Dez. 012012
 

Ich sage ja nicht, daß es unmöglich ist, daß einer ein Dissident und dennoch ein guter Poet sei. Es ist nur nicht wahrscheinlich. Dem Dissidenten wird internationales Wohlwollen zuteil, den Erfolg erlangt er, weil er für etwas steht. Diese Abkürzung zum Ruhm ist zu verlockend, doch von der Poesie gilt wie von allen anderen Fächern, daß wirklich gut nur ist, wer die Umwege geht. Das gilt natürlich auch für den Staatsdichter, dem der Erfolg national zugesprochen wird wie dem Dissidenten international. Um aber einen Nobelpreis zu erhalten, muß der Staatsdichter schon ein herausragender Dichter sein.

Es passiert folglich selten, daß der Nobelpreis für Literatur aus ästhetischen Gründen vergeben wird. Und noch das zu oft, findet Herta Müller, deren Erfolg ganz offensichtlich nicht durch die Qualität ihres Werks erklärt werden kann. Mo Yan wirkt unter der Schar konformistischer Dissidenten wie ein Rebell, beschämt also Müller, die ihrerseits Liao Yiwu nach seiner Blut-und-Boden-Rede in der Paulskirche umarmt hat, nicht nur durch sein Können, sondern auch durch seine Coolness. Dietmar Dath hat den Fall bearbeitet: Continue reading »

Nov. 292012
 

Kriegszeit im Nahen Osten ist Zeit für Gefühle. Hier fast noch mehr als daselbst. Europa ist ein Irrenhaus, worin man den Nahostkonflikt nicht einfach behandelt, sondern an ihm nachweist, wer man ist. Worin man sich nicht einfach den Kopf über seine Lösung zerbricht, sondern ihn darin als Gradmesser des Weltfriedens gleichsam neu erfindet. Das ist so krank, wie es sich anhört. Wofern nicht bereits das übermäßige Interesse an diesem Komplex verdächtig sein sollte, mag doch wenigstens die Zwanghaftigkeit, mit der die Bekenntnisse vorgebracht werden, nachdenklich machen. Bekenntnisse kosten, anders als Argumente, gar nichts. Was keinen Preis hat, hat vermutlich auch keinen Wert. Die populärste Form, Israel und seine Lage zu kommentieren, ist das Bekenntnis. Es fällt, zugegeben, einigermaßen schwer, zwischen IDF-Kitsch und Palästina-Folklore etwas Haltung zu bewahren. Das Ausstellen von Wimpeln und Symbolen ist – wie das Herumziehen in Gruppen – ein Zeichen intellektueller Unsicherheit, obgleich sich auch Brüder von der ausgeschlafenen Fraktion gelegentlich dazu hinreißen lassen, eine Fahne zu schwenken, und sei es nur – wie sie sich selbst versichernd einreden – zur Provokation. But stupid is as stupid does. Continue reading »

Apr. 192012
 

 

 Was Grass und seine Grassenheimer umtreibt

 

Wovon man nicht schweigen kann, darüber muß man sprechen.

Grass (Wittgenstein-Kritiker)

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal: Fresse halten.

Wittgenstein (Grass-Kritiker)

 

Warum schweige ich?, fragt, heterologisch um Aufmerksamkeit heischend, der nie stille Schnauzbart des Literaten Grass. Man blickt die Zeitungsseite hinunter auf die folgenden 68 Zeilen und fragt sich unweigerlich: Ja, warum bloß schweigt er nicht? Aber so ist er, der Günter, der Grass; es reicht ihm nicht, die Menschheit seinen Absonderungen auszusetzen, er muß sie auch noch mit der Frage belästigen, warum er tut, was er offenkundig nicht tut. Andererseits scheinen viele ihren Geschmack daran zu finden. Die Pose des Tabubrechers, des einsamen Continue reading »

Feb. 232012
 

 

Statt dessen ein paar über den Liberalismus

 

Mir fällt zu Gauck nichts ein. Dafür fällt mir was auf. Seit ein paar Tagen gehts wieder mächtig um Freiheit. Das hat seinen Grund in dem, dass der Teapartymann und Pastor Joachim Gauck demnächst zum König gekrönt werden soll. Ich muss ihn nicht vorstellen. Sein Leben ist bekannt. Geboren 1940 in Rostock, zu einem Studium an einer staatlichen Universität reichte es nicht, folglich studierte er Theologie. Zum Theologen langte es ebenfalls nicht, folgte also die Arbeit als Pastor und IM »Larve«.1 Nach 1990 dann Chefverfolger seiner ehemaligen Kollegen. Der einzig nennenswerte Erfolg der nach ihm benannten Behörde bestand darin, dem Ampelmännchen nachgewiesen zu haben, dass es nicht nur grün, sondern auch rot war. Seit 2000 Privatier und, glaubt man Gerüchten, auf der Suche nach der zweiten Karriere in Hollywood, in der es aber nachweislich bloß zu einer Hauptrolle in einem B-Movie gereicht hat.2 Zurückgekehrt nach Deutschland versuchte er sich als Fernsehmoderator und Buchautor. Das Ergebnis: desaströs. 2010 verlor er die Wahl um das Amt des Bundespräsidenten gegen einen Konkurrenten, gegen den zu verlieren vorher als unmöglich galt. Joachim Gauck – das Leben eines Verlierers. 2011 erschien in der Bundeszentrale für politische Bildung der Sammelband »Crazy Joachim: Petzer und Hetzer«, der als bislang umfassendste Würdigung seines Schaffens gilt. Continue reading »

  1. Rayk Wieland: Die Larve. In: konkret 8/1997. []
  2. Gauck hat stets abgestritten, dass seine Darstellung des Carl Fredricksen in »Up« der Beginn einer Karriere in Hollywood sein sollte. Tatsache ist, dass diesem Auftritt keine weiteren Rollenangebote folgten. In der Branche hieß es, Gauck sei ein schwieriger Mensch und als Actor verbrannt. Während der Dreharbeiten zu »Up« war es zu zahlreichen Wutausbrüchen gekommen. Immer wieder soll Gauck der Regie mit dem Script in der Hand fuchtelnd vorgeworfen haben, dass sie die notwendige Kritik am DDR-Regime nicht deutlich genug herausarbeite. []
Sep. 062011
 

Als der Zensus bei mir klingelte, hatte ich ein Problem. Einfach reinlassen konnte ich ihn nicht, dafür müßte ich mich noch vor meinen Enkeln schämen. Am Zensus teilgenommen zu haben ist etwa ebenso peinlich wie ein Auftritt bei RTL2 oder ein Sitz auf der Anklagebank des IMG zu Nürnberg. Man versucht sowas zu vermeiden, denn es hängt einem lange nach. Ich konnte allerdings Continue reading »

Sep. 042010
 

Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muß mit Binden,
Angebunden, Krüppel-Greis,
Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,
Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,
Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Straßen
Allen Kranken in die Nasen,
Scheuchen wir die Kranken-Brut!
Lösen wir die ganze Küste
Von dem Odem dürrer Brüste,
Von den Augen ohne Mut!

Der Urheber dieser Worte ist nicht Thilo Sarrazin, sondern Friedrich Nietzsche. Von Sarrazin stammen folgende Erhellungen: Continue reading »

Mai 182010
 

Das Nachdenken über Sitten und Gebräuche hat immer zwei Seiten, eine theoretische, die danach fragt, woher dieser oder jener Brauch historisch und kulturell kommt, und eine praktische, auf der das Denken der Frage nachgeht, wie gut die Bräuche sind und wohin, wenn man sie ausübt oder nicht ausübt, unsere menschliche Entwicklung geht. Beinahe alle Fehlleistungen, die Kommentatoren bei der Beschäftigung mit sittlichen Fragen unterlaufen, rühren aus der ungleichen Verteilung des Denkens auf diese beiden Seiten. Die Frage nach der Welt, wie sie ist, und die Frage nach der Welt, wie sie sein soll, verhalten sich in aller Regel gegenläufig, und der gemeine Verstand liebt das Denken in Widersprüchen nicht. Er will es einfach und will es rein. Also entscheidet er auch bei der Beurteilung bestimmter Sitten nach seinen ohnehin vorhandenen Neigungen. Ein Brauch ist demnach entweder schlecht und somit durch keinerlei historische Betrachtung zu entschuldigen, oder aber historisch bedingt, und dann verbiete sich ein Werturteil von selbst. So sehr beide Zugriffe einander entgegenstehen, sie haben gemein, dass sie eine Erklärung immer gleich für eine Rechtfertigung halten. Continue reading »

Apr. 102010
 

Es begann eigentlich ganz harmlos. Am letzten Tag der Buchmesse brachte ich die Zeit, die mir bis zum Abend blieb, auf die Weise rum, daß ich mir das von Leipzig ansah, wofür allein es mit Recht berühmt ist: die Werke seiner bildenden Künstler.

Leipzig selbst, man kennt es, reizt kaum zum Verweilen. Selbst wenn man die merkwürdig zielgerichtete Tristesse des Stadtbilds und die puritanische Geschäftigkeit ihrer Bewohner ignoriert, bleibt noch immer präsent, daß diese Stadt der Schoß der deutschen Misere und Unvernunft ist. Ich habe Leipzig einmal die Hauptstadt der romantischen Bewegung genannt, worauf mir die Städtenamen Berlin, Jena und Heidelberg entgegenflogen. Ich leugne auch deren Eignung für diesen Titel nicht, konnte aber mit dem Verweis auf die Bananenrevolution von 1989 und das antibonapartistische Happening von 1813 meine Continue reading »

Nov. 202009
 

Da hat doch Bundesdingens Horst Köhler zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in seiner Maison de plaisance Bellevue eine Veranstaltung für „Gegner des SED-Unrechts“ ausrichten lassen, auf der zwölf Bundesverdienstkreuze an zwölf Bürgerrechtler der DDR-Zeit verschenkt wurden. 12 Kreuze an 12 Bürgerrechtler – offenbar war beides im Dutzend billiger.

Für den Eklat des Abends sorgte Stephan Krawczyk, der – nachdem er zusammen mit Freya Klier seine drittklassige Schmierlyrik vorgetragen hatte – gebeten wurde, die Nationalhymne anzustimmen, und dies tat, indem er sogleich die seit der Nazizeit zu Recht gebannte erste Strophe der Hymne skandierte. Er soll verwundert in die Menge geblickt haben, als er die Tatsache gewahr wurde, daß die übrigen Anwesenden Deutschland nicht von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt sich erstrecken lassen wollten. Und Horst Köhler soll sich dann geräuspert und die Worte gesprochen haben: „Die dritte Strophe bitte.“ Continue reading »

Sep. 262009
 

Diese Sorte Artenschutz haben nicht nur DIE GRÜNEN im Programm. Mich läßt das kalt. Es gibt Tiere, die braucht kein Mensch: Mammuts z.B. oder Delphine. Und Wahlen, die braucht nun wirklich niemand; und diejenigen, die wählen gehen, die am allerwenigsten. (Falls Sie übrigens glauben, daß das, was einer braucht, und das, was einer denkt, daß er es braucht, ohne weiteres identisch ist, lesen Sie ruhig einmal das Polos-Gespräch in Platons Gorgias.)

Von meinem Recht, an den Wahlen dieses Landes nicht teilzunehmen, mache ich seit Perioden unerträglicher Regierungen Gebrauch, nicht erst seit der gegenwärtigen. Und ich lebe gut damit. Es lebt sich einmal besser, wenn man von dem Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch trinkt. Ich nenne es nicht nicht wählen, ich nenne es nichtwählen. Sie gehen morgen wählen? Gut, ich gehe nichtwählen. Continue reading »

Sep. 212009
 

In der jungen Welt von heute lese ich einen Satz, der die Achtundsechziger Bewegung beschreibt, ohne ihr die mindeste Karikatur anzutun, worin, will ich sagen, diese Bewegung und ihre politische Funktion vollständig aufgeht und doch in ihrem ganzen Elend und ihrer ganzen Läppischkeit festgehalten ist:

[Joseph] Fischer ist einer aus der Garde der Revolutionären Kämpfer in Frankfurt am Main von 1968 und seither politisch festgelegt. Wie die Mehrheit seiner Mitläufer war er für jede Kritik am Kapitalismus zu haben, wenn sie so dämlich war, daß der Kapitalismus im Vergleich zu ihr gut ausschaute.

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Aug. 182009
 

Wenn Sie glauben, unser Wahlkampf sei eine Veranstaltung von Schmocks gegen Schmocks um die Gunst von Schmocks, haben Sie vermutlich recht, denn um wessen Gunst in Wahlkämpfen von jeher gefochten wird, das sind nicht die Stamm- oder die Nichtwähler, die ganz genau wissen, was sie wollen, wissen, welchen Idealen sie anhängen und welche politischen Kräfte für die Beförderung dieser ihrer Ideale stehen. Um wen in Wahlkämpfen gekämpft wird, das sind immer nur die sogenannten Wechselwähler, also der am wenigsten gescheite und am leichtesten beeinflußbare Teil der Bevölkerung. Es sind immer die Wechselwähler, die Continue reading »

Aug. 052009
 

Mohammed war ein Prophet,
Der vom Fußballspielen nichts versteht.
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.

Wie der Kundige umgehend an der dilettantischen Handhabung des Metrums, der hemdsärmeligen Gedankenführung und der ungechlachten Wortwahl erkannt haben dürfte, handelt es sich hierbei um eine Stelle aus der Vereinshymmne des Fußballclubs Schalke 04. Unkundigen sei erklärt, daß Schalke 04 so etwas wie den Bodensatz der deutschen Fußballkultur darstellt. Der durchschnittliche Schalkefan spricht kein Hochdeutsch, verfügt (sofern dies Verbum in diesem Zusammenhang anbebracht ist) über einen etwa kniehohen Bildungsstand und trägt jeden Samstag eine Aldi-Tüte (blau-weiß) voller Bierdosen in ein Ding, das er Schalke-Arena nennt, woselbst er Continue reading »

Juli 132009
 

Es gibt gute Gründe, Berlin zu verabscheuen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Es gibt aber auch gute Gründe, Berlin zu mögen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Ich weiß das genau, denn ich muß unter ihnen leben und habe so ihre merkwürdige Weise, diese Läppischkeit und Lebensgröße in einem, frei Haus. Berlin ist wohl der Ort in Deutschland, der das Provinzielle am gründlichsten aus sich ausgeschlossen hat, wobei das nicht heißt, daß er es vollständig verbannt hätte. Mein Lob ist, wie angedeutet, ein relatives Lob. Aber im Vergleich wird man glücklich. Man freut sich, daß man nur im kleinen Elend lebt und das größere an einem vorbeigegangen ist.

Es gibt hierfür unzählige Beispiele, und eines davon ist die Pro-Reli-Kampagne und die trockene Absage, die Berlin diesem anmaßenden Begehren erteilt hat. Bereits die Ausgangslage, das also, wogegen diese Kampagne zu Felde zog, macht den Unterschied zwischen Berlin und den meisten anderen Orten Deutschlands deutlich. In Berlin hat der Religionsunterricht nicht wie in vielen anderen Bundesländern den Rang eines regulären Pflichtfachs, von dem man Continue reading »

Juli 072009
 

Zur strukturellen Ähnlichkeit von Absolutismus und Sozialismus bei Peter Hacks

Auf den Absolutismus ist die Welt nicht gut zu sprechen. In ihrer Vorliebe für die open society scheinen Linke wie Rechte, Fortschrittler wie Rousseauisten, Marxisten wie Freunde der kapitalistischen Produktionsweise ihre Gemeinsamkeit zu haben. Alle lieben die Freiheit. Aber natürlich versteht jeder seine eigene darunter, und dennoch geben alle vor, ein und dieselbe zu meinen. Von Inhalten redet man heute einfach nicht mehr. Die ganze Welt, scheints, hat das Geschichtsbild des Herrn Karl Popper übernommen. Continue reading »