wieder hin und sieht, es geht noch um mehr. Continue reading »

Mai 252019
 

Niemand & zuletzt DER FREITAG selbst weiß, warum sein wöchentlicher Fragebogen »Der Kommunismus ist …?« heißt. Die Fragen darin lesen sich, als seien sie von Angelika Taschen erdacht. Die Steigerung von Tucholskys »Meine Sorgen möcht ich haben« lautet: Eure Sorgen wünsch ich euch. Ich habe der Verlockung, den Quatsch einfach zu ignorieren, tapfer widerstanden.

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Mai 172019
 

Auf Fragen, die man erst haben kann, wenn man den Film gesehen hat

Ein spekulativer Inhalt kann nicht in einem einseitigen Satz ausgesprochen werden, schreibt Hegel. Gibt es Grenzen des spekulativen Zugangs? Oder konkreter gefragt: Ist die Shoa spekulativ zu denken?

Es gibt Gegenstände, die nicht im spekulativen Zugriff aufzuheben sind. Weniger aus theoretischen Gründen, sondern weil es sich moralisch verbietet. Dass dem Antisemitismus keine produktive Seite abzugewinnen sei, versteht sich praktisch und muss nicht begründet werden. Für Antisemiten ist die Begründung nicht möglich, für Nicht-Antisemiten ist sie nicht nötig. Continue reading »

Mai 162019
 

»Maquia«

Blau ist eine dankbare Farbe. In der Natur scheint sie den fernen und weiten Dingen vorbehalten. Insofern ist das dominante Blau in »Maquia« nicht allein der gefälligen Anschauung wegen, es korrespondiert dem Thema des Films, Geburt und Tod, Vergänglichkeit und Fortleben. Wie typisch für Anime sind die Hintergründe feiner gestaltet als die Figuren, in denen der traditionelle Zeichenstil bewahrt wird. Auf die Art vermittelt das Genre zwischen Effekt und ästhetischer Tradition. Continue reading »

Mai 112019
 

Weiterführendes zur Idee der Enteignung

Die sogenannte Debatte um die Enteignung scheint fast vollständig von Personen geführt zu werden, die keinen Begriff von oder kein Interesse an Enteignung haben. Gern auch beides. Wenn eine Fraktion der bürgerlichen Gesellschaft mit einer anderen darüber streitet, ob oder wie sehr dieser oder jener zu hoch gewordene Haufen Privatbesitzes abgetragen werden darf, wird es Zeit, dass von zuständiger Seite ein paar Handreichungen erfolgen. Bitte schnallen Sie sich an und stellen das Rauchen ein. Continue reading »

Mai 092019
 

»Stan & Ollie«

Der Film eröffnet gleich einem Gemälde. Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) sitzen in der Maske; man sieht sie von hinten, die Stühle halbschräg, so dass ihre Blickrichtungen auf einen Fluchtpunkt zulaufen. Als sei da die Zukunft des Duos an die Wand der engen Garderobe geworfen, wo die bekannten Hüte am Ständer hängen. Sie werden, spricht das Bild, nicht entkommen aus dieser Nummer ihres Lebens, sind, wie später Charters und Caldicott oder Abbott und Costello, nur als Duo interessant. Linker- und rechterhand stehen beider Schminkspiegel, aber so, dass man darin den je anderen sieht. Stan, das ist Ollie, und Ollie, das ist Stan. Die Kamera folgt ihnen auf dem Weg zum Set in einer Plansequenz von genau 4 Minuten, die elegant die Exposition beider Figuren, ihre persönliche und berufliche Situation miterledigt. Continue reading »

Apr 302019
 

»Streik«

Der deutsche Verleihtitel fällt gegen den französischen »En Guerre« ein wenig ab; indessen stellt er sich dem Erbe Eisensteins. Dieser Bezug lag nahe. Stéphane Brizé, der bereits in »Der Wert des Menschen« wider den Kapitalismus dröhnte – auf Augenhöhe hierbei mit Werken wie »Stürmische Ernte«, »Shoplifters«, »Glücklich wie Lazzaro« oder »In den Gängen« –, greift auch in »Streik« zum erprobten Mittel der Konzentration auf eine Figur. Gewiss ist der Film breiter angelegt, vor allem im Dialogischen; gut erzählt ist er trotzdem. Continue reading »

Apr 202019
 

»Supa Modo«

Es ist ein Märchen. Also eigentlich ein Märchen in einem Märchen. Unwirklich, aber mit Vorsatz, so dass es schon wieder zum Realismus taugt. Dem Realismus eines Regisseurs, der begriffen hat, was Kunst ist. Und das meint hier tatsächlich zunächst die formale Seite, denn in »Supa Modo« sind die kraftvollen Farben zugleich natürlich, die Kamera weiß in ungezählten originellen Shots stets genau, was sie will, der Score schafft ebenso Stimmung, wie er den Verstand wachhält. Ästhetisch passt hier einfach alles.

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Apr 172019
 

»Der Fall Collini«

Wenig überraschend blieb die öffentliche Aufmerksamkeit dieser Tage vor allem an der Besetzung der Hauptrolle hängen. Bislang war Elyas M’Barek kaum anders denn in seichten Stories zu sehen, und dafür, dass er jetzt als Strafverteidiger Caspar Leinen etwas Reparation treiben kann, hat man der Figur aus Schirachs Romanvorlage einen türkischen Hintergrund eingeschrieben. Deutsche Angelegenheiten. Ich meinesteils freue mich stets, Franco Nero zu sehen, der mir durch »Zwiebel-Jack räumt auf« (1975) zum Helden der Kindheit wurde. Meine Angelegenheiten.

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Apr 122019
 

»Niemandsland«

Dass der deutsche Verleihtitel den zeitlichen Ausdruck in eine räumliche Metapher überträgt, mag dem Notstand geschuldet sein, im Deutschen keine griffige Entsprechung für »Aftermath« zu haben. Jenes Nachwirken als höchst aktives Fortwirken der Vergangenheit im Gegenwärtigen meint in diesem Film zweierlei: die politische Situation nach dem 2. Weltkrieg und den Seelenzustand einer Frau, die ihr Kind verloren hat. Der in Hamburg stationierte Offizier Lewis Morgan erhält Besuch von seiner Frau Rachael. Die britische Armee beschlagnahmt die Villa des Architekten Stefan Lubert als Wohnraum für das Paar, doch Lewis schlägt vor, dass Lubert und seine Tochter Freda mit ihnen unter einem Dach wohnen bleiben. Ziemlich bald verlieben sich Rachael und Lubert, am Hass der strammen Freda und dem Desinteresse des stets beschäftigen Lewis vorbei.

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Apr 092019
 

Greta Thunberg und die Widerstandsgymnastik

Soweit es Greta Thunberg betrifft, sind hemmungsloses Einprügeln und joviale Bewillkommnung, die ihr wechselweise in den Zeitungen zuteilwerden, offenkundig dasselbe. Das zornige Mädchen soll absorbiert werden, und wo man ahnt, dass es nicht korrupt ist, offen bekämpft. Greta ist gewiss nicht anmaßender, als Kinder im Alter von 16 Jahren sein müssen. Allein, wer ihr über den Kopf streichelt oder eine veritable Gefahr in ihr ausmacht, kann sich seinerseits nicht auf jene Unschuld herausreden. Wir sprechen von schlecht gereiften Jahrgängen, denen gegen den Strich geht, ein Mädchen sich ermannen und ein Kind sich ermächtigen zu sehen. Die freche Raumnahme, das selbstbewusste Lächeln, der dreiste Glaube, simpel im Recht zu sein – das erinnert, was man selbst gern noch hätte. Für jene war das Älterwerden tatsächlich bloß eine Art Ausdünsten. Wenn man Frechheit von Dummheit abzieht, was bleibt dann noch? Was sie Greta voraushaben wollen, sei Reife, es ist aber bloß Trägheit.

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Mrz 282019
 

»Ein Gauner & Gentleman«

Vermutlich war der notorische Bankräuber Forrest Tucker einfach ein glücklicher Mann – wenn nämlich Glück bedeutet zu tun, was man kann, und zu können, was man tut. Auch Robert Redford kann, was er tut, tut aber künftig nicht mehr, was er kann. Jener Tucker soll, wie man hört, die letzte Rolle seiner Laufbahn werden. Dass der große Schauspieler aufhört mit einem Mann, der nicht aufhören konnte, ist die erste Pointe dieses provokativ gemütlichen Films. Der Originaltitel übrigens erinnert gleichfalls eine Figur, die in ihrer Berufung kein Ende finden wollte: Hemingways ewigen Fischer Santiago.

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Mrz 202019
 

»Der junge Hacks«

Die beharrliche Ungnade, mit der Peter Hacks das eigene Frühwerk beiseiteließ, ist ein Glücksfall dieser Edition. Gerade weil kaum einer der zwischen 1945 und 1955 entstandenen Texte in die 2003 besorgte Ausgabe letzter Hand gelangt ist, lässt sich das frühe Werk vom Rest derart sauber scheiden. 500 Gedichte, 37 dramatische Texte, 18 Hörspiele, 24 Stücke für den Kinderfunk, dutzende Studien, Essays, Feuilletons und Rezensionen, mehrere hundert Briefe und biographische Dokumente erscheinen jetzt als nie oder nie wieder gedruckte.

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Mrz 182019
 

Und gelegentlich wird jemand erschossen: »Wintermärchen«

Der Titel drängt sich auf. Man denkt an Deutschland, Heine, das dumme Sommermärchen von 2006 und müsste noch am ehesten jenes kaum bekannte, späte Drama Shakespeares erinnern, worin gleichfalls das Politische hinterm Persönlichen verschwindet. Denn das passiert in diesem Film, und allein seine Atmosphäre – die hektische Kameraführung, die karge Beleuchtung, worin der Eindruck eines nie enden wollenden Novembers entsteht – wird dem Titelmotiv gerecht. Der Rest hängt so im Raum.

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Mrz 152019
 

»Destroyer«

Der Star ist nicht die Mannschaft. Nicht das Drehbuch. Nicht die Regie. Der Star ist der Star. Es ist Nicole Kidman. Ausgerechnet sie, die ewig junggebliebene, makellose, die oft ihr Können bewiesen hat, behauptet sich hier ganz gegen ihr Profil. Weiblichkeit soll unterm Spiel vergraben werden, Ekel ist kalkuliert, wie zuletzt bei Melissa McCarthy in »Can You Ever Forgive Me«. Es mag Härteres gegeben haben. Nie, meine ich, wurde eine bis auf den Grund zerstörte, von Schuldgefühl zersetzte Persönlichkeit so intensiv und einnehmend gespielt wie in »Destroyer«.

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