Dez 272018
 

»Shoplifters«

Dass in Cannes die Palme wackelt, sagt noch nichts über Goldregen in L.A. Dennoch dürfte ein Oscar für »Shoplifters«, trotz starker Konkurrenz bei den Einreichungen (»The Guilty«, »Roma«, »Burning«, »Dogman«, »Waldheims Walzer«), im nachhinein so selbstverständlich scheinen wie vor drei Jahren bei »Son of Saul«. Das hängt nicht zuletzt am sozialen Tonfall. Koreeda Hirokazu zeigt moralisch nicht eindeutige Menschen und macht keine Vorschrift, wie man sie zu finden hat. Gleichwohl sind die punktgenauen, lakonischen Sentenzen, die Sprache der Szene und das Schauspiel des gesamten Ensembles so manipulativ, dass ein Rückzug in bloß anschaulichen Naturalismus unterbunden wird.

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Dez 212018
 

»Die Schneiderin der Träume«

Da ihr Mann früh verstorben ist, war die noch junge Ratna gezwungen, in Mumbai eine Stelle als Dienstmädchen anzunehmen. Sie lebt dort im Haushalt des etwa gleichalten Ashwin, der gerade seine geplante Hochzeit platzen ließ. Während sie den Traum verfolgt, Schneiderin zu werden, muss Ashwin ein Lebensziel erst wieder finden. Er hat die Möglichkeiten, sie die Ambitionen. Dergestalt passend wie Schloss und Schlüssel lassen sie sich aufeinander ein. Was anderswo eine alltägliche Lovestory wäre, ist unterm Diktat traditioneller und ökonomischer Einflüsse eine viel größere Sache – vergleichbar vielleicht der Lage, die Schiller zum Ende des 18. Jahrhundert in »Kabale und Liebe« gespiegelt hat.

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Dez 142018
 

»Take the Ball, Pass the Ball«

Als John Cleese 2006 in »The Art of Football« durch das Alphabet des Sports führte, war neben dem inhaltlichen auch ein artistischer Höhepunkt erreicht. Wenn »Take the Ball, Pass the Ball« jetzt den Eindruck weckt, daran anzuschließen, so weniger durch einen Willen zur Form. Es fehlt hier durchaus die tragende Idee in der Gestaltung – das Ästhetische ruht im Gegenstand selbst. Schöner Fußball war oft, nie aber wurde er so gravitätisch wie bei Guardiolas Barca. Das liegt nicht allein an der Spielidee, über die sich ja streiten lässt, sondern darin, dass noch nie jemals – irgendwie irgendwo irgendwann – eine Spielidee so vollendet auf den Platz gebracht wurde. Doch der Reihe nach.

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Dez 132018
 

»Spider-Man: A New Universe«

Miles Morales, der Held der Geschichte, erlebt eines Tages nicht nur, wie es ist, Peter Parker beerben zu müssen – er trifft auf fünf weitere Spider-Männer, oder vielmehr Spider-Leute: Gwen Stacy als Spider-Gwen, den schwarz-weißen Noir-Spider-Man, die manga-artige Peni Parker, das schwer verkalauerte Cartoon-Schwein Peter Porker als Spider-Ham sowie einen verlotterten Peter Parker, der irgendwann im Leben alles falschgemacht hat. Sie stammen sämtlich aus verschiedenen Universen, wo sie von der jeweils ansässigen, nicht ganz so freundlichen Spinne aus dem Labor gebissen wurden. Die klassische Botschaft des Marvel-Verlags, dass – in Abgrenzung zu den superioren DC-Helden – jeder ein Superheld sein kann, bekommt in diesem Cross-over eine exponentielle Gestalt. Dabei greift der Film auf vorhandenes Material zurück, den »Ultimate Spider-Man« (2000) etwa oder »Spider-Gwen« (2015), die – typisch für den Comic-Betrieb – als alternative Erzählreihen die ursprüngliche Story variieren. Jenes ›Spider-Verse‹, das im Film verschränkt wird, existiert also längst.

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Dez 062018
 

»Under the Silver Lake«

Sam (Andrew Garfield) lebt in Los Angeles. Ohne Arbeit, ohne Geld für die nächste Miete, und man hat nicht den Eindruck, dass er daran viel ändern will. Den Tag verbringt er zwischen Comics und Videospielen, Bierdosen und Filmen, Geschlechtsverkehr und Spannerei, wobei er Sarah (Riley Keough) kennenlernt. Die lädt ihn ein, obwohl sie weiß, dass er sie mit dem Fernglas beobachtet hat. Als sie am nächsten Tag verschwunden ist, macht Sam sich auf eine lange Suche. – Was nach Odyssee klingt, und wohl auch so gemeint war, gerät zu einer fahrigen Tour in Hollywood mit seinen notorischen Orten, bizarren Ikonen und urbanen Mythen. Sam schlussfolgert sich durch die Stadt, indem er in den banalen Dingen der Pop- und Konsumkultur geheime Zeichen erkennt: Schatzkarten auf Cornflakesschachteln, Botschaften in rückwärts gespielten Platten, Numerologie, Buchstabenfolgen, bildliche Codes. Bald tritt die Suche nach Sarah in den Hintergrund, und das Suchen wird Selbstzweck.

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Nov 302018
 

Mit jeder neuen Ausgabe der Bahamas erklären die Gegner, zumeist an denselben Deformationen leidend und lediglich die Gewichte etwas anders setzend, dass die Zeitschrift nun endgültig gestorben sei. Sie irren damit, wie sie nur können, denn was tot ist, kann nicht sterben. Die Bahamas war von jeher eine unpolitische Veranstaltung, so dass man sie besser ästhetisch fasse. Continue reading »

Nov 282018
 

»Das krumme Haus«

Mitten hinein in die drohende Welle neuer Poirot-Filme von & mit Kenneth Branagh stößt, als kleiner Brecher, diese vorderhand bescheidene, tatsächlich exzellent temperierte Verfilmung eines bislang unberührten Christie-Stoffs: »Das krumme House« bzw. »Crooked House«, wie der Roman im Original mehrdeutig heißt. Mit dem Bruchteil des Budgets eines Branagh machen der Regisseur Gilles Paquet-Brenner und seine Autoren so gut wie alles richtig. Continue reading »

Nov 242018
 

»Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren. Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.«

Carsten Brückner, Vorsitzer von Haus & Grund Berlin

Es gibt übrigens auch kein Naturgesetz, das Carsten Brückner und der Truppe, deren Interesse er zu artikulieren hat, das Recht gibt, unausgesetzt die Mietpreise in die Höhe zu treiben. Es gibt ein beinahe natürliches Gesetz, demnach die Masse derer, die man unterdrückt, sich das nicht ewig gefallen lässt und das Verhältnis irgendwann umkehrt. Vielleicht erlebt Brückner dann selbst, wie sich eine erzwungene Umsiedlung anfühlt. In dem Fall mögen seine eigenen Worte ihm etwas Trost spenden. Ich werds nicht tun.

Nov 222018
 

»Der Dolmetscher«

Der pensionierte Dolmetscher Ali Ungár (Jiří Menzel) reist von Bratislava nach Wien, um dort den früheren SS-Offizier Kurt Graubner aufzusuchen, der während der Shoa seine Familie ermordet hat. Er führt eine Waffe bei sich, spielt also wenigstens mit dem Gedanken, Graubner zu erschießen. In der Wohnung trifft er dessen Sohn Georg (Peter Simonischek), der mitteilt, dass sein Vater verstorben sei. Nach einiger Irritation machen sich die Herren auf den Weg in die Slowakei, um die Vergangenheit zu erforschen. Georg engagiert Ali als Dolmetscher, und die Reise in die Ferne wird zur Reise ins Innere. Continue reading »

Nov 152018
 

»Loro – Die Verführten«

Es ist bemerkt worden, dass das Sujet doch längst verbrannt sei. Ich denke, da liegt ein Missverständnis. Wenn Sorrentino einen Film über Berlusconi macht, will er nichts anderes als bei einem über Andreotti: eine geschichtliche Figur verstehen, und dazu muss er sie in ihrer Besonderheit zeigen. Als politisches Kampfmittel käme »Loro« zu spät. Tatsächlich kommt er viel zu früh, denn Italien steckt mit der Hälfte seines Stiefels noch immer in dieser Epoche. Continue reading »

Nov 142018
 

»Die andere Seite von allem«

Im Zentrum von Belgrad gibt es eine Wohnzimmertür, die seit 70 Jahren verschlossen ist. Auf der anderen Seite wohnen fremde Nachbarn, auf dieser Srbijanka Turajlić, deren Eltern vor 1945 noch die gesamte Wohnung gehörte. Im Zuge der Verstaatlichung wurde die Fläche geteilt; statt einer konnten nun vier Familien dort leben. Bürgertum und Proletariat, sagt Srbijanka, hatten zuvor in Belgrad praktisch keine Berührung. Mit der Teilung der Wohnung, lässt sich sagen, hat man die Teilung der Klassen angegriffen. Continue reading »

Nov 122018
 

»Rememory«

Was sind Erinnerungen? Wie bestimmen sie unsere Entwicklung? Was wäre, wenn fortgeschrittene Technik ihre präzise Aufzeichnung ermöglichte?

»Rememory« ist einer jener Filme, bei denen man phasenweise den Eindruck erhält, in einem Seminar gelandet zu sein. Anders als »Anon« (2018), der dasselbe Thema anpackt, setzt der Film tief an, nimmt häufig das Tempo aus der Erzählung und gewährt den physischen Elementen des Plots keinen Überhang. Auf die Art konserviert er geschickt das Gleichgewicht von Kriminalstory und Charakterdrama, wo »Anon« bloß mit geläufigem Dystopiepomp aufwartet, dessen philosophisches Fundament die ein paar mal zu oft verhandelte Frage bildet, was vom Menschen bleibe, wenn man ihn der Privatsphäre beraubt. »Anon« artikuliert einen Protest gegen das Erfassen von Erinnerungen. »Rememory« fragt, was das Erfassen von Erinnerungen für den Menschen bedeutet. Continue reading »

Okt 262018
 

»Der Affront«

Der undichte Abfluss eines Balkons bringt zwei Männer in der Sommerhitze Beiruts gegeneinander auf. Yasser, Palästinenser und Vorarbeiter einer Baustelle, repariert eigenmächtig Tonis Abflussrohr. Toni, christlicher Libanese und Anhänger der rechtskonservativen Forces Libanaises, zerstört die Installation. Im Affekt beschimpft Yasser ihn, worauf Toni bei Yassers Vorgesetztem eine Entschuldigung verlangt. Dass Yasser nur zögerlich dem Verlangen nachgibt, scheint Tony weiter zu beleidigen, und er reagiert auf die halbherzige Entschuldigung mit einer politischen Entgleisung, woraufhin Yasser ihm mit einem Schlag zwei Rippen bricht. Der Fall geht vor Gericht, aber Yasser wird freigesprochen. Tony verliert im Gerichtssaal die Beherrschung … Continue reading »

Okt 182018
 

»Der Vorname«

Im Grunde ist jeder Vorname ein Skandal. Gewiss kann er im Gegensatz zum Familiennamen frei bestimmt werden, aber nie vom Betroffenen selbst. Der Familienname schafft wenigstens eine Art Gemeinschaft des Leidens, der Vorname gerät zum Machtgriff, der gnadenlos Weichen stellt. Wer sein Kind etwa Adolf nennt, sollte gleich auch das Geld für den Analytiker zurücklegen. An dieser Idee hängt sich die Komödie »Der Vorname« (Le Prénom) auf, die 2010 von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière geschrieben und 2012 von ihnen verfilmt wurde. Sechs Jahre später befand Sönke Wortmann, dass es hievon ein deutsches Remake geben müsse. Sechs Jahre, das ist die kleinste Einheit deutschen Taktgefühls, denn so lange hat der Zweite Weltkrieg gedauert. Continue reading »

Okt 162018
 

»Konrad Wolf – Alle Spielfilme 1955–1980«

Dass die Arbeit großer Regisseure in einer Gesamtausgabe festgehalten wird, passiert überraschend selten. Dabei wäre es gerade hier nötig, denn der gezeigte Film verschwindet viel leichter als das gedruckte Buch. Manche Filme Konrad Wolfs wurden nie wieder aufgeführt, einige davon waren bislang selbst auf DVD nicht erhältlich. Wir sprechen also bei dieser Edition von einer großen Sache, auch weil wir bei Wolf von einem großen Regisseur sprechen. Continue reading »