Jul 282009
 

I. Einleitung

Die Versuchung, »Die Gräfin Pappel«[1] autobiographisch zu lesen, ist groß. Wenn ihr im folgenden widerstanden werden soll, dann nicht schlechthin, sondern in einer bestimmten Hinsicht. Die »Gräfin Pappel« ist kein Schlüsselroman, sie ist, was mehr ist, ein Märchen. Zwar: Sie wurde 1992, also in der letzten Lebensphase ihres Verfassers gedichtet, und die Lebensgeschichte ihres Helden weist in der Tat zu viele Parallelen zur Lebensgeschichte ihres Verfassers auf, als daß man das Autobiographische bei einer Deutung außer acht lassen könnte: Wie Philibert hat Peter Hacks in jungen Jahren die Welt, in der er aufwuchs, verlassen, wie diesem wurde ihm die Welt, in die er fortging, zerstört, wie dieser weigerte er sich, nach der Zerstörung seiner Wahlheimat in der neuen, d.h. in der alten Welt anzukommen. Die Fabel, könnte man meinen, bildet eins zu eins die Biographie des Dichters Peter Hacks ab. Und auch in den Einzelheiten findet sich Continue reading »

Jul 132009
 

Es gibt gute Gründe, Berlin zu verabscheuen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Es gibt aber auch gute Gründe, Berlin zu mögen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Ich weiß das genau, denn ich muß unter ihnen leben und habe so ihre merkwürdige Weise, diese Läppischkeit und Lebensgröße in einem, frei Haus. Berlin ist wohl der Ort in Deutschland, der das Provinzielle am gründlichsten aus sich ausgeschlossen hat, wobei das nicht heißt, daß er es vollständig verbannt hätte. Mein Lob ist, wie angedeutet, ein relatives Lob. Aber im Vergleich wird man glücklich. Man freut sich, daß man nur im kleinen Elend lebt und das größere an einem vorbeigegangen ist.

Es gibt hierfür unzählige Beispiele, und eines davon ist die Pro-Reli-Kampagne und die trockene Absage, die Berlin diesem anmaßenden Begehren erteilt hat. Bereits die Ausgangslage, das also, wogegen diese Kampagne zu Felde zog, macht den Unterschied zwischen Berlin und den meisten anderen Orten Deutschlands deutlich. In Berlin hat der Religionsunterricht nicht wie in vielen anderen Bundesländern den Rang eines regulären Pflichtfachs, von dem man Continue reading »

Jul 042009
 

Der Professor Lesch betont immer, daß wir nur Innenarchitektur des Universums betreiben können. Wir können, soll das heißen, weder wissen, was zeitlich vor der Entstehung desselben passiert ist, noch können wir wissen, was räumlich außerhalb desselben ist. Denn bezogen auf das Universum gibt es ein Vor und ein Außerhalb in unserem zeitlich-räumlichen Sinne nicht. Das Universum, will das wohl sagen, ist nicht unendlich.

Wenn Philosophen allerdings von Unendlichkeit sprechen, meinen sie etwas anderes als die Physiker. Physiker wissen viel über die Natur; von der Welt verstehen sie wenig. Der höchste Begriff vom Sein fordert Totalität, d.h.: die Welt als solche läßt sich nur als Einheit denken. Totalität, wenn sie auf das Sein bezogen ist, besitzt aber Continue reading »

Jul 032009
 

Jeder Mensch, ob er will oder nicht, muß sich ein Bild von der Welt machen. Jedes Bild, ob sein Schöpfer es will oder nicht, behauptet eine Einheit. Wir können die Welt nur als Einheit auffassen, wie verschiedenartig immer die Strukturen sein mögen, die wir innerhalb des Bildes zulassen. Die Weltbilder unterscheiden sich nicht darin, daß sie eine Einheit der Welt behaupten oder nicht, sondern allein dadurch, wie weit die in ihnen behauptete Einheit der Wirklichkeit gerecht wird.

Es ist natürlich, daß man nicht mit ausgereiften Modellen debütieren kann. Jeder Gedanke bedarf der Probe. Ein Weltbild, da es aus vielen Gedanken besteht, bedarf vieler Proben. Es wird sich, will es den Geistesstand seines Schöpfers verkörpern, im Laufe dieser Proben an vielen Stellen ändern müssen. Diese Änderungen Continue reading »

Jul 022009
 

Die Frage, ob in der Philosophie Entwicklung, d.h. Bewegung im Sinne eines Ganges vom Niederen zu Höhern, stattfindet, dürfte wohl kaum eine sein, auf deren Beantwortung sich die Menschen einmal werden einigen können. Es gibt gute Gründe, sie mit ja zu beantworten, und es gibt gute Gründe, ihre endgültige Beantwortung vielleicht noch etwas auszusetzen. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, daß dieses Noch eines von Dauer und also eigentlich nur ein vermeintliches Noch ist (denn ein Noch, das immer gilt, verliert seine Geltung). Sicher zumindest scheint, daß, wenn Entwicklung in der Philosophie statthat, sie von anderer Art ist als die naturwissenschaftlich-technische, die weitgehend linear verläuft, und auch anders als die gesellschaftliche, die über Negationen vermittelt ist, doch über größere Zeiträume hinweg – zumindest bis dato – stets noch Verbesserung der menschlichen Lebenslage bewirkt hat. Die Philosophie dagegen setzt vielmehr in längeren Abständen ihre Highlights und scheint in den Zwischenzeiten vorzüglich damit beschäftigt zu sein, gegen diese Gipfelpunkte zu rebellieren, vulgo: sich zum Esel zu machen. Continue reading »

Jul 012009
 

Ja, ich und Kant, nicht: Kant und ich.

Das war nie eine besondere Liebesgeschichte. Natürlich ist man als normaler Mensch geradezu verpflichtet, sich für Kant zu interessieren, und so gab und gibt es auch bei mir ein stets lebhaftes Interesse an ihm. Allerdings starb das immer in dem Maße, in dem ich dann diesem Interesse Folge leistete und ihn las. Und es wuchs genau in dem Maße, in dem ich es dann wieder nicht tat. Es ist, als wäre da eine Stahlfeder zwischen uns, Kant und mir, pardon: mir und Kant: Repulsion und Attraktion sinken jeweils in genau dem Maße, in dem man diesen Strebungen nachgegeben hat. Die Lektüre erzeugt Abstinenz und umgekehrt. Allein deswegen also schon, weil ich unfruchtbare Bewegung und Entwicklung zu unterscheiden weiß, bin ich mit Kant nicht gut Freund. Continue reading »

Jun 222009
 

Ein jedes Lehrbuch über das Tanzen sollte so beginnen: Der menschliche Körper ist das größte Hindernis beim Tanzen.

In der Weltgeschichte wieder müßte man sagen: Was dem Menschen bei der Durchsetzung seiner Interessen im Wege steht, das sind vor allem die menschlichen Interessen.

Überhaupt aber gilt: Schuld hat immer die Materie.

Materie ist der Inbegriff des Daseins, und das Dasein hat an sich, daß es auch im günstigsten Fall nicht so vollkommen sein kann, wie es sich ideell denken läßt. Leibniz hat darüber ein dickes Buch geschrieben: Continue reading »