Nov 302018
 

Mit jeder neuen Ausgabe der Bahamas erklären die Gegner, zumeist an denselben Deformationen leidend und lediglich die Gewichte etwas anders setzend, dass die Zeitschrift nun endgültig gestorben sei. Sie irren damit, wie sie nur können, denn was tot ist, kann nicht sterben. Die Bahamas war von jeher eine unpolitische Veranstaltung, so dass man sie besser ästhetisch fasse. Continue reading »

Nov 242018
 

»Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.«

Carsten Brückner, Vorsitzer von Haus & Grund Berlin

Es gibt übrigens auch kein Naturgesetz, das Carsten Brückner und der Truppe, deren Interesse er zu artikulieren hat, das Recht gibt, unausgesetzt die Mietpreise in die Höhe zu treiben. Es gibt ein beinahe natürliches Gesetz, demnach die Masse derer, die man unterdrückt, sich das nicht ewig gefallen lässt und das Verhältnis irgendwann umkehrt. Vielleicht erlebt Brückner dann selbst, wie sich eine erzwungene Umsiedlung anfühlt. In dem Fall mögen seine eigenen Worte ihm etwas Trost spenden. Ich werds nicht tun.

Nov 152018
 

»Loro – Die Verführten«

Es ist bemerkt worden, dass das Sujet doch längst verbrannt sei. Ich denke, da liegt ein Missverständnis. Wenn Sorrentino einen Film über Berlusconi macht, will er nichts anderes als bei einem über Andreotti: eine geschichtliche Figur verstehen, und dazu muss er sie in ihrer Besonderheit zeigen. Als politisches Kampfmittel käme »Loro« zu spät. Tatsächlich kommt er viel zu früh, denn Italien steckt mit der Hälfte seines Stiefels noch immer in dieser Epoche. Continue reading »

Nov 142018
 

»Die andere Seite von allem«

Im Zentrum von Belgrad gibt es eine Wohnzimmertür, die seit 70 Jahren verschlossen ist. Auf der anderen Seite wohnen fremde Nachbarn, auf dieser Srbijanka Turajlić, deren Eltern vor 1945 noch die gesamte Wohnung gehörte. Im Zuge der Verstaatlichung wurde die Fläche geteilt; statt einer konnten nun vier Familien dort leben. Bürgertum und Proletariat, sagt Srbijanka, hatten zuvor in Belgrad praktisch keine Berührung. Mit der Teilung der Wohnung, lässt sich sagen, hat man die Teilung der Klassen angegriffen. Continue reading »

Okt 262018
 

»Der Affront«

Der undichte Abfluss eines Balkons bringt zwei Männer in der Sommerhitze Beiruts gegeneinander auf. Yasser, Palästinenser und Vorarbeiter einer Baustelle, repariert eigenmächtig Tonis Abflussrohr. Toni, christlicher Libanese und Anhänger der rechtskonservativen Forces Libanaises, zerstört die Installation. Im Affekt beschimpft Yasser ihn, worauf Toni bei Yassers Vorgesetztem eine Entschuldigung verlangt. Dass Yasser nur zögerlich dem Verlangen nachgibt, scheint Tony weiter zu beleidigen, und er reagiert auf die halbherzige Entschuldigung mit einer politischen Entgleisung, woraufhin Yasser ihm mit einem Schlag zwei Rippen bricht. Der Fall geht vor Gericht, aber Yasser wird freigesprochen. Tony verliert im Gerichtssaal die Beherrschung … Continue reading »

Okt 162018
 

»Konrad Wolf – Alle Spielfilme 1955–1980«

Dass die Arbeit großer Regisseure in einer Gesamtausgabe festgehalten wird, passiert überraschend selten. Dabei wäre es gerade hier nötig, denn der gezeigte Film verschwindet viel leichter als das gedruckte Buch. Manche Filme Konrad Wolfs wurden nie wieder aufgeführt, einige davon waren bislang selbst auf DVD nicht erhältlich. Wir sprechen also bei dieser Edition von einer großen Sache, auch weil wir bei Wolf von einem großen Regisseur sprechen. Continue reading »

Sep 222018
 

Es gibt eine Sache an Merkel, die dann doch zu loben wäre. In ihrer Position kann sie nichts anderes sein als eine Charaktermaske, die die Logik der kapitalistischen Gesellschaft bei Strafe des eignen Untergangs exekutieren muss, und so wie sich das Wertgesetz überhaupt erst durch die Abweichung des Preises vom Wert durchsetzen kann, ist die individuelle Aktion im Regieren bloß die Gelegenheit zur Korrektur durch die unerbittliche Logik des Kapitals. Merkel oszilliert sozusagen um diese Logik. Continue reading »

Sep 122018
 

»Styx« als Lehrstück zur sogenannten Flüchtlingskrise

Eröffnung im nächtlichen Gibraltar. Affen klettern über einen Zaun, laufen durch die Straßen. Was vorderhand nichts mit der folgenden Filmerzählung zu schaffen hat, scheint tatsächlich als Symbolbild gemeint. Hier, an den Säulen des Herakles, liegt die Frontstadt der Festung Europa, wenige Seekilometer zum nördlichen Afrika, von wo aus Flüchtlinge über die hohe See setzen und höhere Zäune überwinden. Continue reading »

Sep 072018
 

Kunst, Spektakel und Revolution No. 6

[Rezension]

Theater Realität Realismus – ein Subjekt, ein Objekt und deren Beziehung. Nur nicht die Beziehung schlechthin, sondern sie ist hier zugleich Forderung. Denn ebenso wie jedes andere Subjekt kann Theater gar nicht anders als sich auf Wirklichkeit zu beziehen. Der Realismus aber regelt, auf welche Weise dieser Bezug herzustellen sei, indem er die Forderung aufstellt, dass ein Erfassen oder Abbilden oder Widerspiegeln der Realität unbedingtes Kunstziel sei. Es gibt adäquates und weniger adäquates Abbilden. Durch den Realismus wird die Realität zum Maßstab. Zum Maßstab allerdings der Erkenntnis, nicht zwingend auch zum Maßstab politischer Norm. Ein Werk kann einen intimen Komplex einer Zeit empfindlich anrühren und so viel Realismus befördern, dass es selbst zum Politikum wird, und kann sich dennoch, grundsätzlich, affirmativ zur eigenen Zeit verhalten. Das vernichtende Urteil der »Heiligen Johanna« und das profunde Einverständnis von »Adam und Eva« trennt mehr als es eint, gleichwohl wird man beide Werke nicht anders denn realistisch nennen können. Um diesen Komplex, der sich nach verschiedenen Seiten konkret ausspitzen lässt, kreisen die 9 Beiträge dieses Heftes, das auf eine Konferenz zurückgeht, die am 22. und 23. Juli 2016 in Berlin stattfand, organisiert von der Arbeitsgruppe Kunst und Politik, und in das es leider nicht alle dort gehaltenen Vorträge geschafft haben. Continue reading »

Sep 032018
 

Geschriebene und vernichtete Geschichte: der Dokumentarfilm »Palmyra«

»Essayfilm«, heißt es ehrlicherweise, denn breiten Raum nehmen die Worte des Autors. Die Genrebezeichnung scheint gegen mögliche Einwände vorzubauen, da heute allgemein vom Dokumentarfilmer erwartet wird, dass er sich hinter das Gezeigte zurückzuziehe. Arbeiten von Alexander Kluge oder Werner Herzog gegenüber fühlt man sich via Objektivität im Vorteil. Diese Objektivität ist aber selbst bloß Schein, da es kein Arrangement ohne Intention gibt, und das ist treffenderweise zugleich, wovon »Palmyra« handelt: Wieviel Konstruktion und Fälschung liegt in der Herstellung des Authentischen? Continue reading »

Aug 232018
 

Am Kinofilm »Gundermann« stimmt alles, bis auf das Ganze

Das Leben selbst hat keine Dramaturgie. Wer eins verfilmen will, muss den krausen Stoff zuschneiden. Entweder verengt man es auf ein bestimmtes Thema, oder man wählt einen dramaturgisch geeigneten Ausschnitt. Dresens »Gundermann« tut beides. Nicht dass, sondern worauf der Film sich konzentriert, ist sein Problem. Continue reading »

Jul 122018
 

»LOMO: The Language of Many Others« ist so planlos wie seine Hauptfigur

Es habe sie gereizt, sagt Julia Langhof, die »Odyssee« in die Gegenwart zu übersetzen. Wenn das der Einfall war, ist nicht viel davon geblieben. Die Handlung trägt sich im gehobenen Berliner Milieu zu, Lichterfelde West oder so. Arbeiterklasse findet nicht statt, und folglich sind die Erwerbssorgen von der Art, dass einer womöglich noch sein Haus verkaufen und zur Miete wohnen muss. Das in der Tat ist, worum Karls Vater sich sorgt, und Karl ist die Hauptfigur dieser Geschichte. Continue reading »

Jul 102018
 

Von allem, was gegen Kommunisten vorgebracht wird, ist der Vorwurf der Unbelehrbarkeit der albernste. Natürlich ist 1 Vorgang der Geschichte nicht mit den Möglichkeiten der Welt in eins zu setzen, ist also auch 1 stattgehabte Niederlage noch kein Hinweis darauf, dass sie sich stets wiederholen müsse. Und natürlich haben Menschen, deren Perspektive über das Gegenwärtige nicht hinausgehen will, die geringsten Aussichten, die Welt als eine Menge von Möglichkeiten aufzufassen, indem das Vorhandene als kleiner Teil des Möglichen verstanden und das Notwendige ebenso wie das Unmögliche aus dem Denkbaren gesondert wird. Nicht wir sind unbelehrbar, ihr seid es. Und deswegen geht es gar nicht darum, Verhältnisse anzustreben, deren Funktionieren davon abhängt, dass erstmal der Mensch sich zu emanzipieren hätte. Es geht darum, Verhältnisse einzurichten, die den Menschen ermöglichen, im Rahmen ihrer bescheidenen Mittel ein wenig zu wachsen. Die ihnen ermöglichen, human zu werden, ohne dass sie dazu aufhören müssen, Mensch zu sein.

– Ich gebe zu, es ist etwas zu lang für einen Grabstein, aber schreibt es mir bitte trotzdem drauf.

Jul 012018
 

Version 2016

»Jeder stirbt für sich allein« ist ein viel zu langer Roman von Hans Fallada. Die bisherigen Verfilmungen taten gut daran, die Fabel zu straffen. Die Widerstandsgeschichte wurde auserzählt, die Gefängnisgeschichte, also die zweite Hälfte des Romans, weggelassen. Ich habe die Verfilmung von 1976 nicht gesehen, aber die DEFA-Produktion von 1970. Das ist etwa 20 Jahre her. Jetzt habe ich die jüngste Verfilmung von 2016 besichtigt und fühle mich in allen wohlerworbenen Vorurteilen bestätigt. Continue reading »