Sep 122020
 

Der Kommunismus ist in des Wortes doppelten Sinn: vielversprechend. Er ist, heißt das, unsere Chance auf den großen Sprung, und zugleich annonciert er mehr, als er einlösen kann. Seine Idee soll alle Seiten des Humanen zusammenbringen, sein Begriff sie zusammenhalten. Jenes unternahm »Die Deutsche Ideologie«, dieses die »Randglossen«, beides mit mattem Erfolg; jene ignorierte die Widersprüche der Idee, diese verhedderten sich darin. Dass wir Marx dennoch folgen, liegt an der Sache, die er vertritt, nicht daran, wie er sie vertritt. Der Kommunismus ist wert, fortgedacht und verwirklicht zu werden. Continue reading »

Feb 182020
 

»Bombshell«

Wie Adam McKay ist Jay Roach den seltsamen Weg von der seichten Komödie zum Politdrama gegangen. Und wie bei dem bleibt dieses Herkommen in den späten Filmen spürbar. McKay arbeitet mit Durchbrechen der 4. Wand, Voiceover, Mockumentarystil und Archivmaterial. Roach bewahrt den fiktionalen Charakter mehr, doch beider Politfilme haben gemein, dass flottes, oft irritierend-arhythmisches Pacing sowie ein Übergewicht an Diktion das Komödienhafte erhält und so eine eigentümlich neue Sorte Politdrama etabliert, die sich von dem, was etwa Oliver Stone, George Clooney oder Jason Reitman tun, unterscheidet. Continue reading »

Feb 082020
 

Geschichte wiederholt sich nicht nicht – Ein paar Takte zu Thüringen

Wer untot ist, ist noch nicht tot. Aber er lebt auch nicht mehr, und wer nicht lebt, tut besser daran, gleich ganz weg zu sein. Wenn er dann auch nichts ausrichtet, es entsteht zumindest Platz für Befugteres. Die Linke hatte den Zustand ihrer Untöte erreicht, seit sie begann, sich die Sorgen der Mitte zu machen. Ich will sie gar nicht tot, ich will sie wieder lebend. Wie reanimiert man einen Zombie? Continue reading »

Jan 302020
 

»Little Women«

Viel schon wär erreicht, wenn ein Film von, über und mit Frauen nicht gleich auch einer für Frauen sein muss. Wenn Frauenthemen nicht als partikular gelten, während Männerthemen für universell genommen werden. Und wenn man von einem solchen Film nicht mehr erwartet, dass an ihm auch gleich die Welt gesunden müsse. In der turnusmäßigen Aufregung vor den Oscars schlug, nachdem »Little Women« als einziger Film einer Frau fürs Best Picture nominiert wurde, die Stunde des Sonntagsfeminismus. Continue reading »

Jan 162020
 

»1917«

Film ist ein Ding, das tut, als sei es Vorgang. Oneshot eine Szene, die tut, als sei sie Film. »1917« nun ein Film, der tut, als sei er Oneshot. Spielerei mit Weltkrieg also? Es fing ja früh an, mit Hitchcocks »Rope« (1948), wo die Bemühung einer kontinuierlichen Einstellung noch durch die Laufzeit der Filmrollen begrenzt war. Folglich musste er genau das machen, was Sam Mendes jetzt freiwillig tut – einen Film schneiden, der wie ein ungeschnittener aussieht. Genauso verhält es sich bei »Birdman« (2014) und dem zu Recht kaum beachteten »Bushwick« (2017). Tatsächlich ungeschnittene Filme wie »Russian Ark« (2002), »Victoria« (2015) oder »Utøya 22. Juli« (2018) verenden dagegen, weil die Produktionsnotiz zur Hauptnachricht wird. Was »One Cut of the Dead« (2017) wenigstens ins Witzige wendet, insofern dieser Film die eigene Entstehung miterzählt. Der tatsächliche Oneshot bleibt beschränkt; man kann nicht das beste Material wählen, muss auf die szenischen Möglichkeiten der Montage verzichten, zeitlich gebunden bleiben. Der scheinbare Oneshot ist die größere Herausforderung; seine Schnitte müssen elegant verborgen, alles im Takt und am Ort gehalten sein. Wen interessiert, was am Set passierte? Entscheidend ist auf der Leinwand. Continue reading »

Jan 092020
 

»Little Joe«

Es mag nicht klug sein, bereits in der ersten Januarwoche den klügsten Film des Jahres auszumachen, doch ich fürchte, es könnte dabei bleiben. Was Inszenierung und ideelle Struktur betrifft, kann Jessica Hausners »Little Joe« einer der großen Filme 2020 werden, dessen leichte Schwächen im Erzählerischen mit durchrutschen. Continue reading »

Dez 122019
 

»Gundermann Revier«

Da die Formel gesamtdeutsch=westdeutsch gültig bleiben muss, wo eine Vereinigung nie stattgefunden, der unveränderte Staat vielmehr sich bloß nach Osten hin ausgedehnt hat, droht jeder Versuch, dem westdeutschen Publikum einen ostdeutschen Künstler bekannt zu machen, diese Asymmetrie zu reproduzieren. Die neuen Bürger hatten alles über die alten zu lernen, die alten nichts über die neuen. Dagegen anzuarbeiten ist Andreas Dresen mit »Gundermann« (2018) nicht gelungen, und vielleicht lässt sich zu seiner Verteidigung vermuten, dass er das nie vorhatte. Vielleicht wollte er genau jene Unterwerfung vor dem bornierten Selbstverständnis der Bundesrepublik, kenntlich an der Entscheidung, die marginale, für Gundermanns Biographie unwesentliche Episode um die MfS-Tätigkeit ins Zentrum zu rücken. Nur so erträgt man den Ossi – im Kampf mit den Ärgernissen des Sozialismus bzw. mit der Stasi-Vergangenheit hadernd. Dass Gundermann wie kein anderer Liedermacher die in der kapitalistischen Expansion vollzogene kulturelle, politische und ökonomische Planierung des Ostens reflektiert hat, konnte die selbstgefällige Rezeption bloß stören. Continue reading »

Nov 152019
 

Das Übel um Sahra Wagenknecht begann lange vor ihrer neurotischen Jagd auf dusslige Wählerstimmen, die die Linke in einer Zeit, da rechterseits noch keine selbstbewusste Kraft etabliert war, ohnehin immer nur geborgt hatte. Es begann Ende der Neunziger Jahre, als Wagenknecht den Leninismus entsorgt und die kommunistische Opposition innerhalb der PDL zerschlagen hat. An deren Stelle trat zunächst ein diffuser Antiimperialismus und schließlich ein nach rechts offener Populismus. Immer stramm mit der Zeit, denn wo Schröder und Chirac 2003 den Antiamerikanismus nutzbar machten, durfte man den Anschluss genau so wenig verpasst haben wie 2015 beim Ruck nach rechts, der bis heute das Denken und die politischen Zuordnungen verwirrt.

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Nov 092019
 

Der Nation-Begriff der DDR war im Grunde der französische, in dem das Volk aus dem sittlichen Charakter des konstituierten Staats abgeleitet wird (anstatt seinerseits den Staat zu konstituieren). Noch je war der Nationalismus von oben, obgleich nie ganz vernünftig, der der Vernunft sich etwas weniger entgegensetzende. Und er gab – anders als der impulsive, im Widerstand gebildete, notwendig völkische Nationalismus von unten – den Menschen die Möglichkeit, zu ihrem Land aus sittlichen Gründen Ja zu sagen. Continue reading »

Okt 182019
 

»Born in Evin«

Vorm Hintergrund erst des Wissens, wie entscheidend der frühkindliche Abschnitt für die Entwicklung jeder Persönlichkeit ist, erhält dieser Film seine Tragweite. Ungemein persönlich tritt er auf, gleichwohl exemplarisch. Maryam Zaree – Regisseurin, Autorin, Protagonistin – wurde als Kind inhaftierter Dissidenten 1983 im Evin-Gefängnis nahe Teheran geboren und verbrachte dort die ersten Jahre ihres Lebens. Heute arbeitet sie als Schauspielerin in der Bundesrepublik und findet, da kaum jemand mit ihr über diese Jahre reden will, für angezeigt, ein solches Reden zu erzwingen. Ich denke, so muss man diesen Film fassen. Als letztes Mittel eines Menschen, sein Recht auf Wissen durchzusetzen. Continue reading »

Okt 152019
 

Man kommt recht bald dahinter, dass Utopien tatsächlich nicht realisierbar sind, sie aber als Kompass benötigt werden, wenn man mehr als bloß verwalten will. Auch die Magnetnadel zeigt auf einen Punkt hinterm Horizont, der nicht erreichbar ist, doch besser, man folgt ihr als gar keiner Richtung im wahllosen Herumzukreuzen. Continue reading »

Okt 102019
 

Zur Spaltung der real existierenden Ideologiekritik[1]

Ich kann keine Karikaturen malen. Das mag daran liegen, dass ich überhaupt nicht malen kann. Könnte ichs, brächte ich folgendes aufs Papier: Ein Mann hält vom Podium einer Pressekonferenz eine Phantomzeichnung in die Luft. Die Zeichnung zeigt ein Gesicht, das dem des Mannes aufs Haar gleicht. Darunter in Anführungszeichen: »Wir fahnden nach diesem Mann.« Die Karikatur könnte den Titel »Ideologiekritik« tragen, würde aber auch so, denke ich, nicht verstanden werden. Die Sache allerdings hätte einen Vorteil. Ich könnte jetzt aufhören. Continue reading »

Okt 052019
 

»Skin«

Es scheint retrospektiv fast zwingend, dass Regisseur Guy Nattiv den Stoff um den Neonazi Bryon Widner von der Erzählung weg auf die Bildsprache hin gestaltet hat. Denn nicht der Inhalt, nicht die Erzählung – das titelgebende Motiv der bemalten Haut macht die Besonderheit dieser Biographie. Widner musste seinen Ausstieg aus der Szene ebenso auf der Haut vollziehen wie darunter. Insgesamt 612 Sitzungen waren nötig, die zahllosen Tattoos verschwinden zu lassen, die seinen Körper bis ins Gesicht bedeckten. Dass das Entfernen so schmerzhaft wie das Tätowieren war, kann als lex talionis verstanden werden: die Strafe spiegelt das Vergehen. Continue reading »

Sep 262019
 

»Gelobt sei Gott«

Wie die Genrebezeichnung lässt sich auch das Thema eines Kunstwerks als Vertrag mit dem Publikum verstehen. Gewiss kann man Verträge brechen, und mitunter liegt genau dort der Reiz. Nur gibt es Zusammenhänge, da gehört sich das einfach nicht. Wo ein Film als Film für die Opfer antritt – wo es also nicht ums Investigative und nicht um den modus operandi des Täters geht –, dort sollte er dann auch wirklich von den Opfern handeln. Das große Drama »Spotlight« (2015) war, bei aller Sensibilität, eine Missbrauchs-Exploitation, um seinem eigentlichen Thema, dem investigativen Journalismus Huld zu tun. »Utøya 22. Juli« (2018) blieb dagegen strikt in der Perspektive der Opfer, geriet aber zum Festspiel der Eitelkeit, das den gesetzten Zweck sabotiert. »Gelobt sei Gott« nun ist nichts weniger als ein Lehrbeispiel. Eines Films nämlich, der sich durch seinen guten Zweck nicht zu falschen Mitteln verführen lässt. Continue reading »