Okt 012018
 

»The Man Who Killed Don Quixote«

Die langwierige Entstehungsgeschichte dieses Films hat uns immerhin einen Unfall erspart: den ursprünglich geplanten Johnny Depp in der Rolle des Ritters von der traurigen Gestalt. Vielleicht musste sich das alles so hinziehen, ehe Terry Gilliam den Film mit Jonathan Pryce und Adam Driver besetzen konnte, die sich so organisch in die Handlung einpassen, als ob das alles schon immer für sie arrangiert war. Continue reading »

Sep 192018
 

Naturalistisches Kino: »Utøya 22. Juli«

Ein elaboriertes Filmwerk, das ein so ernstes wie toxisches Thema mit raffinierter Kameraarbeit angeht, mit intensiven Toneffekten und einer schier unglaublichen Leistung seiner Hauptdarstellerin Andrea Berntzen, deren Spiel sich am frühvollendeten Genie von Saoirse Ronan und Dakota Fanning messen kann, musste nicht scheitern. Voraussetzung war, dass Regisseur Erik Poppe beim Zugriff auf den Stoff ein ähnliches Taktgefühl wahrt wie in der ästhetischen Umsetzung. »Utøya 22. Juli« ist ein Höhepunkt des naturalistischen Kinos. In diesem Lob steckt ein Tadel, oder umgekehrt. Es kommt vor, dass einer scheitert, weil er alles richtig gemacht hat. Continue reading »

Sep 122018
 

»Styx« als Lehrstück zur sogenannten Flüchtlingskrise

Eröffnung im nächtlichen Gibraltar. Affen klettern über einen Zaun, laufen durch die Straßen. Was vorderhand nichts mit der folgenden Filmerzählung zu schaffen hat, scheint tatsächlich als Symbolbild gemeint. Hier, an den Säulen des Herakles, liegt die Frontstadt der Festung Europa, wenige Seekilometer zum nördlichen Afrika, von wo aus Flüchtlinge über die hohe See setzen und höhere Zäune überwinden. Continue reading »

Sep 072018
 

Kunst, Spektakel und Revolution No. 6

[Rezension]

Theater Realität Realismus – ein Subjekt, ein Objekt und deren Beziehung. Nur nicht die Beziehung schlechthin, sondern sie ist hier zugleich Forderung. Denn ebenso wie jedes andere Subjekt kann Theater gar nicht anders als sich auf Wirklichkeit zu beziehen. Der Realismus aber regelt, auf welche Weise dieser Bezug herzustellen sei, indem er die Forderung aufstellt, dass ein Erfassen oder Abbilden oder Widerspiegeln der Realität unbedingtes Kunstziel sei. Es gibt adäquates und weniger adäquates Abbilden. Durch den Realismus wird die Realität zum Maßstab. Zum Maßstab allerdings der Erkenntnis, nicht zwingend auch zum Maßstab politischer Norm. Ein Werk kann einen intimen Komplex einer Zeit empfindlich anrühren und so viel Realismus befördern, dass es selbst zum Politikum wird, und kann sich dennoch, grundsätzlich, affirmativ zur eigenen Zeit verhalten. Das vernichtende Urteil der »Heiligen Johanna« und das profunde Einverständnis von »Adam und Eva« trennt mehr als es eint, gleichwohl wird man beide Werke nicht anders denn realistisch nennen können. Um diesen Komplex, der sich nach verschiedenen Seiten konkret ausspitzen lässt, kreisen die 9 Beiträge dieses Heftes, das auf eine Konferenz zurückgeht, die am 22. und 23. Juli 2016 in Berlin stattfand, organisiert von der Arbeitsgruppe Kunst und Politik, und in das es leider nicht alle dort gehaltenen Vorträge geschafft haben. Continue reading »

Sep 032018
 

Geschriebene und vernichtete Geschichte: der Dokumentarfilm »Palmyra«

»Essayfilm«, heißt es ehrlicherweise, denn breiten Raum nehmen die Worte des Autors. Die Genrebezeichnung scheint gegen mögliche Einwände vorzubauen, da heute allgemein vom Dokumentarfilmer erwartet wird, dass er sich hinter das Gezeigte zurückzuziehe. Arbeiten von Alexander Kluge oder Werner Herzog gegenüber fühlt man sich via Objektivität im Vorteil. Diese Objektivität ist aber selbst bloß Schein, da es kein Arrangement ohne Intention gibt, und das ist treffenderweise zugleich, wovon »Palmyra« handelt: Wieviel Konstruktion und Fälschung liegt in der Herstellung des Authentischen? Continue reading »

Aug 302018
 

»Kindeswohl«

»Kindeswohl« ist nach »Am Strand« und der TV-Produktion »The Child in Time« in diesem Jahr bereits die dritte Verfilmung eines Stoffs von Ian McEwan und die zweite, bei der er selbst das Drehbuch geschrieben hat. Man merkt das, denn auch dieser Film ist beladen mit den McEwan-typischen Elementen: Rationalität, gestochener Dialog, tiefsitzendes, schwer sich äußerndes Sentiment. Der Film hat Größe, dennoch ist »Am Strand« die gelungenere Adaption. Man merkt »Kindeswohl« an, dass etwas gestaltet sein will, doch in der großen Idee geht nicht alles auf. Interessante Momente werden bewahrt, das Ganze zerfällt immer wieder in sich. McEwan steht in der Tradition von Stendhal und Balzac, also des bürgerlichen Realismus, demnach ein Werk Wirklichkeit zu verkörpern habe und selbst die Darstellung von Irrationalität eine Frage des Verstandes ist. Was ihn von dieser Tradition trennt, ist bloß der Unwille, mehr als die Innenansicht einer Klasse zu schildern. McEwans Milieu ist die britische Oberschicht, deren spezifisches Leben er zu den großen Fragen des Lebens hochrechnet. Im Vergleich zu Balzacs Panorama bekommt man bloß einen Teil, aber den bekommt man ganz. Continue reading »

Aug 282018
 

Zum 15. Todestag erscheint die erste umfassende Biographie des Dichters Peter Hacks

Das Lieblingswort der Hacks-Forschung ist Desiderat. Vor 15 Jahren noch – 2003, als der Dichter eben gestorben war – fehlte so gut wie alles: ein organisierter Betrieb, kommentierte Editionen, etablierte Periodika, Bibliographien, Medien-Verzeichnisse, Sammelbände mit Detailstudien. Selbst an Monographien gab es, Peter Schützes instruktive Studie von 1976 ausgenommen, nichts von Bedeutung, und die Handvoll tatsächlich interessanter Aufsätze, in denen damals schon Arbeit am Begriff oder Analyse des Werks geleistet wurde, machten keinen Grund, auf dem man stehen konnte. Das sollte im Kopf behalten, wer nach der Bedeutung der Biographie fragt, die Ronald Weber jetzt zum 15. Todestag von Peter Hacks vorlegt. In diesen anderthalb Jahrzehnten sind die meisten der erwähnten Lücken geschlossen worden. Eine umfassende, detaillierte und lesbare Biographie war die letzte davon. Continue reading »

Aug 232018
 

Am Kinofilm »Gundermann« stimmt alles, bis auf das Ganze

Das Leben selbst hat keine Dramaturgie. Wer eins verfilmen will, muss den krausen Stoff zuschneiden. Entweder verengt man es auf ein bestimmtes Thema, oder man wählt einen dramaturgisch geeigneten Ausschnitt. Dresens »Gundermann« tut beides. Nicht dass, sondern worauf der Film sich konzentriert, ist sein Problem. Continue reading »

Aug 162018
 

»The Equalizer 2«

Fortsetzungen werden verglichen, doch schon der erste »The Equalizer« musste sich vergleichen lassen. Weniger mit der alten Serie (1985–1989) als vielmehr mit den im selben Jahr 2014 erschienenen »John Wick« und »Taken 3«. Antoine Fuqua – Regisseur beider »Equalizer« – steht dafür, dass simple Kurzschnittware wie »Taken 3« im vollen Ernst nicht mehr vorzeigbar ist. Kampfszenen müssen ästhetisiert werden; also arbeitet er mit bestimmten Farben, Schärfe/Unschärfe, Zooms, Slow Motion, intelligenten (nicht bloß schnellen) Schnitten und setzt Close-ups sparsamer ein. Continue reading »

Aug 152018
 

»In the Middle of the River«

New Mexiko, am Rande eines Reservats, Arbeiterklasse, Armut allenthalben, PTBS und Rassismus, eine Familie von vier Generationen lebt unter einem Dach, Nachwuchs früh gekommen, Aussichten bei Null. Hier ist unten. Wer tiefer will, muss schon den Kontinent verlassen. »In the Middle of the River« erreicht nicht die bildliche und sprachliche Poesie des stoffverwandten Meisterwerks »Wind River«, hat das aber auch nicht vor. Continue reading »

Aug 112018
 

»The Endless« beginnt als Charakterdrama und endet als Mysterythriller

Es gibt nur wenige wirklich gute Filme, die von mehr als einem Regisseur verantwortet wurden. »Schachfieber« (1925), »Asterix erobert Rom« (1976), »Persepolis« (2007), »Der Dieb der Worte« (2012), »Alles steht Kopf« (2015), zwei oder drei von den Cohen-Brüdern. Meist sind es technische Gründe: Einer hat eine künstlerische Idee, aber ihm fehlt die handwerkliche Routine, und also holt er sich Hilfe. Hinter der scheinbaren Synthese steht Arbeitsteilung. Zwei wirklich gleichberechtigte Regisseure laufen Gefahr, einen Film zu zerbrechen. Continue reading »

Aug 072018
 

»Grenzenlos«

Es geht, der Originaltitel verrät es, ums Abtauchen. Mit der deutschen Übersetzung wird zugleich das »ozeanische Gefühl« erinnert, das von Romain Rolland als Kern der religiösen Stimmung ausgemacht und von Freud mit Liebe und Tod in Beziehung gebracht wurde. Das grenzenlose Wasser in dieser Beziehung zu zeigen wäre Kunstziel genug gewesen. Doch Wim Wenders, leider, wollte mehr. Continue reading »

Jul 162018
 

»Skyscraper« ist der dümmste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe. (Und ich habe »Bitter Harvest« gesehen.) Da ist wirklich keine Szene, die funktioniert, kein Satz, der irgendwie interessant wäre, und keine Wendung, die nicht schon frühzeitig etabliert wurde, weshalb man jede Aktion des Finales ahnt, ehe sie passiert. Entschädigt wird man dadurch, dass Dwayne Johnson – ich sag jetzt mal: spielt. Continue reading »

Jul 122018
 

»LOMO: The Language of Many Others« ist so planlos wie seine Hauptfigur

Es habe sie gereizt, sagt Julia Langhof, die »Odyssee« in die Gegenwart zu übersetzen. Wenn das der Einfall war, ist nicht viel davon geblieben. Die Handlung trägt sich im gehobenen Berliner Milieu zu, Lichterfelde West oder so. Arbeiterklasse findet nicht statt, und folglich sind die Erwerbssorgen von der Art, dass einer womöglich noch sein Haus verkaufen und zur Miete wohnen muss. Das in der Tat ist, worum Karls Vater sich sorgt, und Karl ist die Hauptfigur dieser Geschichte. Continue reading »