Sep 222018
 

Es gibt eine Sache an Merkel, die dann doch zu loben wäre. In ihrer Position kann sie nichts anderes sein als eine Charaktermaske, die die Logik der kapitalistischen Gesellschaft bei Strafe des eignen Untergangs exekutieren muss, und so wie sich das Wertgesetz überhaupt erst durch die Abweichung des Preises vom Wert durchsetzen kann, ist die individuelle Aktion im Regieren bloß die Gelegenheit zur Korrektur durch die unerbittliche Logik des Kapitals. Merkel oszilliert sozusagen um diese Logik. Continue reading »

Sep 122018
 

»Styx« als Lehrstück zur sogenannten Flüchtlingskrise

Eröffnung im nächtlichen Gibraltar. Affen klettern über einen Zaun, laufen durch die Straßen. Was vorderhand nichts mit der folgenden Filmerzählung zu schaffen hat, scheint tatsächlich als Symbolbild gemeint. Hier, an den Säulen des Herakles, liegt die Frontstadt der Festung Europa, wenige Seekilometer zum nördlichen Afrika, von wo aus Flüchtlinge über die hohe See setzen und höhere Zäune überwinden. Continue reading »

Sep 072018
 

Kunst, Spektakel und Revolution No. 6

[Rezension]

Theater Realität Realismus – ein Subjekt, ein Objekt und deren Beziehung. Nur nicht die Beziehung schlechthin, sondern sie ist hier zugleich Forderung. Denn ebenso wie jedes andere Subjekt kann Theater gar nicht anders als sich auf Wirklichkeit zu beziehen. Der Realismus aber regelt, auf welche Weise dieser Bezug herzustellen sei, indem er die Forderung aufstellt, dass ein Erfassen oder Abbilden oder Widerspiegeln der Realität unbedingtes Kunstziel sei. Es gibt adäquates und weniger adäquates Abbilden. Durch den Realismus wird die Realität zum Maßstab. Zum Maßstab allerdings der Erkenntnis, nicht zwingend auch zum Maßstab politischer Norm. Ein Werk kann einen intimen Komplex einer Zeit empfindlich anrühren und so viel Realismus befördern, dass es selbst zum Politikum wird, und kann sich dennoch, grundsätzlich, affirmativ zur eigenen Zeit verhalten. Das vernichtende Urteil der »Heiligen Johanna« und das profunde Einverständnis von »Adam und Eva« trennt mehr als es eint, gleichwohl wird man beide Werke nicht anders denn realistisch nennen können. Um diesen Komplex, der sich nach verschiedenen Seiten konkret ausspitzen lässt, kreisen die 9 Beiträge dieses Heftes, das auf eine Konferenz zurückgeht, die am 22. und 23. Juli 2016 in Berlin stattfand, organisiert von der Arbeitsgruppe Kunst und Politik, und in das es leider nicht alle dort gehaltenen Vorträge geschafft haben. Continue reading »

Sep 032018
 

Geschriebene und vernichtete Geschichte: der Dokumentarfilm »Palmyra«

»Essayfilm«, heißt es ehrlicherweise, denn breiten Raum nehmen die Worte des Autors. Die Genrebezeichnung scheint gegen mögliche Einwände vorzubauen, da heute allgemein vom Dokumentarfilmer erwartet wird, dass er sich hinter das Gezeigte zurückzuziehe. Arbeiten von Alexander Kluge oder Werner Herzog gegenüber fühlt man sich via Objektivität im Vorteil. Diese Objektivität ist aber selbst bloß Schein, da es kein Arrangement ohne Intention gibt, und das ist treffenderweise zugleich, wovon »Palmyra« handelt: Wieviel Konstruktion und Fälschung liegt in der Herstellung des Authentischen? Continue reading »

Aug 232018
 

Am Kinofilm »Gundermann« stimmt alles, bis auf das Ganze

Das Leben selbst hat keine Dramaturgie. Wer eins verfilmen will, muss den krausen Stoff zuschneiden. Entweder verengt man es auf ein bestimmtes Thema, oder man wählt einen dramaturgisch geeigneten Ausschnitt. Dresens »Gundermann« tut beides. Nicht dass, sondern worauf der Film sich konzentriert, ist sein Problem. Continue reading »

Jul 122018
 

»LOMO: The Language of Many Others« ist so planlos wie seine Hauptfigur

Es habe sie gereizt, sagt Julia Langhof, die »Odyssee« in die Gegenwart zu übersetzen. Wenn das der Einfall war, ist nicht viel davon geblieben. Die Handlung trägt sich im gehobenen Berliner Milieu zu, Lichterfelde West oder so. Arbeiterklasse findet nicht statt, und folglich sind die Erwerbssorgen von der Art, dass einer womöglich noch sein Haus verkaufen und zur Miete wohnen muss. Das in der Tat ist, worum Karls Vater sich sorgt, und Karl ist die Hauptfigur dieser Geschichte. Continue reading »

Jul 102018
 

Von allem, was gegen Kommunisten vorgebracht wird, ist der Vorwurf der Unbelehrbarkeit der albernste. Natürlich ist 1 Vorgang der Geschichte nicht mit den Möglichkeiten der Welt in eins zu setzen, ist also auch 1 stattgehabte Niederlage noch kein Hinweis darauf, dass sie sich stets wiederholen müsse. Und natürlich haben Menschen, deren Perspektive über das Gegenwärtige nicht hinausgehen will, die geringsten Aussichten, die Welt als eine Menge von Möglichkeiten aufzufassen, indem das Vorhandene als kleiner Teil des Möglichen verstanden und das Notwendige ebenso wie das Unmögliche aus dem Denkbaren gesondert wird. Nicht wir sind unbelehrbar, ihr seid es. Und deswegen geht es gar nicht darum, Verhältnisse anzustreben, deren Funktionieren davon abhängt, dass erstmal der Mensch sich zu emanzipieren hätte. Es geht darum, Verhältnisse einzurichten, die den Menschen ermöglichen, im Rahmen ihrer bescheidenen Mittel ein wenig zu wachsen. Die ihnen ermöglichen, human zu werden, ohne dass sie dazu aufhören müssen, Mensch zu sein.

– Ich gebe zu, es ist etwas zu lang für einen Grabstein, aber schreibt es mir bitte trotzdem drauf.

Jul 012018
 

Version 2016

»Jeder stirbt für sich allein« ist ein viel zu langer Roman von Hans Fallada. Die bisherigen Verfilmungen taten gut daran, die Fabel zu straffen. Die Widerstandsgeschichte wurde auserzählt, die Gefängnisgeschichte, also die zweite Hälfte des Romans, weggelassen. Ich habe die Verfilmung von 1976 nicht gesehen, aber die DEFA-Produktion von 1970. Das ist etwa 20 Jahre her. Jetzt habe ich die jüngste Verfilmung von 2016 besichtigt und fühle mich in allen wohlerworbenen Vorurteilen bestätigt. Continue reading »

Jun 282018
 

»Love, Simon«

Es ist schwieriger geworden, eine leidlich interessante Coming-out-Handlung zu erzählen. Der Schikaneur aus dem Footballteam, der verstockte Nachbar mit militärischem Hintergrund, die Mutter mit konservativem Familienbild, der Mitläufer, der seine eigene Homosexualität unterdrückt – die Klischees treffen noch von Fall zu Fall, doch Homophobie ist heute nicht mehr manifest. Die Zeit der Heugabeln und brennenden Kreuze ist vorbei. »Love, Simon« unternimmt also den Versuch, ein Coming-out zu erzählen für eine Gesellschaft, die Homosexualität weitgehend akzeptiert hat. Es geht damit eher um die Hintertüren, durch die sich aus dem gesellschaftlichen Konsens gestoßene Vorurteile ins Verhalten zurückschleichen. Continue reading »

Jun 232018
 

Zur Poesie Gerhard Gundermanns

»Sieh dir mal die schönen Sachen an: Die kann man alle noch gebrauchen. Und was man wirklich nicht mehr essen kann, das lässt sich doch noch rauchen.« Larmoyanz war Gundermanns Sache nicht; seine Poesie hatte zwei Seiten, eine warme und eine Eisenseite. Gerade dass die Zuversicht aufgenötigt blieb, macht ihre Kraft aus. »Eine kleine leise Traurigkeit« bringt das in acht Zeilen zusammen: rauhe Umstände, innere Traurigkeit, Umschlag ins Heitere. Das Lied steht mit seiner unsagbaren Schönheit neben kosmischen Griffen wie »Septembermorgen« oder »Ein Gleiches«. Continue reading »

Jun 162018
 

Dem Fußball scheint Ähnliches zu blühen wie Apple, Sushi oder Netflix. Er läuft nach wie vor, und irgendwie auch ganz gut, doch das symbolische Kapital schwindet. Längst hat sich Verdrossenheit unter die Begeisterung gemischt, ist das Mythische im Alltäglichen ertrunken und der Reiz verloren, mehr darin zu sehen als darin ist. Die Fahnen, diese elenden, sind heute dünner gesät denn je, und während die WM vor 8 Jahren allgegenwärtig war, ist das einzige, was sich heute noch aufdrängt, das bierselige Antlitz Thomas Müllers beim Rewe. Continue reading »

Mai 312018
 

»Hostiles« erinnert an das Erbe der amerikanischen Kolonialgeschichte

Wenn schon der Film überhaupt von der bürgerlichen Gesellschaft geprägt ist wie kein Genre je, so kann der Western als reiner Ausdruck davon genommen werden. Sein Setting ist die idealisierte Geographie des frühen Kapitalismus: die unterentwickelte Staatlichkeit, der Vorrang des noch nicht kodifizierten Rechts, das egozentrische Handeln als höchstes gemeinsames Gut, die unerbittliche Expansion, bei der Hinterland und Frontier verschwimmen, die absolute Grenze des Pazifik, nach der bloß noch intensive Reproduktion möglich sein wird – alle diese Elemente sind im Western zum Naturzustand verklärt. Hier siedle ich und kann nicht anders. Continue reading »

Mai 262018
 

»Ein Leben« zeigt die Kollision von Wahrheit und gesellschaftlicher Rücksicht

»Das Leben«, so lautet der Satz, in dem Stéphane Brizés Verfilmung von Maupassants großem Roman »Une Vie« schließlich erstarrt, »ist nie so gut oder schlecht, wie man glaubt.« Jeanne, eine junge Adlige, kehrt nach Jahren klösterlicher Erziehung auf den Landsitz ihrer Eltern zurück. Sie heiratet unglücklich; ihr Mann Julien, der sie betrügt, wird vom eifersüchtigen Nachbarn umgebracht. Jeannes Vater stand ihr bloß zaghaft bei, ihr Sohn Paul verlässt sie gen England, wo er eine Prostituierte heiratet und sich in allerlei desaströse Geschäfte involviert. Von einem Leben der Lügen und Zweideutigkeiten gezeichnet, beginnt Jeanne an der Ehrlichkeit seiner Nachrichten zu zweifeln, bis sie einen unumstößlichen Beweis erhält. Es sind nicht die Ereignisse, die einen hieran packen, es ist das Innere der Heldin. Diese Innerlichkeit gibt den Schlüssel, diesen Film zu verstehen – sein Schauspiel, seine Diktion, seine Erzählform, seine bildästhetischen Mittel. Continue reading »

Mai 172018
 

Die Dokumentation »The Cleaners« wirft Licht auf eine Schattenindustrie

Als Saul Ascher 1818 seine »Idee einer Preßfreiheit und Censurordnung« vorlegte, war er von einer wohlbekannten Zerrissenheit befallen, die Freiheit zwar zu wollen, nicht aber die damit gegebene Möglichkeit zu Verleumdung und Aggression. Sein Vorschlag lautete, dass Zensur nie den Inhalt, sondern die Form anzutasten habe. Jeder sage, was er will, doch man sorge, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Ascher wollte also trennen, was sich praktisch nicht trennen lässt. Wer ein Medium für das Gute öffnet, öffnet es auch fürs Schlechte, und wenn schon im täglichen Betrieb beides stets ineinandergreift, so scheint erst recht unmöglich, dies Chaos in ein allgemeines Handlungsgesetz zu überführen. An eben dieser Schnittstelle setzt exakte 200 Jahre und 1 Internet später die Dokumentation »The Cleaners« an. Continue reading »