Mrz 202019
 

»Der junge Hacks«

Die beharrliche Ungnade, mit der Peter Hacks das eigene Frühwerk beiseiteließ, ist ein Glücksfall dieser Edition. Gerade weil kaum einer der zwischen 1945 und 1955 entstandenen Texte in die 2003 besorgte Ausgabe letzter Hand gelangt ist, lässt sich das frühe Werk vom Rest derart sauber scheiden. 500 Gedichte, 37 dramatische Texte, 18 Hörspiele, 24 Stücke für den Kinderfunk, dutzende Studien, Essays, Feuilletons und Rezensionen, mehrere hundert Briefe und biographische Dokumente erscheinen jetzt als nie oder nie wieder gedruckte.

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Jan 242019
 

Tschechow auf DVD: »The Seagull«

Den Spoiler gleich vorwegzunehmen: Auch dieser Adaption gelingt nicht, Tschechows ursprüngliche Intention umzusetzen. »Die Möwe« war gedacht als bittere Komödie über das sich an sich selbst langweilende Bürgertum. Doch Tschechows Absicht, seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben, hat es nie bis ins Stück geschafft. Die Charaktere mögen miese Typen sein, es sind doch Charaktere. Keine halbwegs redliche Inszenierung könnte das verdecken, und da es dem Stück andererseits an oberflächlichem Witz fehlt, fällt jede Auslegung, von Stanislawski bis in die Gegenwart, fast zwingend aufs Betrübliche zurück.

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Nov 282018
 

»Das krumme Haus«

Mitten hinein in die drohende Welle neuer Poirot-Filme von & mit Kenneth Branagh stößt, als kleiner Brecher, diese vorderhand bescheidene, tatsächlich exzellent temperierte Verfilmung eines bislang unberührten Christie-Stoffs: »Das krumme House« bzw. »Crooked House«, wie der Roman im Original mehrdeutig heißt. Mit dem Bruchteil des Budgets eines Branagh machen der Regisseur Gilles Paquet-Brenner und seine Autoren so gut wie alles richtig. Continue reading »

Okt 012018
 

»The Man Who Killed Don Quixote«

Die langwierige Entstehungsgeschichte dieses Films hat uns immerhin einen Unfall erspart: den ursprünglich geplanten Johnny Depp in der Rolle des Ritters von der traurigen Gestalt. Vielleicht musste sich das alles so hinziehen, ehe Terry Gilliam den Film mit Jonathan Pryce und Adam Driver besetzen konnte, die sich so organisch in die Handlung einpassen, als ob das alles schon immer für sie arrangiert war. Continue reading »

Sep 072018
 

Kunst, Spektakel und Revolution No. 6

[Rezension]

Theater Realität Realismus – ein Subjekt, ein Objekt und deren Beziehung. Nur nicht die Beziehung schlechthin, sondern sie ist hier zugleich Forderung. Denn ebenso wie jedes andere Subjekt kann Theater gar nicht anders als sich auf Wirklichkeit zu beziehen. Der Realismus aber regelt, auf welche Weise dieser Bezug herzustellen sei, indem er die Forderung aufstellt, dass ein Erfassen oder Abbilden oder Widerspiegeln der Realität unbedingtes Kunstziel sei. Es gibt adäquates und weniger adäquates Abbilden. Durch den Realismus wird die Realität zum Maßstab. Zum Maßstab allerdings der Erkenntnis, nicht zwingend auch zum Maßstab politischer Norm. Ein Werk kann einen intimen Komplex einer Zeit empfindlich anrühren und so viel Realismus befördern, dass es selbst zum Politikum wird, und kann sich dennoch, grundsätzlich, affirmativ zur eigenen Zeit verhalten. Das vernichtende Urteil der »Heiligen Johanna« und das profunde Einverständnis von »Adam und Eva« trennt mehr als es eint, gleichwohl wird man beide Werke nicht anders denn realistisch nennen können. Um diesen Komplex, der sich nach verschiedenen Seiten konkret ausspitzen lässt, kreisen die 9 Beiträge dieses Heftes, das auf eine Konferenz zurückgeht, die am 22. und 23. Juli 2016 in Berlin stattfand, organisiert von der Arbeitsgruppe Kunst und Politik, und in das es leider nicht alle dort gehaltenen Vorträge geschafft haben. Continue reading »

Aug 282018
 

Zum 15. Todestag erscheint die erste umfassende Biographie des Dichters Peter Hacks

Das Lieblingswort der Hacks-Forschung ist Desiderat. Vor 15 Jahren noch – 2003, als der Dichter eben gestorben war – fehlte so gut wie alles: ein organisierter Betrieb, kommentierte Editionen, etablierte Periodika, Bibliographien, Medien-Verzeichnisse, Sammelbände mit Detailstudien. Selbst an Monographien gab es, Peter Schützes instruktive Studie von 1976 ausgenommen, nichts von Bedeutung, und die Handvoll tatsächlich interessanter Aufsätze, in denen damals schon Arbeit am Begriff oder Analyse des Werks geleistet wurde, machten keinen Grund, auf dem man stehen konnte. Das sollte im Kopf behalten, wer nach der Bedeutung der Biographie fragt, die Ronald Weber jetzt zum 15. Todestag von Peter Hacks vorlegt. In diesen anderthalb Jahrzehnten sind die meisten der erwähnten Lücken geschlossen worden. Eine umfassende, detaillierte und lesbare Biographie war die letzte davon. Continue reading »

Jul 012018
 

Version 2016

»Jeder stirbt für sich allein« ist ein viel zu langer Roman von Hans Fallada. Die bisherigen Verfilmungen taten gut daran, die Fabel zu straffen. Die Widerstandsgeschichte wurde auserzählt, die Gefängnisgeschichte, also die zweite Hälfte des Romans, weggelassen. Ich habe die Verfilmung von 1976 nicht gesehen, aber die DEFA-Produktion von 1970. Das ist etwa 20 Jahre her. Jetzt habe ich die jüngste Verfilmung von 2016 besichtigt und fühle mich in allen wohlerworbenen Vorurteilen bestätigt. Continue reading »

Jun 232018
 

Zur Poesie Gerhard Gundermanns

»Sieh dir mal die schönen Sachen an: Die kann man alle noch gebrauchen. Und was man wirklich nicht mehr essen kann, das lässt sich doch noch rauchen.« Larmoyanz war Gundermanns Sache nicht; seine Poesie hatte zwei Seiten, eine warme und eine Eisenseite. Gerade dass die Zuversicht aufgenötigt blieb, macht ihre Kraft aus. »Eine kleine leise Traurigkeit« bringt das in acht Zeilen zusammen: rauhe Umstände, innere Traurigkeit, Umschlag ins Heitere. Das Lied steht mit seiner unsagbaren Schönheit neben kosmischen Griffen wie »Septembermorgen« oder »Ein Gleiches«. Continue reading »

Jun 072018
 

»Goodbye Christopher Robin« erzählt die Geschichte hinter der Geschichte von »Winnie-the-Pooh«

Der Reiz eines Making-of-Films liegt in der Spannung zwischen Werk und Entstehung. Die Geschichte hinter der Geschichte muss irritieren, oder sie bleibt banal. Bei »Shakespeare in Love« (1998) ist es das fehlende biographische Material, das den Einfall gestattet, Shakespeare habe sich die Ideen für »Romeo und Julia« aus seiner Umgebung geholt. »Miss Potter« (2006) erzählt brav die Entstehung von »Peter Rabbit« herunter, und mehr nicht. »Ed Wood« (1994) und »The Disaster Artist« (2017) sind bereits durch die Wahl ihrer Subjekte boshaft, während sich »Hitchcock« (2012) und »Genius« (2016) tatsächlich mühen, einen komplizierten Künstler hinter einem komplizierten Werk zu zeigen. Continue reading »

Mrz 212018
 

Wozu braucht man einen Hacks? Zum 90. Geburtstag eines abwesenden Dichters

Über den sollte Raoul Peck mal einen Film machen, sage ich in einem jener Momente, worin es schon aus Gründen der Uhrzeit bloß noch um die Punchline geht. ›Le jeune Hacks‹, da klingelt was. Saxophon in Schwabing, Party in der Berliner ›Möwe‹, Sex, Cognac, Verbote durch Adenauer und Ulbricht. Während der Abspann läuft, darf geweint werden: Was ist bloß aus dem Mann geworden? Continue reading »

Mrz 202018
 

Mit 90 kann man schon mal nach vorn blicken. Tatsächlich gibt es sowas wie ein politisches Testament von Peter Hacks. Damit meine ich nicht eine Auskunft darüber, wie zu leben sei, sondern die, wie es weitergehen muss. Hacks dürfte sie innerhalb seiner letzten drei Jahre geschrieben haben; sie trägt den Titel »Pieter Welschkraut«. Dieses kleine Märchen ist der schönere Zwilling des wuchtigen »Georg Nostradamus«. Es handelt von der Wiederkehr des Leninismus. Continue reading »

Mrz 162018
 

Daniel Rapoports »Anteil des Redens an der Affenwerdung des Menschen«

Wer nach dem Thema dieses Buchs fragt, wird nicht glücklich werden. Es hat nicht keins, sondern nicht eins, es hat viele. Sechs stattliche, drei kurze Essays, und den roten Faden findet nur, wer ihn schon kennt.

Es ist die Breite und Verschiedenheit, das Überraschende und Ungewöhnliche, worin Rapoports Denken fruchtbar wird. Er denkt systemisch, hat aber kein System. Er baut vielmehr mit jedem Text ein neues. Wichtiger als eines zu haben ist ihm, eins hervorbringen zu können. Nichts anderes bezeigt das Buch, wenn es bald um das Entstehen von Ressentiments, bald um Sprache, Messfieber, Fortschritt, Kunst oder Gott geht. Das Umblättern der Seiten macht einen Wind von Friedell, Kraus, Lichtenberg, aber das ist nur Geklingel. Es ist bekannt, dass sie Rapoports Vorbilder sind, und dass sein Schreiben an sie erinnert, folglich kein Zufall. Das Wesentliche aber, der rote Faden, gehört ganz ihm. Continue reading »

Nov 212017
 

 

Branagh bleibt Branagh

Wer sich vergleicht, wird verglichen. Lumets »Mord im Orient-Expreß« (1974) ist aus zwei Gründen schwer zu schlagen. Er hat ein unüberbietbares und nicht erst durch den Weihrauch des zeitlichen Abstands großes Ensemble, und er verändert die Anlage der Figur Poirot nicht, die durch ihre Autorin vorgegeben ist. Branaghs »Mord im Orient-Express« (2017) scheitert daran, dass er besser sein will als Agatha Christie. Continue reading »

Jun 242017
 

»Meta Morfoss« & das Motiv der Metamophose in den Überlieferungen[i]

 

Der Name

Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das die Fähigkeit besitzt, seine Gestalt zu wechseln, von den Schwierigkeiten, die die Gesellschaft damit hat, sowie darüber, auf welche Weise beide, das Mädchen und alle anderen, damit leben können. Der Name des Mädchens ist derselbe wie der des Märchens: Meta Morfoss.

Es bedarf keiner besonderen Ausbildung, ihn zu entschlüsseln. Ebenso wenig täte hier ein fundierter Zugriff auf Ovids »Metamorphosen« Not. Abgesehen vom Titel selbst enthält die Erzählung, soweit ich sehe, keine spezifischen Anspielungen auf diesen antiken Katalog, zumal die Differenzen zwischen Meta und den Gestalten Ovids recht groß sind. Mitgedacht werden als Hintergrund kann das Werk Continue reading »