Aug 302019
 

»Playmobil – Der Film«

Es ist ja nicht so, dass man keine Wahl hatte. Einfach weiter Spielzeug verkaufen etwa. Aber es musste ein Film sein, nachdem der große Konkurrent die seinen hatte, und tatsächlich verhalten sich »The LEGO Movie« (I & II) und »Playmobil: The Movie« wie die Spielkonzepte selbst: Konstruktion, Kreativität, Intelligenz auf der einen – Module, Invariabilität, Trägheit auf der anderen Seite. Das spricht noch nicht gegen die Sache, auch überschaubare Seelen haben ein Recht auf Zeitvertreib. Für alle andern gilt: Lego ist, was man behält, Playmobil landet bald auf dem Flohmarkt. Der Konzern hat diesen Umstand, immer bloß der Schattenriss eines interessanteren Alphabilds zu sein, ähnlich bewältigt wie Pepsi bei Coca, die Stones bei den Beatles oder Heiner Müller bei Peter Hacks: einen Konkurrenzkampf führen, indem man ihn nicht führt, sich gleich als Economy-Version inszenieren, wissend, dass »der Andere« zu sein immer noch genügend Anteile am Markt sichert. Continue reading »

Aug 292019
 

»Toy Story 4«

Gute Fortsetzungen sind schon deswegen selten, weil bei den meisten Filmreihen bereits der erste Teil missraten war. Auf Schlechtes folgt praktisch nie Gutes, auf Gutes ziemlich oft schlechtes. Gute Filme mit guten Fortsetzungen sind folglich selten, und die Gleichung ist exponentiell. Gute dritte Teile, die mit ihren zwei vorausgegangenen mithalten können, sind so rar, dass man sie unter Artenschutz stellen möchte, was insofern passt, als in »Arten« dem Klang nach das englische »art« enthalten ist. Es wäre also von Art-Schutz zu reden – und ein Gesetz zu erlassen, das untersagt, drei gute Filme vermittels eines vierten zu bestatten. Die Totenfeier von »Men in Black« hat gerade begonnen, die von »Indiana Jones« dauert noch an. Continue reading »

Aug 272019
 

»Paranza – Der Clan der Kinder«

Dieser Film hat gleich mehrfach schwer Erbe tragen. Roberto Saviano, Autor der Vorlage »La paranza dei bambini« (2016) und Co-Autor des Drehbuchs, hatte 2006 mit »Gomorrha« eine Publikation hingelegt, die derart ins Herz Süditaliens traf, dass er seither unter Schutz vor diversen Mafia-Clans leben muss. 2008 wurde »Gomorrha« vom großen Matteo Garrone zum Spielfilm verarbeitet. Mit der politischen Verwicklung, der erzählerischen Wucht und Breite wie auch der inszenatorischen Meisterschaft des Vorgängers kann »Paranza« gewiss nicht Schritt halten. Der Film bleibt in vieler Hinsicht bescheiden, vermag aber genau darin seine Momente zu stiften. Continue reading »

Aug 232019
 

»I Am Mother«

Die Eisenarme des Roboters wiegen ein menschliches Baby. Es weint, hustet, schläft ein. Der Roboter erwacht, als es wieder schreit; er stillt es mit der Flasche, singt ihm vor. Das Kind spielt mit einem Mobile, lacht, tut die ersten Schritte, liest sein erstes Buch. »Mutter« kümmert sich, und in der Tat entsteht was wie Wärme zwischen dem kalten und dem warmen Wesen, während der Film in diesen ersten Minuten von Cut zu Cut große Sprünge in der Zeit macht, bis wir ein pubertierendes Mädchen mit seiner elektrischen Mutter sehen. Die Frage, die sich Regisseur Grant Sputore am Anfang gestellt haben will, lautet: »Wie wäre es, von einer Maschine aufgezogen zu werden?« Dass das Script am Ende eine Gestalt erhielt, die diese Frage grundlegend veränderte, ist eine der Stärken des Films. Continue reading »

Aug 152019
 

»Once Upon a Time in Hollywood«

Wahrscheinlich begann alles mit dem Hakenkreuz auf der Stirn. Als Tarantino 2009 dem SS-Offizier Hans Landa das Zeichen gravieren ließ, damit der für immer als Nazi kenntlich bleibe, muss er an Charles Manson gedacht haben, der es sich in der Haftzeit aus freien Stücken in die Stirn geritzt hatte. Von da war es bloß noch eine tragende Idee weit zum Vorhaben, einen Film über Manson zu machen. Nunja, und die Kleinigkeit, über den eigenen Schatten zu springen. Tarantino hat die verhängnisvolle Stärke, was immer er anpackt, konsumierbar werden zu lassen. Es gibt Stoffe, da verbietet sich das; handwerklich Makelloses wie »Inglourious Basterds« geriet zum kollossalen Fehlgriff. Beim Manson-Stoff drohte Ähnliches. Es spricht für den Autor, gespürt zu haben, dass bei seiner Art, Filme zu machen, das Monster besser dosiert auf die Leinwand sollte. So erklärt sich der breite Raum einer anderen Fabel im Film, zu der die Geschichte um die Manson-Family lange wie eine lose Ergänzung wirkt. Continue reading »

Aug 082019
 

»Fishermanʼs Friends«

Dass all das tatsächlich passiert ist, macht die Story nicht besser. Weder als Geschichte noch als Gefäß für Gedanken. Sie ist nicht wahr, bloß real, und da nichts von Belang befördert wird, hätte sie wenigstens gut erzählt sein können. Man versteht einiges, wenn man erinnert, dass die Autoren Nick Moorcroft und Meg Leonard bereits das Drehbuch zu »Tanz ins Leben« (2017) verfasst haben, worin Harm- und Belanglosigkeit ineinandergreifen und es ebenso wie hier darum geht, sich auf die wahren Werte des Lebens zu besinnen, die nicht in Reichtum oder Reputation liegen können. Wenn »Fishermanʼs Friends« etwas besser geraten ist, liegt das vor allem am bespielten Milieu und der unkompliziert-schönen Musik. Wer Shanty nicht kennt, hat das Leben verpennt. Allein, das reicht nicht hin für einen Film von fast 2 Stunden. Continue reading »

Aug 012019
 

»Love after Love«

Der Titel des Films zitiert den Titel eines der schönsten Gedichte des 20. Jahrhunderts: »Love After Love« von Derek Walcott, das von der Beziehung spricht, die ein Mensch zu sich selbst hat. Davon, dass man irgendwann lerne, sich als Freund zu behandeln, dass der Blick in den Spiegel Betrachter und Betrachteten eins werden lasse, dass beide folglich das eigene Glück im Glück des Anderen finden. Man werde den Fremden wieder lieben lernen, der man selbst einmal war, der einen immer liebte und den man missachtet hat für einen anderen. Für den, meint das, der man hat werden wollen und der man nun, vielleicht, mehr oder weniger geworden ist. Eben deswegen, weil man heute als ein anderer in der Welt steht, kann man sich wieder lieben. Denn man ist immer schon beides, Eigenschaft und Wille, Wirklichkeit und Selbstbild. Im Alter wächst die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu versöhnen, ohne Unsicherheit und das Gefühl drohenden Rückfalls auf sein jüngeres Ich zu blicken. Das Gedicht schließt mit dem Rat, den persönlichen Krempel von den Bücherregalen zu entfernen. Wer, will das wohl sagen, das Eigene in Ordnung bringt, braucht nicht mehr die Welt damit zu belasten, hat folglich erstmals die Chance, sie zu sehen als das, was sie ist. Continue reading »

Jul 272019
 

»Ein ganz gewöhnlicher Held«

Im Mittelpunkt des Dramas steht ein Mann, der eine zweite Chance erhalten hat. Die Rede ist von Stuart Goodson, der eine Zeit lang obdachlos war und heute in einer öffentlichen Bibliothek arbeitet. Die Rede könnte auch sein von Emilio Estevez, der Stuart Goodson erdacht hat und ihn selbst spielt. Er, der im Kino nach frühen Erfolgen lange nicht mehr vorkam, kehrt jetzt zurück, beinah als Wiedergänger seines Vaters Martin Sheen, dem er nicht bloß ähnlicher sieht denn je, dessen Würde und Ernsthaftigkeit in sein Spiel eingegangen scheint. Estevez verkörpert die sanfte Unerbittlichkeit Stuarts so gut, dass der Realismus der Handlung an keinem Punkt Schaden nimmt. Continue reading »

Jul 092019
 

»Kursk«

So eigenartig, dass Thomas Vinterberg sich überhaupt dieses Stoffes bemächtigt, so folgerichtig scheint, dass er – wenn nun schon einen U-Boot-Film – gerade diesen dreht. Das Genre hat bislang wenig Gediegenes und eigentlich immer dasselbe hervorgebracht. Meist geht es um eine Art Duell, den Kampf eines Mannes gegen einen anderen oder gegen eine übermächtige Flotte. »Duell im Atlantik« (1957), »U 23« (1958), »Das Boot« (1981) oder »Jagd auf Roter Oktober« (1990) erzählen diesen Kampf ganz konventionell, während »Crimson Tide« (1995) und »Black Sea« (2014) das Duell immerhin schon ins Innere des U-Boots verlegen. Wo diese Art Helden gezeugt werden, kann gedankliche Tiefe selten mit der ozeanischen mithalten. Continue reading »

Jun 272019
 

»Five Fingers for Marseilles«

»Die einzige Art Veränderung hier ist die Zuspitzung.« Wenn so ein Satz in einem südafrikanischen Film fällt, will das was heißen. Vielleicht, dass die Überwindung der Apartheid zugleich den Abbruch einer umfassenderen Entwicklung markierte, einer, die über die juristische Form hinausgeht. Dieser Film spielt, durch einen Sprung von 20 Jahren, in zwei verschiedenen Zeiten, und zugleich spielt er mit ihnen, indem sich das alte und das neue Südafrika kaum unterscheiden: Kein Fortschritt, keine Prosperität, kein Zuwachs an Glück wird am Gefälle kenntlich. Nur die Schusswaffen sind moderner. Continue reading »

Jun 192019
 

»Tolkien«

Das Problem sind die Erwartungen. Wer Tolkiens Leben erzählt, provoziert Vorfreude auf philosophische Gedanken, linguistische Tauchgänge, Veranschaulichung des Schreibhandwerks, Enträtselung und Ausdeutung jener fiktiven Welt Mittelerde. Man will nicht bloß das Genie, man will es als Genie sehen, und hierzu muss es inhaltlich bewältigt worden sein. Auch Peter Berg hätte an Mozart kaum gründlicher scheitern können als seinerzeit Miloš Foreman. Der Mangel von »Tolkien«, will ich damit sagen, liegt nicht in der Regie. Dome Karukoski weiß, was er tut, seine Wirkungen scheinen kalkuliert. So grazil die Schrittfolgen sind, diese Füße passen nicht ins zu große Paar Stiefel. Continue reading »

Jun 072019
 

»Push – Für das Grundrecht auf Wohnen«

Wohnen, so viel weiß jeder, ist längst zum größten Problem all jener Menschen geworden, die nicht wenigstens der gehobenen Mittelklasse angehören. Wenn etwa die Hälfte des Einkommens für Miete abfällt, stimmt was nicht. Zur Aufklärung der genaueren Zusammenhänge leistet Fredrik Gerrtens Dokumentation »Push« Unwahrscheinliches, indem sie dem Publikum sichtbar macht, was selbst routinierten Verächtern des Kapitalismus noch eine Nachricht wert sein müsste. Schon eigenartig dann, und fast ein Kunststück, dass dieser wertvolle Film am Ende des Abends doch mehr schadet als nützt. Er hat eine große Tendenz, und die besteht darin, sich der einen großen Tendenz zu verweigern. Continue reading »

Jun 062019
 

»Burning«

Wie oft lässt das deutsche Release eines erfolgreichen, aber nicht-amerikanischen Films lange auf sich warten. »Burning« kommt jetzt, dreizehn Monate nach dem Heimstart in Korea, neun nach den europäischen Starts von Belgien und Frankreich. In Cannes hatte der Film den Rekordwert der Kritikerumfrage des Screen Daily gebrochen und war bei der Jury dann leer ausgegangen. Dass der Rekord bis dato vom mordsmäßig miesen Machwerk »Toni Erdmann« gehalten wurde, bezeigt, wieviel wert so ein Wert ist, nämlich gar nichts. Auf die Kritiker kommen wir noch zurück. Continue reading »

Mai 162019
 

»Maquia«

Blau ist eine dankbare Farbe. In der Natur scheint sie den fernen und weiten Dingen vorbehalten. Insofern ist das dominante Blau in »Maquia« nicht allein der gefälligen Anschauung wegen, es korrespondiert dem Thema des Films, Geburt und Tod, Vergänglichkeit und Fortleben. Wie typisch für Anime sind die Hintergründe feiner gestaltet als die Figuren, in denen der traditionelle Zeichenstil bewahrt wird. Auf die Art vermittelt das Genre zwischen Effekt und ästhetischer Tradition. Continue reading »

Mai 092019
 

»Stan & Ollie«

Der Film eröffnet gleich einem Gemälde. Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) sitzen in der Maske; man sieht sie von hinten, die Stühle halbschräg, so dass ihre Blickrichtungen auf einen Fluchtpunkt zulaufen. Als sei da die Zukunft des Duos an die Wand der engen Garderobe geworfen, wo die bekannten Hüte am Ständer hängen. Sie werden, spricht das Bild, nicht entkommen aus dieser Nummer ihres Lebens, sind, wie später Charters und Caldicott oder Abbott und Costello, nur als Duo interessant. Linker- und rechterhand stehen beider Schminkspiegel, aber so, dass man darin den je anderen sieht. Stan, das ist Ollie, und Ollie, das ist Stan. Die Kamera folgt ihnen auf dem Weg zum Set in einer Plansequenz von genau 4 Minuten, die elegant die Exposition beider Figuren, ihre persönliche und berufliche Situation miterledigt. Continue reading »