Jan 142018
 

In dieser Woche kommt mit »Your Name« (»Kimi no na wa«) ein Meisterwerk in die deutschen Kinos

Taki, ein Schüler aus Tokyo, wacht eines morgens im Körper der gleichaltrigen Mitsuha auf, die in der Kleinstadt Itomori lebt. Mitsuha passiert dasselbe mit Taki. Im Rhythmus von Erwachen und Schlafen wechseln die beiden ihre Körper. Auf die Art erfahren sie voneinander, ohne sich zu begegnen. Es beginnt ein kompliziertes Spiel der Kommunikation und Interaktion zweier Menschen und ihrer Leben. »Sie laufen zusammen, sie nehmen Form an, sie verdrehen und verfilzen sich, werden manchmal wieder aufgeknüpft, getrennt und neu verwoben.« Mit diesen Worten beschreibt Hitoha, Mitsuhas Großmutter, die Kunst des Kumihimo, und es ist zugleich die Handlung von »Your Name«, auf ihren knappsten Ausdruck gebracht.

Wer den Film für einfach hält, sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ihm einiges entgangen ist. Die abgenutzte Bemerkung, man müsse ihn eigentlich zweimal schauen, wäre hier tatsächlich am Platz. Die gewiefte, nicht immer lineare Führung der Handlung, der ausgiebige Einsatz von Foreshadowing, die zwei großen Twists, all das macht das ohnehin schon komplizierte Geschehen noch schwieriger. (Wir erfahren, dass das Ineinander-Wechseln der beiden jungen Menschen noch viel vertrackter ist, als es zunächst den Anschein hat, und wir sehen anschließend einen der beiden, und dann die andere, auf unerwartete Weise ein großes Unglück beheben.) Hinzutreten der kulturelle Hintergrund und die Möglichkeiten der japanischen Sprache. Das sind Kleinigkeiten, wie etwa, wenn Mitsuha aus dem Bett der Tokyoter Wohnung fällt, und dem japanischen Publikum sogleich klar ist, warum: Weil sie als Landei natürlich gewohnt ist, auf Futons zu schlafen. Oder es ist Tragfähiges.

Man feiert in Itomori ein Ritual, dessen Bedeutung heute unbekannt ist. Soweit das klassische Verhältnis von Glaube und Liturgie; die wenigsten Religionen haben ja eine kontinuierliche Schrifttradition und leben bloß als Handlung fort. Aber der Grund des Rituals wird sich als äußerst wichtig für alle erweisen, ob sie es ernstgenommen haben oder nicht. »Your Name« ist bis zum Rand gefüllt mit Shinto-Symbolik, alten Riten, Besonderheiten des Alltags in Japan und philosophischen Maximen. Ein Film demnach nicht nur zum Genießen, sondern auch zum Immer-wieder-Anhalten und Studieren. Beinahe jede Szene wäre eines ausführlichen Kommentars Wert, und sei es nur deswegen, dass klarwerde, wieviel Gestaltungswille und Akribie in diesem Kunstwerk steckt. Schlüssel der Handlung wird der Kuchikamizake (übersetzt mit »Göttermund-Sake«), der sich als Möglichkeit zeigt, ein Unglück wieder gut zu machen. Denn »wenn der Körper etwas aufnimmt, verbindet sich seine Seele damit«. Der im Mund befeuchte Reis wird zum Teil von Mitsuha und kann, wieder ausgespuckt, in einem fremden Gefäß überdauern.

Am schwersten macht es die Sprache. Manches aus dem Original ist schlicht unübersetzbar. Die Eigennamen der Miyamizu-Familie etwa – Hitoha, Mitsuha und Yotsuha – bedeuten: Ein-Blatt, Drei-Blatt und Vier-Blatt. Lange bevor es am Ende des Films zur Rede kommt, wird allein durch diese Benennung die Aufmerksamkeit der (japanischen) Zuschauer auf die Abwesenheit der Mutter gelenkt. Breiten Raum erhält der Wechsel der Geschlechter; und gewährt Gelegenheit zu unzähligen Irritationen, da die japanische Grammatik, als Teil ihrer Politeness-Struktur, geschlechtsspezifische Ausdrucksweisen hat. Dann sitzt Mitsuha als Taki bei dessen Freunden in der Schulpause und braucht vier Anläufe, ehe sie das Personalpronomen benutzt, das ein Junge in dieser Situation sagen würde. Die Synchronisation hat für die Szene eine gute Lösung gefunden, aber es ist ein Problem, bei dem man eigentlich nur verlieren konnte.

So viele Themen »Your Name« berührt, alles dreht sich schließlich um das eine große: das Verhältnis von Differenz und Identifikation in der Liebe. Was schafft Begehren – Gleichheit oder Gegensatz? Mitsuha und Taki nehmen im Wechsel Anteil am Leben des anderen. Der Junge lernt ein Mädchen, und das Mädchen ein Junge sein. Zugleich kommt beider Leben durch den anderen in Schwung. Taki bringt Selbstvertrauen in Mitsuhas Leben, und Mitsuha Taktgefühl in das seine. Sie überschreiten den eigenen Horizont, und dabei geschieht das Seltsamste. Sie beginnen einander zu lieben, obgleich sie sich nie begegnet sind. Sie können sich nur kennenlernen durch Rekonstruktion der Spuren, die der andere hinterlassen hat: die Einrichtung des Zimmers, die Familie, die Freunde, die Vorfälle von gestern, Nachrichten zunächst mit wasserfestem Stift auf Gesicht oder Händen, dann digital auf dem Handy. Auf die Art wird der Mensch gefasst als gesellschaftliches Wesen, das sich über die Beziehungen zu seinem Umfeld, den Spiegel der Menschen, die ihn umgeben, rekonstruieren lässt. Indem Taki und Mitsuha sich darauf einlassen, werden sie identisch und entsteht ihre Neigung zueinander. Der Rollentausch bedeutet Einswerden. Nur das Verhältnis trennt noch, nicht aber, wer darin was einnimmt. Lieben, mag das heißen, ist Fremdheit und Vertrautheit zugleich. So wird in einer der, man muss fast sagen: zahllosen Schlüsselszenen des Films deutlich, worauf es ankommt. Nicht auf den Namen des Liebenden oder der Geliebten, sondern auf die Liebe selbst.

Die größte Stärke des Films ist, dass er trotz seines kulturellen Hintergrunds, der Probleme sprachlicher Übertragung sowie seiner komplizierten Handlung als Publikumswerk funktioniert. »Irgendwann«, sagt Makoto Shinkai, Autor und Regisseur dieses traumhaft schönen Meisterwerks, »wollte ich in Sachen Entertainment ins Schwarze treffen und etwas machen, das allen gefällt.« Hierfür sind nicht bloß der Charme der Figuren und der Witz der Handlung, das perfekte Beeinander von Komik, Tiefe und Sentimentalität oder die überwältigende Musik verantwortlich; vor allem visuell ist »Your Name« unübertroffen.

Das Spiel mit Licht und Farben, die Dynamik und Räumlichkeit der Zeichnungen, und ganz besonders die Gestaltung der Hintergründe, bewegen sich hier auf einem Niveau, wie man es in Animationsfilmen nur selten sieht. Dabei poppt nicht bloß das Schöne vor dem Auge auf, wie etwa in den jüngeren Produktionen von Pixar und Disney, die bei aller Qualität ihre Ursprünge im Zeichentrick verleugnen. Der japanische Anime-Betrieb begreift den Bildschirm im Gegensatz dazu als Fläche, auf der bildsprachliche Ästhetik stattfinden kann, die mehr ist als nur schön anzusehen. Es geht eher darum, eine Maske schön werden zu lassen, als ein (schönes) Gesicht anschaulich. Und wenn es am Ende des Films heißt: »Ich hab immer das Gefühl, dass ich auf der Suche nach etwas oder nach jemandem bin«, und die Leinwand dazu zwei Drähte zeigt, die etwas wie ein Fadenkreuz bilden, das den am Himmel stehenden Mond aber nicht trifft, dann kann man den Eindruck bekommen, hier wurde tatsächlich Regie geführt.

»Your Name« ist am 11. und 14. Januar in 130 deutschen und österreichischen Kinos zu sehen. Die DVD wird im Laufe des Jahres erscheinen. Das sind zwei Leinwandtage für den erfolgreichsten Anime aller Zeiten. Auch das sagt einiges aus über den hiesigen Stellenwert der Anime-Kunst. Und weil alles noch schlimmer geht, blicken wir angstvoll dem Tag entgegen, an dem J.J. Abrams seine Drohung wahrmacht, die Realverfilmung des Stoffs auf den Markt zu werfen.

zuerst in: ND v. 12. Januar 2018.

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