Jul 122018
 

»LOMO: The Language of Many Others« ist so planlos wie seine Hauptfigur

Es habe sie gereizt, sagt Julia Langhof, die »Odyssee« in die Gegenwart zu übersetzen. Wenn das der Einfall war, ist nicht viel davon geblieben. Die Handlung trägt sich im gehobenen Berliner Milieu zu, Lichterfelde West oder so. Arbeiterklasse findet nicht statt, und folglich sind die Erwerbssorgen von der Art, dass einer womöglich noch sein Haus verkaufen und zur Miete wohnen muss. Das in der Tat ist, worum Karls Vater sich sorgt, und Karl ist die Hauptfigur dieser Geschichte. Continue reading »

Jul 102018
 

Von allem, was gegen Kommunisten vorgebracht wird, ist der Vorwurf der Unbelehrbarkeit der albernste. Natürlich ist 1 Vorgang der Geschichte nicht mit den Möglichkeiten der Welt in eins zu setzen, ist also auch 1 stattgehabte Niederlage noch kein Hinweis darauf, dass sie sich stets wiederholen müsse. Und natürlich haben Menschen, deren Perspektive über das Gegenwärtige nicht hinausgehen will, die geringsten Aussichten, die Welt als eine Menge von Möglichkeiten aufzufassen, indem das Vorhandene als kleiner Teil des Möglichen verstanden und das Notwendige ebenso wie das Unmögliche aus dem Denkbaren gesondert wird. Nicht wir sind unbelehrbar, ihr seid es. Und deswegen geht es gar nicht darum, Verhältnisse anzustreben, deren Funktionieren davon abhängt, dass erstmal der Mensch sich zu emanzipieren hätte. Es geht darum, Verhältnisse einzurichten, die den Menschen ermöglichen, im Rahmen ihrer bescheidenen Mittel ein wenig zu wachsen. Die ihnen ermöglichen, human zu werden, ohne dass sie dazu aufhören müssen, Mensch zu sein.

– Ich gebe zu, es ist etwas zu lang für einen Grabstein, aber schreibt es mir bitte trotzdem drauf.

Jul 012018
 

Version 2016

»Jeder stirbt für sich allein« ist ein viel zu langer Roman von Hans Fallada. Die bisherigen Verfilmungen taten gut daran, die Fabel zu straffen. Die Widerstandsgeschichte wurde auserzählt, die Gefängnisgeschichte, also die zweite Hälfte des Romans, weggelassen. Ich habe die Verfilmung von 1976 nicht gesehen, aber die DEFA-Produktion von 1970. Das ist etwa 20 Jahre her. Jetzt habe ich die jüngste Verfilmung von 2016 besichtigt und fühle mich in allen wohlerworbenen Vorurteilen bestätigt. Continue reading »

Jun 282018
 

»Love, Simon«

Es ist schwieriger geworden, eine leidlich interessante Coming-out-Handlung zu erzählen. Der Schikaneur aus dem Footballteam, der verstockte Nachbar mit militärischem Hintergrund, die Mutter mit konservativem Familienbild, der Mitläufer, der seine eigene Homosexualität unterdrückt – die Klischees treffen noch von Fall zu Fall, doch Homophobie ist heute nicht mehr manifest. Die Zeit der Heugabeln und brennenden Kreuze ist vorbei. »Love, Simon« unternimmt also den Versuch, ein Coming-out zu erzählen für eine Gesellschaft, die Homosexualität weitgehend akzeptiert hat. Es geht damit eher um die Hintertüren, durch die sich aus dem gesellschaftlichen Konsens gestoßene Vorurteile ins Verhalten zurückschleichen. Continue reading »

Jun 272018
 

Die Freunde haben einen Hund, der im Ablauf eines Tages mehr Haare lässt, als ich insgesamt noch auf dem Kopf trage. In den Papieren steht, dass er aus Rumänien stammt, darunter der Vermerk: »Zum Schafehüten nicht geeignet«. Er lebt jetzt hier, obwohl er kein Facharbeiter ist und nicht richtig Deutsch spricht. Hunde müssen manchmal raus. Nachbarn auch. Wir trafen also einen. Es dürfte kurz nach dem Spiel der Deutschen gegen Mexiko gewesen sein, der Mann war sichtlich geladen und schrie was von »Muschifußball«. Das war, glaube ich, nicht lieb gemeint. Wer immer herausgefunden hat, dass Fußball ein Mann-Schafts-Sport sei, hatte vermutlich recht. Continue reading »

Jun 232018
 

Zur Poesie Gerhard Gundermanns

»Sieh dir mal die schönen Sachen an: Die kann man alle noch gebrauchen. Und was man wirklich nicht mehr essen kann, das lässt sich doch noch rauchen.« Larmoyanz war Gundermanns Sache nicht; seine Poesie hatte zwei Seiten, eine warme und eine Eisenseite. Gerade dass die Zuversicht aufgenötigt blieb, macht ihre Kraft aus. »Eine kleine leise Traurigkeit« bringt das in acht Zeilen zusammen: rauhe Umstände, innere Traurigkeit, Umschlag ins Heitere. Das Lied steht mit seiner unsagbaren Schönheit neben kosmischen Griffen wie »Septembermorgen« oder »Ein Gleiches«. Continue reading »

Jun 222018
 

Dominic Cookes Verfilmung von Ian McEwans »Am Strand«

Dieser Film erzählt im Grunde nicht mehr als die Geschichte eines Beischlafs. Florence und Edward befinden sich am Tag ihrer Hochzeit, im englischen Sommer 1962, in einem Hotel, das entlegen auf dem Kies des Chesil Beach steht. Sie versuchen einander näher zu kommen, doch in den entscheidenden Momenten blockt Florence immer wieder ab. Rückblenden unterbrechen das Geschehen, machen die Beklemmung etwas verständlicher. Die Handlung steuert auf einen Crash; als der passiert, folgt die Erzählung Edwards weiterem Leben, das mit größerwerdenden Sprüngen gen Zukunft angerissen wird. Continue reading »

Jun 162018
 

Dem Fußball scheint Ähnliches zu blühen wie Apple, Sushi oder Netflix. Er läuft nach wie vor, und irgendwie auch ganz gut, doch das symbolische Kapital schwindet. Längst hat sich Verdrossenheit unter die Begeisterung gemischt, ist das Mythische im Alltäglichen ertrunken und der Reiz verloren, mehr darin zu sehen als darin ist. Die Fahnen, diese elenden, sind heute dünner gesät denn je, und während die WM vor 8 Jahren allgegenwärtig war, ist das einzige, was sich heute noch aufdrängt, das bierselige Antlitz Thomas Müllers beim Rewe. Continue reading »

Jun 142018
 

»Das ist erst der Anfang«, ein traurig schlechter Film um ein paar Senioren

Manche Filme will man nicht mal verreißen. Wenn selbst das nämlich noch mehr Arbeit wäre als im betreffenden Film steckt. »Das ist erst der Anfang« dauert 90 Minuten, und das ist keine schöne Zeit. Ich will sie zurück, denn ich hätte sie auch verdösen können. Phlegmatische Inszenierung, mittelmäßiges Schauspiel, frivolseinsollende Dialoge und eine Kulisse, bei der man buchstäblich die Pappe auf der Zunge schmeckt, können trotz aller Miserabilität nicht verbergen, dass das Übel bereits im Drehbuch selbst liegt. Falls es denn eins gab. Continue reading »

Jun 072018
 

»Goodbye Christopher Robin« erzählt die Geschichte hinter der Geschichte von »Winnie-the-Pooh«

Der Reiz eines Making-of-Films liegt in der Spannung zwischen Werk und Entstehung. Die Geschichte hinter der Geschichte muss irritieren, oder sie bleibt banal. Bei »Shakespeare in Love« (1998) ist es das fehlende biographische Material, das den Einfall gestattet, Shakespeare habe sich die Ideen für »Romeo und Julia« aus seiner Umgebung geholt. »Miss Potter« (2006) erzählt brav die Entstehung von »Peter Rabbit« herunter, und mehr nicht. »Ed Wood« (1994) und »The Disaster Artist« (2017) sind bereits durch die Wahl ihrer Subjekte boshaft, während sich »Hitchcock« (2012) und »Genius« (2016) tatsächlich mühen, einen komplizierten Künstler hinter einem komplizierten Werk zu zeigen. Continue reading »

Mai 312018
 

»Hostiles« erinnert an das Erbe der amerikanischen Kolonialgeschichte

Wenn schon der Film überhaupt von der bürgerlichen Gesellschaft geprägt ist wie kein Genre je, so kann der Western als reiner Ausdruck davon genommen werden. Sein Setting ist die idealisierte Geographie des frühen Kapitalismus: die unterentwickelte Staatlichkeit, der Vorrang des noch nicht kodifizierten Rechts, das egozentrische Handeln als höchstes gemeinsames Gut, die unerbittliche Expansion, bei der Hinterland und Frontier verschwimmen, die absolute Grenze des Pazifik, nach der bloß noch intensive Reproduktion möglich sein wird – alle diese Elemente sind im Western zum Naturzustand verklärt. Hier siedle ich und kann nicht anders. Continue reading »

Mai 262018
 

»Ein Leben« zeigt die Kollision von Wahrheit und gesellschaftlicher Rücksicht

»Das Leben«, so lautet der Satz, in dem Stéphane Brizés Verfilmung von Maupassants großem Roman »Une Vie« schließlich erstarrt, »ist nie so gut oder schlecht, wie man glaubt.« Jeanne, eine junge Adlige, kehrt nach Jahren klösterlicher Erziehung auf den Landsitz ihrer Eltern zurück. Sie heiratet unglücklich; ihr Mann Julien, der sie betrügt, wird vom eifersüchtigen Nachbarn umgebracht. Jeannes Vater stand ihr bloß zaghaft bei, ihr Sohn Paul verlässt sie gen England, wo er eine Prostituierte heiratet und sich in allerlei desaströse Geschäfte involviert. Von einem Leben der Lügen und Zweideutigkeiten gezeichnet, beginnt Jeanne an der Ehrlichkeit seiner Nachrichten zu zweifeln, bis sie einen unumstößlichen Beweis erhält. Es sind nicht die Ereignisse, die einen hieran packen, es ist das Innere der Heldin. Diese Innerlichkeit gibt den Schlüssel, diesen Film zu verstehen – sein Schauspiel, seine Diktion, seine Erzählform, seine bildästhetischen Mittel. Continue reading »

Mai 172018
 

Die Dokumentation »The Cleaners« wirft Licht auf eine Schattenindustrie

Als Saul Ascher 1818 seine »Idee einer Preßfreiheit und Censurordnung« vorlegte, war er von einer wohlbekannten Zerrissenheit befallen, die Freiheit zwar zu wollen, nicht aber die damit gegebene Möglichkeit zu Verleumdung und Aggression. Sein Vorschlag lautete, dass Zensur nie den Inhalt, sondern die Form anzutasten habe. Jeder sage, was er will, doch man sorge, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Ascher wollte also trennen, was sich praktisch nicht trennen lässt. Wer ein Medium für das Gute öffnet, öffnet es auch fürs Schlechte, und wenn schon im täglichen Betrieb beides stets ineinandergreift, so scheint erst recht unmöglich, dies Chaos in ein allgemeines Handlungsgesetz zu überführen. An eben dieser Schnittstelle setzt exakte 200 Jahre und 1 Internet später die Dokumentation »The Cleaners« an. Continue reading »

Mai 102018
 

»Der Buchladen der Florence Green« von Isabel Coixet

Eine weibliche Stimme berichtet, Jahrzehnte zurückblickend, von den Begebenheiten um die Buchhändlerin Florence Green: »Sie sagte mir mal: Wenn wir eine Geschichte lesen, bewohnen wir sie. Der Einband eines Buchs ist wie ein Dach und vier Wände.« Die Sprecherin zitiert die Heldin des Films, die ihrerseits den Schriftsteller John Berger zitiert, der sich seinerseits auf Diderots theatralische Theorie bezieht. Diese Intertextualität der dritten Stufe ist mehr als bloß Fanservice für das mutmaßlich bibliophile Publikum des Films. Jene vier Wände bedeuten das Wesen von Fiktion überhaupt, die nur dort bestehen kann, wo sie sich selbst verleugnet, und das Denken in Zitaten scheint die natürliche Ausdrucksform einer Leseratte, die von Buch zu Buch kommt, es zwar bewohnen, aber nie ganz besitzen kann. Continue reading »