Mrz 082018
 

»Furusato« stellt die Frage, was Menschen dazu bewegt, ins Sperrgebiet zurückzukehren

Man eröffnet mit einer Karte Japans, auf der die registrierten Beben des Jahres 2011 rot aufblinken. Gnadenlos läuft der Counter dem 11. März entgegen, an dem es sehr rot und sehr laut wird. Die Ähnlichkeit mit einem Geigerzähler ist beabsichtigt. Erdbeben und Atomkraft werden so in ein Bild gebracht als Mitteilung, dass ein Reaktorunfall in einem Risikogebiet nicht unvorhersehbar war, wie als Erinnerung, dass ihm eine größere Katastrophe, der Tsunami in Iwate und Miyagi, vorausging. Continue reading »

Mrz 042018
 

Seit eigentlich letztem Herbst so sehr im Hamsterrad, dass mir die Zeit für beiläufigen Quatsch fast völlig fehlt, geb ich spät noch, bevor das heute Nacht mal wieder alles aus dem Ruder läuft, was zu den Oscars ab. Neulich fragte mich wer, warum man sich dazu verhalten müsse. Muss man natürlich nicht; es ist eine betriebsblinde Veranstaltung, durch die die Beteiligten einander versichern, dass sie noch da sind. Gewisse Dinge kann man nicht ernstnehmen, etwa die erkennbare Bevorzugung derjenigen Filme, die zeitlich näher an der Verleihung liegen, was immer etwas an das Kurzzeitgedächtnis von Wechselwählern erinnert. Oder das zwanghafte Anspringen der Academy-Mitglieder auf Filmthemen, in denen sie sich Continue reading »

Feb 222018
 

Lorraine Lévy erfindet den »Docteur Knock« neu

Erzählt wird die Geschichte eines beinah liebenswerten Ganoven, der sich, auf einem Schiff Zuflucht suchend, als Arzt ausgibt. Am Ende der Seereise beschließt er, Medizin zu studieren. Als nunmehr ausgebildeter Mediziner übernimmt er Jahre später die Praxis in einer Kleinstadt, wo er feststellen muss, dass es den Menschen unerfreulich gutgeht. Er beginnt in der Gemeinde ein Bewusstsein für Krankheiten zu etablieren, denn die benötigt er für sein Geschäft. Continue reading »

Feb 152018
 

»Alles Geld der Welt« bringt den Entführungsfall Getty auf die Leinwand

Wohl seit Beginn der Neunziger leidet Ridley Scott am Ruf, nie wieder auf das Niveau seiner frühen Streiche »Alien« (1979) und »Blade Runner« (1982) gelangt zu sein. Dieser Ruf ist ebenso ungerecht wie berechtigt. Ungerecht, weil seither ein halbes Dutzend weiterer Scott-Filme durchaus gutes Kino waren und mit dem »Marsianer« (2015), wie ich glaube, ein Werk gelungen ist, das jedem Vergleich standhielte. Berechtigt jedoch, weil der frühe Scott eine ästhetische Linie markiert hatte, die er seit langem verlassen hat. Scott ist heute mehr Könner als Künstler. Was er anpackt, wird was, und selbst, wenn er Mist baut, bleibt er noch genießbar. Aber es fehlt zu oft die besondere Idee der Gestaltung, die die Bilder nicht bloß schönmacht, sondern selbst zur Mitteilung werden lässt. Es fehlt der Stil. Continue reading »

Feb 082018
 

Die Dokumentation »Playing God« macht Kenneth R. Feinberg zur Charaktermaske des Monats

Ein Mann sitzt vorm stumm laufenden Fernseher, es spielt Musik. Er liebe den Kontrast. Natürlich, sein Beruf ist ja die Vermittlung. Was er nicht sagt: Die Musik überspielt den Ton. Endlich wird nicht mehr geredet. Leider hört er dabei nicht auch selbst auf zu reden.

Was tut Ken Feinberg? Man ruft ihn, wenn Lagen eingetreten sind, deren juristische Folgen auch für Konzerne fatal wären. Das ist die erste Pointe, die sich der Dokumentation Continue reading »

Jan 252018
 

»Letzte Tage in Havanna« wirft einen Blick auf das Thema der kubanischer Auswanderung

Gemächlich, kaum dramatisch, dafür reichlich zerredet schleppt sich die Handlung dahin. Doch es liegt, nicht zu übersehen, eine genaue Gestaltungsabsicht zugrunde. Die schönen Bilder und effektvollen Kamerafahrten machen eine Ästhetisierung der Umgebung, die in den Eindrücken des ärmlichen Havanna so gut versteckt ist, dass sie mit dem Auge allein gar nicht mehr zu sehen ist. Das Heruntergekommene wird erst auf der Leinwand kulinarisch. Continue reading »

Jan 142018
 

In dieser Woche kommt mit »Your Name« (»Kimi no na wa«) ein Meisterwerk in die deutschen Kinos

Taki, ein Schüler aus Tokyo, wacht eines morgens im Körper der gleichaltrigen Mitsuha auf, die in der Kleinstadt Itomori lebt. Mitsuha passiert dasselbe mit Taki. Im Rhythmus von Erwachen und Schlafen wechseln die beiden ihre Körper. Auf die Art erfahren sie voneinander, ohne sich zu begegnen. Es beginnt ein kompliziertes Spiel der Kommunikation und Interaktion zweier Menschen und ihrer Leben. »Sie laufen zusammen, sie nehmen Form an, sie verdrehen und verfilzen sich, werden manchmal wieder aufgeknüpft, getrennt und neu verwoben.« Mit diesen Worten beschreibt Hitoha, Mitsuhas Großmutter, die Kunst des Kumihimo, und es ist zugleich die Handlung von »Your Name«, auf ihren knappsten Ausdruck gebracht. Continue reading »

Jan 052018
 

Manchmal, wenn eine Sache so blöd ist, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, mache ich einen Witz. Das ist meine Art, mit den Augen zu rollen. Manchmal ist eine Sache so blöd, dass mir nichtmal ein Witz einfällt. In dem Manuskript, das ich gerade lektoriere, steht das Wort »Neger«. Das Protokoll von Word 2016 markiert vermeintliche Rechtschreibfehler mit rot gepunkteten Linien und vermeintliche Fehler der Grammatik mit durchgezogenen blauen. Hier unter besagtem Wort sehe ich zum ersten Mal eine braun gepunktete Linie und dürfte etwa ausgesehen haben wie Pete Sampras vorm Aufschlag, als ich das Wort mit der rechten Taste anclickte: »Neutrale Sprache« & »Sie sollten den Ausdruck ersetzen«. Continue reading »

Nov 212017
 

 

Branagh bleibt Branagh

Wer sich vergleicht, wird verglichen. Lumets »Mord im Orient-Expreß« (1974) ist aus zwei Gründen schwer zu schlagen. Er hat ein unüberbietbares und nicht erst durch den Weihrauch des zeitlichen Abstands großes Ensemble, und er verändert die Anlage der Figur Poirot nicht, die durch ihre Autorin vorgegeben ist. Branaghs »Mord im Orient-Express« (2017) scheitert daran, dass er besser sein will als Agatha Christie. Continue reading »

Okt 232017
 

Franz Josef Wagner ist, man kann es nicht anders sagen, der Franz Josef Wagner der BILD-Zeitung. Seiner Maxime »1 Satz – 1 Ressentiment« ist er mit sehr wenigen Ausnahmen stets gerecht geworden. Natürlich hat auch er sich jetzt zu #metoo geäußert, jenem Hashtag, der so viel Projektion wie Abwehr erzeugt, dass ich mich bei den Reaktionen wieder an »real men don’t rape« erinnert fand. Continue reading »

Okt 172017
 

An »Designated Survivor« verdrießt, dass die Serie auf einem vermögenden Einfall beruht, aber die Ausführung dieses Einfalls so schwach ist, dass schon nach wenigen Folgen nichts mehr von ihm übrigbleibt. Wie nett von mir, dass ich die erste Staffel dennoch zuende geschaut habe. Continue reading »

Okt 152017
 

Vielversprechend hingegen scheint mir »Mindhunter«. Ich sage das nach erst drei gesehenen Folgen, also eigentlich zu früh. Die Serie spielt Ende der Siebziger. Sie erzählt die Geschichte der forensischen Verhaltensforschung beim FBI und ist angenehm theorieorientiert. Continue reading »

Sep 242017
 

Über den langen Arm charismatischer Herrschaft

und ein paar Grundrechenarten

 

Turkmenbaschi schlägt sie alle. Den Putin mit seinem Körperkult, den weltbesten Golfer Kim Jong-il, den Erdogan, der selbst im Palast noch wie ein Staubsaugervertreter wirkt, sowieso. Er, der den April nach seiner Mutter benennen ließ, war der König der komischen Könige. Doch sein Los ist tragisch. In der Zeit noch des frühen Internets verstorben, blieb ihm eine Karriere als Star auf imgur, Twitter & Facebook verwehrt. Der Autokrat von heute ist Popstar und Witzfigur. Wo früher Insignien glänzten, legt sich eine Patina von Anekdoten & Legenden, Memes & Gifs, Videos & Feeds um ihn. Ausgemacht scheint, dass unser Bild weitaus mehr durch diese Beiläufigkeiten bestimmt ist als durch offizielle Verlautbarungen. Und indem sich dies Beiläufige vors Offizielle schiebt, gerät auch der blutige Charakter der verhöhnten Herrschaft in den Hintergrund. Continue reading »

Sep 112017
 

Fragen, die die AfD sich stellt

Zu einer Tendenz, dernach unerfreulich unwenige Linke nach rechts streben, weil jeder, der auch »Brot und Arbeit« schreit, unbedingt ein Linker, mindest ein unbewusster, sein müsse, gehört auch das Streben von Rechten nach links. Man kann nur kaufen, was auch im Angebot ist. Wie aber kommt es, dass ein Linker, der sich nach rechts anschlussfähig macht, aufhört, ein Linker zu sein, während die Bestrebungen zum selben Bündnis von rechts her stets ihren fängerischen Charakter behalten? Wieso fällt immer links auf rechts rein, und nicht umgekehrt? Ich denke nicht, dass auf der Rechten das gewieftere Personal sitzt oder das diszipliniertere. Ich denke, es liegt an dem, was Linkssein und Rechtssein unabhängig von ihrer gegenläufigen Tendenz unterscheidet. Continue reading »