Sep 142016
 

Der Aufstieg des Donald Trump und sein Vorschein im Marvel-Kosmos

von
Konstantin Bethscheider

Vorwort

»Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.«

(Karl Marx)

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Lage der westlichen Gesellschaften verzweifelt ist: Die Wiederauferstehung politischer Kräfte, die man sich durch die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hindurch bereits angewöhnt hatte als ›Ewiggestrige‹ zu unterschätzen, legt davon ebenso Zeugnis ab wie die offenkundige Unmöglichkeit, dieser rasanten Regression mit den Mitteln des Intellekts zu begegnen. Während diesseits des Atlantiks AfD, Front National und Putin Erfolge feiern, die mit den Mitteln des Verstandes so schwer nachzuvollziehen sind, dass jede neue Hiobsbotschaft empfangen wird mit dem Lamento, dass noch ein Jahr zuvor der entsprechende Erfolg unvorstellbar gewesen sei, starren die Medien und die Intelligenzija jenseits des atlantischen Ozeans wie ein Reh im Scheinwerferlicht auf die Erfolge Donald Trumps, dessen kometenhafter Aufstieg nicht einmal durch Zerwürfnisse mit seinem natürlichen ideologischen Verbündeten Fox News behindert werden konnte. Continue reading »

Aug 272016
 

Über Doping und was die Leute daran stört

Nämlich gar nichts

Beginnen wir mit dem Eigenartigen. Niemand interessiert sich für Doping. Der Satz muss für wahr gelten, denn während tatsächlich sehr oft über Doping gesprochen wird, beweist die Art, wie es geschieht, dass Doping selbst überhaupt kein Thema ist und im Reden darüber ganz andere Probleme bearbeitet werden. Ich versuche, mich verständlich zu machen. Es sollte nicht länger dauern als ein 3000-Meter-Lauf. Continue reading »

Aug 242016
 

Ein Gespenst geht um in Europa. Es trägt eine Burka. Alle Mächte des alten Europa, geistige und materielle, haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet. Und das ist auch gut so.

(1) Offenbar gibt es keine zwei Meinungen bezüglich der Burka selbst. Der Streit geht lediglich um die Frage, wie das, was man nur ablehnen kann, gesellschaftlich zu behandeln ist. Soll man die Burka einfach hinnehmen oder ihr Zeit geben, durch gesellschaftliche Emanzipation zu verschwinden, oder auf Geduld und Aufklärung setzen oder meint man, vor allem mittels gesetzlicher Restriktion das Problem eindämmen zu können. Zwischen diesen Ansätzen etwa bewegen sich die vorgetragenen Ansichten. Kaum jemand kritisiert das angeregte Verbot, weil er die Burka selbst als Wert sähe. Continue reading »

Jan 282016
 

Der Kinskiwert, zentrale Messgröße für alle Medienmenschen, erlaubt eine Beurteilung des medialen Effekts einer Person, der in reziproker Relation zum gesellschaftlichen Effekt steht. Der Kinskiwert misst aggressives & exaltiertes Auftreten, das eine nicht vorhandene Substanz so offensichtlich kaschiert, dass selbst beholfene Mitmenschen gelegentlich auf die Idee kommen, es müsse doch mehr dahinter stecken. Continue reading »

Aug 072015
 

Darf man Israelkritiker kritisieren? Bequeme Argumente für empfindliche Seelen

Es gibt Gedichte, die ersetzen ganze Abhandlungen. So eines von Wiglaf Droste: »Ich höre sie jammern, sie dürften als Deutsche/ In Deutschland nichts gegen Israel sagen.// Das dürfen sie aber, es tun auch fast alle,/ Und können dann nicht mal ein Echo vertragen.« Unfreunde des israelischen Staates müssen jetzt tapfer sein. Wir werden auch heute den Nahostkonflikt nicht klären können. Der Blick sei vielmehr gerichtet auf ein geläufiges Diskursverhalten, von dem ich meine, dass es nicht an den Tag legen kann, wer sich mit Fug gewisse Vorwürfe verbitten will. Continue reading »

Mai 242015
 

Warum die drohende Zerstörung der antiken Ruinen von Palmyra beinahe mehr Aufmerksamkeit erhält als die Ermordung dort lebender Menschen, ist vielleicht besser zu beantworten, als scheinen mag. Zunächst verstört wohl, daß Gestein mehr Anteilnahme bekommen sollte als Menschen. Das ist offenkundig ungerecht. Doch dieses Gestein ist nicht einfach da, es ist ein Artefakt, also erstarrte Humanität. Continue reading »

Apr 152015
 

Noch einmal denkt, noch einmal, liebe Freunde! Es war vorauszusehen, daß Grassens Tod zu Witzen führen wird. Es war vorauszusehen, daß das Leute ärgern wird. Ich versuche, diesen Widerspruch so gerecht, wie mir möglich, zu behandeln, weil ich beides, den Spaß und den Ärger über den Spaß, ein wenig verstehen kann. Nun wird, wie ich sehe, auf den sozialen Netzwerken stark darüber diskutiert, ob, wann, wo & wie Witze über einen Frischverstorbenen in Ordnung sind. Continue reading »

Apr 112015
 

Lyzis, der amüsante Haßprediger, maßt sich an, meinen Essay übern Selbstverlag sozusagen mitverfaßt zu haben. Der Wunsch, Urheber eines Textes zu sein, den man selbst nicht hätte hervorbringen können, ist so alt wie das Schreiben selbst. Insofern. Auch Lyzis’ zähe Versuche, mittels Beleidigungen um meine Aufmerksamkeit zu betteln, seien ihm geschenkt. Ich habe mich, seit er mir und meinen Freunden einmal zugelaufen ist, daran gewöhnt und beziehe das nicht auf mich. Ich kann nichts dafür, daß seine Bemühungen um Hypotaxe vor allem beweisen, wie sehr er mit der deutschen Sprache zu kämpfen hat. Ich kann nichts dafür, daß er, wie einer jeden seiner Polemiken anzumerken, in der analen Phase hängen geblieben ist. Ich kann nichts dafür, daß er, wie mehr als einmal erklärt, Argumente für bürgerlichen Schwachsinn hält, weil es allein auf die richtige Position ankomme. Ich kann nichts für seinen subjektiven Müll und seinen unbewältigten Schmerz, oder dafür, daß er uns alle am liebsten ins Lager stecken möchte. Ich kann nichts für seinen mediengerechten Stalinismus, den er mit sich Continue reading »

Mrz 082015
 

Je nun. Schaun wir uns also Til Schweiger und seine Puller-ab!-Fanboys etwas genauer an. So tief kann man sinken. Doch daß dieser Todenhöfer der Unpolitischen es vermag, hier dennoch zum Gegenstand der Betrachtung zu werden, liegt daran, daß alles politisch ist, auch das Unpolitische. Der Gegenstand ist durch und durch ekelhaft, und genau meint hier daher tatsächlich: genau, nicht ausgiebig. Ich habe keine Lust, die Zeugnisse der Unvernunft auch noch zu dokumentieren. Jeder kann selbst die Facebookprofile ruchbarer Verbalvigilanten besuchen, wie eben Schweiger, Hans Sarpei oder Jan Leyk, von deren Existenz man leider & gottseidank außerhalb solcher Zusammenhänge niemals Zeichen erhält – Schweiger macht Filme mit Dieter Hallervorden, Sarpei hat für Schalke gespielt, und von Leyk weiß ich nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Jeder kann sich zugleich auch vom Geschrei ihrer Anhänger ein vitales Bild machen. Ich will demnach nicht über Edathy reden, zu dem mir bei allem auch hier berechtigten Ekel nun wirklich nichts Mitteilenswertes einfällt. Es geht nicht um ihn, die Kinder oder die bundesrepublikanische Rechtspflege, es geht mir nicht einmal um Schweiger selbst, sondern allein um das, was sich in den volkstümlichen Reaktionen auf den Fall des Edathy zum Ausdruck bringt. Wer schreit da, und was schreit da?

Sofort fällt auf, daß die große Mehrheit derer, die nach Abschiebung, lebenslanger Haft, Todesstrafe, Kastration oder simpel körperlicher Gewalt rufen, Männer sind. Es finden sich auch einige Frauen in der Menge der Empörten, aber weder in der Breite noch in der Spitze halten sie mit. Das ist insofern bemerkenswert, Continue reading »

Feb 242015
 

Menschen, die mit dem Unterleib denken, gibt es gar nicht so wenige. Da ist nämlich kein günstigerer Nährboden für politische Irrationalität als das Gefühl der Ohnmacht, und ohnmächtig samma alle. Deshalb sind es so viele – und so viele aus der weiß-nichts-kann-nichts-Abteilung. Muss man sich mit ihnen beschäftigen? Nun sicher, es gibt Wichtigeres. Das Weltall zum Beispiel. Doch wenn sie auch nichts zu sagen haben, sie haben dauernd das Wort, und wer redet, hat Macht. Das Problem dabei ist, dass man sich im Verfolgen von Unterleibsgedanken stets vorkommt, als schnüffle man an einer Unterhose. Man fühlt sich wie ein Belästiger, also belästigt. Continue reading »

Dez 062014
 

Über die Gereiztheit des Zoophagen

Die wörtliche Übersetzung von Dioskuren lautet: die Boys von Zeus. M&M wiederum heißt nicht, wie es müsste, Maxeiner & Maxzweier, sondern Maxeiner & Miersch. Der autoritäre Liberalismus ist noch jung und gerade erst dabei, seine Folklore zu entwickeln. Ich bin mir sicher, dass man dereinst, wie heute schon in den MEW, in den MMW blättern wird, und irgendwann im Nachlass mag wohl ein fleißiger Adlatus das unveröffentlichte Vorwort zu einem veröffentlichten Buch entdecken, worin Maxeiner über Miersch oder Miersch über Maxeiner schreibt: »Er war das Genie, wir anderen allenfalls Talente.« Continue reading »

Okt 152014
 

Ich habe Enzensbergers »Schreckens Männer« gelesen. Er versucht, einen begrifflichen Zusammenhang zwischen dem westeuropäischen Amokläufer und dem islamistischen Attentäter herzustellen und findet den in der Figur des radikalen Verlierers. Das ist weder besonders neu (auch 2005 nicht, als der Essay erschien) noch gut ausgeführt. Der Text ist, ehrlich zu sein, erstaunlich schlecht organisiert und bleibt weit hinter dem Niveau der glanzvollen Stücke in Sammlungen wie »Mittelmaß und Wahn« oder »Politische Brosamen« zurück. Natürlich ist Enzensberger immer etwas brillant, seine Stärke von jeher, Psychologisches anschaulich zu machen; er kann Theorie konkret erzählen. Und das funktioniert auch dann gut, wenn es auf der begrifflichen Ebene nicht funktioniert. Continue reading »

Sep 292014
 

Mark P. Haverkamp, der sich hierdurch mit Dank überschüttet fühlen soll, hat mich für den Liebster Award nominiert, was eine schöne Sache mit schrulligem Namen ist. Ich mag die Fragen wie die Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen, tue folglich, was ich kaum je tue: mitmachen. Aber ich ändere den Namen. Der Preis heißt ab jetzt Lobster Award, meint aber im übrigens alles, was sein Vorgänger auch meint.

Die Antworten

1. Bei welcher deiner Meinungen (von der du sehr überzeugt bist) stimmen die meisten anderen nicht mit dir überein?

Staatsbegriff, Demokratie, Sozialismus, Deutschland, Israel, politische Romantik, Miroslav Klose (in ascending order).

2. Wo wärest du jetzt gern?
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Sep 012014
 

Es kommt im Leben schon mal vor, daß einer einen fragt, warum er mit einem anderen befreundet ist, und mit dieser Frage durchaus nicht Interesse, sondern Mißbilligung bekundet. Wenn einer Ärger mit einem hat und nun von der gesamten Welt erwartet, sie möge an diesem Ärger teilnehmen, ist darin eine alte Sehnsucht zum Ausdruck gebracht; nämlich mehr zu können, als man selbst kann. Die eigene Macht endet direkt hinter der eigenen Handlung, man wünscht sich einen Fortgang, ein Wirken über sich hinaus. Warum sollen nicht alle einsehen, was ich eingesehen habe? Continue reading »