Die Eule der Minerva

Meinethalben dürfte sie gern auch tagsüber fliegen. Aber irgendwann muß sie ja schlafen, die Eule von Attika, und wenn sie schon schlafen muß, dann eben nicht in der Nacht, die ihr eigentliches Element ist. Die Aufgabe der Philosophie ist das Erkennen. Und politische Rücksichten stören beim Erkennen. Natürlich haben auch Erkenntnisse einen politischen Nutzen, aber dazu müssen sie erst einmal Erkenntnisse sein.

Ist es möglich, den Sinn der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 25. Juni 1820 in die Welt geschleuderten Vorrede zu seinen “Grundlinien der Philosophie des Rechts” noch kürzer zusammzufassen? Kürzer nicht, aber besser: (weiterlesen…)

Die Geheimnisse des Fußballs

Es ist an der Zeit, daß das Journal für die elegante Welt, das sich den höheren Sphären verschrieben hat, sich auch einmal mit der wichtigsten Hauptsache der Welt befaßt: mit dem Fußball. Das Fußballspiel verhält sich wie das Absolute bei Hegel; es ist eine höchst erfreuliche Sache und will erkannt sein. Die Sprache wurde den Menschen gegeben, um sich über Fußball zu verständigen. In diesem Spiel wirkt und webt alles fort, was wir schön, gut und wahr nennen. Das Nachdenken über Fußball macht uns zu besseren und weiseren Menschen. Wer den Fußball liebt, kann – Clemens Tönnies einmal ausgenommen – kein schlechter Mensch sein.

Soweit die Hymne. Im vollen Ernst der Überlegung indes taucht die durchaus der Verfolgung werte Frage auf, wie das Fußballspiel gesellschaftlich zu verorten ist. Der Begriff des Sportes ist zwar zutreffend, aber kaum hinreichend. Er erklärt, warum Leute sich körperlich betätigen; er erklärt nicht, warum Leute anderen Leute bei körperlichen Betätigungen zusehen. Der Kontext, in dem solche Schau passiert, zeigt, daß es nicht die bloße Betätigung ist, die fasziniert. Interesse an einem Sport tritt ausschließlich im Zusammenhang mit Wettkämpfen auf. Und das führt auf den Begriff des Agon, der so alt wie die Gesellschaft selbst ist. Der Agon ist ein Element, von dem die gesamte griechische Antike durchdrungen ist. Es sind nicht allein die sportlichen Betätigungen von Olympia, die ja als Paradeigma unserer heutigen Olympischen Spiele hergehalten haben. Die griechische Sprache bereits arbeitet in ihrem regulären Partikel-Gebrauch (men … de … de …) viel stärker mit Entgegensetzungen, opponierenden Perioden, als die Syntax jeder anderen indogermanischen Sprache. Der alte Grieche reiht seine Gedanken wie ein Kampfrichter, der nacheinander die Kontrahenten in die Arena ruft. Welche Eigenart sich natürlich auch in der Rhetorik zeigt, die, begünstigt von politischen und juristischen Umständen (Ekklesia und Dikasterion), jeder Grieche der höheren Gesellschaft zu erlernen hatte und deren Ausübung den Alltag in einem Grad bestimmte, wie es heute kaum noch vorstellbar ist. Oder eben doch vorstellbar. Die Rhetorik, könnte man sagen, hatte in der Antike einen Stellenwert wie in der Jetztzeit der Fußball. Auch sie fand als Wettkampf statt; die Redner lernten, in der Rede die schwächere Sache zur stärkeren zu machen. Der Agon durchdringt die griechische Gesellschaft schließlich so sehr, daß selbst die Ausübung und Herstellung der Kunst im Zusammenhang von Wettkämpfen vonstatten geht. Der berühmte Certamen Homeri et Hesiodi ist vermutlich ohne historisches Vorbild und eine Imitatio des Agons zwischen Aischylos und Euripides in den Aristophanischen Batrachoi, aber zumindest die sind ganz dem Zeitgeist entnommen: Das gesamte attische Theater pflegte in Form des Wettkampfs ausgetragen zu werden. Und damit also bin ich dort, wohin ich gelangen wollte. Die Kunst kann ohne den Wettkampf und der Wettkampf kann ohne die Kunst bestehen, aber jene eigentümliche Vermischung im griechischen Theater zeigt, daß beides einander nicht ausschließt, und der nachhaltige Erfolg der griechischen Kunst legt gar den Verdacht nahe, daß Wettkampf der Kunst förderlich sein kann. Kann auch die Kunst dem Wettkampf förderlich sein? Wieviel Kunst steckt im Fußball, oder anders gesagt: Besteht die Fasziniation am Fußball wirklich allein darin, daß er als Agon ausgetragen wird? Es muß ja doch einen Grund geben, aus dem der Fußball und nicht etwa Gewichtheben oder Tiefsee-Schach jene gigantische Begeisterung in der weiten Welt hervorruft.

Ich wage die Überlegung, daß Fußball zu jener merkwürdigen Gattung der sinnlosen Künste gehört, zu denen auch die Kochkunst und die Architektur zählen. Sinnlos sind sie nicht, weil sie keine (weiterlesen…)

Die Entdeckung des Menschlichen II

Natürlich kann kein Zweifel hinsichtlich der Motive jener nicht nur belgisch und französisch, sondern tatsächlich übergreifend europäisch argumentierenden Politiker bestehen, die gegenwärtig das Verbot durchzusetzen trachten. Sie betrachten den Islam vom Standpunkt des Christentums, mit den Augen des Konkurrenten also, der dort siegen will, wo es der Islam gegenwärtig tut. Und sie sprechen von der christlich-abendländischen Kultur, ganz so, als sei nicht eben diese Kultur, deren Wurzeln nebenbeigesagt bis ins antike Griechenland und nicht nur bis zu Paulus zurückreichen, in ihrem heutigen Bestand das Resultat eines mühevollen Kampfes nicht zuletzt auch gegen diese Religion und ihre Institutionen. Daß das Christentum heute dem Islam als die aufgeklärtere, offenere und gesittetere Religion entgegentreten kann, als eine Religion, die sich dem Weltlichen nicht dumpf entgegenstellt und deren ideeller Gehalt von den größten Denkern der Neuzeit (Spinoza, Leibniz und Hegel) vermittels nichtreligiöser Mittel offenbar gemacht wurde, verdankt es weniger sich selbst als vielmehr dem Umstand, daß ihm dies mühevoll von außen, mit philosophischen und politischen Mitteln, abgerungen wurde.

Unbetroffen von solchen Historika bleibt indes ein praktischer Vorgang im Hier und Jetzt. In der Politik geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Nicht Gründe zählen, sondern Folgen. Jedes Mittel, das Gewünschtes herbeiführt, ist recht, gleich, von welcher Seite es kommt. Der muß schon ein ausgemachter Narr sein, der einen Akt des Fortschritts ablehnt, weil die Subjekte, die diesen Akt zur Durchführung bringen, ihn aus den falschen Beweggründen ins Werk setzen. Wann, ließe sich fragen, wäre ein Fortschritt jemals von Akteuren durchgesetzt worden, die diesen Fortschritt im vollen Umfang seines Ernstes begriffen hätten? Und ehrlich: Begreift man denn auf der Linken den Fortschritt tatsächlich besser als in jener christlich-abendländische Kaste, die sich dem Erhalt des Bestehenden, was immer das gerade sei, verschrieben hat? Wenn ich wesentlich öfter über die Linke schimpfe als über das rechte Lager, dann weil die Sorgen der Linken auch die meinen sind. Nur an dem, was man veränderbar und verändernswert glaubt, mäkelt man herum. Mit amusisch-verstockten Christdemokraten, die sich auf eine “christliche Leitkultur” berufen, ohne in ihrem Leben eine Zeile Goethe oder Hegel, Luther oder Schleiermacher gelesen zu haben, gibt es gar nichts zu bereden. Ein anderer Grund der Ungleichverteilung meines Tadels liegt allerdings darin, daß die Linke zu hirnernen Fehlkonstruktionen neigt, wie sie das rechte Lager nur selten nötig hat. Im simpel Affirmativen ist alles klar und ohne Geheimnis. Die unbestimmte Negation kommt immer von hinten durchs Knie. Ich bin noch beim Thema und will hiervon im folgenden zwei Beispiele geben: zwei Argumente, die unter den Äußerungen der letzten Tagen besonders häufig zu vernehmen waren. Das erste Argument richtet sich gegen das Ziel, das zweite gegen die Methode des Verbots. Es ist nicht schwer, beide zu entkräften.

Der liberale Irrsinn hat einige Kommentatoren dazu gebracht, die Behauptung aufzustellen, das Verbot der Burka sei eine Beschneidung der Freiheit; man nehme den Frauen damit das Recht zu entscheiden, in welcher Kleidung sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Dieses Argument funktioniert weder theoretisch noch praktisch. Tieferdenkende wissen, was es mit dem Begriff der Freiheit (weiterlesen…)

Die Entdeckung des Menschlichen I

Das Nachdenken über Sitten und Gebräuche hat immer zwei Seiten, eine theoretische, die danach fragt, woher dieser oder jener Brauch historisch und kulturell kommt, und eine praktische, auf der das Denken der Frage nachgeht, wie gut die Bräuche sind und wohin, wenn man sie ausübt oder nicht ausübt, unsere menschliche Entwicklung geht. Beinahe alle Fehlleistungen, die Kommentatoren bei der Beschäftigung mit sittlichen Fragen unterlaufen, rühren aus der ungleichen Verteilung des Denkens auf diese beiden Seiten. Die Frage nach der Welt, wie sie ist, und die Frage nach der Welt, wie sie sein soll, verhalten sich in aller Regel gegenläufig, und der gemeine Verstand liebt das Denken in Widersprüchen nicht. Er will es einfach und will es rein. Also entscheidet er auch bei der Beurteilung bestimmter Sitten einfach nach seinen ohnehin vorhandenen Neigungen. Ein Brauch ist demnach entweder schlecht und somit durch keinerlei historische Betrachtung zu entschuldigen, oder aber historisch bedingt, und dann verbietet sich ein Werturteil von selbst.

Nicht wenig hängt bei der Entscheidung, ob nun ein ganz bestimmter Brauch schlecht oder historisch bedingt sei, davon ab, wie das urteilende Subjekt zu seinem eigenen Kulturkreis steht. Ein christlich-konservativer Mensch wird alle (gegenwärtigen) Bräuche des Abendlandes für gut und unverzichtbar erklären, während er die Mehrheit der Bräuche des Orients für schlechthin verderblich hält. Ein linker oder liberaler Mensch verhält sich dagegen umgekehrt. Die Negation des Gegenwärtigen (die bei ihm immer absolut ist und nie bestimmt sein kann) zwingt ihn dazu. Einen waschechten Linken erkennen Sie daran, daß er mit Eifer für die Freiheit des Islams kämpft, auch hierzulande seine Frauen zu unterdrücken, und mit demselben Eifer dann die Abschaffung der Ehe  im abendländischen Kulturkreis fordert. Daß die Ehe, wie sie im Okzident von heute modelliert und juristisch bestimmt ist, ein Ausdruck der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist (indem sie nämlich beide Seiten rechtlich gleichsetzt, sie gar zu Rechtsvertretern der je anderen ernennt und im Fall der Scheidung die stärkere Partei zum Unterhalt der schwächeren zwingt), spielt bei derartigen Überlegungen keine Rolle. Denn die Ehe, so weiß das Sektenhirn, ist ein Rudiment der patriarchalischen Klassengesellschaft, und was von dort kommt, muß – gleich, welchen Wandel es seitdem vollzogen hat – schlecht sein. Umgekehrt muß alles, womit diese Gesellschaft in Konflikt gerät, Unterstützung erfahren, denn auch dies weiß das Sektenhirn, daß der Feind seines Feindes unbedingt sein Freund sein müsse. So verteidigt der linke Kritiker also das Morgenland gegen das Abendland mit der Begründung, daß das Abendland einst ebenso unerfreuliche Zustände sein Eigen nannte wie das Morgenland noch heute. Sie merken: Um Inhalte geht es bei der Sache überhaupt nicht; es geht um Wohlfühlzonen. Derartiges Denken mit zweierlei Maßstab (weiterlesen…)

Weltgeist sieht Leipsch: Die Sogenannte

Unlängst habe ich vermocht, mich … – doch ich stocke, indem ich das schreibe. Gestern nämlich kam mir ein Buch eines gewissen Wolf Schneider unter die Nase, Deutsch fürs Leben, das von sich behauptet, ein Lehrgang der höheren deutschen Sprache zu sein und worin sich folgende Regel findet: “Mit Wörtern geizen”. Schreiben Sie, steht da, “also nicht: zu diesem Zeitpunkt, sondern: jetzt”, nicht: “keine Seltenheit”, sondern: “häufig”, nicht: “ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig,” sondern: “war ziemlich deutlich” usw. Das Grundprinzip guter Sprache sei, niemals mehr zu schreiben als unbedingt notwendig. Man staunt dann im übrigen, was so alles nicht notwendig ist. Daß diese Regel fischig ist, vermag der Beobachter bereits daran zu erkennen, daß ihr die Kulturabschaffer aller politischen Lager, Puritaner wie Maoisten, Rousseauisten wie Fortschrittler, gleichermaßen und uneingeschränkt Beifall zu spenden geneigt sind (ja! : zu spenden geneigt sind, nicht: spenden). Für die faulsten Exemplare aller Obstkörbe sollte stets ein leerer Korb bereitstehen, in den man sie alle miteinander werfen kann. Kultur ist ihrem Wesen nach konservativ, die Abschaffer von Kultur daher entweder als Fortschrittler oder als Rückschrittler auftreten, meistens doch aber als Fortschrittler. Das Schlechteste läßt sich einmal am besten verkaufen, wenn man es als das Neueste anpreist. Was deutsche Sprache ist, lernt man bei Goethe und Thomas Mann. Es gibt auch andere, bei denen man es lernen kann, aber keinen, der nicht in jene Linie gehörte, die Mann und Goethe, als die zwei Gipfelpunkte, zwischen sich (Karl Kraus, Heine), nach hinten (Wieland, Lessing) und nach vorn (Arno Schmidt, Hacks) spannen. Ich kann der Menschheit nur dringend davon abraten, die Sprache Goethes zu einer Sprache Schneiders werden zu lassen. Stil ist genauer, auf Wirkung hin berechneter Sprachgebrauch. Notwendig an Sprache ist demnach alles, was die vom Autor gewünschte Wirkung erzeugt, und es ist nicht schwer zu begreifen, daß es Situationen gibt, in denen es durchaus angebracht ist, anstelle von “neulich habe ich” “unlängst habe ich vermocht” zu schreiben.

Unlängst also habe ich vermocht, mich über den Wolf Schneider der Malerei, Wolfgang Mattheuer, gar tüchtig zu echauffieren. Der Text, der nun dabei herauskam, war – ich muß es gestehen – eigentlich eine Digression. Mein ursprüngliches Vorhaben hatte ich darin, über meine Leipziger Eindrücke auf ein Phänomen zu sprechen zu kommen, das gemeinhin unter dem Schlagwort Leipziger Schule gefaßt wird und von dem ich behaupte, daß es kein Phänomen, sondern vielmehr ein wahrhaft leerer Begriff ist. Leere Begriffe nützen bestenfalls dem Logiker, und selbst der ist glücklicher, wenn er seinem Existenzquantor kein Negationszeichen voraussschicken muß. Aus Dingen, die existieren, lassen sich besser Ableitungen gewinnen als aus nichtexistenten Dingen. In phänomenologischen Disziplinen (zu welchen auch die Ästhetik zählt) ist der leere Begriff hingegen nicht nur ein Ärgernis, sondern schlechterdings ungestattet. Die Aussage, daß alle Welxen dumm sind, ist für den Logiker, der eher an der Struktur einer Aussage interessiert ist als an der Frage, ob die Dinge, über die geredet wird, tatsächlich existieren, immerhin noch eine Aussage, mit der man operieren kann. Für denjenigen, der berufsmäßig mit den Erscheinungen befaßt ist, ist die Aussage, daß die Leipziger Schule eine gute Schule ist, schlichtweg unsinnig, da sie ja unterstellt, daß eine Leipziger Schule tatsächlich existiert.

Ich habe, wie Sie wohl gemerkt haben, noch eben so verhindern können, das Thema erneut in einer Digression versanden zu lassen, was freilich nicht in jedem Fall bedauerlich wäre; es hängt ja ganz von der Beschaffenheit des Sandes ab. Am Strand von Samoa beispielsweise gibt es nicht ein Korn, das größer ist als die anderen, woran man … Ich rufe mich zur Ordnung. Die Leipziger Schule also, die ich, da ich ihre Existenz bezweifle, die sogenannte Leipziger Schule, oder kürzer und besser: die Sogenannte nennen will, war mir von jeher als Begriff suspekt. Ich erinnere mich meiner ersten Berühungen mit den Erzeugnissen (weiterlesen…)

Von Gäulen und Einhörnern

Die Freiheit der Viehzüchter besteht darin, selbst zu entscheiden, wann es an der Zeit ist, den Gaul, der lahmt, abzuknallen. Wer ein Pferd besitzt, es aufgezogen und genutzt hat, wird sich vom Veterinär beraten lassen, aber es liegt in seinem Ermessen, was er schließlich mit ihm tut. Die Peter Hacks Seite (im folgenden: PHS) hat seit 2005 über gesellschaftliche Aktivitäten zu Peter Hacks berichtet, und nun ist sie tot. Ihre Macher stehen mit einer rauchenden Schrotflinte und einem verlegenen Lächeln neben ihr. Das Vieh war lahm, der Schuß eine Gnade.

Das Schlüsselwort, um die PHS zu erklären, lautet zweimal: Zeit. Einmal im Sinne von: Zeitumstände, zum anderen dann im Sinne von: Arbeitszeit.

Die PHS war ein Kind der Zeit. Sie nahm 2005 den Betrieb auf, und ihr Anspruch, alle gesellschaftlichen Aktivitäten zu Peter Hacks an einem Ort zu spiegeln und die Aufmerksamkeit so zentral zusammenzuführen, ist dieser Zeit entnommen. Damals war das noch nötig. Hacks, der – bei weitem der erfolgreichste Dramatiker der sechziger und siebziger Jahre – sich in den Achtzigern noch einen gewissen Stand in der Gesellschaft hatte erhalten können, war in den Neunzigern vollends ins Abseits geraten. Das erste Dezennium des 21. Jahrhunderts schien dem letzten des 20. folgen zu wollen. Jede Zeit hat ihre Lieblingsfiguren, sagte Hacks einmal mit Blick auf Hartmut Lange. Der nämliche Satz könnte ebenso gut über seinem eigenen Leben stehen, und wen der späte Hacks nicht dadurch verlor, daß er auch in Zeiten der Zerstörung der Vernunft an den ästhetischen Maßstäben der Klassik und an der Erkennbarkeit der Welt festhielt, den vergraulte er durch seine politischen Statements, die für ihn auch den Zweck erfüllt zu haben scheinen, sich die Leute vom Leib zu halten. 2003 starb der Dichter und ließ die Welt in einem grauenhaften Zustand zurück. Als André Thiele 2005 die PHS begründete – ich selbst stieß im Frühjahr 2006 hinzu –, hatte sich daran kaum etwas geändert.

Jede Zeit hat ihre Lieblingsprojekte. André Thiele machte sich daran, einer desinteressierten und desorientierten Gegenwart den Hacks wieder einzutrimmen, und was er erreichen konnte, hat er erreicht. Ich will nicht von einer Renaissance sprechen, weil es hierzu wohl etwas mehr als nur der zehn Inszenierungen pro Spielzeit bedarf, die das Theater der Bundesrepublik aktuell hinbekommt, doch sowohl im kulturellen Leben (Feuilleton, Veranstaltungen) als auch im akademischen Bereich findet Hacks wieder statt. Über 600 Meldungen der PHS pro Jahr sprechen für sich, und die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen ist 2008 und 2009 höher gewesen als je sonst. Diesen Prozeß hat die Seite fünf Jahre lang gespiegelt, und indem sie ihn gespiegelt hat, hat sie ihn befördert. Sie muß das jetzt nicht mehr tun. (weiterlesen…)

Weltgeist sieht Leipsch: Der Jahrhundertkitsch

Es begann eigentlich ganz harmlos. Am letzten Tag der Buchmesse brachte ich die Zeit, die mir bis zum Abend blieb, auf die Weise rum, daß ich mir das von Leipzig ansah, wofür allein es mit Recht berühmt ist: die Werke seiner bildenden Künstler.

Leipzig selbst, man kennt es, reizt kaum zum Verweilen. Selbst wenn man die merkwürdig zielgerichtete Tristesse des Stadtbilds und die puritanische Geschäftigkeit ihrer Bewohner ignoriert, bleibt noch immer präsent, daß diese Stadt der Schoß der deutschen Misere und Unvernunft ist. Ich habe Leipzig einmal die Hauptstadt der romantischen Bewegung genannt, worauf mir die Städtenamen Berlin, Jena und Heidelberg entgegenflogen. Ich leugne auch deren Eignung für diesen Titel nicht, konnte aber mit dem Verweis auf die Bananenrevolution von 1989 und das antibonapartistische Happening von 1813 meine Widerredner zum Schweigen bringen. Volksfeste wider die Gesittung – gibt es romantischeres?

Leipzigs Künstler, sagte ich. Gewiß: auch ihnen haftet hier und da das Leipzighafte an. So habe ich mir etwa nicht erspart, im Vorbeigehen Mattheuers abgeschmackten Jahrhundertschritt einer Betrachtung zu unterziehen. Da stand er, dummdreist, dröhnend und häßlich (weiterlesen…)

Abfahrt

Der Fahrplan steht, und: Bon voyage! Thomas Mann nannte es: Mit dem Bleistift lesen. Was zeigt, daß es zu seiner Zeit noch keine Marker gab. Der erste Schritt auf dem Weg zu einem Lexikon ist das Lesen der Quellen, das – wie wohl deutlich wird – intensive, langsame, gründliche Lesen, das Lesen mit Bleistift und Marker. Ein Bauer fährt nicht mit der Kutsche über seinen Acker, sondern mit dem Pflug. Und das, vielleicht, ist auch mein Credo: Plane wie ein Freiherr, arbeite wie ein Bauer.

Ich habe Ihnen vier Seiten aus den Maßgaben der Kunst abgelichtet, die einen Eindruck davon vermitteln mögen, wie das zugeht:

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Fahrplan

Glauben Sie mir: Wenn ich nicht dazu komme, mein kleines Journal regelmäßig mit Einträgen zu füllen, dann weil mich Wichtigeres beschäftigt. Hieraus allerdings abzuleiten, daß ich an Beschäftigungslosigkeit leide, sobald hier wieder mehr los ist, gilt freilich nicht, weil diese Art Umkehrung, zumindest nach den Regeln der Logik, nie gilt.

Das Problem mit der Arbeit ist, daß sie selbst nicht interessiert. Interessant ist allein das Ergebnis. Und ich gebe mich somit zu erkennen als einer, der den festen Vorsatz hat, Sie zu langweilen, wenn er Ihnen jetzt einen Einblick in seine Arbeitsstube gewährt. Hier also, als Auszug von meiner Wandtafel, mein Arbeitsplan für die Fertigstellung des Hacks-Lexikons (und wenn Sie den Eindruck haben, daß meine Handschrift derjenigen von Peter Hacks gleicht, dann hätten Sie sie einmal vor zehn Jahren sehen sollen). (weiterlesen…)

Bartels spricht

Letzte Woche wurde ich von der Hacks-Seite gebeten, ein Interview zu den Perspektiven des Hacks-Lexikons, an dem ich gegenwärtig arbeite, zu geben. Ich bin dem vor ein paar Tagen nachgekommen. Das Interview wird erscheinen in der sechsten Nummer des Argos, und lesen können Sie es bereits hier:

Bis vor kurzem haben Sie unter dem Titel eine umfassende Edition zu Hacks angekündigt. Können Sie uns bitte kurz erläutern, was Sie unter der Hacks-Enzyklopädie verstehen?

Felix Bartels Die Idee zur Hacks-Enzyklopädie ist entstanden zu einem Zeitpunkt, an dem eine philologische Grundlagenarbeit zum Dichter Hacks nicht nur kaum vorhanden, sondern auch nicht absehbar war. Wir wollten das ändern; den Hacks also biographisch, begrifflich und werkbezogen urbar machen. Er tritt ja immer in einer Form an die Leser. Die Form gefällt natürlich, aber Wissenschaft beginnt dort, wo nicht nur die Erscheinung konsumiert, sondern ihr auch dahinter gekommen wird.

Und hierzu sollte die Hacks-Enzyklopädie dienen.

Felix Bartels Wir hatten fünf Bereiche, die den Gegenstand Hacks abdecken sollten: ein Begriffslexikon, um das Denken von Hacks lexikalisch aufzuschlüssen, einen Bereich zum poetischen Werk, worin sämtliche Dramen von Hacks gemäß den üblichen Aspekten (Entstehungsgeschichte, Inhalt, formale Struktur, Deutungsansätze, Rezeption usf.) behandelt werden sollten, als dritte Abteilung eine Bibliographie mit beigeordneten Sonderverzeichnissen (Vertonungen, Verfilmungen, Aufführungen etc.); schließlich noch für die biographische Erschließung das ehrgeizige Vorhaben einer Tag-für-Tag-Chronik sowie ein Lexikon der Personen, die in Hacksens Leben, Denken oder Schaffen eine wichtige Rolle spielten. Intern war uns bezüglich der Chronik und des Personenlexikons klar, daß es eigentlich so gut wie unmöglich sein werde, das zu realisieren, weil uns einfach die Zeit und die Mittel fehlten, aber wir wollten nicht tiefer zielen als auf das beste Denkbare, und denkbar war das alles.

Sie wollten den ganzen Hacks in einem.

Felix Bartels In fünf Teilen, ja. Aber wir wollten (weiterlesen…)

Wetterlage – Weltlage

Eisfahrrad

Kann sein, daß der Teufel den Mann aus dem Land reißt;
Nie kriegt er das Land aus dem Mann.
Wenn draußen die Schneekönigin in die Wand beißt,
Geht drin das Feuer an.

(Gerhard Gundermann)

Eschatologisches I

Die Maya sind ein merkwürdiges Völkchen. Sie wußten nichts von der Welt und kannten doch ihr Ende. Sie hatten einen merkwürdigen Kalender, der das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 vorsah. Leider ereignete sich das Ende dann ein paar hundert Jahre früher, und die wiederkehrenden Götter waren kaum größer als die Maya und sprachen Spanisch. Wie wir aber durch den Echtzeithelden und Träger des Agent-Mulder-Ordens II. Klasse, Erich von Däniken, belehrt sind, muß das Ende der Welt nicht notwendig am 21. Dezember 2012 eintreten. Die Umrechnung des Maya-Kalenders in den unseren könne schließlich auch falsch sein. Baut da schon jemand insgeheim vor für den Fall einer peinlich ausbleibenden Katastrophe am 21. Dezember 2012? Die Grundregel aller geschäftstüchtigen Propheten lautet: Sage nichts voraus, das noch zu deinen Lebzeiten eintreffen müßte. Und überhaupt, 21. Dezember! Hätte man nicht wenigstens bis Weihnachten warten können? Wie? Wer kurz vor dem Ende der Welt noch Weihnachten feiern wolle? Ich natürlich! Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt in tausend Stücke zerbräche, ich zöge noch heute los, eine Schrankwand zu kaufen.

Ja, ich habe es gesehen, das neueste Bildwerk Roland Emmerichs, des amerikanischsten aller Nichtamerikaner. 2012 ist ein spektakulärer Film. Die Story ist genrebedingt gebaut, die Zweitklassigkeit der Darsteller (den stets erstklassigen John Cusack ausgenommen) ist statthaft, denn hier kommt alles auf die Bilder der großen Naturkatastrophe an. Technisch ist der Film vollkommen, die Effekte gekonnt, was nach Maßgabe der naturalistischen Gattung Film bereits hinreichend sein müßte. Bilder zu machen, das ist die eigentliche Tugend des Films. Aber diese eigentliche Tugend ist eben nur bedingt kunstfähig, will sagen: Auch die besten Bilder retten einen Film dort nicht, wo keine gute Handlung sie zusammenhält. Und wie sich an dem technisch gleichfalls Maßstäbe setzenden Avatar sehr gut nachvollziehen läßt, verdrießt selbst bildhafte Perfektion, wenn das Werk sich der läppischen Weltanschauung eines JJ Rousseau bedient und von einer dramatisch äußerst unergiebigen Handlung getragen werden muß.

Natürlich gab und gibt es Einwände gegen 2012. (weiterlesen…)

Gezwitscher

Wenn der Medienbetrieb dem Medienbetrieb vorwirft, daß er ein Medienbetrieb ist, wird es lustig.

Verfolgt man ein bisschen die wallenden Wörtermengen in den Feuilletons dieser Republik

schreibt in kaum minder wallenden Wortmengen der gleichfalls betriebsimmanente Matthias Biskupek in seiner neuesten Eulenspiegel-Kolumne (1/2010), in der er mich schon 2006 einmal einen “Jungphilosophen” genannt hat, was, wie ich vermute, nur zur Hälfte liebenswürdig gemeint war. Nun schießt er erneut in meine Richtung, wenngleich auch nicht direkt gegen mich. Anlaß ist ihm das 100. Jubiläum von Alfred Matusche, über das zu schreiben, als es sich ereignete, Biskupek versäumt hat. So muß das herhalten, was immer herhalten muß, wenn ein Medium mit seiner Betrachtung zu spät kommt: Die Betrachtung der Betrachtungen. Dabei will ich Biskupek in dem, was er sagt, gar nicht widersprechen. Er lobt unsere Editionen (Dramen und Festschrift) und spottet über die Worthülsen, die das Feuilleton zum 100. Geburtstag verbreitet hat; ersteres ist brav – schließlich haben wir unzählige Stunden Arbeit in ein Projekt gesteckt, dessen Resultat sich wirklich sehen lassen kann –, und letzteres ist im Angesicht solch unsäglicher Wortmeldungen wie etwa der von Maxine Herder oder der von Jürgen Serke kaum übertrieben zu nennen.

Das läuft also gut vom Stapel, aber dann nimmt die Titanic irgendwie die falsche Ausfahrt:

Das erste abgedruckte Stück heißt »Das Lied meines Weges«. Herausgeber Fischborn wandelte diesen Titel zu »Das Lied seines Weges« (ebenfalls VAT) und sammelte darunter Texte einer Festschrift. Die ist nur broschiert und mit 300 Seiten nicht ganz so umfangreich wie die Dramensammlung, doch was die sechzehn Mitstreiter, Matusche-Forscher und Nachlass-Verwalter mitteilen, ist ein beachtliches Stück Theater-, Kultur- und Landesgeschichte. [...] Natürlich fehlt auch eine Bemerkung wie »Matusche war so etwas wie der Wittgenstein der DDR« nicht. Ich warte darauf, wann man mal liest: Der X oder die Y sind so etwas wie der Matusche (bzw. Hacks, Strittmatter, Christa Wolf) der ehemaligen BRD. Doch dafür ist in den wallenden Wörtermengen der Feuilletons kein Platz.

Warten kann man auf vieles. Nur was man erwarten kann, darüber gehen die Meinungen vielleicht doch auseinander. Natürlich ist der Tag noch fern, da man Wittgenstein den Matusche des Harbsburger Reiches nennen wird, so weit vielleicht, (weiterlesen…)

Was ist ein guter Dialog?

In der Frage, was einen guten Dialog ausmache, steckt zugleich die Frage, woran ein schlechter Dialog kenntlich sei. Ein schlechter Dialog ist einer, dessen Inhalt auch in anderer Form, z.B. in linearer Rede oder in einem Traktat hätte ausgestellt werden können. Wenn, was in einem Dialog verhandelt wird, nicht notwendig in Dialogform verhandelt werden mußte, muß der Dialog als schlecht gelten, gleich wie unterhaltsam, kunstvoll, gedankentief oder originell er im übrigen ist.

Ein guter Dialog kann sich nur dort entwickeln, wo eine geeignete Ausgangslage vorliegt. Eine solche sehe ich allein gegeben, wenn die Positionen aller Teilnehmer, die in einem Dialog aufeinandertreffen, so beschaffen sind, daß erstens keine von ihnen selbst die höchstmögliche Erkenntnis bereits enthält, gedankliche Totalität herzustellen also durchaus erst Aufgabe des lebendigen Dialogverlaufs ist, und wenn sie zweitens einander auf eine solche Art begegnen, daß eine produktive Steigerung über die einzelnen Positionen der Teilnehmer hinaus möglich ist.

Die erste Bedingung ist wichtig, weil in dem Fall, in dem (weiterlesen…)

Der neue Diercke

erscheint im Juni 2010. Für den Fall, daß Sie sich fragen, woran ich zur Zeit arbeite:

Landkarte_Cover

Mit den neuesten Methoden der wissenschaftlichen Kartographie erstellt, enthält die Landkarte zugleich zeitlose und allgemeingültige Maßstäbe, die eine Gesamtschau auf die Landschaft ermöglichen, wie sie bislang nur von wenigen Atlanten geleistet wurde. Dabei erfaßt dieses Kartenwerk eine Vielzahl von Wegen und Ortschaften, die bislang in noch keiner Karte verzeichnet gewesen sind, so daß wir meinen, ihm voraussagen zu dürfen, daß es einen neuen Standard setzen wird. Es sollte in keiner Reisebibliothek fehlen.

Sichern Sie sich frühzeitig Ihr Exemplar, und Sie werden nie mehr Ihr GPS verfluchen müssen!  (weiterlesen…)