Jan 142018
 

 

In dieser Woche kommt mit »Your Name« (»Kimi no na wa«)

ein Meisterwerk in die deutschen Kinos

 

Taki, ein Schüler aus Tokyo, wacht eines morgens im Körper der gleichaltrigen Mitsuha auf, die in der Kleinstadt Itomori lebt. Mitsuha passiert dasselbe mit Taki. Im Rhythmus von Erwachen und Schlafen wechseln die beiden ihre Körper. Auf die Art erfahren sie voneinander, ohne sich zu begegnen. Es beginnt ein kompliziertes Spiel der Kommunikation und Interaktion zweier Menschen und ihrer Leben. »Sie laufen zusammen, sie nehmen Form an, sie verdrehen und verfilzen sich, werden manchmal wieder aufgeknüpft, getrennt und neu verwoben.« Mit diesen Worten beschreibt Hitoha, Mitsuhas Großmutter, die Kunst des Kumihimo, und es ist zugleich die Handlung von »Your Name«, auf ihren knappsten Ausdruck gebracht. Continue reading »

Jan 052018
 

Manchmal, wenn eine Sache so blöd ist, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, mache ich einen Witz. Das ist meine Art, mit den Augen zu rollen. Manchmal ist eine Sache so blöd, dass mir nichtmal ein Witz einfällt. In dem Manuskript, das ich gerade lektoriere, steht das Wort »Neger«. Das Protokoll von Word 2016 markiert vermeintliche Rechtschreibfehler mit rot gepunkteten Linien und vermeintliche Fehler der Grammatik mit durchgezogenen blauen. Hier unter besagtem Wort sehe ich zum ersten Mal eine braun gepunktete Linie und dürfte etwa ausgesehen haben wie Pete Sampras vorm Aufschlag, als ich das Wort mit der rechten Taste anclickte: »Neutrale Sprache« & »Sie sollten den Ausdruck ersetzen«. Continue reading »

Nov 212017
 

 

Branagh bleibt Branagh

Wer sich vergleicht, wird verglichen. Lumets »Mord im Orient-Expreß« (1974) ist aus zwei Gründen schwer zu schlagen. Er hat ein unüberbietbares und nicht erst durch den Weihrauch des zeitlichen Abstands großes Ensemble, und er verändert die Anlage der Figur Poirot nicht, die durch ihre Autorin vorgegeben ist. Branaghs »Mord im Orient-Express« (2017) scheitert daran, dass er besser sein will als Agatha Christie. Continue reading »

Okt 232017
 

Franz Josef Wagner ist, man kann es nicht anders sagen, der Franz Josef Wagner der BILD-Zeitung. Seiner Maxime »1 Satz – 1 Ressentiment« ist er mit sehr wenigen Ausnahmen stets gerecht geworden. Natürlich hat auch er sich jetzt zu #metoo geäußert, jenem Hashtag, der so viel Projektion wie Abwehr erzeugt, dass ich mich bei den Reaktionen wieder an »real men don’t rape« erinnert fand. Continue reading »

Okt 152017
 

Vielversprechend hingegen scheint mir »Mindhunter«. Ich sage das nach erst drei gesehenen Folgen, also eigentlich zu früh. Die Serie spielt Ende der Siebziger. Sie erzählt die Geschichte der forensischen Verhaltensforschung beim FBI und ist angenehm theorieorientiert. Continue reading »

Sep 242017
 

 

Über den langen Arm charismatischer Herrschaft

und ein paar Grundrechenarten

Turkmenbaschi schlägt sie alle. Den Putin mit seinem Körperkult, den weltbesten Golfer Kim Jong-il, den Erdogan, der selbst im Palast noch wie ein Staubsaugervertreter wirkt, sowieso. Er, der den April nach seiner Mutter benennen ließ, war der König der komischen Könige. Doch sein Los ist tragisch. In der Zeit noch des frühen Internets verstorben, blieb ihm eine Karriere als Star auf Imgur, Twitter & Facebook verwehrt. Continue reading »

Sep 112017
 

 

Fragen, die die AfD sich stellt

 

Zu einer Tendenz, dernach unerfreulich unwenige Linke nach rechts streben, weil jeder, der auch »Brot und Arbeit« schreit, unbedingt ein Linker, mindest ein unbewusster, sein müsse, gehört auch das Streben von Rechten nach links. Man kann nur kaufen, was auch im Angebot ist. Wie aber kommt es, dass ein Linker, der sich nach rechts anschlussfähig macht, aufhört, ein Linker zu sein, während die Bestrebungen zum selben Bündnis von rechts her stets ihren fängerischen Charakter behalten? Wieso fällt immer links auf rechts rein, und nicht umgekehrt? Ich denke nicht, dass auf der Rechten das gewieftere Personal sitzt oder das diszipliniertere. Ich denke, es liegt an dem, was Linkssein und Rechtssein unabhängig von ihrer gegenläufigen Tendenz unterscheidet. Continue reading »

Sep 082017
 

Ich gucke »Rope«, zum fünften oder sechsten Mal. Das Kammerspiel ohne Schnitte, nur begrenzt durch die Länge seiner Filmrollen. Diesmal hab ich mir vorgenommen, allein auf die Schauspielerei zu achten, was (zumal bei diesem Film) keine leichte Sache ist. Continue reading »

Aug 072017
 

Erste Überlegungen zu Sorrentinos »The Young Pope«

Und plötzlich ist da dieser junge Papst, der als Waisenkind aufgewachsen ist, die Eltern aber nicht verloren hat, sondern von ihnen verstoßen wurde, der die Liebe folglich im Leeren sucht, während er zugleich Liebe zurückweist, der als Mensch mit steter Ironie und eher modern auftritt, in seiner Kirchenpolitik aber das genaue Gegenteil ist, der eine Fluppe nach der nächsten raucht, ganz so, als wolle er im aufsteigenden weißen Rauch immer wieder den siegreichen Moment des Konklaves festhalten. Warum ist das alles so gut, so gut gedreht, so gut erzählt, warum beschäftigt es einen so nachhaltig?

Der Teufel weiß es und kann es nicht begründen. Gott kann es begründen, weiß es aber nicht. Von den ganz weltlichen Dingen nämlich Continue reading »

Jun 242017
 

»Meta Morfoss« & das Motiv der Metamophose in den Überlieferungen[i]

 

Der Name

Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das die Fähigkeit besitzt, seine Gestalt zu wechseln, von den Schwierigkeiten, die die Gesellschaft damit hat, sowie darüber, auf welche Weise beide, das Mädchen und alle anderen, damit leben können. Der Name des Mädchens ist derselbe wie der des Märchens: Meta Morfoss.

Es bedarf keiner besonderen Ausbildung, ihn zu entschlüsseln. Ebenso wenig täte hier ein fundierter Zugriff auf Ovids »Metamorphosen« Not. Abgesehen vom Titel selbst enthält die Erzählung, soweit ich sehe, keine spezifischen Anspielungen auf diesen antiken Katalog, zumal die Differenzen zwischen Meta und den Gestalten Ovids recht groß sind. Mitgedacht werden als Hintergrund kann das Werk Continue reading »

Jun 112017
 

Ich begrüße es, dass mehr und mehr mutige Menschen hervortreten und über ihr Leid berichten. Es soll ja keiner auf die Idee kommen, dass in Deutschland nur der Kampf gegen den Antisemitismus bekämpft wird. Auch Öko-Kritiker wie Miersch sind ganz vorn bei den Opfern. Und man muss ihn für seinen Mut, sein Taktgefühl und seine Bescheidenheit bewundern, sich selbst in diesen Kontext zu bringen. Continue reading »

Mai 112017
 

Die Empörungskultur, ihr Pendant und ein Ausweg

[Vortrag, gehalten in Trier am 25. April 2017]

In einem Zeitalter, in dem die Produktionsverhältnisse bloß Krach machen, doch nicht mehr in Bewegung sind, worin kein Systemkampf die Welt umspannt, keine Umwälzung sich abzeichnet und die Krise tatsächlich bloß Anzeichen der immanenten Barbarei des Kapitals ist, scheint wie zur Kompensation dieser Unbeweglichkeit im Materiellen das gesellschaftliche Bewusstsein stärker in Bewegung als je. Das gesamte Bezugssystem gesellschaftlicher Bekenntnisse mit seinen ideologischen Zuordnungen ist auf dem Weg – und weiß nicht wohin. Was einmal zusammengehörte, trennt sich. Was getrennt war, verschmilzt. Das überbordende Gerede von Querfronten, teils zu Recht, teils nicht, drückt diesen Zustand aus. Die Empörungskultur ist ein Gewächs in diesem Biotop. Was macht sie aus? Was treibt sie an? Und warum geht bei ihr die Forderung nach äußerster Emotionalität mit der Überzeugung zusammen, dass man im Besitz der Wahrheit ist? Continue reading »