Unfähigkeit ist ein furchtbarer Antrieb
Peter Hacks

Theorien, die von Stalin in die Welt gesetzt wurden, tragen am Schicksal, schon deswegen als falsch zu gelten, weil es Stalin war, der sie in die Welt gesetzt hat. So wenig fair es ist, eine Theorie für ihren Urheber büßen zu lassen, doch die These vom Sozialfaschismus ereilte ein noch tragischeres Los: Vom Rest der Welt wird sie abgelehnt, da sie von Stalin stammt; von den Stalinisten wird sie abgelehnt, weil Stalin ab 1935 den braven Dimitroff die theoretisch unsinnige, aber politisch opportune Einheitsfrontthese an die Stelle der alten Theorie setzen ließ. Obgleich aber die Sozialfaschismusthese nicht abgelehnt wird, weil sie falsch ist, ist sie falsch. Sie reicht nicht hin, den Faschismus theoretisch zu erfassen. Nicht nur, weil sie mit einem unvollständigen Begriff arbeitet, sie behauptet auch hinter dem Treiben der Weimarer Republik ein konzertiertes Vorgehen, das offenkundig nie vorlag.

Was als Doppelstrategie des Imperialismus, als ein bewußtes Angebot einer weichen und einer harten Variante der Politik, erscheint, ist in Wahrheit einfach das, was herauskommt, wenn die zahllosen Idioten, deren Gesamtmenge man Volk nennt, ihre verschiedenartigen Neigungen ausleben. Aus der Perspektive der KPD mochte es wie ein doppeltes Spiel aussehen, bei dem die Kommunisten die Wahl hatten, sich entweder von den Nazis erschlagen oder von der SPD bündnisfähig machen zu lassen, welche Wahl also zwischen zwei verschiedenen Arten der politischen Niederlage bestand. Doch dieses Spiel als geplant zu interpretieren hieße, sowohl die Sozialdemokratie als auch den Faschismus, die beide auf eine an klugen Strategen und herausragenden Theoretikern nicht eben reiche Geschichte zurückblicken können, überschätzen. Man sagt – sagt man das? Wenn nicht, sage ich es jetzt –, man sagt also, für die Praxis spiele es keine Rolle, ob ein Spiel gemacht oder geworden ist, solange es nur funktioniert. Doch für die Theorie spielt es durchaus eine Rolle, und damit natürlich auch wiederum für die Praxis. Ich leugne nicht, daß Verschwörungen vorkommen, aber wer Verschwörungen zum Leitmotiv seiner politischen Theorie Continue reading »

 

Weiß der Teufel, warum wir über Witze lachen. Sie spiegeln bloß den Irrsinn wieder, der, als Schwachsinn getarnt, unter den Menschen geistert. Wir lachen am Witz über das, was uns unzählige male im Leben begegnet ist. Begegnen wir ihm im Leben, lachen wir nicht. Wir ärgern uns oder – häufiger – finden überhaupt nichts merkwürdig dabei. Etwa: Kommt eine Jude in eine Fleischerei und sagt: »Ich hätte gern 500g von dem Fisch dort.« – »Aber das ist doch Schweinefleisch.« – »Ich habe dich nicht gefragt, wie der Fisch heißt. Ich hätte gern 500g von dem Fisch.«

Worüber lachen wir? So sind sie doch, die Menschen. Sie alle wollen immer irgendwas, und wenn das, was sie wollen, anrüchig ist, nennen sie es einfach um; als ob es um die Phonetik und nicht um Inhalte geht. Wollen ist eine teuflische Sache. Selbst der unbegabteste Verführer hat einen Gegenstand, an dem er nicht scheitert: sich selbst. »Objektivität«, lese ich bei Dietmar Dath, »ist nichts anderes als ein neutraleres Wort für Gerechtigkeit.« Gerechtigkeit, las ich bei Dath leider noch nicht, ist nur dort möglich, wo der Mensch sich von dem, was er will, emanzipiert. Es geht nicht darum, nichts zu wollen. Es geht darum, sich von dem, was man will, nicht tyrannisieren zu lassen. In jedem Wollen steckt das Subjektive und also Continue reading »

 

Als der Zensus … Ja, Sie haben mich schon wieder dabei ertappt, wie ich verpätet auf die Bewegungen der Zeit reagiere. Aber seien Sie froh, daß ich überhaupt reagiere. Meine Denkart geht immer um sieben Ecken; das dauert länger, aber dafür habe ich immer recht. – Als der Zensus also bei mir klingelte, hatte ich ein Problem. Einfach reinlassen konnte ich ihn nicht, dafür müßte ich mich noch vor meinen Enkeln schämen. Am Zensus teilgenommen zu haben ist etwa ebenso peinlich wie ein Auftritt bei RTL2 oder ein Sitz auf der Anklagebank des IMG zu Nürnberg. Man versucht sowas zu vermeiden, denn es hängt einem lange nach. Ich konnte allerdings auch nicht Widerstand leisten, weil die etatistische Universaltheologie, der ich bekanntlich anhänge, das nicht gestattet. Keine Sorge, Sie werden nicht erfahren, wie ich mich entschieden habe. – An meinen Problemen will ich Sie teilhaben lassen, nicht an meinen Lösungen.

Nichts ist schwerer, als heute Etatist zu sein. Dauernd muß man den Leuten erklären, wie man es schafft, zwar für den Staat als solchen zu sein, aber dennoch – wie es der Anstand erfordert – gegen diesen. Ich helfe mir meist damit, daß die Bundesrepublik nicht wirklich ein Staat ist, so wie es ja auch Musik gibt, die man besser nicht Musik nennt. Einen Staat nenne ich eine gemeinschaftliche Organisation von Menschen zum Zweck der gerechten Verteilung von Reichtum, zivilen Rechten und politischen Möglichkeiten sowie zum Zweck der allgemeinen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens. Sie sehen hieraus, daß die Bundesrepublik – die Tyrannis der praktizierten Ungerechtigkeit, der partikularen Interessen und gesellschaftlichen Unordnung – kein Staat ist. Oder jedenfalls kein guter. Doch mit diesem Gedanken kommt man beim Zensus nicht weit; man sollte einen Staat, der seine Aufgaben nicht erledigt, nicht ausgerechnet dort kritisieren, wo er es dann doch einmal tut.

Wirklich, ich bin kein Wutbürger. Ich verabscheue Datenschützer und wechsle die Straßenseite, wenn ich einem Bürgerrechtler begegne. Ich bin, zugegeben, durch Erfahrung verwundet. Ich habe Vera Lengsfeld und Petra Kelly reden hören; es gibt wenig, was schlimmer ist. Continue reading »

 

Die Vernunft kann alles auf den Begriff bringen: auch die Unvernunft. Die Unvernunft vermag nichts auf den Begriff zu bringen: nicht einmal die Unvernunft. Die Aufgabe der Vernunft ist folglich, keine Frage unbehandelt zu lassen; was sie nicht klärt, klärt keiner, und was sie geklärt hat, hätte kein anderer klären können. Es gibt keinen Grund für Zurückhaltung. Ihre dumme Schwester schließlich, die Unvernunft, beschränkt sich ja auch nicht und redet ebenso munter über die vernünftigen Dinge wie über die unvernünftigen.

Deswegen muß ein Freund der Vernunft sich gelegentlich auch mit abstoßenden Gegenständen befassen, aber gern tut er das natürlich nicht. Lieber befaßt er sich dem Schönen/Guten/Wahren, und obgleich ein dunkler Raum der Ausleuchtung dringender bedarf als ein heller, so gilt doch, daß selbst ein erhellter Raum nicht alles ohne Weiteres preisgibt. Auch Schatten wollen ausgeleuchtet sein, und Schatten sind nur, wo Licht ist.

Sie merken schon: Ich habe mal wieder was geschrieben und presse mir mit Not ein paar Worte darüber ab, um nicht einfach damit einleiten zu müssen, daß ich mal wieder was geschrieben habe. Ich habe also tatsächlich mal wieder etwas geschrieben, und zwar über den Klassik-Begriff von Peter Hacks – ein Gegenstand, von dem ich nicht zu sagen wüßte, ob es seine hellen oder seine schattigen Seiten sind, die ihn interessanter machen:

http://www.felix-bartels.de/wp-content/uploads/2011/07/Selbst-auf-den-Schultern-der-Gegner.pdf

 

Von allen verrückten Schnurren des modernen Antisemitismus weiß ich eine verrückteste. Es ist etwa fünf Jahre her, da schrieb ein Israelkritiker, mit dem ich damals bekannt war, in einem Brief folgenden Gedankengang nieder: Ohne Antisemitismus könne Israel nicht existieren, weshalb er von den Zionisten nicht bekämpft, sondern nach Kräften gefördert werde; die Abschaffung des Staates Israels sei folglich die Voraussetzung für die Abschaffung des Antisemitismus. – Der das schrieb, war kein Nazi, sondern ein Linker; zumindest, soweit es sein Selbstverständnis betrifft. Ich danke dem Vorfall eine wichtige Erkenntnis, auf die ich am Ende zurückkommen werde. Auf den Brief habe ich damals nicht mehr erwidert; mit Antisemiten diskutiert man nicht, man bekämpft sie. Und wenn man, wie ich, das Kämpfen nicht gelernt hat, dann schreibt man ihnen dennoch nicht, sondern bestenfalls über sie.

Vier Jahre später, im Frühjahr 2010, machte sich eine zwielichtige Fronde aus türkischen Faschisten und europäischen Friedenskämpfern auf den Weg, eine Blockade der israelischen Seestreitkräfte zu brechen, deren Zweck ist, den Import waffenfähigen Materials in den Gaza-Streifen zu verhindern. Was mich aufmerken ließ, war nicht die Aktion selbst; sie war deutlich erkennbar als eine militärisch-politische Provokation, bei der Israel Continue reading »

 

Wie alle Realisten leide ich an der Wahnvorstellung, daß die Welt mich braucht. Vielleicht bin auch ich es, der die Welt braucht. Vielleicht habe ich auch einfach nur lange Weile. Aus irgend einem dieser Gründe wird der Parnaß bald wieder Laut geben.

Sagen Sies ruhig weiter: Der Sheriff ist wieder in der Stadt.

gez. Ihr Bartels

 

Und der Vater lächelt nett:
Ohne Essen ab ins Bett!
An solcherlei Begebenheit
Erlernt das Kind die Sparsamkeit

 

Was sagte Hacks über Hacks? Das:

[...] er ist sicher, daß ihm ein leichtes wäre, die Hacks-Philologie für die nächsten drei Geschlechterfolgen brotlos zu machen. Er unterläßt es [...]

Ich bin nicht ungezogen, wenn ich ihm dennoch keinen Dank zu schulden meine. Die Kunst besteht natürlich darin, einen Dichter besser zu erklären, als er es selbst vermocht hätte. Rechtzeitig zur Frankfurter Messe ist es erschienen, mein Buch zum Verhältnis von Leistung und Demokratie im Werk von Peter Hacks, und liegt ab Montag bereit zur Auslieferung.

Die Untersuchung ist entstanden im Winter 2008/09, und ich habe sie lange zurückgehalten, weil sie als Teil eines größeren Projektes geplant war, dessen Realisierung sich nunmehr aus Zeit- und Kraftgründen zerschlagen hat. Damals konnte ich noch nicht ahnen, daß ihre Veröffentlichung mit einem medialen Rummel um ein ganz ähnliches Thema zusammenfällt. Ich kann indes versprechen: Bei mir geht es kaum um Biologie (gar nicht um Genetik), und der Leistungsträger, wiewohl er in meinem Buch Verteidigung findet, wird nicht zum alleinigen Inhaber des Rechts gemacht. Vermittlung also statt Spaltung. Ich mußte Thilo Sarrazins letztes Buch nicht kennen, um in der Frage, wie die Gesellschaft mit ihren Leistungsträgern und die Leistungsträger mit ihrer Gesellschaft umgehen, zu einem vernünftigen Standpunkt zu kommen. Es bedurfte weder der Anregung noch der Abstoßung durch äußerliche Skandale, sondern einfach eines möglichst gründlichen und möglichst sinnvollen Umgangs mit dem Stoff, an dem ich dieses Thema durchspiele. Und dieser Stoff ist Peter Hacks.

Ich war in meinen Studien des gesellschaftlichen Denkens von Hacks auf den Punkt gekommen, daß seiner Continue reading »

 

Daß man nach gefühlten 200 Jahren an den Bühnen des DT wieder einen Hacks gibt, ist ein Ereignis, dem man nicht anders als froh gegenüber stehen kann. Daß man den Hacks dort auf eine Weise gibt, die wenig mit dessen Vorstellungen von Theater zu tun hat und dafür viel mit denen unserer Zeit, ist etwas, das man erwarten konnte. Jürgen Kuttner und Tom Kühnel haben die Erwartungen übertroffen, indem sie sie enttäuscht haben. Man steht ein bißchen davor wie Hacksens Ascher, zufrieden und unzufrieden zugleich: „Ich habe es gewollt, und ich habe es bekommen, und ich habe es nicht so bekommen, wie ich es gewollt habe – das versteht sich ja für uns Menschen von selbst.“ Fröhlich resigniert eben, und ich scherze nicht. Wenn der Preis der Aneignung des Dichters Hacks der ist, daß die Zeit ihn auf ihre Weise aneignet, dann soll es sein. Freilich muß sie sich dann auch gefallen lassen, daß man ihre Ergebnisse mit denen anderer Zeiten vergleicht. Erfolg rechtfertigt vieles, Mißerfolg ist nicht zu rechtfertigen.

Der andere Hingucker ist Jürgen Kuttner. Eine Legende im Berliner Sprechfunk, an dessen Lippen wir jeden Dienstag hingen. Wir, das ist die Generation, die den Zusammenfall des gesellschaftlichen und persönlichen Chaos erlebte, Leute, deren Flegelzeit also in die frühen Neunziger fiel. Kuttner war schon damals zu alt für uns, und er ist auch heute noch älter als sein Publikum, obwohl sein Publikum mit ihm gealtert ist. Es ist weniger, was er macht, sondern wie er es macht. Ein lebendes Kunstwerk. Und nun nähert sich dieses Kunstwerk dem größten Künstler der zurückliegenden Epoche, nähert sich Peter Hacks. Das ist ein bißchen wie die Beatles und die Stones auf demselben Cover. Man weiß, das geht eigentlich nicht, aber der Gedanke ist viel zu verlockend, ihn nicht zu mögen.

Wer die „Sorgen“ inszeniert, muß sich dem Problem stellen, daß Stoffebene und Rezeption Continue reading »

Sep 042010
 

Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muß mit Binden,
Angebunden, Krüppel-Greis,
Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,
Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,
Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Straßen
Allen Kranken in die Nasen,
Scheuchen wir die Kranken-Brut!
Lösen wir die ganze Küste
Von dem Odem dürrer Brüste,
Von den Augen ohne Mut!

Der Urheber dieser Worte ist nicht Thilo Sarrazin, sondern Friedrich Nietzsche. Von Sarrazin stammen folgende Erhellungen: Continue reading »

 

Meinethalben dürfte sie gern auch tagsüber fliegen. Aber irgendwann muß sie ja schlafen, die Eule von Attika, und wenn sie schon schlafen muß, dann eben nicht in der Nacht, die ihr eigentliches Element ist. Die Aufgabe der Philosophie ist das Erkennen. Und politische Rücksichten stören beim Erkennen. Natürlich haben auch Erkenntnisse einen politischen Nutzen, aber dazu müssen sie erst einmal Erkenntnisse sein.

Ist es möglich, den Sinn der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 25. Juni 1820 in die Welt geschleuderten Vorrede zu seinen “Grundlinien der Philosophie des Rechts” noch kürzer zusammzufassen? Kürzer nicht, aber besser: Continue reading »

 

Es ist an der Zeit, daß das Journal für die elegante Welt, das sich den höheren Sphären verschrieben hat, sich auch einmal mit der wichtigsten Hauptsache der Welt befaßt: mit dem Fußball. Das Fußballspiel verhält sich wie das Absolute bei Hegel; es ist eine höchst erfreuliche Sache und will erkannt sein. Die Sprache wurde den Menschen gegeben, um sich über Fußball zu verständigen. In diesem Spiel wirkt und webt alles fort, was wir schön, gut und wahr nennen. Das Nachdenken über Fußball macht uns zu besseren und weiseren Menschen. Wer den Fußball liebt, kann – Clemens Tönnies einmal ausgenommen – kein schlechter Mensch sein.

Soweit die Hymne. Im vollen Ernst der Überlegung indes taucht die durchaus der Verfolgung werte Frage auf, wie das Fußballspiel gesellschaftlich zu verorten ist. Der Begriff des Sportes ist zwar zutreffend, aber kaum hinreichend. Er erklärt, warum Leute sich körperlich betätigen; er erklärt nicht, warum Leute anderen Leute bei körperlichen Betätigungen zusehen. Der Kontext, in dem solche Schau passiert, zeigt, daß es nicht die bloße Betätigung ist, die fasziniert. Interesse an einem Sport tritt ausschließlich im Zusammenhang mit Wettkämpfen auf. Und das führt auf den Begriff des Agon, der so alt wie die Gesellschaft selbst ist. Der Agon ist ein Element, von dem die gesamte griechische Antike durchdrungen ist. Es sind nicht allein die sportlichen Betätigungen von Olympia, die ja als Paradeigma unserer heutigen Olympischen Spiele hergehalten haben. Die griechische Sprache bereits arbeitet in ihrem regulären Partikel-Gebrauch (men … de … de …) viel stärker mit Entgegensetzungen, opponierenden Perioden, als die Syntax jeder anderen indogermanischen Sprache. Der alte Grieche reiht seine Gedanken wie ein Kampfrichter, der nacheinander die Kontrahenten in die Arena ruft. Welche Eigenart sich natürlich auch in der Rhetorik zeigt, die, begünstigt von politischen und juristischen Umständen (Ekklesia und Dikasterion), jeder Grieche der höheren Gesellschaft zu erlernen hatte und deren Ausübung den Alltag in einem Grad bestimmte, wie es heute kaum noch vorstellbar ist. Oder eben doch vorstellbar. Die Rhetorik, könnte man sagen, hatte in der Antike einen Stellenwert wie in der Jetztzeit der Fußball. Auch sie fand als Wettkampf statt; die Redner lernten, in der Rede die schwächere Sache zur stärkeren zu machen. Der Agon durchdringt die griechische Gesellschaft schließlich so sehr, daß selbst die Ausübung und Herstellung der Kunst im Zusammenhang von Wettkämpfen vonstatten geht. Der berühmte Certamen Homeri et Hesiodi ist vermutlich ohne historisches Vorbild und eine Imitatio des Agons zwischen Aischylos und Euripides in den Aristophanischen Batrachoi, aber zumindest die sind ganz dem Zeitgeist entnommen: Das gesamte attische Theater pflegte in Form des Wettkampfs ausgetragen zu werden. Und damit also bin ich dort, wohin ich gelangen wollte. Die Kunst kann ohne den Wettkampf und der Wettkampf kann ohne die Kunst bestehen, aber jene eigentümliche Vermischung im griechischen Theater zeigt, daß beides einander nicht ausschließt, und der nachhaltige Erfolg der griechischen Kunst legt gar den Verdacht nahe, daß Wettkampf der Kunst förderlich sein kann. Kann auch die Kunst dem Wettkampf förderlich sein? Wieviel Kunst steckt im Fußball, oder anders gesagt: Besteht die Fasziniation am Fußball wirklich allein darin, daß er als Agon ausgetragen wird? Es muß ja doch einen Grund geben, aus dem der Fußball und nicht etwa Gewichtheben oder Tiefsee-Schach jene gigantische Begeisterung in der weiten Welt hervorruft.

Ich wage die Überlegung, daß Fußball zu jener merkwürdigen Gattung der sinnlosen Künste gehört, zu denen auch die Kochkunst und die Architektur zählen. Sinnlos sind sie nicht, weil sie keine Continue reading »

 

Natürlich kann kein Zweifel hinsichtlich der Motive jener nicht nur belgisch und französisch, sondern tatsächlich übergreifend europäisch argumentierenden Politiker bestehen, die gegenwärtig das Verbot durchzusetzen trachten. Sie betrachten den Islam vom Standpunkt des Christentums, mit den Augen des Konkurrenten also, der dort siegen will, wo es der Islam gegenwärtig tut. Und sie sprechen von der christlich-abendländischen Kultur, ganz so, als sei nicht eben diese Kultur, deren Wurzeln nebenbeigesagt bis ins antike Griechenland und nicht nur bis zu Paulus zurückreichen, in ihrem heutigen Bestand das Resultat eines mühevollen Kampfes nicht zuletzt auch gegen diese Religion und ihre Institutionen. Daß das Christentum heute dem Islam als die aufgeklärtere, offenere und gesittetere Religion entgegentreten kann, als eine Religion, die sich dem Weltlichen nicht dumpf entgegenstellt und deren ideeller Gehalt von den größten Denkern der Neuzeit (Spinoza, Leibniz und Hegel) vermittels nichtreligiöser Mittel offenbar gemacht wurde, verdankt es weniger sich selbst als vielmehr dem Umstand, daß ihm dies mühevoll von außen, mit philosophischen und politischen Mitteln, abgerungen wurde.

Unbetroffen von solchen Historika bleibt indes ein praktischer Vorgang im Hier und Jetzt. In der Politik geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Nicht Gründe zählen, sondern Folgen. Jedes Mittel, das Gewünschtes herbeiführt, ist recht, gleich, von welcher Seite es kommt. Der muß schon ein ausgemachter Narr sein, der einen Akt des Fortschritts ablehnt, weil die Subjekte, die diesen Akt zur Durchführung bringen, ihn aus den falschen Beweggründen ins Werk setzen. Wann, ließe sich fragen, wäre ein Fortschritt jemals von Akteuren durchgesetzt worden, die diesen Fortschritt im vollen Umfang seines Ernstes begriffen hätten? Und ehrlich: Begreift man denn auf der Linken den Fortschritt tatsächlich besser als in jener christlich-abendländische Kaste, die sich dem Erhalt des Bestehenden, was immer das gerade sei, verschrieben hat? Wenn ich wesentlich öfter über die Linke schimpfe als über das rechte Lager, dann weil die Sorgen der Linken auch die meinen sind. Nur an dem, was man veränderbar und verändernswert glaubt, mäkelt man herum. Mit amusisch-verstockten Christdemokraten, die sich auf eine “christliche Leitkultur” berufen, ohne in ihrem Leben eine Zeile Goethe oder Hegel, Luther oder Schleiermacher gelesen zu haben, gibt es gar nichts zu bereden. Ein anderer Grund der Ungleichverteilung meines Tadels liegt allerdings darin, daß die Linke zu hirnernen Fehlkonstruktionen neigt, wie sie das rechte Lager nur selten nötig hat. Im simpel Affirmativen ist alles klar und ohne Geheimnis. Die unbestimmte Negation kommt immer von hinten durchs Knie. Ich bin noch beim Thema und will hiervon im folgenden zwei Beispiele geben: zwei Argumente, die unter den Äußerungen der letzten Tagen besonders häufig zu vernehmen waren. Das erste Argument richtet sich gegen das Ziel, das zweite gegen die Methode des Verbots. Es ist nicht schwer, beide zu entkräften.

Der liberale Irrsinn hat einige Kommentatoren dazu gebracht, die Behauptung aufzustellen, das Verbot der Burka sei eine Beschneidung der Freiheit; man nehme den Frauen damit das Recht zu entscheiden, in welcher Kleidung sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Dieses Argument funktioniert weder theoretisch noch praktisch. Tieferdenkende wissen, was es mit dem Begriff der Freiheit Continue reading »

 

Das Nachdenken über Sitten und Gebräuche hat immer zwei Seiten, eine theoretische, die danach fragt, woher dieser oder jener Brauch historisch und kulturell kommt, und eine praktische, auf der das Denken der Frage nachgeht, wie gut die Bräuche sind und wohin, wenn man sie ausübt oder nicht ausübt, unsere menschliche Entwicklung geht. Beinahe alle Fehlleistungen, die Kommentatoren bei der Beschäftigung mit sittlichen Fragen unterlaufen, rühren aus der ungleichen Verteilung des Denkens auf diese beiden Seiten. Die Frage nach der Welt, wie sie ist, und die Frage nach der Welt, wie sie sein soll, verhalten sich in aller Regel gegenläufig, und der gemeine Verstand liebt das Denken in Widersprüchen nicht. Er will es einfach und will es rein. Also entscheidet er auch bei der Beurteilung bestimmter Sitten einfach nach seinen ohnehin vorhandenen Neigungen. Ein Brauch ist demnach entweder schlecht und somit durch keinerlei historische Betrachtung zu entschuldigen, oder aber historisch bedingt, und dann verbietet sich ein Werturteil von selbst.

Nicht wenig hängt bei der Entscheidung, ob nun ein ganz bestimmter Brauch schlecht oder historisch bedingt sei, davon ab, wie das urteilende Subjekt zu seinem eigenen Kulturkreis steht. Ein christlich-konservativer Mensch wird alle (gegenwärtigen) Bräuche des Abendlandes für gut und unverzichtbar erklären, während er die Mehrheit der Bräuche des Orients für schlechthin verderblich hält. Ein linker oder liberaler Mensch verhält sich dagegen umgekehrt. Die Negation des Gegenwärtigen (die bei ihm immer absolut ist und nie bestimmt sein kann) zwingt ihn dazu. Einen waschechten Linken erkennen Sie daran, daß er mit Eifer für die Freiheit des Islams kämpft, auch hierzulande seine Frauen zu unterdrücken, und mit demselben Eifer dann die Abschaffung der Ehe  im abendländischen Kulturkreis fordert. Daß die Ehe, wie sie im Okzident von heute modelliert und juristisch bestimmt ist, ein Ausdruck der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist (indem sie nämlich beide Seiten rechtlich gleichsetzt, sie gar zu Rechtsvertretern der je anderen ernennt und im Fall der Scheidung die stärkere Partei zum Unterhalt der schwächeren zwingt), spielt bei derartigen Überlegungen keine Rolle. Denn die Ehe, so weiß das Sektenhirn, ist ein Rudiment der patriarchalischen Klassengesellschaft, und was von dort kommt, muß – gleich, welchen Wandel es seitdem vollzogen hat – schlecht sein. Umgekehrt muß alles, womit diese Gesellschaft in Konflikt gerät, Unterstützung erfahren, denn auch dies weiß das Sektenhirn, daß der Feind seines Feindes unbedingt sein Freund sein müsse. So verteidigt der linke Kritiker also das Morgenland gegen das Abendland mit der Begründung, daß das Abendland einst ebenso unerfreuliche Zustände sein Eigen nannte wie das Morgenland noch heute. Sie merken: Um Inhalte geht es bei der Sache überhaupt nicht; es geht um Wohlfühlzonen. Derartiges Denken mit zweierlei Maßstab Continue reading »

 

Unlängst habe ich vermocht, mich … – doch ich stocke, indem ich das schreibe. Gestern nämlich kam mir ein Buch eines gewissen Wolf Schneider unter die Nase, Deutsch fürs Leben, das von sich behauptet, ein Lehrgang der höheren deutschen Sprache zu sein und worin sich folgende Regel findet: “Mit Wörtern geizen”. Schreiben Sie, steht da, “also nicht: zu diesem Zeitpunkt, sondern: jetzt”, nicht: “keine Seltenheit”, sondern: “häufig”, nicht: “ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig,” sondern: “war ziemlich deutlich” usw. Das Grundprinzip guter Sprache sei, niemals mehr zu schreiben als unbedingt notwendig. Man staunt dann im übrigen, was so alles nicht notwendig ist. Daß diese Regel fischig ist, vermag der Beobachter bereits daran zu erkennen, daß ihr die Kulturabschaffer aller politischen Lager, Puritaner wie Maoisten, Rousseauisten wie Fortschrittler, gleichermaßen und uneingeschränkt Beifall zu spenden geneigt sind (ja! : zu spenden geneigt sind, nicht: spenden). Für die faulsten Exemplare aller Obstkörbe sollte stets ein leerer Korb bereitstehen, in den man sie alle miteinander werfen kann. Kultur ist ihrem Wesen nach konservativ, die Abschaffer von Kultur daher entweder als Fortschrittler oder als Rückschrittler auftreten, meistens doch aber als Fortschrittler. Das Schlechteste läßt sich einmal am besten verkaufen, wenn man es als das Neueste anpreist. Was deutsche Sprache ist, lernt man bei Goethe und Thomas Mann. Es gibt auch andere, bei denen man es lernen kann, aber keinen, der nicht in jene Linie gehörte, die Mann und Goethe, als die zwei Gipfelpunkte, zwischen sich (Karl Kraus, Heine), nach hinten (Wieland, Lessing) und nach vorn (Arno Schmidt, Hacks) spannen. Ich kann der Menschheit nur dringend davon abraten, die Sprache Goethes zu einer Sprache Schneiders werden zu lassen. Stil ist genauer, auf Wirkung hin berechneter Sprachgebrauch. Notwendig an Sprache ist demnach alles, was die vom Autor gewünschte Wirkung erzeugt, und es ist nicht schwer zu begreifen, daß es Situationen gibt, in denen es durchaus angebracht ist, anstelle von “neulich habe ich” “unlängst habe ich vermocht” zu schreiben.

Unlängst also habe ich vermocht, mich über den Wolf Schneider der Malerei, Wolfgang Mattheuer, gar tüchtig zu echauffieren. Der Text, der nun dabei herauskam, war – ich muß es gestehen – eigentlich eine Digression. Mein ursprüngliches Vorhaben hatte ich darin, über meine Leipziger Eindrücke auf ein Phänomen zu sprechen zu kommen, das gemeinhin unter dem Schlagwort Leipziger Schule gefaßt wird und von dem ich behaupte, daß es kein Phänomen, sondern vielmehr ein wahrhaft leerer Begriff ist. Leere Begriffe nützen bestenfalls dem Logiker, und selbst der ist glücklicher, wenn er seinem Existenzquantor kein Negationszeichen voraussschicken muß. Aus Dingen, die existieren, lassen sich besser Ableitungen gewinnen als aus nichtexistenten Dingen. In phänomenologischen Disziplinen (zu welchen auch die Ästhetik zählt) ist der leere Begriff hingegen nicht nur ein Ärgernis, sondern schlechterdings ungestattet. Die Aussage, daß alle Welxen dumm sind, ist für den Logiker, der eher an der Struktur einer Aussage interessiert ist als an der Frage, ob die Dinge, über die geredet wird, tatsächlich existieren, immerhin noch eine Aussage, mit der man operieren kann. Für denjenigen, der berufsmäßig mit den Erscheinungen befaßt ist, ist die Aussage, daß die Leipziger Schule eine gute Schule ist, schlichtweg unsinnig, da sie ja unterstellt, daß eine Leipziger Schule tatsächlich existiert.

Ich habe, wie Sie wohl gemerkt haben, noch eben so verhindern können, das Thema erneut in einer Digression versanden zu lassen, was freilich nicht in jedem Fall bedauerlich wäre; es hängt ja ganz von der Beschaffenheit des Sandes ab. Am Strand von Samoa beispielsweise gibt es nicht ein Korn, das größer ist als die anderen, woran man … Ich rufe mich zur Ordnung. Die Leipziger Schule also, die ich, da ich ihre Existenz bezweifle, die sogenannte Leipziger Schule, oder kürzer und besser: die Sogenannte nennen will, war mir von jeher als Begriff suspekt. Ich erinnere mich meiner ersten Berühungen mit den Erzeugnissen Continue reading »

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