Okt 182019
 

»Born in Evin«

Vorm Hintergrund erst des Wissens, wie entscheidend der frühkindliche Abschnitt für die Entwicklung jeder Persönlichkeit ist, erhält dieser Film seine Tragweite. Ungemein persönlich tritt er auf, gleichwohl exemplarisch. Maryam Zaree – Regisseurin, Autorin, Protagonistin – wurde als Kind inhaftierter Dissidenten 1983 im Evin-Gefängnis nahe Teheran geboren und verbrachte dort die ersten Jahre ihres Lebens. Heute arbeitet sie als Schauspielerin in der Bundesrepublik und findet, da kaum jemand mit ihr über diese Jahre reden will, für angezeigt, ein solches Reden zu erzwingen. Ich denke, so muss man diesen Film fassen. Als letztes Mittel eines Menschen, sein Recht auf Wissen durchzusetzen. Continue reading »

Okt 102019
 

Zur Spaltung der real existierenden Ideologiekritik[1]

Ich kann keine Karikaturen malen. Das mag daran liegen, dass ich überhaupt nicht malen kann. Könnte ichs, brächte ich folgendes aufs Papier: Ein Mann hält vom Podium einer Pressekonferenz eine Phantomzeichnung in die Luft. Die Zeichnung zeigt ein Gesicht, das dem des Mannes aufs Haar gleicht. Darunter in Anführungszeichen: »Wir fahnden nach diesem Mann.« Die Karikatur könnte den Titel »Ideologiekritik« tragen, würde aber auch so, denke ich, nicht verstanden werden. Die Sache allerdings hätte einen Vorteil. Ich könnte jetzt aufhören. Continue reading »

Okt 052019
 

»Skin«

Es scheint retrospektiv fast zwingend, dass Regisseur Guy Nattiv den Stoff um den Neonazi Bryon Widner von der Erzählung weg auf die Bildsprache hin gestaltet hat. Denn nicht der Inhalt, nicht die Erzählung – das titelgebende Motiv der bemalten Haut macht die Besonderheit dieser Biographie. Widner musste seinen Ausstieg aus der Szene ebenso auf der Haut vollziehen wie darunter. Insgesamt 612 Sitzungen waren nötig, die zahllosen Tattoos verschwinden zu lassen, die seinen Körper bis ins Gesicht bedeckten. Dass das Entfernen so schmerzhaft wie das Tätowieren war, kann als lex talionis verstanden werden: die Strafe spiegelt das Vergehen. Continue reading »

Sep 262019
 

»Gelobt sei Gott«

Wie die Genrebezeichnung lässt sich auch das Thema eines Kunstwerks als Vertrag mit dem Publikum verstehen. Gewiss kann man Verträge brechen, und mitunter liegt genau dort der Reiz. Nur gibt es Zusammenhänge, da gehört sich das einfach nicht. Wo ein Film als Film für die Opfer antritt – wo es also nicht ums Investigative und nicht um den modus operandi des Täters geht –, dort sollte er dann auch wirklich von den Opfern handeln. Das große Drama »Spotlight« (2015) war, bei aller Sensibilität, eine Missbrauchs-Exploitation, um seinem eigentlichen Thema, dem investigativen Journalismus Huld zu tun. »Utøya 22. Juli« (2018) blieb dagegen strikt in der Perspektive der Opfer, geriet aber zum Festspiel der Eitelkeit, das den gesetzten Zweck sabotiert. »Gelobt sei Gott« nun ist nichts weniger als ein Lehrbeispiel. Eines Films nämlich, der sich durch seinen guten Zweck nicht zu falschen Mitteln verführen lässt. Continue reading »

Aug 272019
 

»Paranza – Der Clan der Kinder«

Dieser Film hat gleich mehrfach schwer Erbe tragen. Roberto Saviano, Autor der Vorlage »La paranza dei bambini« (2016) und Co-Autor des Drehbuchs, hatte 2006 mit »Gomorrha« eine Publikation hingelegt, die derart ins Herz Süditaliens traf, dass er seither unter Schutz vor diversen Mafia-Clans leben muss. 2008 wurde »Gomorrha« vom großen Matteo Garrone zum Spielfilm verarbeitet. Mit der politischen Verwicklung, der erzählerischen Wucht und Breite wie auch der inszenatorischen Meisterschaft des Vorgängers kann »Paranza« gewiss nicht Schritt halten. Der Film bleibt in vieler Hinsicht bescheiden, vermag aber genau darin seine Momente zu stiften. Continue reading »

Jul 272019
 

»Ein ganz gewöhnlicher Held«

Im Mittelpunkt des Dramas steht ein Mann, der eine zweite Chance erhalten hat. Die Rede ist von Stuart Goodson, der eine Zeit lang obdachlos war und heute in einer öffentlichen Bibliothek arbeitet. Die Rede könnte auch sein von Emilio Estevez, der Stuart Goodson erdacht hat und ihn selbst spielt. Er, der im Kino nach frühen Erfolgen lange nicht mehr vorkam, kehrt jetzt zurück, beinah als Wiedergänger seines Vaters Martin Sheen, dem er nicht bloß ähnlicher sieht denn je, dessen Würde und Ernsthaftigkeit in sein Spiel eingegangen scheint. Estevez verkörpert die sanfte Unerbittlichkeit Stuarts so gut, dass der Realismus der Handlung an keinem Punkt Schaden nimmt. Continue reading »

Jul 092019
 

»Kursk«

So eigenartig, dass Thomas Vinterberg sich überhaupt dieses Stoffes bemächtigt, so folgerichtig scheint, dass er – wenn nun schon einen U-Boot-Film – gerade diesen dreht. Das Genre hat bislang wenig Gediegenes und eigentlich immer dasselbe hervorgebracht. Meist geht es um eine Art Duell, den Kampf eines Mannes gegen einen anderen oder gegen eine übermächtige Flotte. »Duell im Atlantik« (1957), »U 23« (1958), »Das Boot« (1981) oder »Jagd auf Roter Oktober« (1990) erzählen diesen Kampf ganz konventionell, während »Crimson Tide« (1995) und »Black Sea« (2014) das Duell immerhin schon ins Innere des U-Boots verlegen. Wo diese Art Helden gezeugt werden, kann gedankliche Tiefe selten mit der ozeanischen mithalten. Continue reading »

Jun 272019
 

»Five Fingers for Marseilles«

»Die einzige Art Veränderung hier ist die Zuspitzung.« Wenn so ein Satz in einem südafrikanischen Film fällt, will das was heißen. Vielleicht, dass die Überwindung der Apartheid zugleich den Abbruch einer umfassenderen Entwicklung markierte, einer, die über die juristische Form hinausgeht. Dieser Film spielt, durch einen Sprung von 20 Jahren, in zwei verschiedenen Zeiten, und zugleich spielt er mit ihnen, indem sich das alte und das neue Südafrika kaum unterscheiden: Kein Fortschritt, keine Prosperität, kein Zuwachs an Glück wird am Gefälle kenntlich. Nur die Schusswaffen sind moderner. Continue reading »

Jun 072019
 

»Push – Für das Grundrecht auf Wohnen«

Wohnen, so viel weiß jeder, ist längst zum größten Problem all jener Menschen geworden, die nicht wenigstens der gehobenen Mittelklasse angehören. Wenn etwa die Hälfte des Einkommens für Miete abfällt, stimmt was nicht. Zur Aufklärung der genaueren Zusammenhänge leistet Fredrik Gerrtens Dokumentation »Push« Unwahrscheinliches, indem sie dem Publikum sichtbar macht, was selbst routinierten Verächtern des Kapitalismus noch eine Nachricht wert sein müsste. Schon eigenartig dann, und fast ein Kunststück, dass dieser wertvolle Film am Ende des Abends doch mehr schadet als nützt. Er hat eine große Tendenz, und die besteht darin, sich der einen großen Tendenz zu verweigern. Continue reading »

Mai 282019
 

Zur politischen Intention des Märchens »Liebkind im Vogelnest«[i]

Der junge Mann heißt Leberecht, das Mädchen Liebkind, der Hund heißt Kasper. Wir haben, wie so oft bei Hacks, eine Dreiteilung. Und wie ebenfalls üblich bedeutet diese hier wieder was Eigenes. Selten hat Hacks dieselbe ideelle Konstruktion zweimal verwendet, so dass man seine Werke nicht nach stets demselben Schema deuten kann. Auch »Liebkind« lockt den routinierten Hacks-Leser ein wenig auf die falsche Spur. Einiges erkennt man sogleich, doch dann schaut man wieder hin und sieht, es geht noch um mehr. Continue reading »

Mai 172019
 

Auf Fragen, die man erst haben kann, wenn man den Film gesehen hat

Ein spekulativer Inhalt kann nicht in einem einseitigen Satz ausgesprochen werden, schreibt Hegel. Gibt es Grenzen des spekulativen Zugangs? Oder konkreter gefragt: Ist die Shoa spekulativ zu denken?

Es gibt Gegenstände, die nicht im spekulativen Zugriff aufzuheben sind. Weniger aus theoretischen Gründen, sondern weil es sich moralisch verbietet. Dass dem Antisemitismus keine produktive Seite abzugewinnen sei, versteht sich praktisch und muss nicht begründet werden. Für Antisemiten ist die Begründung nicht möglich, für Nicht-Antisemiten ist sie nicht nötig. Continue reading »

Mai 112019
 

Weiterführendes zur Idee der Enteignung

Die sogenannte Debatte um die Enteignung scheint fast vollständig von Personen geführt zu werden, die keinen Begriff von oder kein Interesse an Enteignung haben. Gern auch beides. Wenn eine Fraktion der bürgerlichen Gesellschaft mit einer anderen darüber streitet, ob oder wie sehr dieser oder jener zu hoch gewordene Haufen Privatbesitzes abgetragen werden darf, wird es Zeit, dass von zuständiger Seite ein paar Handreichungen erfolgen. Bitte schnallen Sie sich an und stellen das Rauchen ein. Continue reading »

Apr 302019
 

»Streik«

Der deutsche Verleihtitel fällt gegen den französischen »En Guerre« ein wenig ab; indessen stellt er sich dem Erbe Eisensteins. Dieser Bezug lag nahe. Stéphane Brizé, der bereits in »Der Wert des Menschen« wider den Kapitalismus dröhnte – auf Augenhöhe hierbei mit Werken wie »Stürmische Ernte«, »Shoplifters«, »Glücklich wie Lazzaro« oder »In den Gängen« –, greift auch in »Streik« zum erprobten Mittel der Konzentration auf eine Figur. Gewiss ist der Film breiter angelegt, vor allem im Dialogischen; gut erzählt ist er trotzdem. Continue reading »

Apr 172019
 

»Der Fall Collini«

Wenig überraschend blieb die öffentliche Aufmerksamkeit dieser Tage vor allem an der Besetzung der Hauptrolle hängen. Bislang war Elyas M’Barek kaum anders denn in seichten Stories zu sehen, und dafür, dass er jetzt als Strafverteidiger Caspar Leinen etwas Reparation treiben kann, hat man der Figur aus Schirachs Romanvorlage einen türkischen Hintergrund eingeschrieben. Deutsche Angelegenheiten. Ich meinesteils freue mich stets, Franco Nero zu sehen, der mir durch »Zwiebel-Jack räumt auf« (1975) zum Helden der Kindheit wurde. Meine Angelegenheiten.

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Apr 122019
 

»Niemandsland«

Dass der deutsche Verleihtitel den zeitlichen Ausdruck in eine räumliche Metapher überträgt, mag dem Notstand geschuldet sein, im Deutschen keine griffige Entsprechung für »Aftermath« zu haben. Jenes Nachwirken als höchst aktives Fortwirken der Vergangenheit im Gegenwärtigen meint in diesem Film zweierlei: die politische Situation nach dem 2. Weltkrieg und den Seelenzustand einer Frau, die ihr Kind verloren hat. Der in Hamburg stationierte Offizier Lewis Morgan erhält Besuch von seiner Frau Rachael. Die britische Armee beschlagnahmt die Villa des Architekten Stefan Lubert als Wohnraum für das Paar, doch Lewis schlägt vor, dass Lubert und seine Tochter Freda mit ihnen unter einem Dach wohnen bleiben. Ziemlich bald verlieben sich Rachael und Lubert, am Hass der strammen Freda und dem Desinteresse des stets beschäftigen Lewis vorbei.

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