Mrz 122019
 

Mir sind vier Witze eingefallen, drei davon waren sogar gut. Dann hab ichs gelassen. Ein wenig Mitleid mit Wagenknecht ist da schon. Nicht der Scheiße wegen, die sie gebaut hat und künftig etwas weniger hoch türmen will, sondern weil ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man k.o. ist. Aber k.o. sein ist kein sittlicher Wert. Das Elend an Wagenknecht waren nie ihre Irrtümer. Es war, dass ihre Irrtümer bereits Korrekturen gewesen sein wollen. Ob ein Unsinn als Unsinn oder als Korrektur des Unsinns auftritt, scheint mir nicht gleich.

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Feb 202019
 

»Vice – Der zweite Mann«

Es beginnt 1950 in Wyoming, wo die Welt nicht heil, aber noch in Ordnung war. Der Landarbeiter Dick Cheney gerät betrunken in eine Polizeikontrolle. Es ist der Moment, in dem sich sein Leben ändert. Seine Frau Lynne stellt ihn vor die Wahl: Entweder mache er was aus sich, oder sie werde ihn verlassen. So lernt er bei Donald Rumsfeld das Handwerk einer Politik ohne Inhalt. Ein halbes Dutzend Wahlperioden später erkennt er in George W. Bush einen gut zu führenden Frontmann, hinter dem er als Schattenpräsident das Land regieren kann. Dick trifft auf Doof, das ist die Lesart.

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Feb 072019
 

»Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt«

Die unbestreitbare Schönheit dieses Films konzediert, scheint nicht verkehrt, anstelle einer Rezension die gesamte Reihe in Blick zu nehmen. Dean DeBlois selbst gibt an, dass er mit den drei Filmen eine übergreifende Story erzählen will. Gelungen ist ihm viel mehr als das. »Drachenzähmen« zeichnet, vielleicht unwillentlich, ein Sittenbild dieser Epoche. Im Kunstwerk decken sich Absicht und Ergebnis nie ganz. Erzähler packen die Welt oft intuitiv und könnten es nicht begrifflich machen. Zum anderen folgen sie der Logik des Erzählens, wodurch sie unvermeidlich Bedeutung herstellen. »In der Kunst«, schreibt Peter Hacks, »verändern Sachverhalte ihr Wesen; sie hören auf zu sein und fangen an zu bedeuten.« Wie Literatur übersetzt Film Strukturen der Wirklichkeit in Ideenstrukturen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie gut er das tut.

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Jan 192019
 

»Fahrenheit 11/9«

Im Juli 2016, als praktisch alle Umfragen eine Niederlage des Kandidaten Trump anzeigten, sagte Michael Moore dessen Sieg voraus. Rufer in der Wüste gibt es wie Sand daselbst. Doch hier war kein Kokettieren mit einer Außenseitermeinung im Spiel, kein Berauschen am Szenario eines Hampelmanns im Weißen Haus, der dem Kapitalismus endlich das passende Gesicht gebe, kein Clinton-ist-eigentlich-schlimmer-Unsinn, keine Verwechslung des übergreifenden Interesses am Weltfrieden mit der partikularen Position der imperialistischen Macht Russland gegen die imperialistische Hegemonialmacht USA. Moores Text nannte fünf substantielle Gründe. In »Fahrenheit 11/9« liegt jetzt der Versuch vor, diese Gründe retrospektiv auszubreiten. Aus »5 reasons why Trump will win« wurde »How the fuck did this happen?«

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Dez 062018
 

»Under the Silver Lake«

Sam (Andrew Garfield) lebt in Los Angeles. Ohne Arbeit, ohne Geld für die nächste Miete, und man hat nicht den Eindruck, dass er daran viel ändern will. Den Tag verbringt er zwischen Comics und Videospielen, Bierdosen und Filmen, Geschlechtsverkehr und Spannerei, wobei er Sarah (Riley Keough) kennenlernt. Die lädt ihn ein, obwohl sie weiß, dass er sie mit dem Fernglas beobachtet hat. Als sie am nächsten Tag verschwunden ist, macht Sam sich auf eine lange Suche. – Was nach Odyssee klingt, und wohl auch so gemeint war, gerät zu einer fahrigen Tour in Hollywood mit seinen notorischen Orten, bizarren Ikonen und urbanen Mythen. Sam schlussfolgert sich durch die Stadt, indem er in den banalen Dingen der Pop- und Konsumkultur geheime Zeichen erkennt: Schatzkarten auf Cornflakesschachteln, Botschaften in rückwärts gespielten Platten, Numerologie, Buchstabenfolgen, bildliche Codes. Bald tritt die Suche nach Sarah in den Hintergrund, und das Suchen wird Selbstzweck.

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Nov 302018
 

Mit jeder neuen Ausgabe der Bahamas erklären die Gegner, zumeist an denselben Deformationen leidend und lediglich die Gewichte etwas anders setzend, dass die Zeitschrift nun endgültig gestorben sei. Sie irren damit, wie sie nur können, denn was tot ist, kann nicht sterben. Die Bahamas war von jeher eine unpolitische Veranstaltung, so dass man sie besser ästhetisch fasse. Continue reading »

Nov 222018
 

»Der Dolmetscher«

Der pensionierte Dolmetscher Ali Ungár (Jiří Menzel) reist von Bratislava nach Wien, um dort den früheren SS-Offizier Kurt Graubner aufzusuchen, der während der Shoa seine Familie ermordet hat. Er führt eine Waffe bei sich, spielt also wenigstens mit dem Gedanken, Graubner zu erschießen. In der Wohnung trifft er dessen Sohn Georg (Peter Simonischek), der mitteilt, dass sein Vater verstorben sei. Nach einiger Irritation machen sich die Herren auf den Weg in die Slowakei, um die Vergangenheit zu erforschen. Georg engagiert Ali als Dolmetscher, und die Reise in die Ferne wird zur Reise ins Innere. Continue reading »

Nov 142018
 

»Die andere Seite von allem«

Im Zentrum von Belgrad gibt es eine Wohnzimmertür, die seit 70 Jahren verschlossen ist. Auf der anderen Seite wohnen fremde Nachbarn, auf dieser Srbijanka Turajlić, deren Eltern vor 1945 noch die gesamte Wohnung gehörte. Im Zuge der Verstaatlichung wurde die Fläche geteilt; statt einer konnten nun vier Familien dort leben. Bürgertum und Proletariat, sagt Srbijanka, hatten zuvor in Belgrad praktisch keine Berührung. Mit der Teilung der Wohnung, lässt sich sagen, hat man die Teilung der Klassen angegriffen. Continue reading »

Okt 262018
 

»Der Affront«

Der undichte Abfluss eines Balkons bringt zwei Männer in der Sommerhitze Beiruts gegeneinander auf. Yasser, Palästinenser und Vorarbeiter einer Baustelle, repariert eigenmächtig Tonis Abflussrohr. Toni, christlicher Libanese und Anhänger der rechtskonservativen Forces Libanaises, zerstört die Installation. Im Affekt beschimpft Yasser ihn, worauf Toni bei Yassers Vorgesetztem eine Entschuldigung verlangt. Dass Yasser nur zögerlich dem Verlangen nachgibt, scheint Tony weiter zu beleidigen, und er reagiert auf die halbherzige Entschuldigung mit einer politischen Entgleisung, woraufhin Yasser ihm mit einem Schlag zwei Rippen bricht. Der Fall geht vor Gericht, aber Yasser wird freigesprochen. Tony verliert im Gerichtssaal die Beherrschung … Continue reading »

Okt 182018
 

»Der Vorname«

Im Grunde ist jeder Vorname ein Skandal. Gewiss kann er im Gegensatz zum Familiennamen frei bestimmt werden, aber nie vom Betroffenen selbst. Der Familienname schafft wenigstens eine Art Gemeinschaft des Leidens, der Vorname gerät zum Machtgriff, der gnadenlos Weichen stellt. Wer sein Kind etwa Adolf nennt, sollte gleich auch das Geld für den Analytiker zurücklegen. An dieser Idee hängt sich die Komödie »Der Vorname« (Le Prénom) auf, die 2010 von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière geschrieben und 2012 von ihnen verfilmt wurde. Sechs Jahre später befand Sönke Wortmann, dass es hievon ein deutsches Remake geben müsse. Sechs Jahre, das ist die kleinste Einheit deutschen Taktgefühls, denn so lange hat der Zweite Weltkrieg gedauert. Continue reading »

Sep 222018
 

Es gibt eine Sache an Merkel, die dann doch zu loben wäre. In ihrer Position kann sie nichts anderes sein als eine Charaktermaske, die die Logik der kapitalistischen Gesellschaft bei Strafe des eignen Untergangs exekutieren muss, und so wie sich das Wertgesetz überhaupt erst durch die Abweichung des Preises vom Wert durchsetzen kann, ist die individuelle Aktion im Regieren bloß die Gelegenheit zur Korrektur durch die unerbittliche Logik des Kapitals. Merkel oszilliert sozusagen um diese Logik. Continue reading »

Sep 072018
 

Kunst, Spektakel und Revolution No. 6

[Rezension]

Theater Realität Realismus – ein Subjekt, ein Objekt und deren Beziehung. Nur nicht die Beziehung schlechthin, sondern sie ist hier zugleich Forderung. Denn ebenso wie jedes andere Subjekt kann Theater gar nicht anders als sich auf Wirklichkeit zu beziehen. Der Realismus aber regelt, auf welche Weise dieser Bezug herzustellen sei, indem er die Forderung aufstellt, dass ein Erfassen oder Abbilden oder Widerspiegeln der Realität unbedingtes Kunstziel sei. Es gibt adäquates und weniger adäquates Abbilden. Durch den Realismus wird die Realität zum Maßstab. Zum Maßstab allerdings der Erkenntnis, nicht zwingend auch zum Maßstab politischer Norm. Ein Werk kann einen intimen Komplex einer Zeit empfindlich anrühren und so viel Realismus befördern, dass es selbst zum Politikum wird, und kann sich dennoch, grundsätzlich, affirmativ zur eigenen Zeit verhalten. Das vernichtende Urteil der »Heiligen Johanna« und das profunde Einverständnis von »Adam und Eva« trennt mehr als es eint, gleichwohl wird man beide Werke nicht anders denn realistisch nennen können. Um diesen Komplex, der sich nach verschiedenen Seiten konkret ausspitzen lässt, kreisen die 9 Beiträge dieses Heftes, das auf eine Konferenz zurückgeht, die am 22. und 23. Juli 2016 in Berlin stattfand, organisiert von der Arbeitsgruppe Kunst und Politik, und in das es leider nicht alle dort gehaltenen Vorträge geschafft haben. Continue reading »

Jun 282018
 

»Love, Simon«

Es ist schwieriger geworden, eine leidlich interessante Coming-out-Handlung zu erzählen. Der Schikaneur aus dem Footballteam, der verstockte Nachbar mit militärischem Hintergrund, die Mutter mit konservativem Familienbild, der Mitläufer, der seine eigene Homosexualität unterdrückt – die Klischees treffen noch von Fall zu Fall, doch Homophobie ist heute nicht mehr manifest. Die Zeit der Heugabeln und brennenden Kreuze ist vorbei. »Love, Simon« unternimmt also den Versuch, ein Coming-out zu erzählen für eine Gesellschaft, die Homosexualität weitgehend akzeptiert hat. Es geht damit eher um die Hintertüren, durch die sich aus dem gesellschaftlichen Konsens gestoßene Vorurteile ins Verhalten zurückschleichen. Continue reading »

Jun 272018
 

Die Freunde haben einen Hund, der im Ablauf eines Tages mehr Haare lässt, als ich insgesamt noch auf dem Kopf trage. In den Papieren steht, dass er aus Rumänien stammt, darunter der Vermerk: »Zum Schafehüten nicht geeignet«. Er lebt jetzt hier, obwohl er kein Facharbeiter ist und nicht richtig Deutsch spricht. Hunde müssen manchmal raus. Nachbarn auch. Wir trafen also einen. Es dürfte kurz nach dem Spiel der Deutschen gegen Mexiko gewesen sein, der Mann war sichtlich geladen und schrie was von »Muschifußball«. Das war, glaube ich, nicht lieb gemeint. Wer immer herausgefunden hat, dass Fußball ein Mann-Schafts-Sport sei, hatte vermutlich recht. Continue reading »

Jun 162018
 

Dem Fußball scheint Ähnliches zu blühen wie Apple, Sushi oder Netflix. Er läuft nach wie vor, und irgendwie auch ganz gut, doch das symbolische Kapital schwindet. Längst hat sich Verdrossenheit unter die Begeisterung gemischt, ist das Mythische im Alltäglichen ertrunken und der Reiz verloren, mehr darin zu sehen als darin ist. Die Fahnen, diese elenden, sind heute dünner gesät denn je, und während die WM vor 8 Jahren allgegenwärtig war, ist das einzige, was sich heute noch aufdrängt, das bierselige Antlitz Thomas Müllers beim Rewe. Continue reading »