Mai 262018
 

»Ein Leben« zeigt die Kollision von Wahrheit und gesellschaftlicher Rücksicht

»Das Leben«, so lautet der Satz, in dem Stéphane Brizés Verfilmung von Maupassants großem Roman »Une Vie« schließlich erstarrt, »ist nie so gut oder schlecht, wie man glaubt.« Jeanne, eine junge Adlige, kehrt nach Jahren klösterlicher Erziehung auf den Landsitz ihrer Eltern zurück. Sie heiratet unglücklich; ihr Mann Julien, der sie betrügt, wird vom eifersüchtigen Nachbarn umgebracht. Jeannes Vater stand ihr bloß zaghaft bei, ihr Sohn Paul verlässt sie gen England, wo er eine Prostituierte heiratet und sich in allerlei desaströse Geschäfte involviert. Von einem Leben der Lügen und Zweideutigkeiten gezeichnet, beginnt Jeanne an der Ehrlichkeit seiner Nachrichten zu zweifeln, bis sie einen unumstößlichen Beweis erhält. Es sind nicht die Ereignisse, die einen hieran packen, es ist das Innere der Heldin. Diese Innerlichkeit gibt den Schlüssel, diesen Film zu verstehen – sein Schauspiel, seine Diktion, seine Erzählform, seine bildästhetischen Mittel. Continue reading »

Mai 172018
 

Die Dokumentation »The Cleaners« wirft Licht auf eine Schattenindustrie

Als Saul Ascher 1818 seine »Idee einer Preßfreiheit und Censurordnung« vorlegte, war er von einer wohlbekannten Zerrissenheit befallen, die Freiheit zwar zu wollen, nicht aber die damit gegebene Möglichkeit zu Verleumdung und Aggression. Sein Vorschlag lautete, dass Zensur nie den Inhalt, sondern die Form anzutasten habe. Jeder sage, was er will, doch man sorge, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Ascher wollte also trennen, was sich praktisch nicht trennen lässt. Wer ein Medium für das Gute öffnet, öffnet es auch fürs Schlechte, und wenn schon im täglichen Betrieb beides stets ineinandergreift, so scheint erst recht unmöglich, dies Chaos in ein allgemeines Handlungsgesetz zu überführen. An eben dieser Schnittstelle setzt exakte 200 Jahre und 1 Internet später die Dokumentation »The Cleaners« an. Continue reading »

Mai 102018
 

»Der Buchladen der Florence Green« von Isabel Coixet

Eine weibliche Stimme berichtet, Jahrzehnte zurückblickend, von den Begebenheiten um die Buchhändlerin Florence Green: »Sie sagte mir mal: Wenn wir eine Geschichte lesen, bewohnen wir sie. Der Einband eines Buchs ist wie ein Dach und vier Wände.« Die Sprecherin zitiert die Heldin des Films, die ihrerseits den Schriftsteller John Berger zitiert, der sich seinerseits auf Diderots theatralische Theorie bezieht. Diese Intertextualität der dritten Stufe ist mehr als bloß Fanservice für das mutmaßlich bibliophile Publikum des Films. Jene vier Wände bedeuten das Wesen von Fiktion überhaupt, die nur dort bestehen kann, wo sie sich selbst verleugnet, und das Denken in Zitaten scheint die natürliche Ausdrucksform einer Leseratte, die von Buch zu Buch kommt, es zwar bewohnen, aber nie ganz besitzen kann. Continue reading »

Mai 032018
 

»Sherlock Gnomes«

Als vor sieben Jahren mit »Gnomeo und Julia« die charmante Adaption eines klassischen Stoffs in die Kinos gelangte, drängte sich der Gedanke an eine Fortsetzung nicht gerade auf. Der Film war rund und abgeschlossen, auch wenn sein Thema gute 20 Jahre zu spät kam. Ähnlich unzureichend wie in Petersens »Enemy Mine« wurde der Kalte Krieg von der sittlichen Differenz der kriegführenden Systeme befreit und als sinnlose Feindschaft zweier nebeneinander liegender Gärten vorgestellt, die ihre kombativen Aktionen ebenso gut unterlassen könnten. Gleichwohl hatte man hier eine Art Zugriff auf die Welt. Mit »Sherlock Gnomes« erscheint jetzt eine Fortsetzung, die sich in ihrem Bestreben, bloß zu unterhalten, harmlos gibt. Continue reading »

Apr 262018
 

»A Beautiful Day« ist ein echter Film noir und reiner Stil

Das ist einer dieser Filme, von denen man schon vorher genug hat. Dann sieht man hin und kann nicht mehr genug bekommen. Vorurteile sind ja ganz nützliche Filter, manchmal, und hier fällt die Einordnung leicht: Harter Mann, kleines Mädchen – ein Thema, so abgegriffen und ausgepresst, dass allein die Aufzählung der betreffenden Titel die Seite hier füllen könnte. Der an der Wirklichkeit beschmutzte Mann – ein Auftragsmörder, Gangster, Geheimagent – trifft auf die Reinheit des kindlichen Mädchens; Sexualität schwingt mit und soll es auch, aber sie ist verboten. Indem er das Mädchen rettet und sexuell zurückhaltend bleibt, ergreift er die Chance, es spät im Leben noch einmal anders zu machen. Nicht selten opfert er sich am Ende, was in die Logik passt. Regression ist der Kadaver der Utopie, und totgeritten ist das Sujet schon lange. Continue reading »

Apr 192018
 

»Roman J. Israel, Esq.« kann sich nicht entscheiden,

ob er Gerichtsdrama, Charakterstudie oder Thriller sein will

Ein langes Arbeitsleben hat Roman J. Israel als stiller Partner in der Kanzlei seines Freundes William Jackson verbracht. Nach außen trat er nie in Erscheinung. Er, der den Gerichtssaal als »Butchery« bezeichnet, ist der Mann fürs Schriftliche, leistet die substantielle Vorarbeit am Gesetzestext, entwickelt Strategien, verfasst Anträge und Plädoyers. Als sein Partner stirbt, ist er gezwungen, sich eine neue Stelle zu suchen. Er bewirbt sich bei Maya Alston, die eine politische Agentur leitet; erfolglos, denn sein Sozialverhalten kann mit seiner sozialen Haltung nicht schritthalten. Also muss er, der linksliberale Idealist, in der Kanzlei von George Pierce anheuern, einem geschäftstüchtigen Anwalt, der ebenfalls einmal Jacksons Schüler war. Roman mag ihn nicht und fragt, was ihn eigentlich von dem Auto unterscheide, das er fährt. Continue reading »

Apr 052018
 

»Film Stars Donʼt Die in Liverpool«

Gloria Grahame, seit dem Auftritt in Capras Schmonzette »Itʼs a Wonderful Life« (1946) als große Schauspielerin bekannt, kommt im letzten Jahr ihres Lebens (1981) nach Liverpool. Dort wohnt die Familie ihres deutlich jüngeren Geliebten Peter Turner, auf dessen Erinnerungen der Film beruht. Man muss allerdings die frühen Achtziger erinnern, um das Gefälle zu bemessen von Hollywood nach Liverpool, wohin vielleicht mal ein Meistertitel, sonst aber gar nichts kam. Continue reading »

Mrz 282018
 

»Vor uns das Meer« ist eine Parabel auf den gesellschaftlichen Charakter der Lüge

Die Schwächen dieses Films wären weniger ärgerlich, wenn er nicht so gut wäre. Das beginnt beim deutschen Titel, in dem der Schlüsselcharakter des originalen »The Mercy« missachtet wird, der mit »Begnadigung« oder »Erbarmen« gut übertragbar war. Das setzt sich fort bei der größerenteils schwachen Besetzung. Und reicht bis zum Drehbuch, dessen Anlage so grandios wie seine Ausführung synthetisch ist. Continue reading »

Mrz 232018
 

In »Die stille Revolution« versuchen es Kapitalismus und New Age noch einmal miteinander

Vögel zwitschern, weites Waldland, norddeutsche Gezeiten, Füße im Watt. Diese Dokumentation über den Wandel der Arbeitswelt beginnt mit Bildern, die denkbar weit von dem liegen, was menschliche Arbeit ausmacht. Ist das schon Vergangenheit oder noch Zukunft? Wir sehen die Geschichte des Unternehmers Bodo Janssen, der eines Tages von seinen Angestellten gemocht werden wollte. Er krempelt seine Firma um, und seither sind alle glücklich. Continue reading »

Mrz 222018
 

Mehr als ein Biopic: »I, Tonya« zeichnet eine hintergründige Karikatur des Amerikanischen Traums

Filmische Biographien müssen enttäuschen. Sie provozieren die Erwartung, getreu zu erzählen, wie es war, und langweilen, wenn sie das tun, weil das Ende doch immer schon bekannt ist. Jeglicher Film über Jesus wird dessen Tod am Kreuz zeigen, jeder Film über Tonya Harding den Hergang des Attentats auf Nancy Kerrigan erzählen. Also kommt es hier mehr noch als in der reinen Fiktion darauf an, wie die Sache erzählt wird. Was immer sich sonst für oder gegen »I, Tonya« vorbringen ließe, dieses Problem hat der Film exzellent gelöst. Continue reading »

Mrz 152018
 

»A Silent Voice«

Erst scheint es um Inklusion zu gehen. Shoko, ein Mädchen mit geschädigtem Gehör, wechselt an eine gewöhnliche Schule. Dort wird sie gemobbt, weshalb sie sie wieder verlässt, während Shoya, der Haupttäter, nun selbst erfährt, wie es ist, ausgeschlossen zu werden. Recht zügig wird das durcherzählt; die Gruppe und ihr Umgang mit der Schuld ist das eigentliche Thema des Films. Dabei macht er schlichte Identifikation unmöglich, zwingt vielmehr, das Ganze in den Blick zu nehmen. Continue reading »

Mrz 092018
 

In »Mollyʼs Game« führt Aaron Sorkin Regie, wie sie im Drehbuch steht

Die Geschichte ist echt. Doch wen interessiert das schon? Molly Bloom selbst gewiss, und dann vielleicht noch Aristoteles. Wir kommen drauf zurück.

Ursprünglich ist Molly Leistungssportlerin im Freestyle Ski, aber sie kann aufgrund einer Verletzung die Karriere nicht fortsetzen. Also studiert sie Jura und gerät um 2004 in die High-Stakes-Pokerszene von Los Angeles. Sie gibt das Studium auf, verdient viel Geld, erlernt das Geschäft. Von Konkurrenten verdrängt macht sie Continue reading »

Mrz 082018
 

»Furusato« stellt die Frage, was Menschen dazu bewegt, ins Sperrgebiet zurückzukehren

Man eröffnet mit einer Karte Japans, auf der die registrierten Beben des Jahres 2011 rot aufblinken. Gnadenlos läuft der Counter dem 11. März entgegen, an dem es sehr rot und sehr laut wird. Die Ähnlichkeit mit einem Geigerzähler ist beabsichtigt. Erdbeben und Atomkraft werden so in ein Bild gebracht als Mitteilung, dass ein Reaktorunfall in einem Risikogebiet nicht unvorhersehbar war, wie als Erinnerung, dass ihm eine größere Katastrophe, der Tsunami in Iwate und Miyagi, vorausging. Continue reading »

Mrz 042018
 

Seit eigentlich letztem Herbst so sehr im Hamsterrad, dass mir die Zeit für beiläufigen Quatsch fast völlig fehlt, geb ich spät noch, bevor das heute Nacht mal wieder alles aus dem Ruder läuft, was zu den Oscars ab. Neulich fragte mich wer, warum man sich dazu verhalten müsse. Muss man natürlich nicht; es ist eine betriebsblinde Veranstaltung, durch die die Beteiligten einander versichern, dass sie noch da sind. Gewisse Dinge kann man nicht ernstnehmen, etwa die erkennbare Bevorzugung derjenigen Filme, die zeitlich näher an der Verleihung liegen, was immer etwas an das Kurzzeitgedächtnis von Wechselwählern erinnert. Oder das zwanghafte Anspringen der Academy-Mitglieder auf Filmthemen, in denen sie sich Continue reading »

Feb 222018
 

Lorraine Lévy erfindet den »Docteur Knock« neu

Erzählt wird die Geschichte eines beinah liebenswerten Ganoven, der sich, auf einem Schiff Zuflucht suchend, als Arzt ausgibt. Am Ende der Seereise beschließt er, Medizin zu studieren. Als nunmehr ausgebildeter Mediziner übernimmt er Jahre später die Praxis in einer Kleinstadt, wo er feststellen muss, dass es den Menschen unerfreulich gutgeht. Er beginnt in der Gemeinde ein Bewusstsein für Krankheiten zu etablieren, denn die benötigt er für sein Geschäft. Continue reading »