Jul 132014
 

Menschen, die aus der sicheren Distanz mitteleuropäischer Lebensumstände nicht mit Ratschlägen geizen, Israel Wege aufzuzeigen, wie es aus seinem Schlamassel wieder herauskommt, sind ja durchaus nicht nur ein Ärgernis. Manchmal sind sie sehr unterhaltsam. Wenn man über die Jahre verfolgt, wie sie bei jeder der zyklisch auftretenden Eskalationen um Gaza, dem Staat Israel nun doch das letzte Verständnis aufkündigen, ganz so, als hätten sie je welches aufgebracht, stellt sich ein ähnlicher Effekt ein wie bei der Lektüre des komischen Dialogs »Brokatjacken« von Max Goldt. Selbstgerechte Wutausbrüche, vorgetragen in einer Art Selbstgespräch mit der Rhetorik eines Goldfischs und dem dazu passenden Langzeitgedächtnis. Continue reading »

Jun 112014
 

Alle Sommer gerader Jahre habe ich viel durchzustehen. Mannschaften, die schlechten Fußball spielen und trotzdem gewinnen, WM-Songs, Reinhold Beckmann, vornehmlich aber jene nationale Penetranz, von der man allenthalben angesprungen, mitgerissen und ungefragt fraternisiert wird. Im sogenannten Partynationalismus kommen zwei Momente des Widerwärtigen zusammen. Einmal der schnöde Nationalismus, zum anderen das Volkstümliche, zwanghaft Gutgelaunte, das sommerliche Du. Dem Volksfest kann man fernbleiben, es macht nur Krach und Müll. Es ist ein bißchen anmaßend, aber es unterstellt keine übergreifende Eingemeindung. Es ist unpolitisch.

Das Fußballvolksfest ist mehr. Es gibt keine würdevolle Weise, eine Fahne zu tragen. Das Ausstellen nationaler Zeichen ist von jeher die Kennung derer, die, was sie nicht in sich haben, neben oder über sich suchen. Im Vereinsfußball bedeutet ein Symbol wenigstens nichts anderes als eben den Verein, zu dem man hält. Im nationalen Fußball Continue reading »

Mai 302014
 

Elsässer, glaubt man Elsässer, hat vor dem Münchner Landgericht gegen Jutta Ditfurths Behauptung, er sei ein Antisemit, eine Klage durchgesetzt. Tatsächlich ist, was er erreicht hat, eine einstweilige Verfügung; der eigentliche Prozeß steht noch aus, was Elsässer nicht daran hindert, sich als Sieger zu präsentieren.1 Damit, so fügt er hinzu, sei jeder gewarnt, der es Jutta Ditfurth gleichzutun gedenke. Es ist also ratsam, auf die Behauptung zu verzichten, daß Elsässer ein Antisemit sei. Woraus allerdings nicht folgt, daß man einfach das Gegenteil behaupten müsse. Auch das wäre ja eine Unterstellung, die von einem Gericht geprüft werden könnte und die man also nicht leichtfertig in die Welt blasen sollte. Ungern stünde man Continue reading »

  1. »Elsässer siegt mit Verleumdungsklage gegen Ditfurth«, Meldung vom 28. Mai auf Elsässers Homepage []
Mai 012014
 

Wer die Bezeichnung »Tag der Arbeit« verwendet, sollte wissen, was er da tut. Der 1. Mai wurde Ende des 19. Jahrhunderts, ausgehend von Generalstreiks in den USA, als »Kampftag der Arbeiterklasse« begründet. Damit war gesagt, dass es nicht um den abstrakten Begriff der Arbeit geht, dem ja schon Marx immerhin den historisch-konkreten Begriff der Produktion entgegengesetzt hat, sondern um die Menschen, die dahinter stehen. Um deren Bedürfnisse und Rechte. Etwa das auf Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf 8 Stunden und angemessene Bezahlung. Nicht um die Arbeit also, sondern um den Schutz des Menschen vor der Arbeit. Continue reading »

Feb 172014
 

Da nun zu allem Überfluß auch noch das nächste Sarrazin-Buch dräut, in dem sich der Autor dem linken Meinungskartell widmet und in einer breit beworbenen und mit Sicherheit medienpräsenten Erstauflage von 100.000 Exemplaren darüber ausläßt, daß man in Deutschland seine Meinung nicht sagen darf, ist die Gelegenheit für eine kleine Analogie schon aus Gründen der Selbstverteidigung ergreifenswert. Selbstverteidigung gegen einen Politclown, der sich als »Querdenker« anpreisen läßt, »der sich nicht scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen«, und Sätze schreibt wie: »Wer bestimmt, was gesagt werden darf – und worüber geschwiegen werden muss?«

Der notorische Provokateur, der zum Medienbetrieb gehört wie der verhaltensgestörte Kristalltrinker zur Neuköllner Eckkneipe, ist für gewöhnlich bauernschlau. Er ahnt, was er tut, könnte es aber nicht auf den Begriff bringen. Er ist kein Meisterdenker, besitzt dafür jedoch instinktsicher eine Art Erfahrungswissen. Daß er selbst Continue reading »

Feb 142014
 

Homophobie und Naturrecht

Matthias Matussek hat öffentlich eingestanden, dass er krank ist.[1] Seine Diagnose: Homophobie. Behandeln lassen will er sich einstweilen nicht und erweckt vielmehr den Anschein, als hielte er sein Geständnis für einen Akt der Zivilcourage. Wie alle, deren Treiben um der Pose willen ist, verrät er dabei mehr, als er verraten will. Sein Text ist zunächst ein klares Bekenntnis, hernach gezielte Provokation des Betriebs, zugleich begrifflicher Wirrwarr und schließlich unkontrollierte Entladung von Abscheu und Vorurteilen. Es ist ekelhaft, aber kaum überraschend. Was will man auch erwarten von einem erwachsenen, nahezu alten Menschen, der von jener Weltgestalt, die Bur Malottke immerhin noch »dieses höhere Wesen, das wir verehren« genannt hat, stets als dem »lieben Gott« spricht, ganz so, als komme er eben mit frisch hochgezogenen Kniekehlenwischern aus der Sakristei, den tief befriedigten Blick des Vikars im Nacken. Continue reading »

Jan 312014
 

Man weiß, daß die Talsohle einer Debatte erreicht ist, wenn Josef Joffe sich an ihr beteiligt. Dieser arme, alte und dennoch stets ambitionierte Mann, dessen Texten anzumerken ist, daß er mit jeder Formulierung gekämpft hat, liegt immer falsch, selbst dann, wenn er, wie weiland in der Angelegenheit um Grass, versehentlich auf der richtigen Seite steht. Aber meist steht er auf der falschen Seite, weil er ein Drei-Groschen-Junge des bundesdeutschen Spätkapitalismus ist, der die Drei-Groschen-Märchen dieser Gesellschaft tatsächlich glaubt. Die dadurch entstehende Kluft zwischen ihm (Joffe) und den Tatsachen muß logischerweise überbrückt werden, und da Josef Joffe nie was einfällt, fallen ihm meistens doch die Nazis ein. Continue reading »

Jan 132014
 

Gedichte, Zeichnungen, Malerei, aber keinen neuen Roman mehr: Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem Interview angekündigt, wohl kein großes Prosa-Werk mehr zu schaffen. Sein hohes Alter  . . .

 

Mit letzter Lippe schnell
noch ein Versprechen. Denn
die flinke Tinte ist ihm ausgegangen.
Unsere Freude aber ist Continue reading »

Jan 072014
 

Der Unterschied zwischen Neid und Gier scheint bloß äußerlich. Der Gierige ist ein Neidischer, ohne es sein zu müssen. Er will mehr, als er braucht, und begehrt, was ein anderer hat. Der Neidische begehrt ebenfalls, was ein anderer hat, und will ebenfalls mehr, als er braucht. Das bloße Bedürfnis schafft weder Neid noch Gier, von denen sich erst sprechen läßt, wenn das Wollen über den individuellen Grund hinausgeht. Continue reading »

Jul 032013
 

Γνῶθι σαυτόν

Die … ja doch, man darf wohl sagen: Causa Franziska Augstein[1] verdient eine generelle Betrachtung. Natürlich hat F. Augstein ebenso wie J. Augstein den Vorwurf, sie sei, was sie ist, von sich gewiesen. Sie teilt die Auffassung ihres Bruders, dass der wahre Antisemitismus der bekennende ist und Verdächtigungen gegen ehrbare Personen wie sie bloß vom Kampf gegen diesen eigentlichen Antisemitismus ablenken. Das klingt so nass wie forsch, nur: Man trifft ihn nie, den wahren Antisemitismus. Denn abgesehen von Hotte Mahler, Pierre Vogel und einer Handvoll Ufologen gibt es kaum noch bekennende Antisemiten in Deutschland. Wir leben in einem Land, in dem die Angst vor dem inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs größer ist als die Angst vor dem Antisemitismus, und diese Haltung ist eigentlich nur dort möglich, wo man annimmt, dass der Antisemitismus genau wie die Pocken und der Haarnasenwombat praktisch ausgestorben ist. Continue reading »

Jan 202013
 

»Die zurückliegenden Wochen haben bewiesen: Jakob Augstein führt ganz Deutschland am Gängelband und gefährdet den ohnehin brüchigen Landesfrieden. Wenn er anruft, beugt das Feuilleton seinen Willen. Die Angriffe durch Broder (Welt)Trampert (konkret)Gärtner (Titanic) und das Simon-Wiesenthal-Centre sind wahrscheinlich von Augstein selbst inszeniert worden, denn er hat ganz offenkundig den größten Nutzen von dieser Kampagne. Und was man mit dem Geld, das Augstein als Verleger zusammenrafft, so alles Continue reading »

Nov 292012
 

Kriegszeit im Nahen Osten ist Zeit für Gefühle. Hier fast noch mehr als daselbst. Europa ist ein Irrenhaus, worin man den Nahostkonflikt nicht einfach behandelt, sondern an ihm nachweist, wer man ist. Worin man sich nicht einfach den Kopf über seine Lösung zerbricht, sondern ihn darin als Gradmesser des Weltfriedens gleichsam neu erfindet. Das ist so krank, wie es sich anhört. Wofern nicht bereits das übermäßige Interesse an diesem Komplex verdächtig sein sollte, mag doch wenigstens die Zwanghaftigkeit, mit der die Bekenntnisse vorgebracht werden, nachdenklich machen. Bekenntnisse kosten, anders als Argumente, gar nichts. Was keinen Preis hat, hat vermutlich auch keinen Wert. Die populärste Form, Israel und seine Lage zu kommentieren, ist das Bekenntnis. Es fällt, zugegeben, einigermaßen schwer, zwischen IDF-Kitsch und Palästina-Folklore etwas Haltung zu bewahren. Das Ausstellen von Wimpeln und Symbolen ist – wie das Herumziehen in Gruppen – ein Zeichen intellektueller Unsicherheit, obgleich sich auch Brüder von der ausgeschlafenen Fraktion gelegentlich dazu hinreißen lassen, eine Fahne zu schwenken, und sei es nur – wie sie sich selbst versichernd einreden – zur Provokation. But stupid is as stupid does. Continue reading »

Aug 222012
 

Wenn Familien Kaffee kochen:

Erledigendes zur Partei Die Linke

Über die PDS hat schon Steve McQueen das Nötige mitgeteilt: Es habe da einen Mann gegeben, der durch die Wüste ritt und sich plötzlich nackt auszog, um auf einen Kaktus zu springen. Befragt, warum er das getan habe, antwortete er, er habe das damals für eine prima Idee gehalten. Vermutlich hat Gregor Gysi es tatsächlich für eine gute Idee gehalten, seinen Verein mit der WASG fusionieren zu lassen. Im Westen würde man, das war abzusehen, kurz- bis mittelfristig nicht Fuß fassen können. Den Status einer Regionalpartei galt es zu brechen, und das schien mit den vom Westen kommenden Fragmenten der Sozialbewegung möglich. Also vollzog man 17 Jahre nach der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD denselben Vorgang noch einmal im Kleinen. Heute sieht die PDS, aufgegangen in der PDL und darin von schwächeren, aber durch Anzahl überlegenen Westverbänden unterworfen, in ein schwarzes Loch, das sie ihre Zukunft nennt. Die Umfragen im Westen sind auf den alten Stand zurückgegangen, doch dafür hat man nun die Pest an Bord: friedensbewegte Altlinke, Gewerkschaftler und Trotzkisten. Der Parteitag von Göttingen[1] wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich zu trennen. Allein, wozu? Continue reading »

Apr 192012
 

 

 Was Grass und seine Grassenheimer umtreibt

 

Wovon man nicht schweigen kann, darüber muß man sprechen.

Grass (Wittgenstein-Kritiker)

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal: Fresse halten.

Wittgenstein (Grass-Kritiker)

 

Warum schweige ich?, fragt, heterologisch um Aufmerksamkeit heischend, der nie stille Schnauzbart des Literaten Grass. Man blickt die Zeitungsseite hinunter auf die folgenden 68 Zeilen und fragt sich unweigerlich: Ja, warum bloß schweigt er nicht? Aber so ist er, der Günter, der Grass; es reicht ihm nicht, die Menschheit seinen Absonderungen auszusetzen, er muß sie auch noch mit der Frage belästigen, warum er tut, was er offenkundig nicht tut. Andererseits scheinen viele ihren Geschmack daran zu finden. Die Pose des Tabubrechers, des einsamen Continue reading »

Mrz 102012
 

Monsieur: Die Versuchung, die Karlsbader Beschlüsse jedesmal mit dem Beiwort »die segensreichen« zu versehen, ist groß. Aber der Herausgeber hat natürlich neutral zu bleiben.

Madame: Wenn ich den Herrschern dieser Welt einen Rat erteilen sollte – aber mi froogt ja koaner –, dann diesen: Erlasse nie ein Gesetz, das Du nicht auch durchsetzen kannst.

Monsieur: Karlsbad war wirksam. Es hat Jahn kalt gestellt und Ernst Moritz Arndt auf Jahre zum Sozialfall gemacht. Und die Linken, die später darunter litten, waren auch meist Idioten. Continue reading »