Nov 292012
 

Kriegszeit im Nahen Osten ist Zeit für Gefühle. Hier fast noch mehr als daselbst. Europa ist ein Irrenhaus, worin man den Nahostkonflikt nicht einfach behandelt, sondern an ihm nachweist, wer man ist. Worin man sich nicht einfach den Kopf über seine Lösung zerbricht, sondern ihn darin als Gradmesser des Weltfriedens gleichsam neu erfindet. Das ist so krank, wie es sich anhört. Wofern nicht bereits das übermäßige Interesse an diesem Komplex verdächtig sein sollte, mag doch wenigstens die Zwanghaftigkeit, mit der die Bekenntnisse vorgebracht werden, nachdenklich machen. Bekenntnisse kosten, anders als Argumente, gar nichts. Was keinen Preis hat, hat vermutlich auch keinen Wert. Die populärste Form, Israel und seine Lage zu kommentieren, ist das Bekenntnis. Es fällt, zugegeben, einigermaßen schwer, zwischen IDF-Kitsch und Palästina-Folklore etwas Haltung zu bewahren. Das Ausstellen von Wimpeln und Symbolen ist – wie das Herumziehen in Gruppen – ein Zeichen intellektueller Unsicherheit, obgleich sich auch Brüder von der ausgeschlafenen Fraktion gelegentlich dazu hinreißen lassen, eine Fahne zu schwenken, und sei es nur – wie sie sich selbst versichernd einreden – zur Provokation. But stupid is as stupid does.

Und niemand bleibt ganz unversehrt. Der Nahostkonflikt gleicht dem Passierschein A 38 darin, dass unweigerlich verrückt wird, wer sich damit befasst. Schon aufgrund seiner Vorgeschichte, den Jahrhunderten europäischer und orientalischer Verfolgung und ihrem selbst im äußersten Gedanken nicht mehr zu steigerndem Höhepunkt, dem Holocaust. Die Katastrophe berührt, und wer behauptet, im Angesicht dieser Geschichte ganz nüchtern bleiben zu können, belügt zunächst sich selbst und hernach alle anderen. Die Erfahrung zeigt, dass gerade diejenigen, die erklären, sich von der Schoah ihren Blick auf den Nahostkonflikt in keiner Weise trüben zu lassen, dieselben sind, die den giftigsten Unsinn über ihn verbreiten. An der Geschichte eines Genozids nicht verrückt zu werden bedeutet, sich dieser Wirkung zu stellen, sie bewusst zu machen, das Außerordentliche als Außerordentliches zu begreifen; nur auf die Art lässt es sich beherrschen. Und deswegen ist es so schwer, unbefangen über das Thema zu reden. Alle Äußerungen der Vernunft erhalten fast automatisch eine Schlagseite, da Vernunft dort, wo die Formen der Unvernunft dominieren, zum Kämpfen verdammt ist. Auf das Niveau der Aufklärung zu sinken ist, was sie zwar kann, wo sie aber dennoch nicht ganz bei sich ist. Gegen die Einseitigkeit zu polemisieren ist etwas anderes als nicht einseitig zu sein. Wer kämpft, wird nie ganz gerecht sein können. Es ist ja sinnvoll, dass Schwerter nicht auch noch am Heft scharf sind.

 

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… abgedruckt in: Odysseus wär zu Haus geblieben. Schutzschrift mit Anhang, Berlin 2015.

  2 Responses to “Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens”

  1. […] den jüdischen Nationalismus gerichtet“, schreibt Felix Bartels in seinem lesenswerten Artikel „Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens“. Antizionisten engagieren sich selbstverständlich nicht für die Abschaffung der Nationalstaaten […]

  2. […] Felix Bartels in seinem lesenswerten Artikel „Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens“. Antizionisten engagieren sich selbstverständlich nicht für die Abschaffung der Nationalstaaten […]

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