Mrz 052020
 

»Die Känguru-Chroniken«

Was tun mit einem Buch, das verfilmt werden soll, aber nicht verfilmt werden kann? Was immer sich anführen lässt zugunsten von Marc-Uwe Klings »Känguru«-Bänden (entstanden zwischen 2009 und 2014), sie sind viel zu episodisch und weitläufig, viel zu gedanklich und dialogisch auch, um hieraus eine gebundene Sache wie die Handlung eines Films gewinnen zu können. Folglich gab es zwei Wege: einen im Buch vorhandenen Strang herausschälen und zum filmtragenden Geschehen aufpumpen, oder aber eine völlig neue Handlung schaffen, die nicht der Erzählung, doch den Figuren treu bleibt. Regisseur Dani Levy und der auch für das Drehbuch verantwortliche Autor Marc-Uwe Kling entschieden sich für den zweiten Weg, und vermutlich war das richtig. Continue reading »

Mrz 042020
 

Zum neusten Schmerz des Dietmar Hopp

Die DFL bedient sich einer gigantischen Propagandamaschine. Sport1, Sky und Springerblätter, Spieler und Trainer mit Social-Media-Auftritten, Ehemalige an den Mikrophonen, Lokalpolitiker und sogenannte Edelfans. Diese Maschine muss der Liga gar nicht gehören, es sind die gemeinsamen Interessen – wirtschaftliches Anwachsen, Aufstieg in der Fünfjahreswertung, Durchdrücken einer liberalen Agenda –, die das Gleichstreben besorgen. Wie gut geölt der Koloss ist, wird insonders während derjenigen Skandale anschaulich, die an das Innerste des Betriebs rühren. Continue reading »

Feb 202020
 

»Weißer, weißer Tag«

Im Outback Islands, jenes eigenartigen Staats, der fast ausschließlich an seinen Küsten besiedelt ist, scheint sich die Handlung dieses Films zuzutragen. Der Polizist Ingimundur (Ingvar Eggert Sigurosson) lebt nach dem Unfalltod seiner Frau in zeitweiligem Ruhestand. Die Verhältnisse der verbliebenen Familie sind schwierig, einzig mit seiner Enkelin Salka (Ída Mekkín Hlynsdóttir) pflegt er unbeschwerten Umgang. Als der Verdacht aufkommt, sein Nachbar Olgeir (Himir Snaer Guonason) habe eine Affäre mit seiner Frau gehabt, beginnt Ingimundur zu ermitteln. Immer mehr beherrscht ihn der Gedanke der Rache. Continue reading »

Feb 182020
 

»Bombshell«

Wie Adam McKay ist Jay Roach den seltsamen Weg von der seichten Komödie zum Politdrama gegangen. Und wie bei dem bleibt dieses Herkommen in den späten Filmen spürbar. McKay arbeitet mit Durchbrechen der 4. Wand, Voiceover, Mockumentarystil und Archivmaterial. Roach bewahrt den fiktionalen Charakter mehr, doch beider Politfilme haben gemein, dass flottes, oft irritierend-arhythmisches Pacing sowie ein Übergewicht an Diktion das Komödienhafte erhält und so eine eigentümlich neue Sorte Politdrama etabliert, die sich von dem, was etwa Oliver Stone, George Clooney oder Jason Reitman tun, unterscheidet. Continue reading »

Feb 082020
 

Geschichte wiederholt sich nicht nicht – Ein paar Takte zu Thüringen

Wer untot ist, ist noch nicht tot. Aber er lebt auch nicht mehr, und wer nicht lebt, tut besser daran, gleich ganz weg zu sein. Wenn er dann auch nichts ausrichtet, es entsteht zumindest Platz für Befugteres. Die Linke hatte den Zustand ihrer Untöte erreicht, seit sie begann, sich die Sorgen der Mitte zu machen. Ich will sie gar nicht tot, ich will sie wieder lebend. Wie reanimiert man einen Zombie? Continue reading »

Jan 302020
 

»Little Women«

Viel schon wär erreicht, wenn ein Film von, über und mit Frauen nicht gleich auch einer für Frauen sein muss. Wenn Frauenthemen nicht als partikular gelten, während Männerthemen für universell genommen werden. Und wenn man von einem solchen Film nicht mehr erwartet, dass an ihm auch gleich die Welt gesunden müsse. In der turnusmäßigen Aufregung vor den Oscars schlug, nachdem »Little Women« als einziger Film einer Frau fürs Best Picture nominiert wurde, die Stunde des Sonntagsfeminismus. Continue reading »

Jan 232020
 

»Weathering With You«

Nachdem Isao Takahata und Hayao Miyazaki über Jahrzehnte hinweg den japanischen Animationsfilm bestimmt hatten, blieben mit ihrem Ruhestand stilistische Maßgaben zurück, denen sich heute kaum ein Anime-Regisseur entziehen kann. Was die kommenden Jahre betrifft, zeichnet sich unterdes ab, dass es wiederum zwei Regisseure sein werden, die das Genre dominieren, Mamoru Hosoda und Makoto Shinkai. Anders als die Ghibli-Gründer arbeiten sie nicht zusammen, und anders als bei denen scheint ihr Verhältnis von Respekt geprägt. Hosoda ist der bessere Erzähler; seine Stories erweisen sich als komplexer, vielseitiger in den Ideen, präziser in den Raum- und Zeitstrukturen. Shinkai ist der bessere Director; die Figuren noch im traditionellen Manga-Stil haltend schafft er bei den Hintergründen ein Festspiel von Effekten, das nicht nur in Japan ohne Gleichen steht. Continue reading »

Jan 162020
 

»1917«

Film ist ein Ding, das tut, als sei es Vorgang. Oneshot eine Szene, die tut, als sei sie Film. »1917« nun ein Film, der tut, als sei er Oneshot. Spielerei mit Weltkrieg also? Es fing ja früh an, mit Hitchcocks »Rope« (1948), wo die Bemühung einer kontinuierlichen Einstellung noch durch die Laufzeit der Filmrollen begrenzt war. Folglich musste er genau das machen, was Sam Mendes jetzt freiwillig tut – einen Film schneiden, der wie ein ungeschnittener aussieht. Genauso verhält es sich bei »Birdman« (2014) und dem zu Recht kaum beachteten »Bushwick« (2017). Tatsächlich ungeschnittene Filme wie »Russian Ark« (2002), »Victoria« (2015) oder »Utøya 22. Juli« (2018) verenden dagegen, weil die Produktionsnotiz zur Hauptnachricht wird. Was »One Cut of the Dead« (2017) wenigstens ins Witzige wendet, insofern dieser Film die eigene Entstehung miterzählt. Der tatsächliche Oneshot bleibt beschränkt; man kann nicht das beste Material wählen, muss auf die szenischen Möglichkeiten der Montage verzichten, zeitlich gebunden bleiben. Der scheinbare Oneshot ist die größere Herausforderung; seine Schnitte müssen elegant verborgen, alles im Takt und am Ort gehalten sein. Wen interessiert, was am Set passierte? Entscheidend ist auf der Leinwand. Continue reading »

Jan 092020
 

»Little Joe«

Es mag nicht klug sein, bereits in der ersten Januarwoche den klügsten Film des Jahres auszumachen, doch ich fürchte, es könnte dabei bleiben. Was Inszenierung und ideelle Struktur betrifft, kann Jessica Hausners »Little Joe« einer der großen Filme 2020 werden, dessen leichte Schwächen im Erzählerischen mit durchrutschen. Continue reading »

Jan 032020
 

»Jam«

Nun ist SABU gewiss oft mit Tarantino verglichen worden, und selten ergiebig. Doch »Jam« erinnert in Struktur und Erzählweise tatsächlich etwas an »Pulp Fiction« (1994). Wie dort werden hier drei Stories verknüpft, wie dort passiert das durch temporale Verschiebung, die einen Teil der dramatischen Spannung besorgt. Wie dort nehmen mitunter Elemente Raum, die nicht mehr leisten sollen als etwas Rätselhaftigkeit in das andernfalls banale Ganovenmilieu zu bringen. Allerdings geht es in »Jam« durchaus um was. Der Film erzählt vom Schicksal dreier Männer. Continue reading »

Dez 242019
 

»7500«

Künstler tun seltsame Dinge. Übers eigene Werk reden etwa. Wenn sie auch wissen, wie sie es, kaum je wissen sie, was sie da tun. Regisseur Patrick Vollrath z.B. nennt seinen Film »7500« ein »hyperrealistisches Thrillerdrama«, in dem es darum gehe, durch den engen Raum eines Flugzeugs die »globalisierte, multikulturelle Landschaft von Heute« mittels einer Handlung zu spiegeln, an deren Ende der »Teufelskreis« der Gewalt durchbrochen werde. Tatsächlich befördert »7500« weder einen gesellschaftlichen Realismus, noch wird hier ein Zyklus der Gewalt durchbrochen. Vorliegt vielmehr ein punktgenau inszeniertes, naturalistisches Charakterstück, das souverän die Einheit von Ort, Handlung und Zeit wahrt. Aristoteles gefällt das, doch es ist mehr intensiv als bedeutend, mit einem Blick, der nicht weit reicht, sondern nach innen geht. Zu echt, um wahr zu sein. Continue reading »

Dez 192019
 

»The Peanut Butter Falcon«

Zak (Zack Gottsagen) ist 22 Jahre alt. Abgeschoben von seiner Familie, die Liebe, Zeit oder Geldmittel auf ihn nicht verwenden will, wurde er in ein Altenheim sortiert. Es war die einzige Einrichtung, die in der strukturschwachen Region North Carolinas einen Platz für ihn hatte. Betreut werden muss er, denn er hat das Down-Syndrom. Je mehr man ihn im Lauf der Handlung kennenlernt – seine Träume, seinen Charme, seine Schlauheit –, versteht man, dass er in ein Heim, zumal für ausschließlich alte Leute, einfach nicht gehört. Er hätte das Recht auf ein assistiertes, gleichwohl selbständiges Leben. Continue reading »

Dez 122019
 

»Gundermann Revier«

Da die Formel gesamtdeutsch=westdeutsch gültig bleiben muss, wo eine Vereinigung nie stattgefunden, der unveränderte Staat vielmehr sich bloß nach Osten hin ausgedehnt hat, droht jeder Versuch, dem westdeutschen Publikum einen ostdeutschen Künstler bekannt zu machen, diese Asymmetrie zu reproduzieren. Die neuen Bürger hatten alles über die alten zu lernen, die alten nichts über die neuen. Dagegen anzuarbeiten ist Andreas Dresen mit »Gundermann« (2018) nicht gelungen, und vielleicht lässt sich zu seiner Verteidigung vermuten, dass er das nie vorhatte. Vielleicht wollte er genau jene Unterwerfung vor dem bornierten Selbstverständnis der Bundesrepublik, kenntlich an der Entscheidung, die marginale, für Gundermanns Biographie unwesentliche Episode um die MfS-Tätigkeit ins Zentrum zu rücken. Nur so erträgt man den Ossi – im Kampf mit den Ärgernissen des Sozialismus bzw. mit der Stasi-Vergangenheit hadernd. Dass Gundermann wie kein anderer Liedermacher die in der kapitalistischen Expansion vollzogene kulturelle, politische und ökonomische Planierung des Ostens reflektiert hat, konnte die selbstgefällige Rezeption bloß stören. Continue reading »

Dez 052019
 

»Alles was du willst«

Der Handlungsanriss packt nicht gerade. Alter Herr nimmt sich eines Jungen an. Nichts Neues so weit, doch Filme haben Bilder, Töne, Worte und Schauspiel. Der hier schafft auf allen Ebenen Bekanntes zum Aufleuchten zu bringen, stiftet Gefühl ohne Rührseligkeit, Komik ohne Spott, Weisheit ohne Schwärmerei. Continue reading »