Okt 022015
 

Wer gutgemachte Kinderbücher rausbringt, muss wissen, dass er Perlen vor die Ferkel wirft. Kinder sind sehr leicht zufriedenzustellen. Für sie macht es keinen Unterschied, ob es sich um Tand oder die Kronjuwelen handelt, solange das Zeug nur etwas glitzert. Die Frage, die sich damit stellt, wäre: Hat ein Künstler, der Kunst für Kinder macht, das Recht, schlecht zu sein? Darf er die Zeit von Kindern mit schlechten Melodien, lustlosen Zeichnungen oder belanglosen Geschichten totschlagen? Diese Frage nach Bewilligung und Verbot ist keine juristische. Natürlich darf der Künstler alles tun, was er für richtig hält, sofern es legal ist, und natürlich kann er es tun, sofern es sich verkauft. Hinzu kommt, dass man es nicht selten auch in betreff der Eltern mit einem unerzogenen Publikum zu tun hat. Wer noch nie ein Kinderlied von Schöne oder Lakomy gehört hat, denkt vermutlich wirklich, dass Musik für Kinder wie Zukowski klingen muss. Wer Zeichnungen von Ensikat oder Erlbruch nicht kennt, wird eher geneigt sein, Janosch oder Bofinger für gute Zeichner zu halten. Und wer Janosch für einen guten Erzähler hält, wird wahrscheinlich nie einen Blick in ein Kinderbuch von Peter Hacks, Louise Fatio, James Krüss oder Maurice Sendak geworfen haben. Continue reading »

Jun 082015
 

Meine Abschlußarbeit, geschrieben 2011, auf Publikationsform gekürzt 2013, gedruckt jetzt, 2015. Als die Mühen der Gebirge hinter mir lagen, folgten die Mühen des Schaukelstuhls.

»The study aims to offer a rational explanation for the appearance of the so-called ‘digression’ in Plato’s Theaetetus and in so doing raises the question of whether it is indeed a digression. The starting point of the inquiry is the argumentative structure of the digression itself, which in the course of the inquiry will be made apparent, internally, through references to the Theaetetus itself and, externally, through references to similar passages in other dialogues of Plato. In a first step the theoretical content of the passage is analysed in detail under four aspects (the polis, epistemology, metaphysics, ethics). This analysis is followed by the speculative application of what has been established, by pursuing the question of what function the ‘digression’ fulfils in the Theaetetus. The study reaches the conclusion that it has four distinct functions: the digression is an ethical dimension of the concept of knowledge, a component of the critique of the homo mensura dictum, the performative expression of philosophical process and – most importantly – an indirect link to the Platonic system.« Continue reading »

Apr 152015
 

Noch einmal denkt, noch einmal, liebe Freunde! Es war vorauszusehen, daß Grassens Tod zu Witzen führen wird. Es war vorauszusehen, daß das Leute ärgern wird. Ich versuche, diesen Widerspruch so gerecht, wie mir möglich, zu behandeln, weil ich beides, den Spaß und den Ärger über den Spaß, ein wenig verstehen kann. Nun wird, wie ich sehe, auf den sozialen Netzwerken stark darüber diskutiert, ob, wann, wo & wie Witze über einen Frischverstorbenen in Ordnung sind. Continue reading »

Mrz 282015
 

Mauern haben Vorzüge. Sie spenden Schatten, geben allerlei Moosen eine Heimat, gewähren Staaten Schutz vor Feinden, schirmen Siedler gegen ihre Nachbarn ab. Vor allem aber gibt es ohne sie keine Mauerblümchen. In der Tundra fühlte sich nicht mal ein Veilchen klein. Ich rede, wie Sie unschwer bemerkt haben, vom Buchmarkt. Continue reading »

Okt 152014
 

Ich habe Enzensbergers »Schreckens Männer« gelesen. Er versucht, einen begrifflichen Zusammenhang zwischen dem westeuropäischen Amokläufer und dem islamistischen Attentäter herzustellen und findet den in der Figur des radikalen Verlierers. Das ist weder besonders neu (auch 2005 nicht, als der Essay erschien) noch gut ausgeführt. Der Text ist, ehrlich zu sein, erstaunlich schlecht organisiert und bleibt weit hinter dem Niveau der glanzvollen Stücke in Sammlungen wie »Mittelmaß und Wahn« oder »Politische Brosamen« zurück. Natürlich ist Enzensberger immer etwas brillant, seine Stärke von jeher, Psychologisches anschaulich zu machen; er kann Theorie konkret erzählen. Und das funktioniert auch dann gut, wenn es auf der begrifflichen Ebene nicht funktioniert. Continue reading »

Okt 022014
 

Ringelnatzens »Bumerang« wäre wahrscheinlich das komischste Gedicht aller Zeiten. Allein das Weglassen der Artikel vor »Bumerang« und »Publikum« ist ein Meisterstück, das die debile Wirkung des doppelten Anapästs (»Bumerang | flog ein Stück«) sowie des im Anschluß evozierten Bildes von stundenlang auf einen davon gesegelten Bumerang wartenden Zuschauern ins Maximum steigert.

Es bleibt daher unerklärlich, warum das Gedicht statt seiner starken vier Verse noch zwei einleitende hat. Verse, die den Witz unnötig strecken, indem sie Continue reading »

Sep 012014
 

Es kommt im Leben schon mal vor, daß einer einen fragt, warum er mit einem anderen befreundet ist, und mit dieser Frage durchaus nicht Interesse, sondern Mißbilligung bekundet. Wenn einer Ärger mit einem hat und nun von der gesamten Welt erwartet, sie möge an diesem Ärger teilnehmen, ist darin eine alte Sehnsucht zum Ausdruck gebracht; nämlich mehr zu können, als man selbst kann. Die eigene Macht endet direkt hinter der eigenen Handlung, man wünscht sich einen Fortgang, ein Wirken über sich hinaus. Warum sollen nicht alle einsehen, was ich eingesehen habe? Continue reading »

Mrz 262014
 

 

Das klassische Streben nach einer Gattungsordnung und ihre rational begründete Dekonstruktion

Peter Hacks und Gérard Genette1

 

Vor drei Jahren habe ich den Versuch unternommen, das zu umreißen, was den Begriff der Klassik bei Peter Hacks ausmacht, und dabei die unbewiesene Behauptung aufgestellt, daß Hacksens Beschäftigung mit der Gattungstheorie weniger im Zusammenhang mit der Installation seines klassischen Credos zu sehen ist als vielmehr mit dessen Verteidigung gegen einen als bedrohlich wahrgenommenen Zeitgeist, der von Hacks in dem Codewort Romantik zusammengefaßt wurde.2 Ich will diese These auch heute nicht beweisen, denn sie ist nicht beweisbar, aber ich will sie ein wenig mit Material unterfüttern und damit vielleicht ermöglichen, daß sie von einer anderen Seite her beleuchtet werden kann. So soll sich die Reichweite der Hacksschen Gattungstheorie zeigen, und das erledigt, möchte ich – denn jedes Licht wirft Schatten – einen Blick hinüber werfen zu Gérard Genette und dessen Wiederbelebung der aristotelischen Kategorien. – Durchaus nicht, weil das Zusammenbringen Continue reading »

  1. Vortrag, gehalten am 2. November 2013 im Berliner Magnus-Haus; abgedruckt in: Die Götter arbeitslos gemacht. Peter Hacks und die Klassik. Sechste wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, hrsg. v. Kai Köhler, Berlin 2014, S. 26–46. []
  2. Selbst auf den Schultern der Gegner. Der Klassik-Begriff von Peter Hacks im Umriß, in: Topos 34 (2010), S. 33–51, hier: S. 44f. []
Jan 132014
 

Gedichte, Zeichnungen, Malerei, aber keinen neuen Roman mehr: Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem Interview angekündigt, wohl kein großes Prosa-Werk mehr zu schaffen. Sein hohes Alter  . . .

 

Mit letzter Lippe schnell
noch ein Versprechen. Denn
die flinke Tinte ist ihm ausgegangen.
Unsere Freude aber ist Continue reading »

Nov 072013
 

Kain war Ackermann, Abel Viehzüchter. Der älteste Klassenkampf der Welt, den die Bibel da so lakonisch am Anfang ihrer Menschheitsgeschichte darstellt. Und Kain, der Ackermann, gewinnt. Der Seßhafte besiegt den Nomaden, wie es geschichtlich ja tatsächlich passiert ist. Zugleich tritt mit dem verfeindeten Brüderpaar die Menschheit von der Familie zur Gesellschaft über. Wo die Liebe nicht mehr den unmittelbaren Zusammenhalt ausmacht, sondern der Einzelne dem Einzelnen als Fremder gegenübertritt und notwendig Feindschaft entsteht. Bereits die Kinder der Liebe zwischen Adam und Eva, die beiden Brüder, die ausziehen und eigene Familien gründen müssen, sind einander feind. Und Kain, der feindselige, der neidische, ist der, der siegt. Er, nicht Abel, zeugt die Nachkommen. Wir sind Kains Kinder, nicht Abels. Das ist grausam, archaisch und nur eine Handbreite über der Hoffnungslosigkeit. Gefrorene Geschichte. Realismus eben. Continue reading »

Sep 192013
 

MRRs Abgang muß nicht betrauert werden, wenn gilt, was ich kürzlich geschrieben habe: »Am Ende eines langen Lebens voller Großtaten abzutreten ist kein Unglück.« Bei dieser Gelegenheit fielen, exemplarisch, die Namen Goethe, de Gaulle und Loriot. In diese Gesellschaft gehört MRR. Vielleicht.

Es ist nicht einfach. MRRs Lebenswerk besteht darin, einen Beruf, der Genie eigentlich ausschließt, als Genie ausgeübt zu haben. Er war ein besserer Schriftsteller und klügerer Kopf als die meisten derer, über die er als Kritiker schrieb. Das ist rar und läßt sich vielleicht überhaupt nur so erklären, daß dieses Genie MRR ein ganz und gar unpoetisches Genie war, eines, dessen Qualität im Aufspüren und Bewerten von Gedanken und ästhetischen Wirkungen liegt, nicht jedoch darin, solche selbst hervorzubringen. Ein Genie des Sekundären. Gibt es das? Ich sagte ja, es ist nicht einfach. Continue reading »

Sep 012013
 

Und Hege wer? Wenn ich was schönes lesen will, lese ich Gerhard Henschel, der das Machwerk dieser sprachlich und gedanklich überforderten Betriebsnudel in Titanic 03/2010 auf trefflichste verrissen hat. Alles im Universum hat einen höheren Zweck. Henschel zu einem schönen Text veranlaßt zu haben ist der eine Punkt im Leben der Helene Hegemann, der diese traurige Existenz dann vielleicht doch nicht so ausschließlich überflüssig macht.

Überhaupt, wer will so ungenügsam sein und sagen, Erledigungen solle man von Karl Kraus besorgen lassen oder gar nicht? Wenn Kraus nicht zur Hand ist, tut es auch Lessing, der 1751 Klopstocks »Ode an Gott« lakonisch-trocken verrissen hat (»… und anstatt, daß ein anderer Dichter, welcher in ähnlichen Umständen war, seine poetische Klage mit einem ›Soll ich meine Doris missen? etc.‹ anfing, so erschüttert ihn [Klopstock] ein stiller Schauer der Allgegenwart Gottes …«). Oder Wiglaf Droste, der Continue reading »

Aug 292013
 

Thieles gestriger FAZ-Artikel, in dem er mich und andere über-, unter- oder beiordnet, hat mich von der Arbeit abgehalten. Ich denke, da stimmt was nicht. Er teilt, es zusammenzufassen, die Zeitgenossen, die sich positiv auf Hacks beziehen, in drei Gruppen ein: Imitatoren, Dogmatiker und Denkende. Imitatoren, die einen bloß intuitiven Zugang zu Hacks haben und allein an der poetischen oder weltlichen Haltung des Dichters interessiert sind; Dogmatiker, die den reinen, den wahren Hacks gleich einer Säule in die Landschaft stellen und ihn gegen jegliche Anwürfe von außen verteidigen; und Denkende, die die affirmative Aneignung des Dichters durchlaufen haben, doch über ihn hinausgegangen sind. Modelle müssen ja gar nicht bis ins letzte stimmen, aber sie sollten arbeitsfähig sein. Thieles Einteilung ist in sich stimmig, büßt aber bei der Reichweite. Continue reading »

Aug 032013
 

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts lebt die Poesie im Zeitalter des Materials. Dichter aller Gattungen verwenden einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Tätigkeit darauf, Elemente ihrer Vorläufer – seien es Poeten, Philosophen oder sonstwie befugte Wortproduzenten – als Bruchstücke in ihre Werke einzuweben. Es ist – um gleich den passend aufs Zeitalter geschriebenen Ausdruck Gerard Genettes zu verwenden – der vollständige Sieg der Transtextualität.

Der Dokumentarismus (Weiss, Runge, Kipphardt usw.) ist nur die äußerste und zugleich natürlich ärmste Ausprägung dieses Verfahrens, das allgemein geworden ist. Man imitiert, parodiert, zitiert, spielt an oder stielt. Nicht nebenbei, nicht bei passender Gelegenheit, sondern in der Hauptsache, um der Sache selbst willen. Es gilt geradezu als unfein, hemdsärmlig, es nicht zu tun. Dahinter steckt nur zum Teil Snobismus (der ja ein edles Motiv wäre); es ist maßgeblich die Angst vor der Struktur, vor dem großen Gedanken, dem großen Continue reading »

Jul 222013
 

Von allen Denkern, auf die es ankommt, ist Leibniz uns heute am fremdesten. Kein Denker folglich, der Beihilfe zur Transformation nötiger hätte als eben Leibniz. Was zwischen Leibniz und der Gegenwart liegt, ist mehr als nur die theologische Form, mit der sein Denken stark verbunden ist. Mehr mithin als jene unglaubliche Fülle an zeitlicher Denk- und Entwicklungsleistung – von der Mathematik bis zur Linguistik, Jurisprudenz bis Historiographie, Kameralistik bis Ingenieurwissenschaft –, die das Kerngeschäft dieses Philosophen zu verdecken droht, wie es ein barockes Gewand mit dem Körper der Venus von Milo täte. Der nackte Leibniz gleicht aber Continue reading »