Aug 152019
 

»Once Upon a Time in Hollywood«

Wahrscheinlich begann alles mit dem Hakenkreuz auf der Stirn. Als Tarantino 2009 dem SS-Offizier Hans Landa das Zeichen gravieren ließ, damit der für immer als Nazi kenntlich bleibe, muss er an Charles Manson gedacht haben, der es sich in der Haftzeit aus freien Stücken in die Stirn geritzt hatte. Von da war es bloß noch eine tragende Idee weit zum Vorhaben, einen Film über Manson zu machen. Nunja, und die Kleinigkeit, über den eigenen Schatten zu springen. Tarantino hat die verhängnisvolle Stärke, was immer er anpackt, konsumierbar werden zu lassen. Es gibt Stoffe, da verbietet sich das; handwerklich Makelloses wie »Inglourious Basterds« geriet zum kollossalen Fehlgriff. Beim Manson-Stoff drohte Ähnliches. Es spricht für den Autor, gespürt zu haben, dass bei seiner Art, Filme zu machen, das Monster besser dosiert auf die Leinwand sollte. So erklärt sich der breite Raum einer anderen Fabel im Film, zu der die Geschichte um die Manson-Family lange wie eine lose Ergänzung wirkt. Continue reading »

Aug 082019
 

»Fishermanʼs Friends«

Dass all das tatsächlich passiert ist, macht die Story nicht besser. Weder als Geschichte noch als Gefäß für Gedanken. Sie ist nicht wahr, bloß real, und da nichts von Belang befördert wird, hätte sie wenigstens gut erzählt sein können. Man versteht einiges, wenn man erinnert, dass die Autoren Nick Moorcroft und Meg Leonard bereits das Drehbuch zu »Tanz ins Leben« (2017) verfasst haben, worin Harm- und Belanglosigkeit ineinandergreifen und es ebenso wie hier darum geht, sich auf die wahren Werte des Lebens zu besinnen, die nicht in Reichtum oder Reputation liegen können. Wenn »Fishermanʼs Friends« etwas besser geraten ist, liegt das vor allem am bespielten Milieu und der unkompliziert-schönen Musik. Wer Shanty nicht kennt, hat das Leben verpennt. Allein, das reicht nicht hin für einen Film von fast 2 Stunden. Continue reading »

Jul 272019
 

»Ein ganz gewöhnlicher Held«

Im Mittelpunkt des Dramas steht ein Mann, der eine zweite Chance erhalten hat. Die Rede ist von Stuart Goodson, der eine Zeit lang obdachlos war und heute in einer öffentlichen Bibliothek arbeitet. Die Rede könnte auch sein von Emilio Estevez, der Stuart Goodson erdacht hat und ihn selbst spielt. Er, der im Kino nach frühen Erfolgen lange nicht mehr vorkam, kehrt jetzt zurück, beinah als Wiedergänger seines Vaters Martin Sheen, dem er nicht bloß ähnlicher sieht denn je, dessen Würde und Ernsthaftigkeit in sein Spiel eingegangen scheint. Estevez verkörpert die sanfte Unerbittlichkeit Stuarts so gut, dass der Realismus der Handlung an keinem Punkt Schaden nimmt. Continue reading »

Jul 092019
 

»Kursk«

So eigenartig, dass Thomas Vinterberg sich überhaupt dieses Stoffes bemächtigt, so folgerichtig scheint, dass er – wenn nun schon einen U-Boot-Film – gerade diesen dreht. Das Genre hat bislang wenig Gediegenes und eigentlich immer dasselbe hervorgebracht. Meist geht es um eine Art Duell, den Kampf eines Mannes gegen einen anderen oder gegen eine übermächtige Flotte. »Duell im Atlantik« (1957), »U 23« (1958), »Das Boot« (1981) oder »Jagd auf Roter Oktober« (1990) erzählen diesen Kampf ganz konventionell, während »Crimson Tide« (1995) und »Black Sea« (2014) das Duell immerhin schon ins Innere des U-Boots verlegen. Wo diese Art Helden gezeugt werden, kann gedankliche Tiefe selten mit der ozeanischen mithalten. Continue reading »

Jun 272019
 

»Five Fingers for Marseilles«

»Die einzige Art Veränderung hier ist die Zuspitzung.« Wenn so ein Satz in einem südafrikanischen Film fällt, will das was heißen. Vielleicht, dass die Überwindung der Apartheid zugleich den Abbruch einer umfassenderen Entwicklung markierte, einer, die über die juristische Form hinausgeht. Dieser Film spielt, durch einen Sprung von 20 Jahren, in zwei verschiedenen Zeiten, und zugleich spielt er mit ihnen, indem sich das alte und das neue Südafrika kaum unterscheiden: Kein Fortschritt, keine Prosperität, kein Zuwachs an Glück wird am Gefälle kenntlich. Nur die Schusswaffen sind moderner. Continue reading »

Jun 192019
 

»Tolkien«

Das Problem sind die Erwartungen. Wer Tolkiens Leben erzählt, provoziert Vorfreude auf philosophische Gedanken, linguistische Tauchgänge, Veranschaulichung des Schreibhandwerks, Enträtselung und Ausdeutung jener fiktiven Welt Mittelerde. Man will nicht bloß das Genie, man will es als Genie sehen, und hierzu muss es inhaltlich bewältigt worden sein. Auch Peter Berg hätte an Mozart kaum gründlicher scheitern können als seinerzeit Miloš Foreman. Der Mangel von »Tolkien«, will ich damit sagen, liegt nicht in der Regie. Dome Karukoski weiß, was er tut, seine Wirkungen scheinen kalkuliert. So grazil die Schrittfolgen sind, diese Füße passen nicht ins zu große Paar Stiefel. Continue reading »

Jun 072019
 

»Push – Für das Grundrecht auf Wohnen«

Wohnen, so viel weiß jeder, ist längst zum größten Problem all jener Menschen geworden, die nicht wenigstens der gehobenen Mittelklasse angehören. Wenn etwa die Hälfte des Einkommens für Miete abfällt, stimmt was nicht. Zur Aufklärung der genaueren Zusammenhänge leistet Fredrik Gerrtens Dokumentation »Push« Unwahrscheinliches, indem sie dem Publikum sichtbar macht, was selbst routinierten Verächtern des Kapitalismus noch eine Nachricht wert sein müsste. Schon eigenartig dann, und fast ein Kunststück, dass dieser wertvolle Film am Ende des Abends doch mehr schadet als nützt. Er hat eine große Tendenz, und die besteht darin, sich der einen großen Tendenz zu verweigern. Continue reading »

Jun 062019
 

»Burning«

Wie oft lässt das deutsche Release eines erfolgreichen, aber nicht-amerikanischen Films lange auf sich warten. »Burning« kommt jetzt, dreizehn Monate nach dem Heimstart in Korea, neun nach den europäischen Starts von Belgien und Frankreich. In Cannes hatte der Film den Rekordwert der Kritikerumfrage des Screen Daily gebrochen und war bei der Jury dann leer ausgegangen. Dass der Rekord bis dato vom mordsmäßig miesen Machwerk »Toni Erdmann« gehalten wurde, bezeigt, wieviel wert so ein Wert ist, nämlich gar nichts. Auf die Kritiker kommen wir noch zurück. Continue reading »

Mai 162019
 

»Maquia«

Blau ist eine dankbare Farbe. In der Natur scheint sie den fernen und weiten Dingen vorbehalten. Insofern ist das dominante Blau in »Maquia« nicht allein der gefälligen Anschauung wegen, es korrespondiert dem Thema des Films, Geburt und Tod, Vergänglichkeit und Fortleben. Wie typisch für Anime sind die Hintergründe feiner gestaltet als die Figuren, in denen der traditionelle Zeichenstil bewahrt wird. Auf die Art vermittelt das Genre zwischen Effekt und ästhetischer Tradition. Continue reading »

Mai 092019
 

»Stan & Ollie«

Der Film eröffnet gleich einem Gemälde. Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) sitzen in der Maske; man sieht sie von hinten, die Stühle halbschräg, so dass ihre Blickrichtungen auf einen Fluchtpunkt zulaufen. Als sei da die Zukunft des Duos an die Wand der engen Garderobe geworfen, wo die bekannten Hüte am Ständer hängen. Sie werden, spricht das Bild, nicht entkommen aus dieser Nummer ihres Lebens, sind, wie später Charters und Caldicott oder Abbott und Costello, nur als Duo interessant. Linker- und rechterhand stehen beider Schminkspiegel, aber so, dass man darin den je anderen sieht. Stan, das ist Ollie, und Ollie, das ist Stan. Die Kamera folgt ihnen auf dem Weg zum Set in einer Plansequenz von genau 4 Minuten, die elegant die Exposition beider Figuren, ihre persönliche und berufliche Situation miterledigt. Continue reading »

Apr 302019
 

»Streik«

Der deutsche Verleihtitel fällt gegen den französischen »En Guerre« ein wenig ab; indessen stellt er sich dem Erbe Eisensteins. Dieser Bezug lag nahe. Stéphane Brizé, der bereits in »Der Wert des Menschen« wider den Kapitalismus dröhnte – auf Augenhöhe hierbei mit Werken wie »Stürmische Ernte«, »Shoplifters«, »Glücklich wie Lazzaro« oder »In den Gängen« –, greift auch in »Streik« zum erprobten Mittel der Konzentration auf eine Figur. Gewiss ist der Film breiter angelegt, vor allem im Dialogischen; gut erzählt ist er trotzdem. Continue reading »

Apr 202019
 

»Supa Modo«

Es ist ein Märchen. Also eigentlich ein Märchen in einem Märchen. Unwirklich, aber mit Vorsatz, so dass es schon wieder zum Realismus taugt. Dem Realismus eines Regisseurs, der begriffen hat, was Kunst ist. Und das meint hier tatsächlich zunächst die formale Seite, denn in »Supa Modo« sind die kraftvollen Farben zugleich natürlich, die Kamera weiß in ungezählten originellen Shots stets genau, was sie will, der Score schafft ebenso Stimmung, wie er den Verstand wachhält. Ästhetisch passt hier einfach alles.

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Apr 172019
 

»Der Fall Collini«

Wenig überraschend blieb die öffentliche Aufmerksamkeit dieser Tage vor allem an der Besetzung der Hauptrolle hängen. Bislang war Elyas M’Barek kaum anders denn in seichten Stories zu sehen, und dafür, dass er jetzt als Strafverteidiger Caspar Leinen etwas Reparation treiben kann, hat man der Figur aus Schirachs Romanvorlage einen türkischen Hintergrund eingeschrieben. Deutsche Angelegenheiten. Ich meinesteils freue mich stets, Franco Nero zu sehen, der mir durch »Zwiebel-Jack räumt auf« (1975) zum Helden der Kindheit wurde. Meine Angelegenheiten.

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Apr 122019
 

»Niemandsland«

Dass der deutsche Verleihtitel den zeitlichen Ausdruck in eine räumliche Metapher überträgt, mag dem Notstand geschuldet sein, im Deutschen keine griffige Entsprechung für »Aftermath« zu haben. Jenes Nachwirken als höchst aktives Fortwirken der Vergangenheit im Gegenwärtigen meint in diesem Film zweierlei: die politische Situation nach dem 2. Weltkrieg und den Seelenzustand einer Frau, die ihr Kind verloren hat. Der in Hamburg stationierte Offizier Lewis Morgan erhält Besuch von seiner Frau Rachael. Die britische Armee beschlagnahmt die Villa des Architekten Stefan Lubert als Wohnraum für das Paar, doch Lewis schlägt vor, dass Lubert und seine Tochter Freda mit ihnen unter einem Dach wohnen bleiben. Ziemlich bald verlieben sich Rachael und Lubert, am Hass der strammen Freda und dem Desinteresse des stets beschäftigen Lewis vorbei.

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Mrz 282019
 

»Ein Gauner & Gentleman«

Vermutlich war der notorische Bankräuber Forrest Tucker einfach ein glücklicher Mann – wenn nämlich Glück bedeutet zu tun, was man kann, und zu können, was man tut. Auch Robert Redford kann, was er tut, tut aber künftig nicht mehr, was er kann. Jener Tucker soll, wie man hört, die letzte Rolle seiner Laufbahn werden. Dass der große Schauspieler aufhört mit einem Mann, der nicht aufhören konnte, ist die erste Pointe dieses provokativ gemütlichen Films. Der Originaltitel übrigens erinnert gleichfalls eine Figur, die in ihrer Berufung kein Ende finden wollte: Hemingways ewigen Fischer Santiago.

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