Weiß der Teufel, warum wir über Witze lachen. Sie spiegeln bloß den Irrsinn wieder, der, als Schwachsinn getarnt, unter den Menschen geistert. Wir lachen am Witz über das, was uns unzählige male im Leben begegnet ist. Begegnen wir ihm im Leben, lachen wir nicht. Wir ärgern uns oder – häufiger – finden überhaupt nichts merkwürdig dabei. Etwa: Kommt eine Jude in eine Fleischerei und sagt: »Ich hätte gern 500g von dem Fisch dort.« – »Aber das ist doch Schweinefleisch.« – »Ich habe dich nicht gefragt, wie der Fisch heißt. Ich hätte gern 500g von dem Fisch.«
Worüber lachen wir? So sind sie doch, die Menschen. Sie alle wollen immer irgendwas, und wenn das, was sie wollen, anrüchig ist, nennen sie es einfach um; als ob es um die Phonetik und nicht um Inhalte geht. Wollen ist eine teuflische Sache. Selbst der unbegabteste Verführer hat einen Gegenstand, an dem er nicht scheitert: sich selbst. »Objektivität«, lese ich bei Dietmar Dath, »ist nichts anderes als ein neutraleres Wort für Gerechtigkeit.« Gerechtigkeit, las ich bei Dath leider noch nicht, ist nur dort möglich, wo der Mensch sich von dem, was er will, emanzipiert. Es geht nicht darum, nichts zu wollen. Es geht darum, sich von dem, was man will, nicht tyrannisieren zu lassen. In jedem Wollen steckt das Subjektive und also
die Gefahr der Borniertheit. Wer die eigene Sache für gut und nur gut hält und alle anderen Zwecke für schlechthin schlecht, ist nicht objektiv noch gerecht; ist, weil er den Menschen so gleicht, kaum noch ein Mensch. Wer ganz Partei ist, hat sein Hirn gegen einen Ausweis getauscht, hat zugelassen, daß eine Seite in ihm alle anderen austilgt, sich mithin der Möglichkeit beraubt, den eigenen Standort und sein Wollen zu begreifen. Wollen, absolut gesetzt, verhindert Wollen. Denn Erkenntnis ist nur möglich, wo das Wollen zurückgenommen ist, und das Wollen wieder kann nur dann in Erfolg umschlagen, wenn Erkenntnis stattfand. Wer will, kann nicht gerecht sein; wer gerecht sein will, darf nicht wollen. Dochdoch: gerecht sein will. Der Widerspruch zwischen Interesse und Gerechtigkeit löst sich im Begriff der Gerechtigkeit selbst auf. Man kann Gerechtigkeit wollen, doch das vollzieht sich nur, wo das Individuum bereit ist, über sich hinauszugehen. Dieses Übersichhinausgehen bedeutet nicht allein, sich selbst in Frage zu stellen, es bedeutet, sich selbst gewissermaßen beim Denken zusehen zu können. Der Dummkopf ist in seiner Haltung gefangen; der Kluge nimmt seine Haltung ein. Um eine Haltung bewußt einzunehmen, ist ein Wissen nötig, das jenseits dieser Haltung liegt, über sie hinausgeht. Dieses Wissen zu besitzen bedeutet zweierlei: Das Einnehmen der Haltung geschieht, weil der, der sie einnimmt, erkannt hat, daß es von Vorteil ist, sie einzunehmen. Und dies Wissen ermöglicht ihm zugleich, die Haltung zu modifizieren und sogar aufzugeben, wo sie nicht sinnvoll ist. Es gibt keine Haltung, die unter allen Umständen sinnvoll ist. Nicht einmal die gerechte. Aber Gerechtigkeit ist die einzige Haltung, die in sich die Möglichkeit zur Erkenntnis auch der eigenen Grenzen trägt. Der Gerechte überwindet, wenn er gerecht ist, sogar die Gerechtigkeit. Aber natürlich ist es in aller Regel gerecht, gerecht zu sein.
Zurück zum Fisch. Das von Parteilichkeit verblödete Bewußtsein geht viele Wege. Der hier ist einer davon. Gleichwohl der beliebteste. Warum soll sich einer die Mühe machen, umwegige Konstruktionen zu installieren, wenn er sein Ziel durch bloße Semantik erreichen kann? Wer auf die nackten Weiber von Helmut Newton wichst, hält sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht für ein Ferkel, sondern für einen Kunstliebhaber. Nichts übrigens gegen Ferkel oder Kunstliebhaber, und gegen nackte Weiber schon gar nicht. Im Alltag hat der doppelte Boden seinen Reiz, ekelhaft wird es zumeist erst dann, wenn das Wollen ein politisches ist. Nirgends wird das deutlicher als beim heißesten Eisen, das die gegenwärtige Politik im Feuer hat: dem Verhältnis von Islamkritik und Israelkritik, oder sagen wir doch der Ehrlichkeit halber: Islamhaß und Israelhaß. Beide Haltungen sind Schibboleths, unter denen sich Vertreter bestimmter Ideologien (der Neokonservatismus und der Antiimperialismus vornehmlich) sammeln. Beide sind (weil ihr Ursprung ideologisch und nicht theoretisch ist) ganz dem Wollen geschuldet und davon gekennzeichnet, daß ihre Vertreter gegen Tatsachen erhaben sind. Beide im übrigen nehmen den dümmsten Grundsatz, den Politik haben kann, zum verborgenen Leitgedanken: den Ausschluß eines Dritten. Wer Israel verteidigt, muß den Islam ablehnen, und wer Israel ablehnt, der muß den Islam verteidigen. Man kann nicht beides tolerieren oder beides ablehnen. In diesem Wahn leben diese verfeindeten Brüder gemeinsam, denn alle Spinner gleichen sich darin, daß sie spinnen.
Ich versichere: Der Ausdruck Spinner meint hier genau das, was er meint. Ich denke dabei an die dreizehnte Fee, die einsam im Turm sitzt und dort, den anderen zwölfen übelnehmend, daß sie beim Reise-nach-Jerusalem-Spielen verloren hat, sich ihren eigenen Pullover mit einer von Mißgunst vergifteten Spindel zusammenstrickt. Ein Spinner hat nur eine Sorge: daß sein sorgsam gefügtes Weltbild auch morgen noch stehe, und da er ein so schönes Bild von der Welt hat, stört die Welt eigentlich nur. Die Welt ist das, was ihm unangenehm zwischen sich und seine Bedürfnisse kommt. Henryk M. Broder zum Beispiel entblödete sich nicht anzudeuten, Islamhaß habe mit Antisemitismus so viel gemein wie die »Wehrmacht mit der Heilsarmee«, was auch dann, wenn man die offenkundigen Unterschiede zwischen Islamophobie und Antisemitismus nicht leugnet, eine dreiste Umdeutung gemeinhin bekannter Begriffe ist, an deren Ende die Unterscheidung zwischen einem guten und einem schlechten Rassismus steht. Oder Dieter Dehm, der im besten Geiste verschämter Internats-Logik – Es ist nur schwul, wenn sich die Hoden berühren – die originelle These aufstellte, von Antisemitismus lasse sich erst dann reden, wenn wieder massenhaft Juden umgebracht werden, weswegen man mit der Naziriecherei doch endlich mal aufhören solle (die letzte Formulierung, ich gebe es zu, stammt nur sinngemäß von Dehm, wörtlich ist sie von Konrad Adenauer). Man darf auch an Werner Pirker denken, der, als vor zwei Jahren im Iran die Opposition auf die Straße ging, in dieser Bewegung die »konterrevolutionäre Revanche an der Islamischen Revolution als Emanzipationsprozeß der Volksklassen« zu erblicken meinte und auf die Art fertig brachte, die klerikal-faschistische Reaktion und eigentliche Konterrevolution des Ayatollah Khomeini zu einer Art sozialistischen Revolution umzublödeln. Auf der anderen Seite wiederum finden sich nicht wenige Linke, die in einer berechtigten Ablehnung ebensolcher reaktionärer Bewegungen des Islamismus die USA zum Inbegriff der westlichen Moderne hochmogeln, obgleich dieses Land selbst ein Aggregat einiger merkwürdiger Elemente ist (Todesstrafe; eingeschränkte sexuelle Freizügigkeit; Kampf gegen Abtreibung; Umgang mit Prostitution, Pornographie oder Homosexualität; Unaufgeklärtheit der Bevölkerung; religiöses Sektenwesen, Kreationismus etc.), die in Europa, dem wirklichen Zentrum des Abendlandes, längst oder viel gründlicher überwunden sind. Anschließt sich sodann jenes Kunststück, das die sogenannte Kritische Linke seit ihrem Bestehen zum Staunen der hirnhaften Welt vorführt: einerseits davor zu warnen, die besondere Struktur des Antisemitismus mit irgendeiner anderen Art des Schwachsinns zu verwechseln, und hinter jedem Versuch, Judenhaß in Zusammenhang mit anderen Richtungen des Rassismus zu bringen, den verkappten Versuch zu erblicken, den Antisemitismus zu »relativieren« – die hirnhafte Welt weiß hingegen, daß Relativieren nur ein anderes Wort für Begriffsbildung ist, daß also nicht entscheidend ist, ob relativiert wird, sondern auf welche Weise –, anderseits aber den Antiamerikanismus mit dem Judenhaß doch irgendwie in eins zu setzen und dadurch genau das zu tun, was man eben noch verboten hat. Sie wissen: Ich liebe lange, komplizierte Sätze. Nicht nur, weil das Konstruieren solcher Gebilde lustig ist, sondern auch, weil sie ein zuverlässiges Mittel sind, diejenigen, von denen sie in aller Regel handeln, aus der Lektüre aussteigen lassen. Es plaudert sich besser, wenn die Kinder im Bett sind. Diese alle – der ehrbare Xenophob Broder, der rotbraune Volksfrontler Pirker, die von ihrer Schlauheit verdummten Wertkritiker und der von seiner Dummheit verdummte Dehm – stehen in ganze Horizonte ausfüllenden Phalanxen zeitgemäßer Kommentatoren, die, um wollen zu können, was sie wollen, nicht wissen dürfen, was sie wollen. Sie alle träumen von Fleisch und reden von Fisch; gefühlte Fisch sozusagen.
Bodenproben aus dem Sumpf sind alle gleich. Wo immer man reinsticht, überall dieselben Erreger. Ich hätte auch Paech statt Dehm oder Herzinger statt Broder sagen können. Das ist austauschbar. Bemerkenswert hingegen, daß auch die behirnte Welt gelegentlich Fisch kaufen geht. Was die Sache nicht besser macht, nur weniger entschuldbar. Nehmen wir zwei Beispiele aus der jüngeren Zeit und fairerweise von jeder Partei eines. Das erste ist Moshe Zuckermann. Dieser nicht dumme Marxist hat ein unglückliches Händchen für übelriechende Bündnispartner. Er ist sicher nicht so windig wie der schlichte Uri Avnery, der auch der rechtsradikalen Zeitschrift Junge Freiheit gern mal ein Interview gibt, aber merkwürdig genug bleibt sein Verhalten doch. Es ist keine Neuigkeit, daß die israelische Linke mit Beginn der zweiten Intifada zusammengebrochen ist, was vielleicht etwas damit zu tun hat, daß auch linke Israelis zunächst einmal überleben wollen. Politisch richtig wird die Aufgabe der linken (also auf Änderung sozialer Strukturen abzielenden) Position zugunsten einer Beschwörung des nationalen Zusammenhalts damit noch lange nicht. Nicht alles, was sich erklären läßt, ist auch gleich richtig. Zuckermann sagt übrigens dasselbe über den Zionismus, den er durchaus als zwangsläufige Folge geschichtlicher Vorgänge bestimmt und nicht, wie viele derer, die ihm hierzulande Beifall spenden, als Installation finsterer Mächte zur Landnahme eines dem arabischen Volk von Natur zugehörigen Bodens. Obwohl offenkundig ganz unterschiedliche Ab- und Ansichten vorliegen, hält Zuckermann für angezeigt, mit Leuten zu paktieren, deren erklärtes Ziel ist, den Staat Israel zu liquidieren. Sicher, politische Einsamkeit ist keine schöne Sache. Die meisten, denen der Rückhalt derart wegbricht, werden darüber verrückt. Da es nicht jedem gegeben ist, auch ohne kollektiven Rückhalt an seinen Positionen festzuhalten, bleibt diesen Leuten nur die Wahl zwischen dem Rückzug und einem Bündnis mit inkompatiblen Kräften, das die schleichende Aufgabe der eigenen Positionen zur Folge hat. Das Bestreben, in einer neu formierten politischen Landschaft Anschluß zu finden, führt zu vielen geistigen Verrenkungen und nachträglichen Umdeutungen. So hat Zuckermann sich auf einen langen Marsch begeben, der zuletzt einen Beitrag zur Frage nach dem Antisemitismus in der Partei Die Linke hervorbrachte. In dem Artikel steht weißgott nicht nur Unsinn. Insbesondere zur Politik der israelischen Regierung teilt Zuckermann – wenn auch einseitig, da er das Verhalten der palästinensischen Seite aus seiner Darstellung ausschließt – Zutreffendes mit. Was Die Linke angeht, urteilt er richtig, daß es dem FDS-Flügel wohl kaum um mehr als die Koalitionsfähigkeit der Partei zu tun ist. Aber auch hier ist der Beobachter blind für die andere Seite. Dem geschulten Marxisten Zuckermann hätte ruhig auffallen dürfen, daß Netzwerke wie die AKL und SL ebenso sozialdemokratisch orientiert und von der Idee einer auf Vergesellschaftung beruhenden Gesellschaft kaum weniger weit entfernt sind als Gysis Truppe. Und gleichfalls hätte ihm auffallen können, daß sein Diktum, demzufolge »man die spezifische historische Genese des Zionismus kritisch reflektieren kann, ohne deshalb schon die schiere Existenz des Staates Israel in Abrede stellen zu wollen«, gerade von vielen derer, die Zuckermann mit seinem Kommentar zu verteidigen gedenkt, mißachtet wird. Ich will noch nicht einmal von all jenem Kroppzeug sprechen, das sich in den Kommentarspalten von Online-Portalen, Webblogs oder in Internetforen rumtreibt, wo man den Satz, daß Israel »keinerlei Existenzrecht« hat, etwa ebenso oft lesen kann wie den, daß bislang keiner der Kritiker des Herrn Sarrazin dessen Neuer Rassenkunde stichhaltige Argumente entgegengehalten habe. Ich spreche auch nicht vom Fußvolk an der Basis der Partei, das fleißig Konferenzen, Demonstrationen oder Workshops mit sich vollmacht und jede sinnvolle Diskussion in einem Sumpf aus Parole, Emotion und Lüge ertränkt. Ich spreche wirklich von Berufspolitikern, Leuten, die der Partei nicht zugelaufen sind, sondern von ihr zu Kandidaten gemacht wurden. Unter ihnen mögen ganz besonnene sein, wie etwa Wolfgang Gehrke, aber die Debatte bestimmen – zumindest nach außen – allemal pathologisch verbildete Gestalten der Marke Höger, Buchholz und Dierkes, die den israelischen Staat auf die eine oder andere Weise liquidieren wollen. Und dann schreibt Zuckermann jenen Satz, der das Niveau, auf dem die Debatte geführt wird, vorzüglich ausdrückt: »Linke können schlicht nicht antisemitisch sein, und wenn sie es sind, dann sind sie auch keine Linken mehr.« Rumsti! Da isser wieder, der gefühlte Fisch. Ich will Zuckermanns Sentenz ein Kategorisches Argument nennen. Der Vorgang ist: Einer versucht eine Sache von einem Vorwurf zu befreien, den sie sich – aus welchen Gründen immer – zugezogen hat. Er könnte die Gelegenheit nutzen, eine differenzierte Einschätzung des Verhältnisses zwischen der Sache und der ihr im Vorwurf zugeschriebenen Eigenschaft zu erlangen, was – vorausgesetzt, der Vorwurf ist unberechtigt – die beste Verteidigung dieser Sache wäre. Er könnte also, wenn es um die Linke und den Antisemitismus geht, sich bemühen, das Verhältnis der linken und der antisemitischen Haltung historisch und ideell zu bestimmen. Er bräuchte eine solche Bestimmung nicht zu fürchten, wenn zutrifft, was er ja beweisen will: daß die Vorwürfe ganz unbegründet sind. Das kategorische Argument kommt dort ins Spiel, wo ein solcher Beweis umgangen werden soll. Die Ahnung, eine Untersuchung könne Unangenehmes zutage bringen, erzeugt das Bedürfnis, dem Gegenstand a priori Eigenschaften zuzuschreiben, die noch vor Beginn jeglicher Untersuchung determinieren, daß der Gegenstand vom betreffenden Vorwurf freigesprochen muß. Es mag Leute geben, die ein solches Verfahren für offensiv halten, in Wahrheit ist es, was Dogmatismus immer ist: ein Zeichen intellektueller Ängstlichkeit. Die Zuckermann übrigens nicht nötig hätte, triebe ihn – der noch 2003 öffentlich kundgab, daß die Überwindung des Zionismus etwas anderes als Antizionismus sei – nicht das Bedürfnis, Bündnispartner zu verteidigen, die sich von seinem Standort aus nur schwer verteidigen lassen. In seinem Verdikt liegt – ganz klar – ein Moment der Verunklärung. Es wird suggeriert, daß Antisemitismus und linke Haltung gänzlich verschiedene Dinge sind, zwischen denen ein klarer Übergang eindeutig bestimmbar ist. Es schließt die Möglichkeit aus, das Allgemeine könne das Besondere (und sei es als degenerative Entladung) enthalten. Mißachtet wird die Pointe, daß im theoretisch schlecht verarbeiteten und mit Ressentiments beladenen Antikapitalismus der Antisemitismus der Möglichkeit nach vorhanden ist, daß im Linkssein selbst eine entsprechende Tendenz liegt, die allerdings erkannt werden und der durch Bewußtheit, vor allem durch Theoriebildung, entgegengewirkt werden kann. Zuckermann fällt mit seiner Äußerung noch hinter August Bebel zurück, der den Antisemitismus – sicher nicht das ganze Phänomen, aber doch ein wesentlichen Element treffend – als Sozialismus der dummen Kerls bestimmt hat. Und er ignoriert die große Zahl linker Elendsgestalten, wie etwa Ruth Fischer, die zehn Jahre nach Bebels Tod bei eben diesen dummen Kerls, vor denen Bebel noch gewarnt hatte, fischen ging: »Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie.« So falsch Zuckermanns Satz theoretisch ist, so schädlich ist er im Politischen. Die Botschaft lautet: Ihr braucht eure Haltungen nicht zu hinterfragen, solange ihr nur links seid. Und wo wäre der Linke, der an seinem Linkssein etwa zweifelte? Dies im Kopf bleibt nur eine Frage: Ist es möglich, Zuckermanns Äußerungen keinen Freibrief zu nennen zum Ausleben all jener psychologisch verankerten und über Jahre sorgsam konditionierten Reflexe, die mit objektiver (also gerechter) Betrachtung des Nahen Ostens so viel zu tun haben wie das Gebimmel der Kuhglocken mit Musik?
Der Unfug, der bei Zuckermann in einem Satz untergebracht ist, wird bei Gerhard Scheit in einem ganzen Text ausgebreitet. Darin behauptet dieser anläßlich des Massakers von Utøya, daß der Attentäter Anders Behring Breivik kein Islamophob war, obgleich der selbst darauf besteht, einer zu sein. Ich mag nicht entscheiden, ob ein ausgebreiteter Unsinn schlimmer ist als ein komprimierter, will aber, ebenso wie bei Zuckermann, durchaus nicht verbergen, daß der Autor – anders als das eingangs erwähnte Fußvolk – nicht aus Unfähigkeit zu seinen merkwürdigen Schlüssen kommt, sondern aus politischem Interesse. Scheit ist ein wahrhaft spekulativer Denker, der unfähig ist, einfache Gedanken zu haben. Das ist eine famose Eigenschaft bei einem Theoretiker, schließlich bedeutet Theorie, die Welt begrifflich zu erfassen, und die Welt ist alles, nur gewiß nicht einfach. Scheits Hauptthema, wie immer er selbst es nennen mag, ist die Widerlegung der Romantik. Der moderne Antisemitismus ist, wie man weiß, ein Kind der Romantik und von seiner Struktur ihr ähnlich; wie diese ist er Kapitalapologie vermittels antikapitalistischer Phraseologie (die sich beim Antisemitismus besonders auf die Erscheinungsformen des Kapitals bezieht). Vielleicht erklärt sich die intime Beziehung zwischen Romantik und Antisemitismus schon vollständig daraus. Gerhart Scheit seziert mit Vorliebe konkrete Früchte der romantischen Ideologie. In »Suicide Attack« z.B. untersucht er die ideellen Strukturen des Terrorismus. Daß die Annahme, mit Attentaten Politik machen zu können, eine Frucht der Romantik ist, darf seit Carl Ludwig Sand als offensichtlich betrachtet werden. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich prügle diesen Sack nicht zum ersten Mal. Auch Scheits »Wahn vom Weltsouverän« ist nicht übel. Mit Hegel und Hobbes gegen das Völkerrecht zu argumentieren ist Antiromantik im besten Sinne und offenbart, daß die theoretisch ebenso dürftig wie falsche Auffassung der internationalen Abkommen, Chartas und Absichtserklärungen als veritable Rechtsformen (vergleichbar mit der Verfassung, dem Zivil- oder Strafgesetzbuch eines Staates) zu einer irrationalen Politik führen muß. Scheit, will ich sagen, kann sich auf seine Sagazität einiges einbilden, aber die Kehrseite dieser Eigenschaft offenbart sich, wenn er einmal nicht seine Gegner analysieren soll. Das spekulative Denken, obgleich eingestanden seine höchste Form, birgt die Gefahr, sich ganz in sich zu versenken. Gerade weil es nicht mehr bedarf als einer Prämisse und allen weiteren Fortgang vermittels Logik vollzieht, kann es leicht den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren. Dergleichen geschieht, wenn der betreffende Denker unachtsam ist, oder aber, wenn er es beabsichtigt. Der ganze Sinn des Scheitschen Kommentars besteht darin, dem Irren Breivik die exakt entgegengesetzten Motive zu unterstellen, als der tatsächlich und nach eigenem Bekunden hatte. Auch jemand, der Scheit sehr wohl will, muß zugeben, daß es für ein solches Vorgehen ein einfaches und nicht schönes Wort gibt. Das Motiv, das Motiv des Attentäters umzudeuten, ist leicht auszumachen: Scheit ist Islamophob, Breivik ist es auch, und Scheit mag nicht in einer Welt leben, in der ein Anhänger seiner Ideologie solch scheußliche Dinge tun kann. Ein Gefühl, das sich gut nachvollziehen läßt, und der Schwachsinn eines Robert Misik, der europäische Islamophobiker quasi zu Mittätern am Massaker hysterisiert hat, sollte nicht unwidersprochen bleiben. Aber die Frage nach dem Wie ist nicht nebensächlich. Man kann es z.B. wie Klaus Bittermann tun, konkret am Fall, ohne Geschiebe. Und man kann es wie Scheit tun, der also zum Fleischer geht, um Fisch zu kaufen. Dabei tritt die spekulative Eigenart, von der ich eben sprach, sichtbar hervor: Ist der Motor erst einmal angeworfen, guckt der Fahrer nicht mehr aus dem Fenster. Dann geht es, wenn nicht eine Mauer sich unfreundlich in den Weg stellt, immer geradeaus dem Sonnenuntergang entgegen. Breiviks Motiv, teilt Scheit mit, sei nicht Antiislamismus, sondern »purer Neid auf den Islam«, genauer: »als Hass hervortretende(r) Neid«. Rumsti! Breiviks Ablehnung des Islam ist also recht eigentlich Islamismus. Das Argument ist so offenkundig fishy, daß selbst sein Urheber unterläßt, es deutlich auszusprechen: Offenbar kann, wer Kinder ermordet, kein Gegner des Islam sein, da dergleichen (sollte ich sagen: bekanntlich?) nur Islamisten tun. Man zeige mir die Ideologie und die Untat, mit der diese Argumentation nicht funktionierte: Der Reichstagsbrand war keine faschistische Tat, sondern Ausdruck puren Neides auf die Kommunistische Bewegung, die selbst so allerhand in Brand gesteckt hat. Das Massaker von Katyn war kein Kriegsverbrechen der Roten Armee, sondern lediglich den Verbrechen der Deutschen Wehrmacht nachempfunden. Der Bombenabwurf über Hiroshima war kein Resultat imperialistischer Großmachtansprüche, sondern Ausbruch versteckter Bewunderung für das Japanische Regime, das sich Skrupel, eine Atombombe einzusetzen, ganz gewiß nicht geleistet hätte. Schuld wären demnach nicht die Täter und ihr Denken, sondern, wenn zwar nicht gleich die Opfer, so doch immerhin die Gegner der Täter. Der Gedanke ist kindisch und folglich weit verbreitet. Wiewohl jede politische Richtung – die eine freilich mehr, die andere etwas weniger – ihre Untaten vorzuweisen hat, ist es das vorzügliche Geschäft ihrer Anhänger, grundsätzlich und immer die Untaten der eigenen Richtung zu leugnen, abzuschwächen oder einer anderen Richtung zuzuschreiben, während die der anderen Richtungen grundsätzlich nicht geleugnet, abgeschwächt oder wem anders zugeschrieben werden dürfen. Und Scheit leitet aus diesem Affekt, der als unmittelbare Reaktion auf die norwegischen Ereignisse vielleicht noch entschuldbar wäre, ein allgemeines Gesetz ab: »Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Es gibt keine Islamophobie. Es gibt Antisemiten, die entweder links oder rechts stehen, die für oder gegen den Islam sind.« Das gegen Tatsachen erhabene Denken nennt sich Ideologiekritik und kann, solange es keinen Anspruch auf theoretische Alleinherrschaft erhebt, eine nützliche Sache sein. Die historische Perspektive ist manchmal blind für das, was durch die Zeiten hindurch wirksam bleibt. Da ist eine dezidiert nicht-historische, betont geistig-strukturell orientierte Perspektive ein gutes Korrektiv. Und trotzdem ist es unmöglich, etwas Sinnvolles über eine gesellschaftliche Erscheinung zu äußern, wenn man von ihrem konkreten Gehalt vollständig absieht. Genau das aber tut Scheit hier und legt somit einen – strukturellen – Offenbarungseid ab. Über den modernen Antisemitismus sagt man, daß sein Merkmal der Anspruch ist, die gesamte Welt zu erklären. Dasselbe tut Scheit, indem sich für ihn alles und restlos aus dem Antisemitismus erklärt. Es ist dieselbe Kaprice, nur nicht vermittels des Antisemitismus, sondern zum Zwecke seiner Widerlegung. Man täte der Struktur nicht das Mindeste an, kehrte man ihre Tendenz um: Es gibt keinen Antisemitismus, sondern nur Neid auf das Judentum und also entweder kaschierten oder offenen Zionismus. Die Welt sträubt sich natürlich, dem Scheitschen Gesetz (und seiner Konversion) zu folgen. Es gibt, soweit ich sehe, überhaupt keine gesellschaftliche Erscheinung, die keine Feinde hätte, und der Islam wäre gewiß eine der letzten, die im Verdacht stünde, ohne Feinde zu sein. So schwachsinnig die heute oft geäußerte Behauptung ist, Islamhaß sei der Antisemitismus der Gegenwart, so abwegig ist die Vorstellung, im Zusammenhang mit Islamophobie lasse sich ausschließen, was allzu oft hinter dieser Haltung steckt und sie motiviert: ordinäre Xenophobie. Auch die Kulturkritik, die ja mit Argumenten arbeitet, bedient das Stammtischgerülpse, das man vor 10 Jahren noch ohne Schwierigkeiten als Ausländerhaß erkannt hätte. Heute darf sich jeder Idiot, ohne eine Zeile Goethe gelesen zu haben, als Vertreter des Abendlandes fühlen, und eine gesittete, vom aufklärerisch-religionskritischen Standpunkt aus vorgenommene Kritik des Islam wird sich fragen lassen müssen, warum sie z.B. zum immer noch aufrecht erhaltenen Verhütungsverdikt des Vatikan, das in Afrika zehntausende Menschen das Leben gekostet hat und fernerhin kosten wird, beharrlich schweigt. Und solange die gesittete Islamkritik ihr nachtropfendes Fußvolk nicht strikt von sich weist, ist schwer einzusehen, woher ausgerechnet sie das Recht nehmen sollte, israelkritischen Linken vorzuwerfen, daß sie sich nicht gründlich genug von Antizionisten in den eigenen Reihen distanzieren.
Natürlich kann man sich an Fisch ebenso vergiften wie an Schweinefleisch. Islamkritik und Antizionismus sind, wie gesagt, die Feldzeichen, unter denen sich die konkurrierenden politischen Fraktionen von heute versammeln. Die Islamkritik spricht vom Westen und der Moderne, aber sie artikuliert durch ihren Begriff des strukturellen Antisemitismus – da der praktisch eine Verteidigung von US-Imperialismus und Finanzsystem zum Resultat hat – die Interessen heutiger Oberschichten. Praktisch ist sie nicht pro-modern, sondern pro-kapitalistisch. Auf der anderen Seite steht eine Linke mit dem berechtigten Anspruch, Imperialismus und Kapitalismus zu bekämpfen, aber sie läßt sich von ihren Gegnern ebenso wie von irren Gestalten in den eigenen Reihen dazu verleiten, ihre Kapital- und Imperialismuskritik (die sich z.B. auch gegen Länder wie den Iran richten müßte) auf ein Ressentiment gegen das Finanzsystem und den US-Imperialismus runterzubrechen. Wie schwach sie ist, sieht man daran, daß sie nicht in der Lage ist, eine nicht-zionistische Position anzustreben, ohne in eine anti-zionistische zu fallen. Politische Bewegungen scheinen weniger durch immanente (also wahrhafte) Gründe geleitet zu sein, als vielmehr durch die Bewegungen ihres Gegners. Besetzte Positionen provozieren Gegenbewegungen. Der Zwang, gegenhalten zu müssen, macht abhängig vom Denken des Gegners. Das ex-negativo-Denken ist die Dialektik der Schwachköpfe, deren Kraft nicht ausreicht, den eigenen Standort aus sich selbst heraus zu bestimmen, für die folglich jede Bewegung des Gegners konstitutiv und im wahrsten Sinne ein definitorisches Moment ist. Das Spiel bestimmt somit, wer agiert, und wer reagieren muß, verliert. Das Ergebnis sind weltanschauliche Inhalte, die mitunter so peinlich sind, daß man sie wirklich nur ertragen kann, wenn man sie falsch benennt.
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