Daß man nach gefühlten 200 Jahren an den Bühnen des DT wieder einen Hacks gibt, ist ein Ereignis, dem man nicht anders als froh gegenüber stehen kann. Daß man den Hacks dort auf eine Weise gibt, die wenig mit dessen Vorstellungen von Theater zu tun hat und dafür viel mit denen unserer Zeit, ist etwas, das man erwarten konnte. Jürgen Kuttner und Tom Kühnel haben die Erwartungen übertroffen, indem sie sie enttäuscht haben. Man steht ein bißchen davor wie Hacksens Ascher, zufrieden und unzufrieden zugleich: „Ich habe es gewollt, und ich habe es bekommen, und ich habe es nicht so bekommen, wie ich es gewollt habe – das versteht sich ja für uns Menschen von selbst.“ Fröhlich resigniert eben, und ich scherze nicht. Wenn der Preis der Aneignung des Dichters Hacks der ist, daß die Zeit ihn auf ihre Weise aneignet, dann soll es sein. Freilich muß sie sich dann auch gefallen lassen, daß man ihre Ergebnisse mit denen anderer Zeiten vergleicht. Erfolg rechtfertigt vieles, Mißerfolg ist nicht zu rechtfertigen.

Der andere Hingucker ist Jürgen Kuttner. Eine Legende im Berliner Sprechfunk, an dessen Lippen wir jeden Dienstag hingen. Wir, das ist die Generation, die den Zusammenfall des gesellschaftlichen und persönlichen Chaos erlebte, Leute, deren Flegelzeit also in die frühen Neunziger fiel. Kuttner war schon damals zu alt für uns, und er ist auch heute noch älter als sein Publikum, obwohl sein Publikum mit ihm gealtert ist. Es ist weniger, was er macht, sondern wie er es macht. Ein lebendes Kunstwerk. Und nun nähert sich dieses Kunstwerk dem größten Künstler der zurückliegenden Epoche, nähert sich Peter Hacks. Das ist ein bißchen wie die Beatles und die Stones auf demselben Cover. Man weiß, das geht eigentlich nicht, aber der Gedanke ist viel zu verlockend, ihn nicht zu mögen.

Wer die „Sorgen“ inszeniert, muß sich dem Problem stellen, daß Stoffebene und Rezeption einander zu fremd sind, als daß mit Erfolg ohne weiteres gerechnet werden kann. Natürlich funktioniert dieses Stück als dramatisches Gebilde, aber die Sujets, das Milieu, die zugrunde liegenden Widersprüche der frühen DDR-Zeit sind dem heutigen Publikum allzu fremd, als daß sie unvermittelt auf dem Theater Erfolg haben könnten. Die Regie kann diese Vermittlung leisten, indem sie entweder aktualisiert oder aber – besser – das Stück mittels Reflexionen bricht. Die Regisseure haben sich für den letzten Weg entschieden. Die Fabel wurde angereichert mit bzw. unterbrochen von zahlreichen handlungsfremden Elementen, vornehmlich Hacks-Texten sowie Material zum „Sorgen“-Skandal von 1962/63. Das begann schon mit dem Prolog, in dem anstelle des Hacksschen Blankverses die Rede des Genossen Schröder und der vielbeachtete Essay von Frank Schirrmacher referiert wurden – eine gelungene Konfrontation damaliger und heutiger Rezeptionshaltung. Das setzte sich fort, als zu Beginn des zweiten Bildes im ersten Aufzug Valeska und Hede sich über das Berliner und Münchener Theaterpublikum unterhalten und dabei die Worte benutzen, die Peter Hacks 1974 benutzt hat. Und es beschließt sich in einem nicht ganz verständlichen Finale, in dem – dazu später – die Handlung direkt in die eines anderen Stücks umschlägt.

Manche Unterbrechungen – eine Biermann-Einlage z.B. – waren arg erzwungen, häufiger aber, wie ich meine, waren die Eingriffe glücklich, will sagen: Es ließ sich etwas bei ihnen denken. Natürlich wurde es zum Vergnügen, wenn man den Intellektuellen Jost Birkenbihl über Kunst reden hört und dabei Passagen aus Hacksens frühen Essay zum „Realitischen Theaterstück“ wiederkennt. Eine Aufgabe für den Heimweg war der Bezug zwischen den Produktionsproblemen im Stück mit Hacksens Ulbricht-Ballade „Der Fluch“, in der über die Produktionsprobleme der späten DDR gehandelt wird. Und wenn zu Beginn der Handlung der „Bergarbeiterball“ eingespielt wird, der Bestandteil einer früheren Fassung des Stücks ist, konnte man sich im Publikum anstubsen und zuzwinkern. – Gag erkannt? – Aber ja! Den ironischen Höhepunkt erreichte die Inszenierung, als Hede und Valeska über die Bühne flanierten und dabei Passagen aus Hacksens Aufsatz „Über das Revidieren von Klassikern“ sprachen: Der Inhalt des Gesagten – daß man Eingriffe in klassische Texte nur bei äußerster Not wagen darf – widersprach auf amüsante Weise der Tatsache, daß es gesagt wurde, denn natürlich war die Rezitation des Textes ein ganz unnötiger Eingriff in das Stück.

Die Brechungen der Handlung erzeugen den Eindruck der Montage, und Montage hat immer etwas Hemdsärmliges, da sie im Gegensatz zur streng konstruierten Handlung die Aufmerksamkeit des Publikums nicht fesselt. Die Zusammenhänge wirken fast immer künstlich hergestellt, weil sie in der Montage stets künstlich hergestellt sind. In der Tat war die Inszenierung eher theatralisch als dramatisch, was ja, sofern dies das Kunstziel war, vertretbar ist. Es ist doch keine schlechte Tradition, die sich zwischen Aristophanes, dem Faust und dem Epischen Theater entspannt und der im übrigen auch Hacks selbst, der zweifelsohne sehr dem Dramatischen zuneigte, einige Werke („Schuhu“, „Plunderweilern“ z.B.) beizugeben wußte. Vertretbar sind solche Griffe allemal, wenn, wie anfangs gesagt, eine stoffbedingte Schwierigkeit in der Rezeption besteht. Dieses Stück „Die Sorgen und die Macht“ kann nicht unverändert auf die Bühne genommen werden.

Zumal bemerkt sein will, daß in das Gerüst der Fabel nicht eingegriffen wurde. Nichts dramaturgisch Notweniges wurde gestrichen, der Fluß der Handlung wurde durch die Einlagen zwar unterbunden, aber die Handlung selbst wurde nicht beschädigt. Bis auf eine – und leider sehr wesentliche – Ausnahme. Die zweite Szene des fünften Aufzugs bringt die Entscheidung, und gerade diese Szene wird zwar ordentlich angespielt, jedoch nicht beendet. Die Niederlage Zidewangs kommt nicht zur Anschauung. Sein berühmter Hitler-Satz, mit dem die Szene endet und der große Wirkung macht, wird so nebenbei gesprochen und erscheint im Angesicht der auf der Bühne nach wie vor ungelösten Situation ganz sinnlos. An dieser Stelle kippt die Handlung in die eines anderen Stücks um. Auftritt Herr Wesselbrunner, ein westdeutscher Alteigentümer, bekannt aus dem Hacks-Stück „Fafner, die Bisam-Maus“, das gute 30 Jahre nach den „Sorgen“ geschrieben wurde und die gesellschaftliche Situation nach der Deutschen Einheit widerspiegelt. Ein Kunstgriff, den neun von zehn Zuschauern mit Sicherheit nicht verstanden haben, weil sie das späte Stück von Hacks, das zu einem seiner seltenstgelesenen gehört, nicht kennen. Das Publikum zerfiel damit in zwei Teile, den einen, der aufgrund seiner nicht mehr als gewöhnlichen Kenntnis des dramatischen Werks von Hacks ratlos vor der Veränderung stand, die Veränderung womöglich nicht einmal als solche erkannte, und in den anderen, der zwar verstand, was da passierte, der aber, weil ihm das Warum dieses Eingriffs gleichfalls unklar blieb, ebenso ratlos war.

Auf die Art geriet die Inszenierung zu einer Nudge-and-wink-Parade; unterhaltsam für den Kenner, für den Großteil Publikum gelegentlich unverständlich. Und auch wenn das Vergnügen an diesem Stück hörbar groß war, und wohl niemand ganz unbefriedigt den Saal verließ, wäre doch wünschenswert gewesen, das gewöhnliche Theaterpublikum mehr mitzunehmen. Die wenigsten Menschen gehen ja ins Theater, weil sie ein Stück gelesen haben, sondern besuchen ein Stück, um es nicht lesen zu müssen.

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Deutsches Theater Berlin: Die Sorgen und die Macht. Regie von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel. Premiere vom 4. September 2010. Eine ausführliche Rezension erscheint im kommenden Argos.

  11 Responses to “Nudge-and-wink-Parade”

  1. Ob Sie mir freundlicherweise mitteilen, wo „Fafner, die Bisam-Maus“ veröffentlicht ist? Ist es in Buchform erhältlich? Bei VAT werde ich nicht fündig. Für die Antwort Dank vorab.

  2. Das Stück ist bislang zweimal gedruckt worden:

    Peter Hacks: Die späten Stücke, Band 1, Hamburg (Edition Nautilus) 1998
    Peter Hacks: Werke, Band 7, Berlin (Eulenspiegel) 2003

  3. Eine Nudge-and-wink-Parade (der Titel inclusive) ist wahrscheinlich nicht nur die Inszenierung, sondern auf jeden Fall auch diese Rezension. Das liegt vielleicht auch am Gegenstand. Dass Peter Hacks “der größte Künstler der zurückliegenden Epoche” sein soll, halte ich zumindest für eine ignorante Mär.

  4. Künstlerische Werturteile sind grundsätzlich immer subjektiv. Wer sie äußert, bringt vor, was ihm richtig scheint. Es ist ganz sinnlos, einem Urteilenden vorzuwerfen, daß er ein Urteil hat. Was aber nicht heißt, daß alle Urteile gleich viel wert sind. Es gibt gut begründete und weniger gut begründete. Ich persönlich ziehe die erste Sorte vor. Aber das ist auch wieder nur mein ganz persönliches Urteil …

  5. Mit den Kategorien objektiv/subjektiv kann ich im Ernst leider nichts anfangen. Um damit wirklich zu denken oder auch nur nach außenhin zu argumentieren, bin ich behindert durch die Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts und tatsächlich auch durch eigenes langes Nachdenken. Gründe interessieren mich aber nun schon. Lassen die sich vielleicht – in aller Kürze – nachreichen? Was führt zu dem Urteil, dass Peter Hacks der “größte Künstler der zurückliegenden Epoche” sei (was ist “die zurückliegende Epoche?”).
    Freilich könnte man streiten, ob es überhaupt “den” usw. gibt, aber da gehe ich doch mit. Ich bin für eine Palmenvergabe, eben weil die Argumente mich interessieren. Ich lass mich übrigens notfalls gern überzeugen …

  6. Genau das ist aber, was ich meine: Man kann niemanden von der Qualität einer Dichtung überzeugen, den die Dichtung nicht selbst überzeugt hat. Wenn Sie – was ich annehmen muß – Hacks gelesen haben und ihn für schlecht halten, dann ist das rezeptionsästhetisch ein Faktum, und in der ästhetischen Diskussion geht es um solche Tatsachen. Ich kann das nur aufnehmen, nicht ändern.

    Wenn Sie meine Gründe für mein Urteil wissen wollen, so würde ich Ihnen – und in der Tat in aller Kürze – antworten, daß mir vier Kriterien einfallen, wonach ich die Güte eines Dramas beurteile: Dramaturgie, Sprache, emotionale Tiefe und geistige Höhe. Hacks ist der geschickteste Dramatiker seit Kleist,sprachlich ist er in seiner Zeit unübertroffen, was die emotionale Tiefe angeht, so muß man konzedieren, daß er (hierin Wieland sehr ähnlich) einen Hang zum Vergeistigen hat, was ihm allerdings beim vierten Kriterium wiederum zu Gute kommt. Und was die geistige Höhe angeht, so ist Hacks ebenso sehr ein philosophischer Dichter (siehe: Amphitryon und Adam und Eva) wie ein Spiegel seiner Epoche. Sie fragen nun, was die “zurückliegende Epoche” ist; das ist die Zeit des Kalten Kriegs, des Systemkampfs, die Zeit, in der Hacks in der Hauptsache gelebt hat und die von keinem Dichter auf höherem Niveau gespiegelt wurde als von ihm. Letzteres ist natürlich wiederum mein Urteil, aber ich habe ein Buch geschrieben, in dem ich genau diese Frage – das Verhältnis von Hacks zu seiner Zeit – behandle und begründe.

    Und noch ein Wort zur Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts. Ich hatte im Studium großen Spaß an der Analytischen Philosophie und finde die Logik durch das 20. Jh. enorm bereichert. Das hält mich indessen nicht davon ab, darauf achtzugeben, nicht vor fahrende Autos zu laufen.

  7. Nein, ich halte Hacks nicht für „schlecht“, keineswegs. Was soll eine solche Überziehung? Und vor ein fahrendes Auto muss wegen mir auch niemand laufen. Aber dieses Argument ist im Ernst eigentlich so abgestanden, noch dazu für einen Sprachwissenschaftler, dass ich gar nicht weiß, ob sich darüber noch ein Wort zu verlieren lohnt.

    Kniffliger wird es in der Mitte. Wie wird man der „Größte“? Eine Frage, die sicher auch den Autor der Theaterkritik lebhaft interessiert. Ist ein großer Philosoph einer, der viel weiß, etwa auch etwas von der analytischen Philosophie gehört hat? Oder der etwa dramaturgisch geschickt, sprachlich zumindest reichhaltig, „emotional tief“ liegt und „geistig hoch“ steht (*räusper*)? Ich glaube, das genügt leider nicht. Sondern die Frage lautet meist: Was ist das Neue, was es bis dahin in der Wissenschaft bzw. Kunst nicht gegeben hat, was der Mann aber nun endlich eingebracht hat? Das ist es, was zum Beispiel Einstein zum vermutlich größten Physiker des 20. Jahrhunderts gemacht hat, weder seine Publikationsdichte, noch seine allgemeine Informiertheit, emotionale Tiefe, geistige Höhe usw. – sondern, sagen wir, einfach nur die Relativitätstheorie. Das sieht in der Kunst, wie ich meine, im Grunde nicht viel anders aus. Hier fällt mir zu Einsteins hoher Zeit gleich jemand wie Malewitsch ein. Es muss eine Art Quantensprung vorliegen – und der muss vielleicht auch nicht unbedingt rückwärts gewandt sein (durch den Vergleich mit Wieland kann man mich jedenfalls nicht überzeugen, in diesem Fall – und das habe ich mir genau überlegt – nicht einmal mit Kleist).

    Also, falls Sie mir zustimmen, könnten Sie vielleicht benennen, was für Sie das Neue an Peter Hacks ist, das ihn denn zum größten Künstler seiner Epoche machen würde?

    Was nun die Epochenkennzeichnung (“Kalter Krieg“/“Systemkampf“) angeht, so steht wohl dahinter, was man über den Charakter des 20. Jahrhunderts als Ganzes denkt. Hier würde ich sagen: Ich habe verstanden, teile aber die Auffassung nicht. Sie ist exakt auf Peter Hacks zugeschnitten. Der ganz überwiegende Teil dessen, was künstlerisch in den betreffenden Jahrzehnten in der Welt sonst noch so entstanden ist, passt da irgendwie nicht rein, hat darauf gar nicht weiter reagiert… Könnten wir uns, fällt mir gerade ein, vielleicht darauf einigen, dass Peter Hacks der größte deutsche Dramatiker des Kalten Krieges ist (hoffentlich steigen uns jetzt – so kurz vor der Einigung – nicht noch die Heiner-Müllerianer auf’s Dach!)?

  8. Metaphern erklären zu müssen macht verlegen. Ich hatte nicht vor, mich Ihretwegen vors Auto zu werfen. Es gibt Stellen, da ist es sinnvoll, praktisch zu bleiben – das war, was ich sagen wollte.

    Die vier Kriterien, die ich da vorhin aus der Hand geschüttelt habe, lassen sich natürlich nur auf die dramatische Dichtung anwenden und nicht auf die Physik. Umgekehrt sollte man sich ebenso hüten, Verhältnisse aus der Naturwissenschaft auf die Ästhetik zu übertragen. Wissenschaft und Kunst sind doch ganz andere Verhältnisse. So ist z.B. in der Kunst Neuigkeit nur bezüglich des Inhalts wichtig. Eine Kunst, die nur Bekanntes reproduziert, ist uninteressant. Aber was die künstlerischen Mittel betrifft, kommt es nicht auf die Neuigkeit an, sondern auf ihre Eignung für das Kunstziel. Die Mittel können ganz alt sein, wenn sie passen, dann sind es die richtigen.

    Die Kunst kann nur so neu sein, wie die Epoche ist. Lebt der Künstler in einer Zeit, die nicht neu ist, hat er das Pech, inhaltlich nur bereits Bekanntes reproduzieren zu müssen. Lebt der Künstler in einer neuen Epoche, die noch Geheimnisse hat, die noch Möglichkeiten in sich trägt, hat er die Möglichkeit, inhaltlich neu zu sein. Und dann liegt es nur an ihm, ob er es tut.

    Deswegen auch kann ich mich mit Ihnen nicht einigen, was die Frage der Relevanz betrifft. Alle Künstler, die in derselben Zeit leben, haben dieselben Möglichkleiten zur Reflexion. Das Kriterium, das ich (unter anderem) für große Kunst ansetze, ist, inwieweit die Kunst die großen Fragen ihre Epoche reflektiert und bewältigt hat, und daß der Kampf zwischen den zwei Weltsystemen, mithin die Frage nach der Beschaffenheit beider Systeme und der Stellung des Menschen in diesem Spannungsfeld, die größte Frage (oder sagen wir: der bedeutendste Fragenkomplex) der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, kann einer wohl bestreiten, doch niemand, der nicht will, daß ich ihn für einen Trottel halte.

    Im übrigen war die Spiegelung der Epoche des Systemkampfs bei den Literaten dieser Zeit nun weiß Gott kein Minderheitenphänomen. Die Mehrheit hat ihn gespiegelt. Selbst in so scheinbar pastoralen Fragen wie etwa der, wie zärtlich Suleyken war, steckte, wenn auch plebejisch gebrochen, die Beschäftigung mit den großen Zusammenhängen der Zeit. Künstler können doch gar nicht anders; die Frage ist nur, auf welchem Niveau sie die Probleme ihrer Zeit verarbeiten.

  9. Aber das ist doch fast alles nur Unsinn! Und wird von Antwort zu Antwort schlimmer. Ich will die Gedanken nicht im Einzelnen wiederholen (etwa dass in der Kunst “Neuigkeit nur bezüglich des Inhalts wichtig” sei, dass das “Kunstziel” (??) die Mittel heilige, dass eine “Zeit” – ausgerechnet die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts – “nicht neu” sein kann usw.). Aber meinen Sie nicht, und überlegen Sie noch einmal ganz genau, dass Peter Hacks über so eine Verteidigung nur rot geworden wäre? Da hätte ja sogar ich, der ihn gar nicht auf den Thron hieven will, bessere Argumente.

  10. Übrigens: Natürlich halte ich Ihnen Ihre relative Jugend zugute, von Herzen, und dass jemand links vom Parnass herunter grölt, finde ich eigentlich auch ganz lustig. Ich bin ja kein Klassizist – weder was den Klassenkampf, noch was die Kunst angeht. Insofern ist das für mich schon in Ordnung. Nur ist es leider nicht nur ziemlich überdreht und anmaßend, sondern auch nicht wirklich aufrichtig. Und auf diesem Ohr bin ich empfindlich – in sozialer ebenso wie in ästhetischer Hinsicht. Vielleicht, fällt mir da ein, sollten Sie zur Abkühlung, na ja, da Sie ja schon aus dem Kalten Krieg kommen: Ernüchterung, zwischendurch einmal vom Parnass heruntersteigen und – das ist nur ein Beispiel! – ein bisschen Thomas Bernhard lesen (in diesem Fall würde ich seine autobiographischen Schriften empfehlen)? Das würde Sie übrigens vielleicht auch der Musik ein wenig näher bringen, wo die hier propagierten Kunsttheorien (Form/Inhalt etc.) sowieso nicht greifen. Von der sog. Bildenden Kunst will ich an dieser Stelle einmal schweigen.
    Lg Cosinus

  11. In der Tat, lieber Cosinus, war es umgekehrt: Erst habe ich Thomas Bernhard gelesen, und dann bin ich auf den Parnaß gegangen. Und jetzt raten Sie mal, warum.

    “Übrigens” kann man an unserem hübschen Fall sehen, daß es sich bei Diskutanten genauso verhält wie bei den künstlerischen Mitteln. Nicht aufs Alter kommt es an, sondern auf die Qualität.

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