Nov 072016
 

Zur Deutung der Digression des »Theaitet« (172c–177c)[1]

Einleitung

Haben wir denn nicht Zeit, fragt Theodoros den Zeitvertreiber Sokrates, als befänden sie sich gleichsam auf dem Zauberberg, wo alles stillsteht und folglich die großen Fragen verhandelt werden können. Es scheint so, entgegnet ihm der andere, und man sollte nicht übersehen, daß, während das gesprochen wird, der junge Theaitetos anwesend ist und dem Disput der beiden Älteren lauscht wie Hans Castorp dem Streit zwischen Settembrini und Naphta. Wie interessant kann eine Erörterung sein, die man vor allem deswegen führt, weil man die Zeit dazu hat? Wir werden sehen, daß Sokrates, und mit ihm Platon, meint, daß gerade diese Art Gespräche die interessantesten sind. Wo nichts anderes zwingt, muß es die Sache selbst sein, die zur Abhandlung drängt. Wo etwas anderes zwingt, bleibt für die Sache kein Platz. Über sechs Stephanusseiten erstreckt sich jene Abschweifung in Platons »Theaitet«[2], die unter der Bezeichnung Digression[3] bekannt geworden ist und die da nicht stünde, hätten die Teilnehmer des Gesprächs nicht befunden, daß sie die Zeit besitzen, diesem Exkurs nachzugehen. Inmitten der streng auf die Frage, wie Wissen definiert werden könne, gerichteten Gesprächsführung setzen Sokrates und Theodoros die Erörterung dieses erkenntnistheoretischen Problems aus und beschäftigen sich mit einer Betrachtung, die eher dem Bereich der praktischen Philosophie zuzuordnen wäre: der Gegenüberstellung zweier Lebensweisen, der theoretisch-philosophischen und der praktisch-politischen. Dem nichtigen Treiben der Polis wird das erhabene Geschäft der Philosophie entgegengehalten; allein die Philosophie besitze einen wahren Begriff von Gerechtigkeit und ermögliche auf die Art das gute Leben. Was Wissen ist, erfahren wir in der Digression nicht. Continue reading »

Mai 302016
 

Ist es nicht eigenartig, dass im 1. Buch Mose der Ausdruck erkennen als verklemmter Euphemismus für ficken steht?[i] Euphemismus – kann man das eigentlich so nennen, wenn eine schöne Sache eine andere schöne beschreibt? Soll der Ausdruck bloß verdecken, oder ist da mehr im Spiel? Lässt sich über den Gedanken der Verklemmtheit hinaus ein Zusammenhang zwischen beiden denken? Wie erkennt Adam denn Eva, während er die eine oder andere sexuelle Übung mit ihr durchführt? Als was erkennt er sie? Zunächst doch wohl als Frau. Und spielt sich das Ganze nicht ab, nachdem die beiden vom Baum der Erkenntnis gekostet haben? Nur dass der Baum nicht einfach der der Erkenntnis ist, sondern der Erkenntnis von Gut und Böse. Zur Liebe und zur Erkenntnis tritt also eine sittliche, gewissermaßen politische Komponente. Im Paradies ist keine Politik. Mit dem Biss in die verbotene Frucht beginnt alles erst. Liebe ist, wie späterhin politisches Streben und Erkenntnis, der autoritärste Seelenzustand, der sich denken lässt. Ein Vorzugsverhältnis. Wer alles liebt, liebt nichts. Wer vieles liebt, liebt weniger. Wer liebt, wertet das, was er nicht liebt, ab. Zum ersten Mal erkennt Adam sein Weib als Weib und damit den ganzen Rest gleich mit. Continue reading »

Jan 182016
 

Fangen wir doch gleich mal mit einer Behauptung an, die wirklich unter allem Niveau ist: Schreiben ist nichts anderes als in die Länge gezogenes Herumprotzen. Es sind zugegeben viele Gründe denkbar, aus denen einer einen Text veröffentlicht. Er kann was beweisen wollen oder etwas bewegen, einen Komplex seelisch verarbeiten oder Leute zum Nachdenken bringen; er kann solchen, die er nicht leiden kann, einen mitgeben, oder sich schlicht Klarheit über eine Sache verschaffen. Das alles sind Variablen, die Angeberei ist die Konstante. Warum aber schreiben dann viele, die schreiben, öfter als sie sollten, schlechter als sie könnten? Hier liegt ein Widerspruch, nicht wahr? Wenn, wer schreibt, das immer auch tut, um sich öffentlich herzuzeigen – und wir rein psychologische Gründe schlechten Schreibens wie bloße Faulheit etwa oder Selbsthass als zufällige ausschließen –, dann muss der Umstand, dass so viele Schreibende so oft so schlecht schreiben, handgreifliche Gründe haben. Solche, die sich ihnen von außen auferlegen. Continue reading »

Okt 072015
 

Über Sendaks »Where the Wild Things Are«

Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.

(ausm »Faust«)

Als Maurice Sendaks »Wild Things« vor 52 Jahren den beleuchteten Teil der Welt betraten[1], soll die Kritik, so heißt es, ungnädig reagiert haben. Das Buch sei schlecht gezeichnet, seine Handlung verstörend und konfus. Es wird, meinte man wohl, den Winter nicht überleben. Mag sein, dass bestimmte Vorstellungen darüber, wie ein Kinderbuch gezeichnet sein sollte, bestimmte Zeiten dominieren. Doch selbst bei reduzierter Gewogenheit hätte man einsehen können, dass die Zeichnungen der »Wild Things« nicht banal oder primitiv sind. Sendak selbst gab an, dass er dem gerecht werden wolle, wofür Schubert in der Musik stehe: Komplexität und Dichte in einfache Form zu packen.[2] So passen die 1.710 Anschläge, die das Buch (Leerzeichen mitgerechnet) enthält, sehr gut zum eigentümlichen Schraffurstil der Zeichnungen, deren Figuren dennoch diffizile Stimmungen über Gesicht und Körperhaltung preisgeben. Künstlerische Mittel sind genau so viel wert wie das, was man mit ihnen erreichen kann. Verständlicher ist da schon, dass die Handlung verstörte. Wie verwegen, einen fast schon bitteren Konflikt zwischen Mutter und Kind in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen. Die harte Strafe (der Entzug der Mahlzeit) dürfte zudem eine Erwartung geweckt haben, nach der es sich in der moralinsauren Zeit der sechziger Jahre um so verstörender anfühlen musste, dass sie am Ende doch nicht vollzogen wird. War der Vorwurf aber, die Handlung habe keine Struktur, jemals haltbar? Continue reading »

Okt 022015
 

Wer gutgemachte Kinderbücher rausbringt, muss wissen, dass er Perlen vor die Ferkel wirft. Kinder sind sehr leicht zufriedenzustellen. Für sie macht es keinen Unterschied, ob es sich um Tand oder die Kronjuwelen handelt, solange das Zeug nur etwas glitzert. Die Frage, die sich damit stellt, wäre: Hat ein Künstler, der Kunst für Kinder macht, das Recht, schlecht zu sein? Darf er die Zeit von Kindern mit schlechten Melodien, lustlosen Zeichnungen oder belanglosen Geschichten totschlagen? Diese Frage nach Bewilligung und Verbot ist keine juristische. Natürlich darf der Künstler alles tun, was er für richtig hält, sofern es legal ist, und natürlich kann er es tun, sofern es sich verkauft. Hinzu kommt, dass man es nicht selten auch in betreff der Eltern mit einem unerzogenen Publikum zu tun hat. Wer noch nie ein Kinderlied von Schöne oder Lakomy gehört hat, denkt vermutlich wirklich, dass Musik für Kinder wie Zukowski klingen muss. Wer Zeichnungen von Ensikat oder Erlbruch nicht kennt, wird eher geneigt sein, Janosch oder Bofinger für gute Zeichner zu halten. Und wer Janosch für einen guten Erzähler hält, wird wahrscheinlich nie einen Blick in ein Kinderbuch von Peter Hacks, Louise Fatio, James Krüss oder Maurice Sendak geworfen haben. Continue reading »

Jun 082015
 

Meine Abschlußarbeit, geschrieben 2011, auf Publikationsform gekürzt 2013, gedruckt jetzt, 2015. Als die Mühen der Gebirge hinter mir lagen, folgten die Mühen des Schaukelstuhls.

»The study aims to offer a rational explanation for the appearance of the so-called ‘digression’ in Plato’s Theaetetus and in so doing raises the question of whether it is indeed a digression. The starting point of the inquiry is the argumentative structure of the digression itself, which in the course of the inquiry will be made apparent, internally, through references to the Theaetetus itself and, externally, through references to similar passages in other dialogues of Plato. In a first step the theoretical content of the passage is analysed in detail under four aspects (the polis, epistemology, metaphysics, ethics). This analysis is followed by the speculative application of what has been established, by pursuing the question of what function the ‘digression’ fulfils in the Theaetetus. The study reaches the conclusion that it has four distinct functions: the digression is an ethical dimension of the concept of knowledge, a component of the critique of the homo mensura dictum, the performative expression of philosophical process and – most importantly – an indirect link to the Platonic system.« Continue reading »

Apr 152015
 

Noch einmal denkt, noch einmal, liebe Freunde! Es war vorauszusehen, daß Grassens Tod zu Witzen führen wird. Es war vorauszusehen, daß das Leute ärgern wird. Ich versuche, diesen Widerspruch so gerecht, wie mir möglich, zu behandeln, weil ich beides, den Spaß und den Ärger über den Spaß, ein wenig verstehen kann. Nun wird, wie ich sehe, auf den sozialen Netzwerken stark darüber diskutiert, ob, wann, wo & wie Witze über einen Frischverstorbenen in Ordnung sind. Continue reading »

Mrz 282015
 

Mauern haben Vorzüge. Sie spenden Schatten, geben allerlei Moosen eine Heimat, gewähren Staaten Schutz vor Feinden, schirmen Siedler gegen ihre Nachbarn ab. Vor allem aber gibt es ohne sie keine Mauerblümchen. In der Tundra fühlte sich nicht mal ein Veilchen klein. Ich rede, wie Sie unschwer bemerkt haben, vom Buchmarkt. Continue reading »

Okt 152014
 

Ich habe Enzensbergers »Schreckens Männer« gelesen. Er versucht, einen begrifflichen Zusammenhang zwischen dem westeuropäischen Amokläufer und dem islamistischen Attentäter herzustellen und findet den in der Figur des radikalen Verlierers. Das ist weder besonders neu (auch 2005 nicht, als der Essay erschien) noch gut ausgeführt. Der Text ist, ehrlich zu sein, erstaunlich schlecht organisiert und bleibt weit hinter dem Niveau der glanzvollen Stücke in Sammlungen wie »Mittelmaß und Wahn« oder »Politische Brosamen« zurück. Natürlich ist Enzensberger immer etwas brillant, seine Stärke von jeher, Psychologisches anschaulich zu machen; er kann Theorie konkret erzählen. Und das funktioniert auch dann gut, wenn es auf der begrifflichen Ebene nicht funktioniert. Continue reading »

Okt 022014
 

Ringelnatzens »Bumerang« wäre wahrscheinlich das komischste Gedicht aller Zeiten. Allein das Weglassen der Artikel vor »Bumerang« und »Publikum« ist ein Meisterstück, das die debile Wirkung des doppelten Anapästs (»Bumerang | flog ein Stück«) sowie des im Anschluß evozierten Bildes von stundenlang auf einen davon gesegelten Bumerang wartenden Zuschauern ins Maximum steigert.

Es bleibt daher unerklärlich, warum das Gedicht statt seiner starken vier Verse noch zwei einleitende hat. Verse, die den Witz unnötig strecken, indem sie Continue reading »

Sep 012014
 

Es kommt im Leben schon mal vor, daß einer einen fragt, warum er mit einem anderen befreundet ist, und mit dieser Frage durchaus nicht Interesse, sondern Mißbilligung bekundet. Wenn einer Ärger mit einem hat und nun von der gesamten Welt erwartet, sie möge an diesem Ärger teilnehmen, ist darin eine alte Sehnsucht zum Ausdruck gebracht; nämlich mehr zu können, als man selbst kann. Die eigene Macht endet direkt hinter der eigenen Handlung, man wünscht sich einen Fortgang, ein Wirken über sich hinaus. Warum sollen nicht alle einsehen, was ich eingesehen habe? Continue reading »

Mrz 262014
 

 

Das klassische Streben nach einer Gattungsordnung und ihre rational begründete Dekonstruktion

Peter Hacks und Gérard Genette1

 

Vor drei Jahren habe ich den Versuch unternommen, das zu umreißen, was den Begriff der Klassik bei Peter Hacks ausmacht, und dabei die unbewiesene Behauptung aufgestellt, daß Hacksens Beschäftigung mit der Gattungstheorie weniger im Zusammenhang mit der Installation seines klassischen Credos zu sehen ist als vielmehr mit dessen Verteidigung gegen einen als bedrohlich wahrgenommenen Zeitgeist, der von Hacks in dem Codewort Romantik zusammengefaßt wurde.2 Ich will diese These auch heute nicht beweisen, denn sie ist nicht beweisbar, aber ich will sie ein wenig mit Material unterfüttern und damit vielleicht ermöglichen, daß sie von einer anderen Seite her beleuchtet werden kann. So soll sich die Reichweite der Hacksschen Gattungstheorie zeigen, und das erledigt, möchte ich – denn jedes Licht wirft Schatten – einen Blick hinüber werfen zu Gérard Genette und dessen Wiederbelebung der aristotelischen Kategorien. – Durchaus nicht, weil das Zusammenbringen Continue reading »

  1. Vortrag, gehalten am 2. November 2013 im Berliner Magnus-Haus; abgedruckt in: Die Götter arbeitslos gemacht. Peter Hacks und die Klassik. Sechste wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, hrsg. v. Kai Köhler, Berlin 2014, S. 26–46. []
  2. Selbst auf den Schultern der Gegner. Der Klassik-Begriff von Peter Hacks im Umriß, in: Topos 34 (2010), S. 33–51, hier: S. 44f. []
Jan 132014
 

Gedichte, Zeichnungen, Malerei, aber keinen neuen Roman mehr: Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem Interview angekündigt, wohl kein großes Prosa-Werk mehr zu schaffen. Sein hohes Alter  . . .

 

Mit letzter Lippe schnell
noch ein Versprechen. Denn
die flinke Tinte ist ihm ausgegangen.
Unsere Freude aber ist Continue reading »

Nov 072013
 

Kain war Ackermann, Abel Viehzüchter. Der älteste Klassenkampf der Welt, den die Bibel da so lakonisch am Anfang ihrer Menschheitsgeschichte darstellt. Und Kain, der Ackermann, gewinnt. Der Seßhafte besiegt den Nomaden, wie es geschichtlich ja tatsächlich passiert ist. Zugleich tritt mit dem verfeindeten Brüderpaar die Menschheit von der Familie zur Gesellschaft über. Wo die Liebe nicht mehr den unmittelbaren Zusammenhalt ausmacht, sondern der Einzelne dem Einzelnen als Fremder gegenübertritt und notwendig Feindschaft entsteht. Bereits die Kinder der Liebe zwischen Adam und Eva, die beiden Brüder, die ausziehen und eigene Familien gründen müssen, sind einander feind. Und Kain, der feindselige, der neidische, ist der, der siegt. Er, nicht Abel, zeugt die Nachkommen. Wir sind Kains Kinder, nicht Abels. Das ist grausam, archaisch und nur eine Handbreite über der Hoffnungslosigkeit. Gefrorene Geschichte. Realismus eben. Continue reading »

Sep 192013
 

MRRs Abgang muß nicht betrauert werden, wenn gilt, was ich kürzlich geschrieben habe: »Am Ende eines langen Lebens voller Großtaten abzutreten ist kein Unglück.« Bei dieser Gelegenheit fielen, exemplarisch, die Namen Goethe, de Gaulle und Loriot. In diese Gesellschaft gehört MRR. Vielleicht.

Es ist nicht einfach. MRRs Lebenswerk besteht darin, einen Beruf, der Genie eigentlich ausschließt, als Genie ausgeübt zu haben. Er war ein besserer Schriftsteller und klügerer Kopf als die meisten derer, über die er als Kritiker schrieb. Das ist rar und läßt sich vielleicht überhaupt nur so erklären, daß dieses Genie MRR ein ganz und gar unpoetisches Genie war, eines, dessen Qualität im Aufspüren und Bewerten von Gedanken und ästhetischen Wirkungen liegt, nicht jedoch darin, solche selbst hervorzubringen. Ein Genie des Sekundären. Gibt es das? Ich sagte ja, es ist nicht einfach. Continue reading »