Aug 022009
 

Ich halte wenig von jener Sorte Atheismus, die einfach ein anderes Wort für Geistlosigkeit ist. Die Erkenntnis, daß Gott nicht existiert, ist ganz billig zu haben, aber wie alle billigen Waren muß man auch diese zuvor von den Filzläusen befreien. Meine Erfahrung ist, daß Theologen in der Regel klüger sind als Atheisten, und meine Vermutung ist, daß das nicht darin liegt, daß es klüger ist, kein Atheist zu sein, sondern darin, daß es klug ist, den Atheismus allein keineswegs schon für eine Leistung zu halten. Erst wenn man in der Lage ist, den weltanschaulichen Gehalt, den die Religionen über die Jahrtausende angehäuft, transportiert und bewahrt haben, sich als Nicht-Gläubiger anzueignen, wenn man also zu einem Atheismus gefunden hat, der nicht bloß darin zufrieden ist, das Religiöse zu negieren, wird man die Religion Continue reading »

Jul 012009
 

Ja, ich und Kant, nicht: Kant und ich.

Das war nie eine besondere Liebesgeschichte. Natürlich ist man als normaler Mensch geradezu verpflichtet, sich für Kant zu interessieren, und so gab und gibt es auch bei mir ein stets lebhaftes Interesse an ihm. Allerdings starb das immer in dem Maße, in dem ich dann diesem Interesse Folge leistete und ihn las. Und es wuchs genau in dem Maße, in dem ich es dann wieder nicht tat. Es ist, als wäre da eine Stahlfeder zwischen uns, Kant und mir, pardon: mir und Kant: Repulsion und Attraktion sinken jeweils in genau dem Maße, in dem man diesen Strebungen nachgegeben hat. Die Lektüre erzeugt Abstinenz und umgekehrt. Allein deswegen also schon, weil ich unfruchtbare Bewegung und Entwicklung zu unterscheiden weiß, bin ich mit Kant nicht gut Freund. Continue reading »

Jun 232009
 

Goethe schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Erst kürzlich las ich wieder einen Goethe-Satz, der mehr enthält als ganze Regale voll von Büchern zum selben Thema:

Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, sittlich Monotheisten.

Wie macht der Mann das? Selbst die Überraschung gerät ja, wenn man sie zu erwarten beginnt, in die Gefahr, ihren Reiz zu verlieren. Jemand also, der immer wieder überrascht, muß über einiges mehr verfügen als bloß die Fähigkeit zu überraschen.

Ich lese Goethe, seit ich denken kann; manches von ihm immer wieder. Er ist der einzige Dichter, der Continue reading »

Jun 192009
 

Als aber die frühgeborene erschien, die rosenfingrige Eos …

Aller Anfang ist schwer, heißt es, und müßte doch heißen: Aller Anfang ist falsch. Der Anfang ist eine widersinnige Sache, in der gesetzt wird, was doch erst späterhin erlangt werden kann. Vielleicht war es dieser Gedanke, der Parmenides zu jenem Ausspruch brachte, wonach dorthin, von wo aus er anfange, er jedenfalls auch wieder zurückkehren werde. Fasse ich spätere Philosophen ins Auge, die ebenfalls die Frage nach dem Anfang gestellt haben – Aristoteles etwa, Kant und Hegel – so sehe ich, daß auch sie es darin nicht viel weiter gebracht haben als Parmenides. Mag sein, sie haben die Frage bereichert; die Antwort nicht. Continue reading »