Aug 012019
 

»Love after Love«

Der Titel des Films zitiert den Titel eines der schönsten Gedichte des 20. Jahrhunderts: »Love After Love« von Derek Walcott, das von der Beziehung spricht, die ein Mensch zu sich selbst hat. Davon, dass man irgendwann lerne, sich als Freund zu behandeln, dass der Blick in den Spiegel Betrachter und Betrachteten eins werden lasse, dass beide folglich das eigene Glück im Glück des Anderen finden. Man werde den Fremden wieder lieben lernen, der man selbst einmal war, der einen immer liebte und den man missachtet hat für einen anderen. Für den, meint das, der man hat werden wollen und der man nun, vielleicht, mehr oder weniger geworden ist. Eben deswegen, weil man heute als ein anderer in der Welt steht, kann man sich wieder lieben. Denn man ist immer schon beides, Eigenschaft und Wille, Wirklichkeit und Selbstbild. Im Alter wächst die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu versöhnen, ohne Unsicherheit und das Gefühl drohenden Rückfalls auf sein jüngeres Ich zu blicken. Das Gedicht schließt mit dem Rat, den persönlichen Krempel von den Bücherregalen zu entfernen. Wer, will das wohl sagen, das Eigene in Ordnung bringt, braucht nicht mehr die Welt damit zu belasten, hat folglich erstmals die Chance, sie zu sehen als das, was sie ist. Continue reading »

Jun 272019
 

»Five Fingers for Marseilles«

»Die einzige Art Veränderung hier ist die Zuspitzung.« Wenn so ein Satz in einem südafrikanischen Film fällt, will das was heißen. Vielleicht, dass die Überwindung der Apartheid zugleich den Abbruch einer umfassenderen Entwicklung markierte, einer, die über die juristische Form hinausgeht. Dieser Film spielt, durch einen Sprung von 20 Jahren, in zwei verschiedenen Zeiten, und zugleich spielt er mit ihnen, indem sich das alte und das neue Südafrika kaum unterscheiden: Kein Fortschritt, keine Prosperität, kein Zuwachs an Glück wird am Gefälle kenntlich. Nur die Schusswaffen sind moderner. Continue reading »

Jun 192019
 

»Tolkien«

Das Problem sind die Erwartungen. Wer Tolkiens Leben erzählt, provoziert Vorfreude auf philosophische Gedanken, linguistische Tauchgänge, Veranschaulichung des Schreibhandwerks, Enträtselung und Ausdeutung jener fiktiven Welt Mittelerde. Man will nicht bloß das Genie, man will es als Genie sehen, und hierzu muss es inhaltlich bewältigt worden sein. Auch Peter Berg hätte an Mozart kaum gründlicher scheitern können als seinerzeit Miloš Foreman. Der Mangel von »Tolkien«, will ich damit sagen, liegt nicht in der Regie. Dome Karukoski weiß, was er tut, seine Wirkungen scheinen kalkuliert. So grazil die Schrittfolgen sind, diese Füße passen nicht ins zu große Paar Stiefel. Continue reading »

Mai 282019
 

Zur politischen Intention des Märchens »Liebkind im Vogelnest«[i]

Der junge Mann heißt Leberecht, das Mädchen Liebkind, der Hund heißt Kasper. Wir haben, wie so oft bei Hacks, eine Dreiteilung. Und wie ebenfalls üblich bedeutet diese hier wieder was Eigenes. Selten hat Hacks dieselbe ideelle Konstruktion zweimal verwendet, so dass man seine Werke nicht nach stets demselben Schema deuten kann. Auch »Liebkind« lockt den routinierten Hacks-Leser ein wenig auf die falsche Spur. Einiges erkennt man sogleich, doch dann schaut man wieder hin und sieht, es geht noch um mehr. Continue reading »

Mrz 202019
 

»Der junge Hacks«

Die beharrliche Ungnade, mit der Peter Hacks das eigene Frühwerk beiseiteließ, ist ein Glücksfall dieser Edition. Gerade weil kaum einer der zwischen 1945 und 1955 entstandenen Texte in die 2003 besorgte Ausgabe letzter Hand gelangt ist, lässt sich das frühe Werk vom Rest derart sauber scheiden. 500 Gedichte, 37 dramatische Texte, 18 Hörspiele, 24 Stücke für den Kinderfunk, dutzende Studien, Essays, Feuilletons und Rezensionen, mehrere hundert Briefe und biographische Dokumente erscheinen jetzt als nie oder nie wieder gedruckte.

Continue reading »
Jan 242019
 

Tschechow auf DVD: »The Seagull«

Den Spoiler gleich vorwegzunehmen: Auch dieser Adaption gelingt nicht, Tschechows ursprüngliche Intention umzusetzen. »Die Möwe« war gedacht als bittere Komödie über das sich an sich selbst langweilende Bürgertum. Doch Tschechows Absicht, seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben, hat es nie bis ins Stück geschafft. Die Charaktere mögen miese Typen sein, es sind doch Charaktere. Keine halbwegs redliche Inszenierung könnte das verdecken, und da es dem Stück andererseits an oberflächlichem Witz fehlt, fällt jede Auslegung, von Stanislawski bis in die Gegenwart, fast zwingend aufs Betrübliche zurück.

Continue reading »
Nov 282018
 

»Das krumme Haus«

Mitten hinein in die drohende Welle neuer Poirot-Filme von & mit Kenneth Branagh stößt, als kleiner Brecher, diese vorderhand bescheidene, tatsächlich exzellent temperierte Verfilmung eines bislang unberührten Christie-Stoffs: »Das krumme House« bzw. »Crooked House«, wie der Roman im Original mehrdeutig heißt. Mit dem Bruchteil des Budgets eines Branagh machen der Regisseur Gilles Paquet-Brenner und seine Autoren so gut wie alles richtig. Continue reading »

Okt 012018
 

»The Man Who Killed Don Quixote«

Die langwierige Entstehungsgeschichte dieses Films hat uns immerhin einen Unfall erspart: den ursprünglich geplanten Johnny Depp in der Rolle des Ritters von der traurigen Gestalt. Vielleicht musste sich das alles so hinziehen, ehe Terry Gilliam den Film mit Jonathan Pryce und Adam Driver besetzen konnte, die sich so organisch in die Handlung einpassen, als ob das alles schon immer für sie arrangiert war. Continue reading »

Sep 072018
 

Kunst, Spektakel und Revolution No. 6

[Rezension]

Theater Realität Realismus – ein Subjekt, ein Objekt und deren Beziehung. Nur nicht die Beziehung schlechthin, sondern sie ist hier zugleich Forderung. Denn ebenso wie jedes andere Subjekt kann Theater gar nicht anders als sich auf Wirklichkeit zu beziehen. Der Realismus aber regelt, auf welche Weise dieser Bezug herzustellen sei, indem er die Forderung aufstellt, dass ein Erfassen oder Abbilden oder Widerspiegeln der Realität unbedingtes Kunstziel sei. Es gibt adäquates und weniger adäquates Abbilden. Durch den Realismus wird die Realität zum Maßstab. Zum Maßstab allerdings der Erkenntnis, nicht zwingend auch zum Maßstab politischer Norm. Ein Werk kann einen intimen Komplex einer Zeit empfindlich anrühren und so viel Realismus befördern, dass es selbst zum Politikum wird, und kann sich dennoch, grundsätzlich, affirmativ zur eigenen Zeit verhalten. Das vernichtende Urteil der »Heiligen Johanna« und das profunde Einverständnis von »Adam und Eva« trennt mehr als es eint, gleichwohl wird man beide Werke nicht anders denn realistisch nennen können. Um diesen Komplex, der sich nach verschiedenen Seiten konkret ausspitzen lässt, kreisen die 9 Beiträge dieses Heftes, das auf eine Konferenz zurückgeht, die am 22. und 23. Juli 2016 in Berlin stattfand, organisiert von der Arbeitsgruppe Kunst und Politik, und in das es leider nicht alle dort gehaltenen Vorträge geschafft haben. Continue reading »

Aug 282018
 

Zum 15. Todestag erscheint die erste umfassende Biographie des Dichters Peter Hacks

Das Lieblingswort der Hacks-Forschung ist Desiderat. Vor 15 Jahren noch – 2003, als der Dichter eben gestorben war – fehlte so gut wie alles: ein organisierter Betrieb, kommentierte Editionen, etablierte Periodika, Bibliographien, Medien-Verzeichnisse, Sammelbände mit Detailstudien. Selbst an Monographien gab es, Peter Schützes instruktive Studie von 1976 ausgenommen, nichts von Bedeutung, und die Handvoll tatsächlich interessanter Aufsätze, in denen damals schon Arbeit am Begriff oder Analyse des Werks geleistet wurde, machten keinen Grund, auf dem man stehen konnte. Das sollte im Kopf behalten, wer nach der Bedeutung der Biographie fragt, die Ronald Weber jetzt zum 15. Todestag von Peter Hacks vorlegt. In diesen anderthalb Jahrzehnten sind die meisten der erwähnten Lücken geschlossen worden. Eine umfassende, detaillierte und lesbare Biographie war die letzte davon. Continue reading »

Jul 012018
 

Version 2016

»Jeder stirbt für sich allein« ist ein viel zu langer Roman von Hans Fallada. Die bisherigen Verfilmungen taten gut daran, die Fabel zu straffen. Die Widerstandsgeschichte wurde auserzählt, die Gefängnisgeschichte, also die zweite Hälfte des Romans, weggelassen. Ich habe die Verfilmung von 1976 nicht gesehen, aber die DEFA-Produktion von 1970. Das ist etwa 20 Jahre her. Jetzt habe ich die jüngste Verfilmung von 2016 besichtigt und fühle mich in allen wohlerworbenen Vorurteilen bestätigt. Continue reading »

Jun 232018
 

Zur Poesie Gerhard Gundermanns

»Sieh dir mal die schönen Sachen an: Die kann man alle noch gebrauchen. Und was man wirklich nicht mehr essen kann, das lässt sich doch noch rauchen.« Larmoyanz war Gundermanns Sache nicht; seine Poesie hatte zwei Seiten, eine warme und eine Eisenseite. Gerade dass die Zuversicht aufgenötigt blieb, macht ihre Kraft aus. »Eine kleine leise Traurigkeit« bringt das in acht Zeilen zusammen: rauhe Umstände, innere Traurigkeit, Umschlag ins Heitere. Das Lied steht mit seiner unsagbaren Schönheit neben kosmischen Griffen wie »Septembermorgen« oder »Ein Gleiches«. Continue reading »

Jun 072018
 

»Goodbye Christopher Robin« erzählt die Geschichte hinter der Geschichte von »Winnie-the-Pooh«

Der Reiz eines Making-of-Films liegt in der Spannung zwischen Werk und Entstehung. Die Geschichte hinter der Geschichte muss irritieren, oder sie bleibt banal. Bei »Shakespeare in Love« (1998) ist es das fehlende biographische Material, das den Einfall gestattet, Shakespeare habe sich die Ideen für »Romeo und Julia« aus seiner Umgebung geholt. »Miss Potter« (2006) erzählt brav die Entstehung von »Peter Rabbit« herunter, und mehr nicht. »Ed Wood« (1994) und »The Disaster Artist« (2017) sind bereits durch die Wahl ihrer Subjekte boshaft, während sich »Hitchcock« (2012) und »Genius« (2016) tatsächlich mühen, einen komplizierten Künstler hinter einem komplizierten Werk zu zeigen. Continue reading »

Mrz 212018
 

Wozu braucht man einen Hacks? Zum 90. Geburtstag eines abwesenden Dichters

Über den sollte Raoul Peck mal einen Film machen, sage ich in einem jener Momente, worin es schon aus Gründen der Uhrzeit bloß noch um die Punchline geht. ›Le jeune Hacks‹, da klingelt was. Saxophon in Schwabing, Party in der Berliner ›Möwe‹, Sex, Cognac, Verbote durch Adenauer und Ulbricht. Während der Abspann läuft, darf geweint werden: Was ist bloß aus dem Mann geworden? Continue reading »

Mrz 202018
 

Mit 90 kann man schon mal nach vorn blicken. Tatsächlich gibt es sowas wie ein politisches Testament von Peter Hacks. Damit meine ich nicht eine Auskunft darüber, wie zu leben sei, sondern die, wie es weitergehen muss. Hacks dürfte sie innerhalb seiner letzten drei Jahre geschrieben haben; sie trägt den Titel »Pieter Welschkraut«. Dieses kleine Märchen ist der schönere Zwilling des wuchtigen »Georg Nostradamus«. Es handelt von der Wiederkehr des Leninismus. Continue reading »