Feb 072016
 

Eine Gruppe zieht durch die Wildnis. Einer wird verletzt, und die Gruppe dadurch gefährdet. Soll er zurückgelassen werden, damit die Gruppe überlebe? Soll man ihn durchbringen und die Gruppe so gefährden? Das ist das Setting von Brechts »Jasager & Neinsager«. Das ist auch das Setting von »The Revenant«, jenem Filmstück, in dem der hier sinnlos verschwendete DiCaprio den halbtoten und mühsam ins Leben zurückkeuchenden Trapper Hugh Glass spielt. Wo Brecht sich dem gedanklichen Potential des Stoffs stellt, wenn auch etwas schematisch und abgezogen, erledigt »The Revenant« diesen eigentlich interessanten Teil der Geschichte – die Möglichkeit nämlich, das Kollektiv als allmählich in sich entzweites zu zeigen – innerhalb weniger Minuten. Was vorausging, war eine selten mehr als träge Einleitung. Was folgte, ein nicht enden wollendes Schnauf- und Kriechdrama. Continue reading »

Jan 222016
 

Die Gewohnheit, eher nichts zu sagen als etwas Selbstverständliches oder bloß Tatsächliches, die gefühlte Pflicht, dass eine Nachricht ohne (intellektuelle oder gestische) Pointe eigentlich keine ist, bereitet schlechtes Gewissen, wenn man z.B. so etwas weitergibt wie die Meldung, dass die 62 reichsten Menschen der Welt genauso viel besitzen wie die 3,5 Milliarden ärmsten. Es ist nichts dabei. Es ist die blanke Realität, die jeden erschüttern muss, der sich das Menschliche in sozialen Fragen noch nicht ganz abtrainiert hat. Mehr gibt es daran nicht zu verstehen. Kein Theorem, keine Pointe, keine vertrackte Wendung. Nichts als nackte Tatsache, die praktisch schon selbst zu ihrer Abschaffung auffordert. Wir müssen endlich anfangen, damit aufzuhören, die Mitteilung erschütternder Tatsachen für keine Nachricht zu halten. Ein wenig mehr ceterum-censeo-Mentalität stünde uns gut zu Gesicht. Continue reading »

Jan 182016
 

Fangen wir doch gleich mal mit einer Behauptung an, die wirklich unter allem Niveau ist: Schreiben ist nichts anderes als in die Länge gezogenes Herumprotzen. Es sind zugegeben viele Gründe denkbar, aus denen einer einen Text veröffentlicht. Er kann was beweisen wollen oder etwas bewegen, einen Komplex seelisch verarbeiten oder Leute zum Nachdenken bringen; er kann solchen, die er nicht leiden kann, einen mitgeben, oder sich schlicht Klarheit über eine Sache verschaffen. Das alles sind Variablen, die Angeberei ist die Konstante. Warum aber schreiben dann viele, die schreiben, öfter als sie sollten, schlechter als sie könnten? Hier liegt ein Widerspruch, nicht wahr? Wenn, wer schreibt, das immer auch tut, um sich öffentlich herzuzeigen – und wir rein psychologische Gründe schlechten Schreibens wie bloße Faulheit etwa oder Selbsthass als zufällige ausschließen –, dann muss der Umstand, dass so viele Schreibende so oft so schlecht schreiben, handgreifliche Gründe haben. Solche, die sich ihnen von außen auferlegen. Continue reading »

Dez 272015
 

Ich habe gerade rückblickend die Filmstarts dieses Jahres überflogen. Ich finde es schwach wie lange keines. Eingeschlossen einen Bond, der schon dadurch enttäuscht, dass er hinter den gut etablierten Stil der jüngeren Filme zurückfällt und wieder an die dümmliche Blofeld-Ästhetik der frühen Jahre anknüpft. Und einen Star Wars, den man vermittels Nullideen auferstehen ließ, wie etwa des noch-noch-größeren Todessterns oder des Zurückholens bekannter Gesichter und Motive mit der Brechstange, während die Fabel dem Zuschauer durch die Hirnlappen flutscht, da sie keine Widerhaken und nichts Besonderes hergibt. Eingeschlossen auch »Bridge of Spies«, der einen hervorragenden Ansatz ab etwa der Hälfte der Handlung grandios verspielt, sobald der Anwalt nämlich als Unterhändler in Ostberlin eintrifft, wo alle so unfassbar flach und falsch wird (mit Winterwetter am 13. August und anderen Späßen), dass man die DDR-Episoden von MacGyver noch vorzöge. Selbst der Antikommunismus war schon mal unterhaltsamer. Continue reading »

Dez 012015
 

De Gruyter macht gerade eine atemberaubende Rabattaktion für alle, die dort mal irgend publiziert haben. Nun muss ich mich zusammenreißen, nicht zu viele Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Und euch, meinen teuren Mitmenschen, sei gesagt, dass der Odysseus auch ohne Rabatt ganz hervorragend zum Weihnachstsgeschenk taugt. Er hat nämlich eine abwaschbare Oberfläche, von der sich Kerzenwachs problemlos entfernen lässt, und seiner Umschlagästhetik tun ein paar Wachsspuren dann auch keinen Abbruch mehr.

9783359025375 Continue reading »

Nov 202015
 

Paris spült inzwischen schon selbst historisch gewordene Historiographien in mein Sichtfeld. Letztes Jahr unternahmen die Laienprediger von der Anstalt einen Versuch, den IS zu erklären. In 7 Minuten. Das ist eine herausragende Leistung. Golo Mann hätte gewiss 14 gebraucht. Es ist aber auch leicht, wenn man lediglich auf der Ebene der äußeren Anlässe bleibt und die Geschichte der Bewegung selbst nicht einmal anreißt. Ich wurde gefragt, wie eine bessere Darstellung hätte aussehen müssen. Continue reading »

Okt 072015
 

Über Sendaks »Where the Wild Things Are«

Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.

(ausm »Faust«)

Als Maurice Sendaks »Wild Things« vor 52 Jahren den beleuchteten Teil der Welt betraten[1], soll die Kritik, so heißt es, ungnädig reagiert haben. Das Buch sei schlecht gezeichnet, seine Handlung verstörend und konfus. Es wird, meinte man wohl, den Winter nicht überleben. Mag sein, dass bestimmte Vorstellungen darüber, wie ein Kinderbuch gezeichnet sein sollte, bestimmte Zeiten dominieren. Doch selbst bei reduzierter Gewogenheit hätte man einsehen können, dass die Zeichnungen der »Wild Things« nicht banal oder primitiv sind. Sendak selbst gab an, dass er dem gerecht werden wolle, wofür Schubert in der Musik stehe: Komplexität und Dichte in einfache Form zu packen.[2] So passen die 1.710 Anschläge, die das Buch (Leerzeichen mitgerechnet) enthält, sehr gut zum eigentümlichen Schraffurstil der Zeichnungen, deren Figuren dennoch diffizile Stimmungen über Gesicht und Körperhaltung preisgeben. Künstlerische Mittel sind genau so viel wert wie das, was man mit ihnen erreichen kann. Verständlicher ist da schon, dass die Handlung verstörte. Wie verwegen, einen fast schon bitteren Konflikt zwischen Mutter und Kind in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen. Die harte Strafe (der Entzug der Mahlzeit) dürfte zudem eine Erwartung geweckt haben, nach der es sich in der moralinsauren Zeit der sechziger Jahre um so verstörender anfühlen musste, dass sie am Ende doch nicht vollzogen wird. War der Vorwurf aber, die Handlung habe keine Struktur, jemals haltbar? Continue reading »

Okt 022015
 

Wer gutgemachte Kinderbücher rausbringt, muss wissen, dass er Perlen vor die Ferkel wirft. Kinder sind sehr leicht zufriedenzustellen. Für sie macht es keinen Unterschied, ob es sich um Tand oder die Kronjuwelen handelt, solange das Zeug nur etwas glitzert. Die Frage, die sich damit stellt, wäre: Hat ein Künstler, der Kunst für Kinder macht, das Recht, schlecht zu sein? Darf er die Zeit von Kindern mit schlechten Melodien, lustlosen Zeichnungen oder belanglosen Geschichten totschlagen? Diese Frage nach Bewilligung und Verbot ist keine juristische. Natürlich darf der Künstler alles tun, was er für richtig hält, sofern es legal ist, und natürlich kann er es tun, sofern es sich verkauft. Hinzu kommt, dass man es nicht selten auch in betreff der Eltern mit einem unerzogenen Publikum zu tun hat. Wer noch nie ein Kinderlied von Schöne oder Lakomy gehört hat, denkt vermutlich wirklich, dass Musik für Kinder wie Zukowski klingen muss. Wer Zeichnungen von Ensikat oder Erlbruch nicht kennt, wird eher geneigt sein, Janosch oder Bofinger für gute Zeichner zu halten. Und wer Janosch für einen guten Erzähler hält, wird wahrscheinlich nie einen Blick in ein Kinderbuch von Peter Hacks, Louise Fatio, James Krüss oder Maurice Sendak geworfen haben. Continue reading »

Sep 222015
 

Über die Langeweile der Road Novel und das Unbehagen an der Serie »Game of Thrones«

»Game of Thrones« ist unzerstörbar. Sein symbolisches Kapital gleicht längst dem höherer Kunsterzeugnisse. Man guckt nicht nur, man rezipiert es, diskutiert darüber, schreibt Essays, schmückt sich mit Anspielungen. Die Folge solcher Präsenz ist Entwertung. Was zu cool ist, um wahr zu sein, ist bald durch. Dafür schon sorgt der Neid der Zuspätgekommenen, die nicht zur Anhängerschaft hinzustoßen können, weil sie immer als Nachzügler gezeichnet wären. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, ist ein mächtiger Antrieb der Schmähsucht. Doch auch die Zahl resignierender Anhänger wächst bemerklich. Die Gemeinde dagegen, wen auch wunderts, reagiert empfindlich. Irgendwem fällt immer irgendwas ein, und da die Serie eine Vorlage hat, antworten die Evangelisten auch dann mit dem Vorwurf mangelnder Kenntnis der Romane, wenn es um Adiaphora geht. Nur, der Rückstoß wird hier stärker als die Zielwirkung, denn auch dort, wo andererseits eine wesentliche Differenz zwischen Serie und Buch vorliegt, unterstellt das Argument, dass die Serie nicht als eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden kann. Continue reading »

Sep 032015
 

Ich schreibe im Grunde nur zwei Sorten Texte: solche, die genau so gemeint sind, wie sie dastehen, und solche, die gestischer Natur sind, in denen ich mich also bewusst in eine bestimmte Haltung begebe. Die letzteren sind, auch wenn sie weniger wahr sind, die persönlicheren. Und sie sind witziger. Ich schreibe jetzt einen Eintrag dritter Sorte, der ganz so gemeint ist, wie er dasteht, und trotzdem sehr persönlich bleibt. Und kein bisschen witzig ist. Ich bitte darum, diese Unhöflichkeit zu entschuldigen. Continue reading »

Aug 072015
 

Darf man Israelkritiker kritisieren? Bequeme Argumente für empfindliche Seelen

Es gibt Gedichte, die ersetzen ganze Abhandlungen. So eines von Wiglaf Droste: »Ich höre sie jammern, sie dürften als Deutsche/ In Deutschland nichts gegen Israel sagen.// Das dürfen sie aber, es tun auch fast alle,/ Und können dann nicht mal ein Echo vertragen.« Unfreunde des israelischen Staates müssen jetzt tapfer sein. Wir werden auch heute den Nahostkonflikt nicht klären können. Der Blick sei vielmehr gerichtet auf ein geläufiges Diskursverhalten, von dem ich meine, daß es nicht an den Tag legen kann, wer sich mit Fug gewisse Vorwürfe verbitten will. Continue reading »

Jul 282015
 

»Der Antisemitismus ist nicht der Stein, der gefunden werden muss. Er ist das Wasser, das sich um den Stein legt. Er nimmt jeweils die Form an, die von seiner zeitlichen und örtlichen Umgebung begünstigt wird. Sucht man nach seiner Form, wird man immer den synchronen Abdruck von besonderen gesellschaftlichen Situationen erhalten. Sucht man nach seinem Wesen, wird er seltsam formlos, was seine Bestimmung zu einem unerfreulichen Vorgang macht. Unerfreulich, aber nicht unmöglich.«

Das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Leipzig organisierte von April bis Juli 2015 eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel »Die Feinde Israels«. Bartels las dort am 21. April 2015 Auszüge aus »Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens«: Continue reading »

Jul 202015
 

Blatters Abgang stimmt traurig. Er allein noch hätte die Menschheit versöhnen können. Als Feind. Innere Einheit braucht Feinde. Der Blatter Sepp war ein global agierender Schurke, gegen den selbst einer wie Gerhard Mayer-Vorfelder seine mora­lische Dignität spüren konnte. Und anders als Dr. Manhattan musste er nicht einmal auf den Mars fliegen, um die Menschheit gegen sich zu vereinen. Es reichte vollkommen, dass er war, wie er war. Continue reading »

Jun 082015
 

Meine Abschlußarbeit, geschrieben 2011, auf Publikationsform gekürzt 2013, gedruckt jetzt, 2015. Als die Mühen der Gebirge hinter mir lagen, folgten die Mühen des Schaukelstuhls.

»The study aims to offer a rational explanation for the appearance of the so-called ‘digression’ in Plato’s Theaetetus and in so doing raises the question of whether it is indeed a digression. The starting point of the inquiry is the argumentative structure of the digression itself, which in the course of the inquiry will be made apparent, internally, through references to the Theaetetus itself and, externally, through references to similar passages in other dialogues of Plato. In a first step the theoretical content of the passage is analysed in detail under four aspects (the polis, epistemology, metaphysics, ethics). This analysis is followed by the speculative application of what has been established, by pursuing the question of what function the ‘digression’ fulfils in the Theaetetus. The study reaches the conclusion that it has four distinct functions: the digression is an ethical dimension of the concept of knowledge, a component of the critique of the homo mensura dictum, the performative expression of philosophical process and – most importantly – an indirect link to the Platonic system.« Continue reading »