Feb 202019
 

»Vice – Der zweite Mann«

Es beginnt 1950 in Wyoming, wo die Welt nicht heil, aber noch in Ordnung war. Der Landarbeiter Dick Cheney gerät betrunken in eine Polizeikontrolle. Es ist der Moment, in dem sich sein Leben ändert. Seine Frau Lynne stellt ihn vor die Wahl: Entweder mache er was aus sich, oder sie werde ihn verlassen. So lernt er bei Donald Rumsfeld das Handwerk einer Politik ohne Inhalt. Ein halbes Dutzend Wahlperioden später erkennt er in George W. Bush einen gut zu führenden Frontmann, hinter dem er als Schattenpräsident das Land regieren kann. Dick trifft auf Doof, das ist die Lesart.

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Feb 072019
 

»Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt«

Die unbestreitbare Schönheit dieses Films konzediert, scheint nicht verkehrt, anstelle einer Rezension die gesamte Reihe in Blick zu nehmen. Dean DeBlois selbst gibt an, dass er mit den drei Filmen eine übergreifende Story erzählen will. Gelungen ist ihm viel mehr als das. »Drachenzähmen« zeichnet, vielleicht unwillentlich, ein Sittenbild dieser Epoche. Im Kunstwerk decken sich Absicht und Ergebnis nie ganz. Erzähler packen die Welt oft intuitiv und könnten es nicht begrifflich machen. Zum anderen folgen sie der Logik des Erzählens, wodurch sie unvermeidlich Bedeutung herstellen. »In der Kunst«, schreibt Peter Hacks, »verändern Sachverhalte ihr Wesen; sie hören auf zu sein und fangen an zu bedeuten.« Wie Literatur übersetzt Film Strukturen der Wirklichkeit in Ideenstrukturen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie gut er das tut.

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Jan 312019
 

»Green Book«

Man könnte das Ganze für eine lustvoll verkehrte Adaption von »Miss Daisy und ihr Chauffeur« (1989) halten, wenn der Stoff nicht historisch wäre. Tatsächlich hatte der von Mahershala Ali verkörperte Pianist Don Shirley den von Viggo Mortensen nicht minder genial gespielten Arbeiter und Kleinganoven Tony Lip im Herbst 1962 für eine Tournee durch den Süden der USA als Fahrer engagiert. Und tatsächlich wurden beide dadurch und hernach Freunde fürs Leben. Aus diesem Setup entsteht mal Komik, mal Spannung, denn in den Zeiten der Rassentrennung war das Bild eines schwarzen Gentlemans, der sich von einem weißen Arbeiter chauffieren lässt, unvermeidlich irritierend. Noch gut, wenn der Südstaatler mit dem Anblick bloß überfordert war – dieser ruhige, witzige, gar nicht effekthaschende Film hat gleichwohl bedrohliche Szenen, die den Alltag schwarzer Bewohner in den Sundown Towns widerspiegeln.

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Jan 282019
 

»The Favourite – Intrigen und Irrsinn«

Wenn Yorgos Lanthimos bislang für ein Kino stand, in dem Stil vor Substanz kommt, scheint sich das in »The Favourite« umzukehren. Das soll nicht sagen, dass die künstlerischen Mittel hier weniger effektvoll wären als etwa in »The Lobster« (2015) oder »The Killing of a Sacred Deer« (2017). Die Musik schwankt zwischen Harmonie und schriller Beklemmtheit, die Kamera reproduziert diese Stimmung durch nicht vorhersehbare, impulsive Fahrten sowie einen häufigen Wechsel von Weitwinkel und Fisheye auch bei Innenszenen. Die Beleuchtung nutzt, inspiriert von Kubricks Arbeit an »Barry Lyndon« (1975), ausschließlich natürliche Lichtquellen, was der Orientierung im Raum oft nicht zuträglich ist.

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Dez 272018
 

»Shoplifters«

Dass in Cannes die Palme wackelt, sagt noch nichts über Goldregen in L.A. Dennoch dürfte ein Oscar für »Shoplifters«, trotz starker Konkurrenz bei den Einreichungen (»The Guilty«, »Roma«, »Burning«, »Dogman«, »Waldheims Walzer«), im nachhinein so selbstverständlich scheinen wie vor drei Jahren bei »Son of Saul«. Das hängt nicht zuletzt am sozialen Tonfall. Koreeda Hirokazu zeigt moralisch nicht eindeutige Menschen und macht keine Vorschrift, wie man sie zu finden hat. Gleichwohl sind die punktgenauen, lakonischen Sentenzen, die Sprache der Szene und das Schauspiel des gesamten Ensembles so manipulativ, dass ein Rückzug in bloß anschaulichen Naturalismus unterbunden wird.

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Dez 212018
 

»Die Schneiderin der Träume«

Da ihr Mann früh verstorben ist, war die noch junge Ratna gezwungen, in Mumbai eine Stelle als Dienstmädchen anzunehmen. Sie lebt dort im Haushalt des etwa gleichalten Ashwin, der gerade seine geplante Hochzeit platzen ließ. Während sie den Traum verfolgt, Schneiderin zu werden, muss Ashwin ein Lebensziel erst wieder finden. Er hat die Möglichkeiten, sie die Ambitionen. Dergestalt passend wie Schloss und Schlüssel lassen sie sich aufeinander ein. Was anderswo eine alltägliche Lovestory wäre, ist unterm Diktat traditioneller und ökonomischer Einflüsse eine viel größere Sache – vergleichbar vielleicht der Lage, die Schiller zum Ende des 18. Jahrhundert in »Kabale und Liebe« gespiegelt hat.

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Nov 152018
 

»Loro – Die Verführten«

Es ist bemerkt worden, dass das Sujet doch längst verbrannt sei. Ich denke, da liegt ein Missverständnis. Wenn Sorrentino einen Film über Berlusconi macht, will er nichts anderes als bei einem über Andreotti: eine geschichtliche Figur verstehen, und dazu muss er sie in ihrer Besonderheit zeigen. Als politisches Kampfmittel käme »Loro« zu spät. Tatsächlich kommt er viel zu früh, denn Italien steckt mit der Hälfte seines Stiefels noch immer in dieser Epoche. Continue reading »

Nov 142018
 

»Die andere Seite von allem«

Im Zentrum von Belgrad gibt es eine Wohnzimmertür, die seit 70 Jahren verschlossen ist. Auf der anderen Seite wohnen fremde Nachbarn, auf dieser Srbijanka Turajlić, deren Eltern vor 1945 noch die gesamte Wohnung gehörte. Im Zuge der Verstaatlichung wurde die Fläche geteilt; statt einer konnten nun vier Familien dort leben. Bürgertum und Proletariat, sagt Srbijanka, hatten zuvor in Belgrad praktisch keine Berührung. Mit der Teilung der Wohnung, lässt sich sagen, hat man die Teilung der Klassen angegriffen. Continue reading »

Okt 162018
 

»Konrad Wolf – Alle Spielfilme 1955–1980«

Dass die Arbeit großer Regisseure in einer Gesamtausgabe festgehalten wird, passiert überraschend selten. Dabei wäre es gerade hier nötig, denn der gezeigte Film verschwindet viel leichter als das gedruckte Buch. Manche Filme Konrad Wolfs wurden nie wieder aufgeführt, einige davon waren bislang selbst auf DVD nicht erhältlich. Wir sprechen also bei dieser Edition von einer großen Sache, auch weil wir bei Wolf von einem großen Regisseur sprechen. Continue reading »

Sep 032018
 

Geschriebene und vernichtete Geschichte: der Dokumentarfilm »Palmyra«

»Essayfilm«, heißt es ehrlicherweise, denn breiten Raum nehmen die Worte des Autors. Die Genrebezeichnung scheint gegen mögliche Einwände vorzubauen, da heute allgemein vom Dokumentarfilmer erwartet wird, dass er sich hinter das Gezeigte zurückzuziehe. Arbeiten von Alexander Kluge oder Werner Herzog gegenüber fühlt man sich via Objektivität im Vorteil. Diese Objektivität ist aber selbst bloß Schein, da es kein Arrangement ohne Intention gibt, und das ist treffenderweise zugleich, wovon »Palmyra« handelt: Wieviel Konstruktion und Fälschung liegt in der Herstellung des Authentischen? Continue reading »

Jul 122018
 

»LOMO: The Language of Many Others« ist so planlos wie seine Hauptfigur

Es habe sie gereizt, sagt Julia Langhof, die »Odyssee« in die Gegenwart zu übersetzen. Wenn das der Einfall war, ist nicht viel davon geblieben. Die Handlung trägt sich im gehobenen Berliner Milieu zu, Lichterfelde West oder so. Arbeiterklasse findet nicht statt, und folglich sind die Erwerbssorgen von der Art, dass einer womöglich noch sein Haus verkaufen und zur Miete wohnen muss. Das in der Tat ist, worum Karls Vater sich sorgt, und Karl ist die Hauptfigur dieser Geschichte. Continue reading »

Jun 282018
 

»Love, Simon«

Es ist schwieriger geworden, eine leidlich interessante Coming-out-Handlung zu erzählen. Der Schikaneur aus dem Footballteam, der verstockte Nachbar mit militärischem Hintergrund, die Mutter mit konservativem Familienbild, der Mitläufer, der seine eigene Homosexualität unterdrückt – die Klischees treffen noch von Fall zu Fall, doch Homophobie ist heute nicht mehr manifest. Die Zeit der Heugabeln und brennenden Kreuze ist vorbei. »Love, Simon« unternimmt also den Versuch, ein Coming-out zu erzählen für eine Gesellschaft, die Homosexualität weitgehend akzeptiert hat. Es geht damit eher um die Hintertüren, durch die sich aus dem gesellschaftlichen Konsens gestoßene Vorurteile ins Verhalten zurückschleichen. Continue reading »

Mai 312018
 

»Hostiles« erinnert an das Erbe der amerikanischen Kolonialgeschichte

Wenn schon der Film überhaupt von der bürgerlichen Gesellschaft geprägt ist wie kein Genre je, so kann der Western als reiner Ausdruck davon genommen werden. Sein Setting ist die idealisierte Geographie des frühen Kapitalismus: die unterentwickelte Staatlichkeit, der Vorrang des noch nicht kodifizierten Rechts, das egozentrische Handeln als höchstes gemeinsames Gut, die unerbittliche Expansion, bei der Hinterland und Frontier verschwimmen, die absolute Grenze des Pazifik, nach der bloß noch intensive Reproduktion möglich sein wird – alle diese Elemente sind im Western zum Naturzustand verklärt. Hier siedle ich und kann nicht anders. Continue reading »

Mai 262018
 

»Ein Leben« zeigt die Kollision von Wahrheit und gesellschaftlicher Rücksicht

»Das Leben«, so lautet der Satz, in dem Stéphane Brizés Verfilmung von Maupassants großem Roman »Une Vie« schließlich erstarrt, »ist nie so gut oder schlecht, wie man glaubt.« Jeanne, eine junge Adlige, kehrt nach Jahren klösterlicher Erziehung auf den Landsitz ihrer Eltern zurück. Sie heiratet unglücklich; ihr Mann Julien, der sie betrügt, wird vom eifersüchtigen Nachbarn umgebracht. Jeannes Vater stand ihr bloß zaghaft bei, ihr Sohn Paul verlässt sie gen England, wo er eine Prostituierte heiratet und sich in allerlei desaströse Geschäfte involviert. Von einem Leben der Lügen und Zweideutigkeiten gezeichnet, beginnt Jeanne an der Ehrlichkeit seiner Nachrichten zu zweifeln, bis sie einen unumstößlichen Beweis erhält. Es sind nicht die Ereignisse, die einen hieran packen, es ist das Innere der Heldin. Diese Innerlichkeit gibt den Schlüssel, diesen Film zu verstehen – sein Schauspiel, seine Diktion, seine Erzählform, seine bildästhetischen Mittel. Continue reading »