Mai 162019
 

»Maquia«

Blau ist eine dankbare Farbe. In der Natur scheint sie den fernen und weiten Dingen vorbehalten. Insofern ist das dominante Blau in »Maquia« nicht allein der gefälligen Anschauung wegen, es korrespondiert dem Thema des Films, Geburt und Tod, Vergänglichkeit und Fortleben. Wie typisch für Anime sind die Hintergründe feiner gestaltet als die Figuren, in denen der traditionelle Zeichenstil bewahrt wird. Auf die Art vermittelt das Genre zwischen Effekt und ästhetischer Tradition. Continue reading »

Mai 092019
 

»Stan & Ollie«

Der Film eröffnet gleich einem Gemälde. Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) sitzen in der Maske; man sieht sie von hinten, die Stühle halbschräg, so dass ihre Blickrichtungen auf einen Fluchtpunkt zulaufen. Als sei da die Zukunft des Duos an die Wand der engen Garderobe geworfen, wo die bekannten Hüte am Ständer hängen. Sie werden, spricht das Bild, nicht entkommen aus dieser Nummer ihres Lebens, sind, wie später Charters und Caldicott oder Abbott und Costello, nur als Duo interessant. Linker- und rechterhand stehen beider Schminkspiegel, aber so, dass man darin den je anderen sieht. Stan, das ist Ollie, und Ollie, das ist Stan. Die Kamera folgt ihnen auf dem Weg zum Set in einer Plansequenz von genau 4 Minuten, die elegant die Exposition beider Figuren, ihre persönliche und berufliche Situation miterledigt. Continue reading »

Apr 302019
 

»Streik«

Der deutsche Verleihtitel fällt gegen den französischen »En Guerre« ein wenig ab; indessen stellt er sich dem Erbe Eisensteins. Dieser Bezug lag nahe. Stéphane Brizé, der bereits in »Der Wert des Menschen« wider den Kapitalismus dröhnte – auf Augenhöhe hierbei mit Werken wie »Stürmische Ernte«, »Shoplifters«, »Glücklich wie Lazzaro« oder »In den Gängen« –, greift auch in »Streik« zum erprobten Mittel der Konzentration auf eine Figur. Gewiss ist der Film breiter angelegt, vor allem im Dialogischen; gut erzählt ist er trotzdem. Continue reading »

Apr 202019
 

»Supa Modo«

Es ist ein Märchen. Also eigentlich ein Märchen in einem Märchen. Unwirklich, aber mit Vorsatz, so dass es schon wieder zum Realismus taugt. Dem Realismus eines Regisseurs, der begriffen hat, was Kunst ist. Und das meint hier tatsächlich zunächst die formale Seite, denn in »Supa Modo« sind die kraftvollen Farben zugleich natürlich, die Kamera weiß in ungezählten originellen Shots stets genau, was sie will, der Score schafft ebenso Stimmung, wie er den Verstand wachhält. Ästhetisch passt hier einfach alles.

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Apr 172019
 

»Der Fall Collini«

Wenig überraschend blieb die öffentliche Aufmerksamkeit dieser Tage vor allem an der Besetzung der Hauptrolle hängen. Bislang war Elyas M’Barek kaum anders denn in seichten Stories zu sehen, und dafür, dass er jetzt als Strafverteidiger Caspar Leinen etwas Reparation treiben kann, hat man der Figur aus Schirachs Romanvorlage einen türkischen Hintergrund eingeschrieben. Deutsche Angelegenheiten. Ich meinesteils freue mich stets, Franco Nero zu sehen, der mir durch »Zwiebel-Jack räumt auf« (1975) zum Helden der Kindheit wurde. Meine Angelegenheiten.

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Apr 122019
 

»Niemandsland«

Dass der deutsche Verleihtitel den zeitlichen Ausdruck in eine räumliche Metapher überträgt, mag dem Notstand geschuldet sein, im Deutschen keine griffige Entsprechung für »Aftermath« zu haben. Jenes Nachwirken als höchst aktives Fortwirken der Vergangenheit im Gegenwärtigen meint in diesem Film zweierlei: die politische Situation nach dem 2. Weltkrieg und den Seelenzustand einer Frau, die ihr Kind verloren hat. Der in Hamburg stationierte Offizier Lewis Morgan erhält Besuch von seiner Frau Rachael. Die britische Armee beschlagnahmt die Villa des Architekten Stefan Lubert als Wohnraum für das Paar, doch Lewis schlägt vor, dass Lubert und seine Tochter Freda mit ihnen unter einem Dach wohnen bleiben. Ziemlich bald verlieben sich Rachael und Lubert, am Hass der strammen Freda und dem Desinteresse des stets beschäftigen Lewis vorbei.

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Mrz 282019
 

»Ein Gauner & Gentleman«

Vermutlich war der notorische Bankräuber Forrest Tucker einfach ein glücklicher Mann – wenn nämlich Glück bedeutet zu tun, was man kann, und zu können, was man tut. Auch Robert Redford kann, was er tut, tut aber künftig nicht mehr, was er kann. Jener Tucker soll, wie man hört, die letzte Rolle seiner Laufbahn werden. Dass der große Schauspieler aufhört mit einem Mann, der nicht aufhören konnte, ist die erste Pointe dieses provokativ gemütlichen Films. Der Originaltitel übrigens erinnert gleichfalls eine Figur, die in ihrer Berufung kein Ende finden wollte: Hemingways ewigen Fischer Santiago.

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Mrz 182019
 

Und gelegentlich wird jemand erschossen: »Wintermärchen«

Der Titel drängt sich auf. Man denkt an Deutschland, Heine, das dumme Sommermärchen von 2006 und müsste noch am ehesten jenes kaum bekannte, späte Drama Shakespeares erinnern, worin gleichfalls das Politische hinterm Persönlichen verschwindet. Denn das passiert in diesem Film, und allein seine Atmosphäre – die hektische Kameraführung, die karge Beleuchtung, worin der Eindruck eines nie enden wollenden Novembers entsteht – wird dem Titelmotiv gerecht. Der Rest hängt so im Raum.

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Mrz 152019
 

»Destroyer«

Der Star ist nicht die Mannschaft. Nicht das Drehbuch. Nicht die Regie. Der Star ist der Star. Es ist Nicole Kidman. Ausgerechnet sie, die ewig junggebliebene, makellose, die oft ihr Können bewiesen hat, behauptet sich hier ganz gegen ihr Profil. Weiblichkeit soll unterm Spiel vergraben werden, Ekel ist kalkuliert, wie zuletzt bei Melissa McCarthy in »Can You Ever Forgive Me«. Es mag Härteres gegeben haben. Nie, meine ich, wurde eine bis auf den Grund zerstörte, von Schuldgefühl zersetzte Persönlichkeit so intensiv und einnehmend gespielt wie in »Destroyer«.

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Mrz 082019
 

»The Sisters Brothers«

Gewiss, das ist ein weiteres Exemplar aus der langen Reihe ›Der ganz ganz andere Western‹. Was noch nichts heißt. Wer heute Western macht, muss abliefern, und Jacques Audiard liefert ab. Seine Adaption von Patrick deWitts groteskem Roman »The Sisters Brothers« geht nach jeder Seite hin auf: erzählerisch, psychologisch, philosophisch und als Kunstwerk.

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Mrz 072019
 

»White Boy Rick«

Dass ein Film ratlos macht, ist eines; was ganz anderes, wenn nicht einmal das noch stört. »White Boy Rick«, dem biographischen Picture des seinerzeit minderjährigen Drogenhändlers Rick Wershe, gelingt das Kunststück, eine außergewöhnliche Story belanglos bis zur Gleichgültigkeit zu machen. Im gemächlich verrottenden Detroit der 80er wird Richard, genannt Rick, zum Informanten des FBI. Die Operation gerät außer Kontrolle, als er tiefer in die Geschäfte einsteigt. Der neue Reichtum heilt zunächst einige Familienprobleme, doch schließlich wird Rick verhaftet und trotz Minderjährigkeit verurteilt.

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Feb 232019
 

Wie jedes Jahr, mehr um die Langeweile zu verscheuchen als deswegen, weils tatsächlich relevant wäre, hier was zum heraufziehenden Inferno. Ein Filmpreis, der sich Oscar nennt, hat ohnehin verloren. Gewisse Aufregungen verstehe ich einfach nicht.

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Feb 202019
 

»Vice – Der zweite Mann«

Es beginnt 1950 in Wyoming, wo die Welt nicht heil, aber noch in Ordnung war. Der Landarbeiter Dick Cheney gerät betrunken in eine Polizeikontrolle. Es ist der Moment, in dem sich sein Leben ändert. Seine Frau Lynne stellt ihn vor die Wahl: Entweder mache er was aus sich, oder sie werde ihn verlassen. So lernt er bei Donald Rumsfeld das Handwerk einer Politik ohne Inhalt. Ein halbes Dutzend Wahlperioden später erkennt er in George W. Bush einen gut zu führenden Frontmann, hinter dem er als Schattenpräsident das Land regieren kann. Dick trifft auf Doof, das ist die Lesart.

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Feb 152019
 

»Alita: Battle Angel«

Robert Rodriguez verwirklicht in »Alita: Battle Angel«, nach Kishiro Yukitos Manga-Serie »Ganmu«, ein altes Vorhaben James Camerons. Der, leider, zieht vor, drei weitere »Avatar«-Filme zu produzieren, hat aber wenigstens das Drehbuch geschrieben. Rodriguezʼ Absicht, keinen Rodriguez-, sondern einen Cameron-Film zu drehen, bringt Licht in ein hartnäckiges Dunkel. Nicht Mangel an Talent hat, wie wir lange dachten, Rodriguez zu jenem legendär schlechten Regisseur gemacht, sondern ein Mangel an Geschmack. Unterstellt er sein Handwerk, wie nun, dem Willen eines ästhetisch erprobten Verstands, vermag er durchaus Schönheit und Klasse in die Welt zu werfen.

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Feb 072019
 

»Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt«

Die unbestreitbare Schönheit dieses Films konzediert, scheint nicht verkehrt, anstelle einer Rezension die gesamte Reihe in Blick zu nehmen. Dean DeBlois selbst gibt an, dass er mit den drei Filmen eine übergreifende Story erzählen will. Gelungen ist ihm viel mehr als das. »Drachenzähmen« zeichnet, vielleicht unwillentlich, ein Sittenbild dieser Epoche. Im Kunstwerk decken sich Absicht und Ergebnis nie ganz. Erzähler packen die Welt oft intuitiv und könnten es nicht begrifflich machen. Zum anderen folgen sie der Logik des Erzählens, wodurch sie unvermeidlich Bedeutung herstellen. »In der Kunst«, schreibt Peter Hacks, »verändern Sachverhalte ihr Wesen; sie hören auf zu sein und fangen an zu bedeuten.« Wie Literatur übersetzt Film Strukturen der Wirklichkeit in Ideenstrukturen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie gut er das tut.

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