Mrz 282015
 

Mauern haben Vorzüge. Sie spenden Schatten, geben allerlei Moosen eine Heimat, gewähren Staaten Schutz vor Feinden, schirmen Siedler gegen ihre Nachbarn ab. Vor allem aber gibt es ohne sie keine Mauerblümchen. In der Tundra fühlte sich nicht mal ein Veilchen klein. Ich rede, wie Sie unschwer bemerkt haben, vom Buchmarkt. Continue reading »

Okt 152014
 

Ich habe Enzensbergers »Schreckens Männer« gelesen. Er versucht, einen begrifflichen Zusammenhang zwischen dem westeuropäischen Amokläufer und dem islamistischen Attentäter herzustellen und findet den in der Figur des radikalen Verlierers. Das ist weder besonders neu (auch 2005 nicht, als der Essay erschien) noch gut ausgeführt. Der Text ist, ehrlich zu sein, erstaunlich schlecht organisiert und bleibt weit hinter dem Niveau der glanzvollen Stücke in Sammlungen wie »Mittelmaß und Wahn« oder »Politische Brosamen« zurück. Natürlich ist Enzensberger immer etwas brillant, seine Stärke von jeher, Psychologisches anschaulich zu machen; er kann Theorie konkret erzählen. Und das funktioniert auch dann gut, wenn es auf der begrifflichen Ebene nicht funktioniert. Continue reading »

Okt 022014
 

Ringelnatzens »Bumerang« wäre wahrscheinlich das komischste Gedicht aller Zeiten. Allein das Weglassen der Artikel vor »Bumerang« und »Publikum« ist ein Meisterstück, das die debile Wirkung des doppelten Anapästs (»Bumerang | flog ein Stück«) sowie des im Anschluß evozierten Bildes von stundenlang auf einen davon gesegelten Bumerang wartenden Zuschauern ins Maximum steigert.

Es bleibt daher unerklärlich, warum das Gedicht statt seiner starken vier Verse noch zwei einleitende hat. Verse, die den Witz unnötig strecken, indem sie Continue reading »

Sep 012014
 

Es kommt im Leben schon mal vor, daß einer einen fragt, warum er mit einem anderen befreundet ist, und mit dieser Frage durchaus nicht Interesse, sondern Mißbilligung bekundet. Wenn einer Ärger mit einem hat und nun von der gesamten Welt erwartet, sie möge an diesem Ärger teilnehmen, ist darin eine alte Sehnsucht zum Ausdruck gebracht; nämlich mehr zu können, als man selbst kann. Die eigene Macht endet direkt hinter der eigenen Handlung, man wünscht sich einen Fortgang, ein Wirken über sich hinaus. Warum sollen nicht alle einsehen, was ich eingesehen habe? Continue reading »

Mrz 262014
 

 

Das klassische Streben nach einer Gattungsordnung und ihre rational begründete Dekonstruktion

Peter Hacks und Gérard Genette1

 

Vor drei Jahren habe ich den Versuch unternommen, das zu umreißen, was den Begriff der Klassik bei Peter Hacks ausmacht, und dabei die unbewiesene Behauptung aufgestellt, daß Hacksens Beschäftigung mit der Gattungstheorie weniger im Zusammenhang mit der Installation seines klassischen Credos zu sehen ist als vielmehr mit dessen Verteidigung gegen einen als bedrohlich wahrgenommenen Zeitgeist, der von Hacks in dem Codewort Romantik zusammengefaßt wurde.2 Ich will diese These auch heute nicht beweisen, denn sie ist nicht beweisbar, aber ich will sie ein wenig mit Material unterfüttern und damit vielleicht ermöglichen, daß sie von einer anderen Seite her beleuchtet werden kann. So soll sich die Reichweite der Hacksschen Gattungstheorie zeigen, und das erledigt, möchte ich – denn jedes Licht wirft Schatten – einen Blick hinüber werfen zu Gérard Genette und dessen Wiederbelebung der aristotelischen Kategorien. – Durchaus nicht, weil das Zusammenbringen Continue reading »

  1. Vortrag, gehalten am 2. November 2013 im Berliner Magnus-Haus; abgedruckt in: Die Götter arbeitslos gemacht. Peter Hacks und die Klassik. Sechste wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, hrsg. v. Kai Köhler, Berlin 2014, S. 26–46. []
  2. Selbst auf den Schultern der Gegner. Der Klassik-Begriff von Peter Hacks im Umriß, in: Topos 34 (2010), S. 33–51, hier: S. 44f. []
Jan 132014
 

Gedichte, Zeichnungen, Malerei, aber keinen neuen Roman mehr: Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem Interview angekündigt, wohl kein großes Prosa-Werk mehr zu schaffen. Sein hohes Alter  . . .

 

Mit letzter Lippe schnell
noch ein Versprechen. Denn
die flinke Tinte ist ihm ausgegangen.
Unsere Freude aber ist Continue reading »

Nov 072013
 

Kain war Ackermann, Abel Viehzüchter. Der älteste Klassenkampf der Welt, den die Bibel da so lakonisch am Anfang ihrer Menschheitsgeschichte darstellt. Und Kain, der Ackermann, gewinnt. Der Seßhafte besiegt den Nomaden, wie es geschichtlich ja tatsächlich passiert ist. Zugleich tritt mit dem verfeindeten Brüderpaar die Menschheit von der Familie zur Gesellschaft über. Wo die Liebe nicht mehr den unmittelbaren Zusammenhalt ausmacht, sondern der Einzelne dem Einzelnen als Fremder gegenübertritt und notwendig Feindschaft entsteht. Bereits die Kinder der Liebe zwischen Adam und Eva, die beiden Brüder, die ausziehen und eigene Familien gründen müssen, sind einander feind. Und Kain, der feindselige, der neidische, ist der, der siegt. Er, nicht Abel, zeugt die Nachkommen. Wir sind Kains Kinder, nicht Abels. Das ist grausam, archaisch und nur eine Handbreite über der Hoffnungslosigkeit. Gefrorene Geschichte. Realismus eben. Continue reading »

Sep 192013
 

MRRs Abgang muß nicht betrauert werden, wenn gilt, was ich kürzlich geschrieben habe: »Am Ende eines langen Lebens voller Großtaten abzutreten ist kein Unglück.« Bei dieser Gelegenheit fielen, exemplarisch, die Namen Goethe, de Gaulle und Loriot. In diese Gesellschaft gehört MRR. Vielleicht.

Es ist nicht einfach. MRRs Lebenswerk besteht darin, einen Beruf, der Genie eigentlich ausschließt, als Genie ausgeübt zu haben. Er war ein besserer Schriftsteller und klügerer Kopf als die meisten derer, über die er als Kritiker schrieb. Das ist rar und läßt sich vielleicht überhaupt nur so erklären, daß dieses Genie MRR ein ganz und gar unpoetisches Genie war, eines, dessen Qualität im Aufspüren und Bewerten von Gedanken und ästhetischen Wirkungen liegt, nicht jedoch darin, solche selbst hervorzubringen. Ein Genie des Sekundären. Gibt es das? Ich sagte ja, es ist nicht einfach. Continue reading »

Sep 012013
 

Und Hege wer? Wenn ich was schönes lesen will, lese ich Gerhard Henschel, der das Machwerk dieser sprachlich und gedanklich überforderten Betriebsnudel in Titanic 03/2010 auf trefflichste verrissen hat. Alles im Universum hat einen höheren Zweck. Henschel zu einem schönen Text veranlaßt zu haben ist der eine Punkt im Leben der Helene Hegemann, der diese traurige Existenz dann vielleicht doch nicht so ausschließlich überflüssig macht.

Überhaupt, wer will so ungenügsam sein und sagen, Erledigungen solle man von Karl Kraus besorgen lassen oder gar nicht? Wenn Kraus nicht zur Hand ist, tut es auch Lessing, der 1751 Klopstocks »Ode an Gott« lakonisch-trocken verrissen hat (»… und anstatt, daß ein anderer Dichter, welcher in ähnlichen Umständen war, seine poetische Klage mit einem ›Soll ich meine Doris missen? etc.‹ anfing, so erschüttert ihn [Klopstock] ein stiller Schauer der Allgegenwart Gottes …«). Oder Wiglaf Droste, der Continue reading »

Aug 292013
 

Thieles gestriger FAZ-Artikel, in dem er mich und andere über-, unter- oder beiordnet, hat mich von der Arbeit abgehalten. Ich denke, da stimmt was nicht. Er teilt, es zusammenzufassen, die Zeitgenossen, die sich positiv auf Hacks beziehen, in drei Gruppen ein: Imitatoren, Dogmatiker und Denkende. Imitatoren, die einen bloß intuitiven Zugang zu Hacks haben und allein an der poetischen oder weltlichen Haltung des Dichters interessiert sind; Dogmatiker, die den reinen, den wahren Hacks gleich einer Säule in die Landschaft stellen und ihn gegen jegliche Anwürfe von außen verteidigen; und Denkende, die die affirmative Aneignung des Dichters durchlaufen haben, doch über ihn hinausgegangen sind. Modelle müssen ja gar nicht bis ins letzte stimmen, aber sie sollten arbeitsfähig sein. Thieles Einteilung ist in sich stimmig, büßt aber bei der Reichweite. Continue reading »

Aug 032013
 

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts lebt die Poesie im Zeitalter des Materials. Dichter aller Gattungen verwenden einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Tätigkeit darauf, Elemente ihrer Vorläufer – seien es Poeten, Philosophen oder sonstwie befugte Wortproduzenten – als Bruchstücke in ihre Werke einzuweben. Es ist – um gleich den passend aufs Zeitalter geschriebenen Ausdruck Gerard Genettes zu verwenden – der vollständige Sieg der Transtextualität.

Der Dokumentarismus (Weiss, Runge, Kipphardt usw.) ist nur die äußerste und zugleich natürlich ärmste Ausprägung dieses Verfahrens, das allgemein geworden ist. Man imitiert, parodiert, zitiert, spielt an oder stielt. Nicht nebenbei, nicht bei passender Gelegenheit, sondern in der Hauptsache, um der Sache selbst willen. Es gilt geradezu als unfein, hemdsärmlig, es nicht zu tun. Dahinter steckt nur zum Teil Snobismus (der ja ein edles Motiv wäre); es ist maßgeblich die Angst vor der Struktur, vor dem großen Gedanken, dem großen Continue reading »

Jul 222013
 

Von allen Denkern, auf die es ankommt, ist Leibniz uns heute am fremdesten. Kein Denker folglich, der Beihilfe zur Transformation nötiger hätte als eben Leibniz. Was zwischen Leibniz und der Gegenwart liegt, ist mehr als nur die theologische Form, mit der sein Denken stark verbunden ist. Mehr mithin als jene unglaubliche Fülle an zeitlicher Denk- und Entwicklungsleistung – von der Mathematik bis zur Linguistik, Jurisprudenz bis Historiographie, Kameralistik bis Ingenieurwissenschaft –, die das Kerngeschäft dieses Philosophen zu verdecken droht, wie es ein barockes Gewand mit dem Körper der Venus von Milo täte. Der nackte Leibniz gleicht aber Continue reading »

Jan 112013
 

 

Zur Struktur des Ideal-Begriffs von Peter Hacks1

 

Ich bin die Saat im Winter, die im Dunkel wohnet.
Ihr kommt wohl noch dahinter, daß Erwartung lohnet.
Und lieg ich tief verborgen, bleib ich nicht verschwunden.
Der hoffen kann auf morgen, hat mich schon gefunden.

aus »Numa«

 

Mein Vortrag heißt »Die Landkarte und die Landschaft«. Ich hätte ihn aber auch gut »Wenn der Herrgott net will, nutzt es goar nix« oder »Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk« nennen können. Es liefe aufs gleiche hinaus: auf das Verhältnis, das das menschliche Wollen zu den Bedingungen, unter denen es umgesetzt werden muß, besitzt, auf den alten Kampf zwischen Ideal und Wirklichkeit. Es gibt zu diesem Kampf seit je drei Meinungen: das Ideal habe recht, die Wirklichkeit habe recht, beide haben unrecht. Die letzte ist die, auf die es ankommt. So zumindest Continue reading »

  1. Vortrag, gehalten am 3. November 2012 im Berliner Magnus-Haus; abgedruckt in: Gute Leute sind überall gut. Fünfte wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, hrsg. v. Kai Köhler, Berlin 2013. []
Dez 012012
 

Ich sage ja nicht, daß es unmöglich ist, daß einer ein Dissident und dennoch ein guter Poet sei. Es ist nur nicht wahrscheinlich. Dem Dissidenten wird internationales Wohlwollen zuteil, den Erfolg erlangt er, weil er für etwas steht. Diese Abkürzung zum Ruhm ist zu verlockend, doch von der Poesie gilt wie von allen anderen Fächern, daß wirklich gut nur ist, wer die Umwege geht. Das gilt natürlich auch für den Staatsdichter, dem der Erfolg national zugesprochen wird wie dem Dissidenten international. Um aber einen Nobelpreis zu erhalten, muß der Staatsdichter schon ein herausragender Dichter sein.

Es passiert folglich selten, daß der Nobelpreis für Literatur aus ästhetischen Gründen vergeben wird. Und noch das zu oft, findet Herta Müller, deren Erfolg ganz offensichtlich nicht durch die Qualität ihres Werks erklärt werden kann. Mo Yan wirkt unter der Schar konformistischer Dissidenten wie ein Rebell, beschämt also Müller, die ihrerseits Liao Yiwu nach seiner Blut-und-Boden-Rede in der Paulskirche umarmt hat, nicht nur durch sein Können, sondern auch durch seine Coolness. Dietmar Dath hat den Fall bearbeitet: Continue reading »

Apr 192012
 

 

 Was Grass und seine Grassenheimer umtreibt

 

Wovon man nicht schweigen kann, darüber muß man sprechen.

Grass (Wittgenstein-Kritiker)

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal: Fresse halten.

Wittgenstein (Grass-Kritiker)

 

Warum schweige ich?, fragt, heterologisch um Aufmerksamkeit heischend, der nie stille Schnauzbart des Literaten Grass. Man blickt die Zeitungsseite hinunter auf die folgenden 68 Zeilen und fragt sich unweigerlich: Ja, warum bloß schweigt er nicht? Aber so ist er, der Günter, der Grass; es reicht ihm nicht, die Menschheit seinen Absonderungen auszusetzen, er muß sie auch noch mit der Frage belästigen, warum er tut, was er offenkundig nicht tut. Andererseits scheinen viele ihren Geschmack daran zu finden. Die Pose des Tabubrechers, des einsamen Continue reading »